Prophezeien oder Vorhersagen?

Prophezeiung

Fällt Ihnen das auch auf? Wenn ein Jurist auf dem Sesselchen eines Finanzministers über die ökonomische Zukunft spekuliert, ist das für manche Medien eine Voraus- oder Vorhersage. Wenn ein Ökonom, der als Finanzminister  wegen der politischen Macht des Juristen erfolglos blieb, vorhersehbare Folgen der Entscheidungen des Juristen abschätzt, ist das für die WELT eine Prophezeiung.

Zwei Gummibärchen habe ich in der Hand. Zwei nehme ich mir aus der Tüte. Vier werde ich in meinen Mund stecken. Vorhersage oder Prophezeiung?

Der Deutsche Wetterdienst verfolgt auf dem Radarschirm eine Regenfront. Morgen wird es in unserer Gegend mit großer Wahrscheinlichkeit regnen. Vorhersage oder Prophezeiung?

Paul, der Krake, konnte bei der Fußball-WM 2010 mit 8 von 10 richtigen Aussagen über Gewinner und Verlierer beim anstehenden Spiel brillieren. Vorhersage, Prophezeiung oder Bullshit?

Sagen Sie mir bitte nicht, keine Journalistin könne jedes Wort auf die Goldwaage legen. Das wäre ihr Job!

Die Gummibärchen habe ich mir übrigens nicht in den Mund gesteckt. Kein einziges! Ich habe sie meinem Partner in die Hand gegeben. Genau in dem Moment war mir das Leberwurstbrot lieber. Politische Entscheidung könnte man das nennen. Politische Entscheidungen haben etwas mit Interessenlagen und Machtgefügen zu tun.

Politische Entscheidungen können alle Vorausschauen, Vorhersagen, Prophezeiungen über den Haufen werfen. Für mich der wichtigste Grund mich einzumischen.

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Warum man Bildern nicht trauen sollte

oder:

Das Bild entsteht im Auge des Betrachters

(vgl. hierzu: Ernst H. Gombrich; Bild und Auge – neue Studien zur Psychologie der bildlichen Darstellung; Stuttgart 1984)

In der Video-Aufzeichnung einer im Jahre 2013 auf einer Konferenz in Zagreb geführten Debatte zur Krise an den globalen und europäischen Finanzmärkten beantwortet der Referent Yanis Varoufakis, seinerzeit nicht griechischer Finanzminister, die Frage eines Diskussionsteilnehmers, was Griechenland 2010 hätte tun können oder sollen.

Mein Dank geht an Quizmaster Günter Jauch, der mich veranlasst hat, die aufschlussreiche, erhellende einstündige Debatte von Zagreb zu verfolgen.

Die Szene, der „Finger im Kontext“ findet sich im Video etwa ab 40:35 .

In diesem Zusammenhang erklärt Varoufakis, dass Griechenland hätte seine Zahlungsunfähigkeit erklären sollen und sich nicht hätte darauf einlassen sollen, dass Deutschland und Frankreich auf Kosten Griechenlands und seiner Bevölkerung ihre kollabierenden Banken retten. In diesem Zusammenhang unterstreicht er seine Worte mit einem kurz erhobenen „Stinkefinger“ um zu bekräftigen, dass Griechenland mit einer rechtzeitigen, strikten Ablehnung der sog. Hilfen hätte Deutschland dazu bringen müssen, seine Banken im Alleingang auf eigene Kosten selbst zu retten.

Freundlicherweise hat SPIEGEL Online den genauen Wortlaut übersetzt, den der Stinkefinger illustrierte:

„Ich verteidige also nicht die Tatsache, dass wir im Euro waren infolge der Vorschriften, die wir aus Brüssel und Frankfurt erhielten und so weiter… Mein Vorschlag war, dass Griechenland im Januar 2010 innerhalb des Euros einfach seine Zahlungsunfähigkeit hätte erklären sollen – so wie es Argentinien gemacht hat – und dann Deutschland den Stinkefinger zeigen und sagen hätte können: ‚Also jetzt könnt ihr dieses Problem alleine lösen – okay?“

An dieser Stelle streckt Varoufakis den Mittelfinger seiner linken Hand in Richtung der Kamera. Der Vergleich mit Argentinien zielt auf den Streit Argentiniens mit zwei US-Hedgefonds, an dessen Ende das Land im August zahlungsunfähig wurde .

„Warum habe ich die Idee nicht unterstützt, zur Drachme zurückzukehren? Oder in anderen Worten: Warum kaufe ich die halbe Strategie Argentiniens, aber nicht auch die andere Hälfte? ‚Ja zur Säumnis‘ – ‚Nein zur Schaffung einer eigenen Währung‘?“

Hier also sagt Varoufakis klar, dass es für ihn zum Zeitpunkt seines Auftritts 2013 gerade keine Option war, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen, so wie es Argentinien sinnbildlich gegenüber dem IWF tat. Im Folgenden erklärt er, warum:

„Nun, weil Argentinien den Peso hatte. Das Land hatte eine Währung, die sie abwerten konnte. Es gab den festen 1:1-Wechselkurs zwischen Peso und US-Dollar… die Argentinier hatten den Peso in der Tasche. Die Banken waren gefüllt mit Pesos, die Geldautomaten hätten Pesos ausgezahlt. Und es war eine simple Angelegenheit zu sagen: ‚So, von jetzt an werten wir ihn ab.‘ Aber wenn man keine eigene Währung hat, kann man sie nicht abwerten. Alles, was man tun kann, ist zu erklären, dass wir in acht Monaten eine Währung haben werden – die wir, nebenbei gesagt, dann abwerten werden.“