Hunger und Überfluss

Meine Überschrift fand schon vor bald 30 Jahren als Buchtitel Verwendung : Massimo Montanari „Der Hunger und der Überfluss: Kulturgeschichte der Ernährung in Europa“. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 1993 und wurde von der Büchergilde herausgegeben. Schon vor bald 30 Jahren verdeutlichte Montanari vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte, dass in unserer Zeit Hunger nicht mehr die Folge von Wetterereignissen oder Plagen ist, sondern eine Folge ungerechter Verteilung. Seitdem hat sich nichts an diesem Zustand geändert. Wer glaubt denn im Ernst, dass die persönliche Umstellung auf fleischloses Essen in absehbarer Zeit dazu führt, dass in alle Münder dieser Welt genug Brot kommt? Um sich greifende Fettleibigkeit in den Industrieländern ist nicht allein eine Folge des Bewegungsmangels sondern einer übermäßigen Kalorienzufuhr, die jeden betrifft, der nicht akribisch Inhaltsstoffe seiner Einkäufe auf die enthaltenen Anteile an Zucker und Fett überprüft. Die Gewöhnung von Kindern und jungen Menschen an Unmengen von Zucker und die Beimengung pflanzlicher Öle als Geschmacksträger ist von der Nahrungsmittelindustrie gewollt.

Es zeigt sich, dass der Hunger in der Welt nicht durch Steigerung der Agrarerträge bekämpft werden kann, wie fortschrittsgläubige Menschen annehmen und propagieren. Eine Entwicklungspolitik, die einzig und allein mit neoliberalen Mitteln die koloniale Ausbeutung modernisiert, ist weder geeignet die armutsbedingte Unter- und Mangelernährung in den Industrieländern zu beseitigen, noch den gravierenden Hunger der Menschen in den Krisenländern des globalen Südens. Was bringt der Anbau fair gehandelter Rosen gegen den Hunger – auf Land von dem man die bäuerlichen Selbstversorger vertrieben hat?
Leider leisten die fairtrade-Aktivisten und die moralischen Veganer ungewollt einen Beitrag zur Fortdauer der ausbeuterischen Verhältnisse. Deshalb erinnere ich in diesem Zusammenhang an einen alten Leitspruch der Ökologie-Bewegung: Think global – act local. Angewandt auf die Ernährung macht diese Losung ein Handeln erforderlich, das sich nicht allein auf lokale Energieerzeugung bezieht und die Beendigung der Stromerzeugung aus fossilen Primärenergien. Dass der Anbau von Mais zur Erzeugung von Biogas ein Baustein des Kampfes gegen den Hunger sei, ist nicht plausibel. Warum sollte oder könnte die Erzeugung von Nahrungsmitteln anders funktionieren, anders behandelt werden als die Erzeugung von Strom? Sie muss die örtlichen Möglichkeiten der natürlichen Lebensbedingungen respektieren.
Die Erzeugung von Nahrungsmitteln wird bestimmt von Bodenqualität, Wasser und Klima. Menschen, die in bestimmten Räumen leben, haben sich auch genetisch an die dort herrschenden Bedingungen und das daraus resultierende Nahrungsangebot angepasst. Es ist z. B. eine koloniale Ausbeutung besonderer Art, sich aus entfernten Teilen der Welt pflanzliche Quellen des Vitamin-B-Komplexes zu verschaffen, der in unseren Breiten gemeinhin durch den gelegentlichen Verzehr von Tierleber oder Tran gedeckt werden kann. Auch ohne die ruinöse Ausbeutung der Böden in den Ländern mit industrialisierter Landwirtschaft lassen sich genug Nahrungsmittel für alle Menschen erzeugen, wenn eine Landwirtschaft betrieben wird, die

  • Bodenqualität zumindest erhält, nach Möglichkeit verbessert und entnommene Mineralien durch Schließung von Stoffkreisläufen wieder ersetzt
  • vorhandenes Wasser nicht in Swimming-Pools verplätschert,
  • dem lokal herrschenden Klima optimal angepasste Nahrungsmittel erzeugt

Alle drei Gesichtspunkte könnten auf der Grundlage der Erhaltung eines nachhaltigen Stoffwechsels zwischen Mensch und belebter und unbelebter Natur umgesetzt werden, wenn man die verfehlte Orientierung auf chemisch und mineralisch getriebene Überproduktion aufgäbe, die gegenwärtig vielerorts das Verhalten der Konsumenten im Interesse der Agrarindustrie steuern.

Die Sitte des Sich-Überfressens in Geselligkeit, beschönigend Esskultur genannt, entstammt geschichtlichen Zeiträumen in denen die Menge der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel weitaus mehr als heute jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen war. Es ähnelt dem Verhalten mancher Tiere, sich vor dem Winterschlaf genug Speck anzufressen. Der Mensch verfügt aber schon seit Jahrtausenden über Methoden des Haltbarmachens und der leidlich sicheren Aufbewahrung von Nahrungsmitteln. Er ist an ein schwankendes Angebot angepasst und kann jahreszeitlich bedingte Mangelperioden überstehen. Die gelegentliche organisierte Völlerei anlässlich von religiösen Festen kann als ein Weg angesehen werden, Lebensmittel umzuverteilen von den großzügigen, Gott oder den Göttern gefälligen Spendern zu den darbenden Armen.

„Wer genug zu essen hat, lebt vergleichsweise gesund“

„Hunger ist etwas anderes als das Gefühl,
eines leeren Magens zwischen zwei Mahlzeiten.“


Ausreichend und leidlich ausgewogen ernährte Menschen können problemlos viele der Malaisen hinter sich bringen, die das Leben für sie bereit hält. Viren eingeschlossen. Satte Menschen können vielfältige Tätigkeiten verrichten, die den Fortbestand der Art sichern. Vorausgesetzt sie meinen nicht, Zweck einer gerechten Gesellschaft sei es, ihnen real ein ewiges Leben zu garantieren. Das ist materiell nicht möglich.
Jeder von uns ist für den Mangel anderer indirekt mit verantwortlich. So weit richtig. Allerdings ist die Verantwortung dafür nicht dadurch übernommen, dass man moralische Regeln setzt, sondern dadurch, dass man hilft gesellschaftliche Verhältnisse herbeizuführen, die alle satt machen. Ich bezweifle, dass dieses Ziel dadurch erreicht wird, dass z. B. militärisch mächtige Staaten anderen das Wasser abgraben. Die gegenwärtige Macht der Besitzer großer Kapitalien macht ein Szenario vorstellbar, in dem Nestlé für Regenfälle in den Einzugsgebieten seiner Quellen sorgt und mit Wasser in Flaschen die Bewohner schadgasgeschützter Wohnsphären versorgt, während außerhalb dieser Schutzsphären die Masse der Menschen unter Qualen dahinsiecht. Die nötigen Nahrungsmittel werden in Produktionsstätten der Chemieindustrie erzeugt und kommen denjenigen zugute, die sich rechtzeitig in eine der Schutzsphären eingekauft haben wie gegenwärtig manche alte und wohlhabende Menschen in ein luxuriöses betreutes Wohnen.

Voraussetzungen der Ernährungssicherheit für alle Menschen sind

  • die Beseitigung von Rüstung und Krieg
  • Maßnahmen, die jedermann einen Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen und die geordnete Beseitigung von Fäkalien und Abwässern abseits der Trinkwasserquellen
  • die Beendigung der weltweiten Bodenspekulation

Der Zugriff von Konzernen auf nahezu alle Quellen dieser Welt gewährleistet keine Wasserversorgung. Die Nutzung von Gewässern als Abwasserleitung oder Deponie gefährdet alles Lebendige. Gebote und Verbot um die Lebensgrundlagen aller Menschen zu sichern, werden durch die menschliche Vernunft legitimiert. Vernünftige Regeln zu vereinbaren ist Möglichkeit und Fähigkeit menschlicher Gesellschaften. Es ist Zeit, sich gegen die Unvernunft des Profitstrebens zu wehren.

Zusätzlicher Lesestoff:

Andreas von Westphalen; Ignorierte Opfer

Sau oder Soja?

Unicef ; The State of Food Security and Nutrition in the World 2021

Oxfam; The hunger virus multiplies: deadly recipe of conflict, Covid-19 and climate accelerate world hunger

Sau oder Soja?

Auch wenn ich mich bemühe, das Thema sachlich aufzubereiten – an den Anfang stelle ich eine klare sarkastische Aussage.

Die Ersetzung der klassischen Eintöpfe mit Hülsenfrüchten und Gemüse durch geräucherte Sojawürstchen an Rucola ist kein Beitrag zur Bekämpfung des Welthungers.

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