Erwartungshaltungen

In Deutschland herrscht ein System, das junge Wissenschaftler lange mit befristeten Stellen lockt, um sie mit Ende 40 in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Das verbittert viele Nachwuchsakademiker. Aber ist ihre Erwartungshaltung wirklich angebracht?

Marlene Knobloch, Süddeutsche Zeitung, 14. Juni 2021, 17:00 Uhr

Meine Antwort ist eine ganz einfache, die man nur aufgrund einiger übertrieben positiver Einschätzungen des Kapitalismus vergessen hat: Wer auch immer davon leben muss, unter fremden Eignern sein Brot zu verdienen, muss damit rechnen, dass es zum Leben nicht reicht. So einfach ist immer noch die Welt.
Nur die hemmungslose Ausbeutung von Menschen und Ressourcen fremder Länder konnte für eine gewisse Zeitspanne für die Bewohner Europas die Illusion erzeugen, in „entwickelten Ländern“ sei das nicht mehr so. Diese Fehleinschätzung ist in Deutschland besonders ausgeprägt, weil zwischen 1948 und 1989 die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West bei Tarifverhandlungen und sozialpolitischen Entscheidungen immer mit am Tisch saß. Zusammengefasst wurde diese Ausprägung von Glauben unter den Lohnabhängigen unter dem Stichwort „Fortschritt“. Geglaubt habe ich das noch nie.
Je größer die Anpassungsfähigkeit, Willfährigkeit, Unterwürfigkeit, Bestechlichkeit, desto auskömmlicher ist das Leben. Man darf halt sonst keine Ansprüche haben.