Neue Sündhaftigkeiten

Problemstellung

Ich verweise auf folgende Beiträge von

Ganz aus der gegenwärtigen Welt gefallen ist die Befürchtung nicht, es könnten sich wieder einmal Moralisten durchsetzen, die für widerstrebende, aus dem Rahmen fallende Untermenschen jeglicher Art Umerziehung oder Scheiterhaufen bereithalten. Dazu bedarf es keines Rassismus. Ein guter Glaube, der Glaube an eine genau bestimmbare und bestimmte „Güte“ (Qualität) von Menschen genügt.
Wer Fleisch isst, Auto fährt oder fliegt, wird zum Sünder erklärt, obwohl die Anreicherung oberer Schichten der Atmosphäre mit Treibhausgasen, die eine Abstrahlung der erzeugten Wärme bremsen oder verhindern, stattdessen Wärmestrahlung Richtung Erde zurückwerfen, in ihren Ursachen in vielen Teilen ungeklärt ist. Die zeitliche Koinzidenz mit der globalen Ausweitung industrieller Formen der Produktion lässt die Annahme plausibel erscheinen, dass der Mensch, die von ihm praktizierte Form des Wirtschaftens, daran maßgeblichen Anteil hat. Diese nachvollziehbare Annahme rechtfertigt allerdings nicht das Abgleiten der öffentlichen Sprache in Zuweisungen persönlicher Verantwortung und Schuld, die in Wörtern wie »Klimaleugner«, »Klimasünder« u. ä. zum Ausdruck kommt. Die gegenwärtige Zuweisung faktisch nicht gegebener Verantwortung an die Individuen der Gesellschaften ist in Hinblick auf das dringend nötige, koordinierte gesellschaftliche Handeln kontraproduktiv. Diese Einschätzung wird hier begründet.


Sich verändern?

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lucy-reconstruction.jpg

In den 4 Millionen Jahren  (4.000.000 ) seit dem Präkambrium hat sich die Welt ganz schön verändert. Etwa seit 200.000 Jahren läuft der Homo Sapiens auf ihr umher. Vor 14.000 Jahren begann er sesshaft zu werden. Seit  5-6 Tausend Jahren verändert der Mensch das Antlitz der Welt, die er bewohnt. Seit 600 Jahren  nutzt er fossile Brennstoffe.  Seit 300 Jahren verdreckt er  die ihn umgebende Welt so, dass andere Lebewesen und er selbst darunter leiden.

„Seit 1970 hat sich die Welt verändert.“ Falsch! Sie wurde verändert.  Die Formulierung verschleiert zeitliche Relationen, Verursacher und Verantwortlichkeit.

„Konsumentenmacht“

„In Zeiten von TTIP und Naturkatastrophen, ist es angesagt, dass wir alle Verantwortung übernehmen. Wenn wir keine Produkte mehr kaufen, die aus menschen- und naturverachtenden Konzernen stammen, werden diese gezwungen sein, diese Erde und die Menschen und die Tiere respektvoll zu behandeln – ganz einfach deswegen, weil sie weiterhin verkaufen wollen.“ habe ich heute gelesen. (Projekt Kaufatlas für Einklang Produkte). Und weiter: „Die wahre Macht im wachstumsorientierten Kapitalismus liegt beim Konsumenten.“

Ob ich noch lebe, wenn es gelungen sein wird, durch den Boykott von Mars, Oral B Zahnbürsten und Boss-Hosen die großen Konsumgüter-Konzerne in die Knie zu zwingen? Andere wollen das schaffen durch solidarisches Urban Gardening, den Verzicht auf Plastiküten und/oder Lebensmittel tierischen Ursprungs. Als kleiner Trost für alle Moralischen und Verantwortungsvollen, die manchmal traurig werden,  weil die Welt trotzdem bleibt wie sie ist: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ [ Theodor W. Adorno: Minima Moralia, Gesammelte Schriften 4, Frankfurt/M. 1997, Seite 43 ]

Die auslösenden moralischen Impulse seien hier ausdrücklich anerkannt. Aber irgendwo, irgendwann muss man doch mal an den Punkt kommen, an dem man merkt, dass das uneingeschränkte Verfügungsrecht  über die Produktionsmittel und das Recht auf hemmungslose persönliche Bereicherung  Ursprung aller Unbill sind. Nachvollziehbar allerdings ist, dass man eher auf den moralischen und verantwortungsvollen Verbraucher setzt, wenn man ein eigenes Häuschen und 10 Daimler-Aktien und einen stets gefüllten Geldbeutel hat.