Bemerkenswert

Neue Sündhaftigkeiten

Problemstellung

Ich verweise auf folgende Beiträge von

Ganz aus der gegenwärtigen Welt gefallen ist die Befürchtung nicht, es könnten sich wieder einmal Moralisten durchsetzen, die für widerstrebende, aus dem Rahmen fallende Untermenschen jeglicher Art Umerziehung oder Scheiterhaufen bereithalten. Dazu bedarf es keines Rassismus. Ein guter Glaube, der Glaube an eine genau bestimmbare und bestimmte „Güte“ (Qualität) von Menschen genügt.
Wer Fleisch isst, Auto fährt oder fliegt, wird zum Sünder erklärt, obwohl die Anreicherung oberer Schichten der Atmosphäre mit Treibhausgasen, die eine Abstrahlung der erzeugten Wärme bremsen oder verhindern, stattdessen Wärmestrahlung Richtung Erde zurückwerfen, in ihren Ursachen in vielen Teilen ungeklärt ist. Die zeitliche Koinzidenz mit der globalen Ausweitung industrieller Formen der Produktion lässt die Annahme plausibel erscheinen, dass der Mensch, die von ihm praktizierte Form des Wirtschaftens, daran maßgeblichen Anteil hat. Diese nachvollziehbare Annahme rechtfertigt allerdings nicht das Abgleiten der öffentlichen Sprache in Zuweisungen persönlicher Verantwortung und Schuld, die in Wörtern wie »Klimaleugner«, »Klimasünder« u. ä. zum Ausdruck kommt. Die gegenwärtige Zuweisung faktisch nicht gegebener Verantwortung an die Individuen der Gesellschaften ist in Hinblick auf das dringend nötige, koordinierte gesellschaftliche Handeln kontraproduktiv. Diese Einschätzung wird hier begründet.


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Nazis sind doof.

Ist die demonstrative, systematische Abwertung von Menschen, die eine als rechts geltende Meinung zu einer Sache äußern, eine gute Strategie gegen diese Art von „Dummheit“?

Es gibt unter Menschen eine weit verbreitete Neigung, diejenigen für dumm zu halten, die die eigene Meinung nicht teilen. Das hilft einem, das Argumentieren zu verweigern, wenn es einem gerade lästig ist. Nicht allein auf facebook oder in anderen Medien, die zu kurz gefassten Positionierungen veranlassen. „Dumm“ ist eindeutig kürzer als: „Ich stimme dir nicht zu. Ich habe dafür folgende Gründe…“. Oft wird Menschen nicht widersprochen, weil man deren Meinung für unwichtig hält, gerade unterwegs ist zum Supermarkt oder, von dort kommend, eine schwere Tasche trägt, man zu weit ausholen müsste, das Gegenüber eh nicht leiden kann, egal was gesagt wird … . Ich muss zu meiner Schande gestehen – ich widerspreche rassistischen, sozialdarwinistischen oder ethnizistischen Abwertungen von Menschen durch andere Menschen nicht immer. Ich würde es auch nicht öfter tun, hätte ich schon einmal eines der „Trainings“ besucht, auf denen man Gesprächstechniken lernt, die einem das erleichtern.

Ganz besonders gefährdet sind, was die Unterstellung von Dummheit anbelangt, politische Aktivisten, die sich für links halten. Unwidersprochen kann/soll/darf man etwas nicht lassen – für eine echte Auseinandersetzung ist man in der aktuellen Situation aber doch zu faul. Das Verhalten in den social media ist nicht schlimmer, sondern ein Abbild dieser alltäglichen Faulheit und/oder Feigheit, sich in Auseinandersetzungen zu begeben. Folge: „Du bist dumm.“ Damit glauben manche widersprochen zu haben, dabei haben sie gleichzeitig unter Beweis gestellt, dass sie dazu neigen, das sog. gemeine Volk, den Pöbel und/oder andersdenkende Mitmenschen abzuwerten.

Genau dieses Verhalten könnte einer der Gründe dafür sein, dass der Eindruck entsteht, die radikale Rechte habe zur Zeit vor allem in den sog. sozialen Medien Oberwasser. Die bezeichnen ihre politischen Gegner – das ist mein Eindruck – zwar als „linksgrün versifftes Pack“, als Verräter an der nationalen Sache, Gefahr für die Volksgemeinschaft, Feinde des Staates Israel oder der Volksgesundheit, aber sehr selten als „dumm“. Wer sich in den social media Beiträge von Leuten genauer anschaut, die als sog. rechte Trolls eingeschätzt werden, merkt sehr schnell, dass da durchaus argumentiert wird. Mit Argumenten, die Menschen wie ich nicht anerkennen – aber Formulierungen, die dem anderen die Berechtigung absprechen, sich zu äußern, weil er „zu dumm“ sei, findet man eher selten. Eher ein überaus lästiges Missionieren im Stil von Jehovas Zeugen. Deshalb frage ich: Ist die demonstrative, systematische Abwertung von Menschen, die eine als rechts geltende Meinung zu einer Sache äußern, eine gute Strategie gegen diese Art von „Dummheit“?

Wer ständig von Empathiefähigkeit faselt, sollte seine persönliche Unfähigkeit nicht beschönigen, sich mit Menschen zu befassen, die einen anderen geistigen Horizont haben, deren Welt eine andere ist, nicht die angeblich globale, die gegenwärtig in Mode ist. Deshalb meine Anmerkungen zu menschlichen Horizonten, gerichtet vor allem an diejenigen, die genau dieses Empathiedefizit aufweisen – nach meiner Beobachtung vor allem Menschen mit Abitur, durchsetzungsfähige Angestellte mit höherem Einkommen, mehrsprachige Globalisierungsfreunde… .

Diese Menschen, die ganz genau wissen was „dumm“ ist, haben allem Anschein nach den Begriff des „Whataboutism“ geprägt, der wie alles Böse zu den natürlich rechten Propagandatricks gezählt wird. Ich habe lange gebraucht zu verstehen, was mit dieser Klassifizierung gemeint ist, wen und was sie meistens trifft: die Neigung niederer Schichten „gleiches Maß“ einzufordern. Wer auf die Aussage: „Die Chinesen gehen in Hongkong gewaltsam gegen Demonstranten vor.“ mit dem Satz antwortet „Macht der Macron in Frankreich auch.“ wird umgehend als Whataboutist erkannt. Wer „korrekterweise“, weil er es WEIß, also intelligent ist, ergänzt durch „Wie der Putin.“ [Assad, Maduro, ] . Diesem Ergänzungstypus wird so gut wie immer unterstellt, dass er unsere Werte begriffen und in vollem Umfang in sein Denken aufgenommen hat. Das funktioniert ähnlich für sehr viele Gegenstände, auf die sich kurzfristig die öffentliche Aufmerksamkeit richtet. Dumm sind alle, die gleiche Bewertungskriterien auf gleichartige Zustände oder Handlungsweisen einfordern. Es ist offensichtlich, dass die Vernachlässigung der feinen Unterschiede auf einen beängstigenden Mangel an Unterscheidungsvermögen hinweist, der – wie wir alle wissen – mit Dummheit in hohem Maß in Beziehung steht.

Gleichermaßen dumm sind angeblich all jene, die es wie mich nicht interessiert ob das UNO-Mitglied Bhutan einen König hat und ob seine Einwohner wählen dürfen. Falls zufällig doch: Auch ein Häkchen bei Wahlen sagt für besonders differenzierungsfähige nichts darüber aus, ob es dabei mit rechten Dingen zugeht. Wir Demokraten wissen das durchgängig faktentechnisch richtig einzuordnen. Sie wohl nicht? Bhutan ist eines der Länder, die bei UNO-Abstimmungen immer für oder gegen die USA, für oder gegen Russland, für oder gegen China, für oder gegen Großbritannien, für oder gegen Frankreich stimmen. Sie wissen schon, eines der ständigen Mitgliedsländer des Sicherheitsrates, die – bis auf China – alle eine bewundernswerte, menschenrechtlich einwandfreie Kolonialgeschichte aufweisen. Was? Sie wissen das alles nicht? Ist ein derartiges Ausmaß an Uninformiertheit in unserer Welt noch zulässig? Kann man Menschen, die in einem derartigen Umfang unwissend sind, an Wahlen in Deutschland teilnehmen lassen? Was geschieht da mit „unserer“ Demokratie?

Umfassende Empathiefähigkeit nehme ich nur denjenigen ab, die sich der zahlreichen schwarzen Löcher in ihrer eigenen Bildung bewusst sind und Überheblichkeit gegenüber anderen unterlassen. Gerade dann, wenn es ihnen schwerfällt. Den anderen gegenüber, die zwar keine Wirtschaftszahlen der wichtigsten Industrieländer ins Gespräch einfließen lassen können, aber im Unterschied zu mir wissen, in welchem der örtlichen Supermärkte es in dieser Woche preisreduziertes Toilettenpapier gibt. Um das zu wissen, muss man den wöchentlich angelieferten Packen Werbeheftchen gewissenhaft lesen UND sich merken. Machen SIE das? Wissen SIE noch wieviel letztes Jahr die markenlose H-Milch gekostet hat, um sich über den Teuro aufzuregen? Ich nicht, denn ich habe mir noch nie darüber Gedanken machen müssen, wieviel davon ich mir leisten kann.