Dummheit vs. Vernunft

Ein Richter setzt einen Rechtsterroristen auf freien Fuß. Die Enkelin eines nationalsozialistischen Ministers äußert sich dümmlich zum Klimawandel. Ein amtierender Gesundheitsminister bewertet ebenso sachkundig die soziale Sicherheit von Arbeitslosen. Es folgt in allen Fällen ein Sturm der Entrüstung, der die aufgeführten Personen des öffentlichen Lebens zu Dummen erklärt.

Weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Entrüsteten bleibt die Zahl der täglich durch Krieg, Hunger und Flucht umkommenden Menschen. Die breite Öffentlichkeit nimmt schon seit Jahrzehnten die durch Ressourcenkämpfe und geopolitische Machtkämpfe verursachte Zahl von Toten nicht mehr zur Kenntnis. Größte Aufmerksamkeit hingegen finden in der Bevölkerung die vermutlich durch Feinstaub, Lärm, erhöhte Blutfette oder Zucker in Limonade und Joghurt herbeigeführten vorzeitigen Todesfälle. Manche Menschen erreichen die durchschnittliche Lebenserwartung von 81 Jahren nicht.
Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle in Betrieben, 240 waren es im Jahr 2016, darf hierzulande vernachlässigt werden. Ebenso die im Jahr 2016 erfolgten 2698 Neuverrentungen nach Unfällen im Arbeitsleben. Keiner Rede wert sind die Menschen, die nach längeren Heilungsprozessen und Rehabilitationsmaßnahmen nicht mehr arbeitsfähig sind. Deutschland fürchtet sich vorm Terrorismus [23 Tote durch Anschläge in 2016, tote Täter mitgezählt] und beklagt virtuellen Hass, Verrohung und Respektlosigkeit gegenüber Polizisten.

Die herrschende Wirtschafts- und Eigentumsordnung, die weltweit jährlich unzählige Tote und Verletzte verursacht und auch die eingangs erwähnten, vehement kritisierten Figuren hervorbringt – diese Ordnung wird ohne jeden Zweifel für vernünftig gehalten.