Wachsender Anteil von „hippeligen“ Kindern

Ab und an begegnen mir Themen, bei denen ich glaube vor dem Hintergrund meiner persönlichen Erfahrung als Lehrkraft und Mutter etwas sagen zu können, etwas sagen zu müssen.

Es ist sicher nicht falsch der Pharmaindustrie einen Großteil der Verantwortung dafür zuzuweisen, dass immer mehr Kinder, die den Verhaltensnormen der Schulen nicht entsprechen, nicht entsprechen können, mit Psychopharmaka unterschiedlicher Wirkungsweisen sediert werden. Diese Sichtweise ist jedoch eine enorm verengte.

Mein Beitragsbild setzt Schule, Eltern und Kinder miteinander in Beziehung. Keiner der an diesem Zusammenhang Beteiligten steht außerhalb gesellschaftlicher Wechselbeziehungen. Es gibt in diesen Wechselbeziehungen, auch wenn völlig autonome Entscheidungen Fiktion sind, Entscheidungsspielräume, Entscheidungsspielräume von Kindern, Eltern und Lehrern. Offensichtlich führt die Wahrnehmung dieser Entscheidungsspielräume gegenwärtig zur in der Überschrift genannten Erscheinung: Immer mehr Verhaltensweisen von Kindern werden von Lehrern und Eltern als störend bzw. potentiell störend empfunden. Immer häufiger ist die Antwort auf diese Störungen die Verabreichung von Medikamenten, die geeignet sind lästige Symptome dieses Verhaltens zu unterdrücken. Was aber ist, wenn es nicht  richtig ist, dass das störende Verhalten nur aus gesellschaftlichen oder materiellen Gründen überbewertet, falsch bewertet wird? Was ist, wenn die Erziehung, respektive die Gewöhnung, schon im ersten Lebensjahr diese Störung angebahnt, hervorgerufen hat? Was, wenn es tatsächlich eine Störung ist, ein Entwicklungshemmnis? Dann sollte man doch die Verursacher dieser „Krankheitsbilder“ möglichst schnell befähigen, ihr Alltagshandeln zu verändern, oder?

Zur Illustration dessen was der Biologe Adolf Portmann mit der Kennzeichnung des Menschen als „physiologischer Frühgeburt“ gemeint hat, hier ein vereinfachender Vergleich zwischen Neugeborenem und Rehkitz: Nach einer vergleichbaren Tragzeit von 41 bis 42 Wochen werden Säuglinge mit ca. 4,9 % des Gewichts der Mutter geboren. Sie können sich über lange Zeit nicht selbständig bewegen und so ihre Umwelt erfahren. Rehkitze hingegen haben nach meinen laienhaften Recherchen ca. 8 Prozent des Gewichts der Mutter. Sie stehen nach ein paar Stunden auf ihren 4 Beinen und können nach 2- 3 Tagen laufen und sogar gallopieren.

Menschen sind nach ihrer Geburt für einen langen Zeitraum auf Erwachsene angewiesen, die sie mit Nahrung versorgen und warm halten.  Die allererste Entwicklung von Wahrnehmung und Motorik  schafft  erst die grundlegenden Voraussetzungen für ein selbstständiges Überleben und die spätere Aneignung der materiellen und gesellschaftlichen Umwelt. Die dazu notwendigen Fähigkeiten müssen außerhalb des Körpers der Mutter quasi nachholend erworben werden.

Immer mehr verbreitet sich, vor allem unter bildungsorientierten Eltern, die Vorstellung, man könne in einem Alter „Intelligenzentwicklung“ vorantreiben, in dem Säuglingshirne  und -nervensysteme noch nicht einmal die  eigenen Gliedmaßen koordiniert und zielgerichtet einsetzen können. Es gibt eine wachsende Tendenz, Kleinstkinder  im ersten Lebensjahr, sogar in den ersten Monaten, Reizen auszusetzen, denen sie vermutlich noch nicht gewachsen sind, die sie vermutlich noch nicht verarbeiten können. Was macht eigentlich ein Säugling, den man in Ruhe lässt? Er oder sie schläft. Nicht nur Erwachsene brauchen ausreichend Schlaf, um ihr Nervenkostüm beisammen zu halten. Erst mit zunehmendem Alter werden die Wachphasen von Säuglingen langsam länger. Unter der Voraussetzung, man lässt sie in Ruhe und schafft keine künstliche „Abwechslung“, beginnen die Kinder in den Wachphasen mit den eigenen Gliedmaßen zu spielen. Sie erkennen den Unterschied zwischen der eigenen Hand und der eines Fremden, verschaffen sich einen Überblick über die Grenzen des eigenen Körpers und die Möglichkeiten dessen Bewegungen mit Bezug auf eine Absicht zu koordinieren. Ein Kind, dem ich in seinem Bewegungsraum einen Gegenstand überlasse, damit es sich diesen in der Wahrnehmung und körperlich aneignen kann, lernt seine Neugierde auf diesen Gegenstand zu richten, auf diesen zuzukrabbeln, ihn zu begrapschen und zum Klingeln zu bringen. Worauf soll ein Säugling seine Neugier richten, der von einer unübersehbaren Masse sich bewegender, quietschender, brummender, rasselnder Teile umgeben ist, die ihn einfach „verrückt“ machen. Weniger ist mehr!

Meine Annahme ist: Wer verfrüht Kleinstkinder mit Reizen überschüttet, produziert „hippelige“ Kinder, Kinder, die nicht gelernt haben, Reize aufzunehmen, zu verarbeiten und die Wahrnehmungen, Erfahrungen in bereits vorhandenen Strukturen einzuordnen. Kinder werden vom ersten Tag an daran gewöhnt, dass das Leben aus einer nahezu ununterbrochenen Abfolge von Sinnesreizen besteht. Sollte der „Reizstrom“ einmal unvermutet abbrechen, kann durch Schreien dafür gesorgt werden, dass der Spaß weitergeht. Sonst fehlt was. Nach meiner Erfahrung ist diese Form der Konditionierung von Eltern und Erziehenden durch die Sprößlinge gegenwärtig weit verbreitet und funktioniert! Man könnte dies als sich wechselseitig verstärkenden Prozess auffassen, als „Eskalation“. Das Ergebnis dieser Eskalation: Immer mehr Kinder, deren Verhalten auch wohlgesonnene Erwachsene kaum noch ertragen können und die deshalb medikamentös kontrolliert werden. Vielleicht müssen sie sogar wirklich so kontrolliert werden, denn man kann Erwachsenen schlecht das Recht absprechen, dass andere wechselseitig auch ihre Befindlichkeiten und Bedürfnisse berücksichtigen – auch wenn die anderen noch nicht erwachsen sind. Wann ist man das schon? Erwachsene müssen sich nicht tagtäglich 24 Stunden lang zum Affen machen, um  für Menschen zwischen 0 und 18 Jahren  zwischen 0 und 24 Uhr  ein abwechslungsreiches Leben zu garantieren.

Wieviele Kinder in den ersten Lebensjahren können das noch: eine Zeit lang in der Sonne sitzen, mit den Fingern spielen, sich wundern und freuen über die Formen die die Schatten der Finger annehmen können. Zum Ausgleich erklärt man ihnen später in deutlich höherem Alter z. B. auf http://www.labbe.de/zzzebra/index.asp?themaid=573&titelid=1550, wie interessant Figuren sein können, die man mit den Schatten der eigenen Finger erzeugen kann. Förderlicher für die mentale Entwicklung wäre die Nutzung des physisch und mental vorhandenen, richtigen, Zeitfensters, als spätere Versuche durch didaktisch-therapeutische Maßnahmen die entgangene Erfahrung auszugleichen. Heilerzieherinnen können dazu einiges sagen.

Dies betrifft nach meiner Erfahrung nicht nur die Entwicklung motorischer und mentaler Fähigkeiten, sondern auch soziale Einstellungen. Nach meiner Erfahrung wird in den seltensten Fällen aus einem Kind, das mit Egoismus pur aufgewachsen ist, ein sozial denkender und handelnder, empathiefähiger Erwachsener. In den meisten Fällen kann die in den ersten Lebensjahren durch Duldung oder Vorbild erworbene uneingeschränkte Rücksichtslosigkeit später nur durch klare Regeln und Strafe innerhalb sozial verträglicher Grenzen gehalten werden.

In dem Interview mit Beate Frenkel, das mir über die Nachdenkseiten zugänglich  wurde (  http://www.nachdenkseiten.de/?p=27016 ) ist der Satz   zu finden: “ Das Hirn entwickelt sich ja nutzungsabhängig.“ Richtig. Wer Kinderhirne darauf einstellt, dass sie ständige Reizfolgen einfach ertragen müssen, nicht darauf Reize zu verarbeiten, erzieht sie zu Lebewesen, die es nicht aushalten, 5 Minuten auf einem Stuhl zu sitzen oder zuzuhören. Letzteres verlangt nicht nur die Schule von ihnen. Auch der Genuss eines Konzerts wird ihnen so unmöglich gemacht. Es sei denn – eine dahin gehende Entwicklung will ich nicht völlig ausschließen – sie lernten 5-Sekunden-Squenzen im Kopf zu sammeln und anschließend als Konzert im inneren Ohr aneinanderhängend abzuspielen. Aber wer braucht schon Konzerte?

Für wahrscheinlicher halte ich es, dass sie folgendes lernen: Aufmerksamkeitsspannen von mehr als 90 Sekunden stellen eine gehörige Beanspruchung dar und  sind  unerträglich langweilig. Dem sich daraus entwickelnden Missempfinden kann man durch störendes Verhalten bis hin zur Aggression entgegenwirken. Mit Maulen, Trampeln, Quengeln, Schreien, Schlagen kann eine  unablässig andauernde Reizfolge herbeigeführt,  erzwungen werden. Dann stimmt die eigene Welt wieder.

Neurologen und Psychologen mögen sich um Testanordnungen bemühen, die es ermöglichen meine Vermutung zu verifizieren. Vielleicht gibt es schon wissenschaftliche Belege dafür, dass ich mit meinen Alltagsbeobachtungen nicht ganz falsch liege. Dann sollte man sie aber möglichst schnell unter die Leute bringen, vor allem unter die Prenzlberg-Mütter, die meinen, es sei ein Zeichen von Zuwendung, von mütterlicher Wärme, wenn man sein Kind keine 5 Minuten in Ruhe lassen kann. Ich halte das ständige Bespaßen von Kleinstkindern nicht für ein Zeichen von Zuneigung, sondern für eine grobe Missachtung von deren Bedürfnissen. Könnten die Damen und Herren der genannten Zünfte einmal Licht ins Dunkel bringen?

Meine Vermutung: Die „Bespaßten“ werden später die „Dummen“ sein, die in Ruhe gelassenen  die Wahrnehmungs- und die Lernfähigen. Nachträgliche Korrekturen möglich?

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