Recht auf Arbeit

Eine Gesellschaft, die nicht ALLEN die Möglichkeit eröffnet, aus eigener Kraft die eigene Existenz zu sichern respektiert nicht das  Streben der Menschen nach einer  selbstbestimmten Existenz, verstößt also gegen die Menschenwürde.  Eigene Kraft und Sozialtransfers, die Teilhabe garantieren, sind nicht dasselbe.

Advertisements

Was ist schon bedingungslos?

Ich weiß. Gerade in der Politik ist es weit verbreitet, Wörter ohne Bedeutung zu verwenden, einfach weil sie schön klingen, das Herz anrühren, der Persönlichkeit schmeicheln und v. a. m. .

Kaum zu überbieten ist allerdings die Gedankenlosigkeit der Befürworter eines sog. bedingungslosen Grundeinkommens. Mit diesem Text verabschiede ich mich deshalb aus einer gesellschaftlichen Debatte, deren inhaltliche Bedeutungslosigkeit infolge von Begriffsausweitung ins Grenzen-, Boden- und Uferlose  die Umsetzung meiner zwei grundlegen Kernforderungen für menschliche Gesellschaften massiv behindert.

Diese lauten:

Jeder, der Arbeit will,  muss eine Arbeit bekommen, die seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht und ein auskömmliches Leben erlaubt.

Alle, denen die gesellschaftlich notwendige Arbeit eine Last ist, haben das Recht sie ohne Begründung zu verweigern  ohne ihr Recht auf Glück zu verlieren.

Beide Rechte müssen gesellschaftlich garantiert werden. Die aktuelle Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen missachtet das Recht derer, die eine Arbeit wollen, indem sie das Recht auf Arbeit ersetzt durch ein Recht auf Alimentation.

zum Text

Arbeit oder Alimentation?

By Jamain (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons]

A. Wert und Notwendigkeit menschlicher Arbeit

I.

Ob bezahlt oder nicht: Sich aus eigener Kraft über Wasser halten zu können, ist der Kern menschlichen Selbstwertgefühls. Das kann bezahlte Arbeit sein, muss es aber nicht. Erkennbar wird dies an  Extrembeispielen. Gelegentlich stößt man auf Nachrichten dieser Art: „Peter S., der sich über Jahre durch  Einbrüche in ländliche Anwesen über Wasser gehalten hat, konnte nach der zufälligen Entdeckung seines Unterschlupfs im Forst von Hinterhimpfelshofen festgenommen werden.“ Peter S. hat immer nur das gestohlen, was er sich nicht selbst verschaffen konnte:  mal waren es Eier, ein Hemd, eine Decke oder ein dicker Mantel. Peter S. war durch ein ihn überwältigenes Ereignis „aus der Bahn“ geworfen worden. Peter S. hatte in dem festen Willen, weitestgehend ohne andere Menschen auszukommen, deren Mitleid ihm lästig war, die von ihm etwas verlangten, was er nicht geben konnte oder wollte, seinen „Lebensstandard“ abgesenkt, hatte sich mit dem Wasser eines Baches und im Winter mit Schnee leidlich sauber gehalten. Er find hie und da ein Tier zum Essen und sammelte im Sommer, was sich in der Natur anbot. Er wärmte sich am Feuer des gesammelten Holzes. Leute, dahinter steckt Arbeit imursprünglichsten Sinn. Peter S. wurde tätig, um sein Überleben zu sichern. Wenn man aus irgendeinem Grund, einen großen Bogen um andere Menschen machen will, kann man so überleben – ohne Sozialversicherungsnachweis, ohne ärztliche Versorgung, ohne Lohnarbeit, ohne lästige, „mitfühlende“ Nachbarn. Aber nicht ohne Arbeit: Tiere fangen, Beeren sammeln und Holz, der Bau des Unterstandes, das alles ist Arbeit. Und für Peter S. wahrscheinlich auch der Weg ins einzeln stehende Gehöft, um sich das zu verschaffen, was er trotz aller Anstrengung nicht selbst herstellen konnte. Peter S. wird im allgemeinen geschildert als ein zufriedener, ausgeglichener Mensch, der es genossen hatte, in der Dämmerung vor seinem Unterstand zu sitzen, voller Vorfreude auf das Erlebnis eines Sonnenuntergangs am Ende eines wolkenlosen Sommertages.

Ich glaube nicht, dass ein Staat und seine Behörden das Recht haben, Peter S. in einer psychiatrischen Einrichtung des Bezirks mit der Möglichkeit einer täglichen warmen Dusche und 3 regelmäßigen Mahlzeiten zu beglücken oder ihn zum Schutz der evt. zukünftig von seinen Diebstählen Bedrohten einzusperren.

II.

Untätige, nicht arbeitende Rentnerinnen und Rentner sind selten. Es wird gerne als Hobby bezeichnet, aber die Tätigkeiten sind in aller Regel sinnvolle Beiträge zur materiellen Existenz der anderen, der eigenen Familie oder einer öffentlichen Einrichtung, wenn jemand, der es „eigentlich nicht mehr bräuchte“ Socken strickt, im Kindergarten vorliest, die Fahrräder der Enkel repariert, wenn nötig bei Bauen eines Gewächshauses hilft … . Dieser Beitrag zur Existenz anderer wird in aller Regel nicht bezahlt, ersetzt aber „geldwerte Arbeit“. Ist manchmal sogar besser als diese, denn so warme und haltbare Socken wie die von Oma sind in einem Laden nicht zu kaufen. Wenn, dann als „echte Handarbeit“ nur für relativ viel Geld.

III.

Die von uns allen beklagte Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft durch die Besitzer der nötigen Produktionsmittel funktioniert nicht allein deshalb so gut, weil – wie Marx richtig bemerkt hat – die Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Sie funktioniert auch deshalb so gut, weil fast alle Menschen lieber stolz darauf sind, mit wenig Geld zurechtzukommen und für wenig Geld einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, als sich von Beschäftigten der Arbeitsagentur in sinnlose Kurse zwingen zu lassen oder zu ebenso sinnlosen Bewerbungen. „Hauptsache, ich habe Arbeit.“ Das ist der Kernsatz. Wer Arbeit hat, muss sich nicht vorschreiben lassen, was er sonst zu tun hat. Keiner kann ihm hineinreden, ob er sein Geld spart, versäuft oder es in Unterhaltungslektronik investiert. Für die Einordnung in die Zwänge der abhängigen Arbeit erhält er Entscheidungsspielräume, die nicht ganz zu Unrecht  auch als Freiheit empfunden werden. Diese als  moralisch anfechtbaren „Konsumzwang“ zu denunzieren ist nicht ganz richtig.

IV.

Es sollte uns auch ein paar Minuten des Nachdenkens wert sein, welches Motiv hinter der Ablehnung einer Zuwanderung konkurrierender Arbeitskräfte steckt. Ist es wirklich der von einigen Leitdenkern konstruierte und politisch instrumentalisierte Rassismus und Nationalismus, die moralisch anfechtbare Abwertung anderer Menschen wegen ihrer Abstammung oder Herkunft? Könnte nicht eine durchaus nicht unbegründete Angst das Motiv der Ablehnung sein, Angst davor, dass nicht genug Arbeit für alle da sein könnte?  Derartige Ängste waren schon vor Jahrhunderten der Hintergrund so mancher Kirchweihschlägerei zwischen den Handwerkerkolonnen, die umherzogen um an anderen Orten Häuser zu bauen. Noch ohne Kapitalismus und Rassismus/Nationalismus.

V.

Erst wenn Menschen jede Möglichkeit genommen ist, sich und ihre Familien durch Arbeit über Wasser zu halten, entstehen größere Wanderungsbewegungen. Die Ursachen für diesen Verlust der Arbeitsmöglichkeit können vielfältig sein: Kriege, Naturkatastrophen, Umweltveränderungen, Verfolgung. Die politischen Verhältnisse müssen schon extrem verschlechtern, damit Menschen sich zum (Aus-)Wandern entschließen. Die den Menschen innewohnende Tendenz zur Sesshaftigkeit hat die meisten rassisch Verfolgten dazu bewogen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Land zu bleiben – so lange im Land zu bleiben, bis es für die meisten in den sicheren Tod führte. „Es könnte schlimmer kommen“ ist zwar auch ein Ausdruck von Befürchtung und Bedrohung, aber gleichzeitig eine Ermunterung, sich mit einer aktuell schwierigen Situation abzufinden, die aber überwunden, überstanden werden kann. Nur wenige ahnten schon vor 33, dass es für sie lebensgefährlich werden würde. Mit der Verabschiedung der Rassegesetze schlug die Stimmung um, und der Zwang das Land zu verlassen, machte die Arisierung jüdischen Vermögens nicht allein möglich, sondern für die Auswanderungswilligen auch erforderlich.

B. Die materialistische Perspektive

Aussagen wie die religiöse „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“, die moralische „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ oder die politisch-gesellschaftliche „Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen.“ sind allesamt Ausdruck der Notwendigkeit alles Lebendigen, den Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Menschen, die aus psychischen oder organischen Gründen den Aufwand einstellen, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen, verfallen und sterben. Alle religiösen, moralischen, politischen Übereinkünfte sind Folge dieser Überlebensnotwendigkeit. Lebendiges überlebt nicht, weil es moralischen Antrieben folgt, die ihm innewohnen. Es überlebt, weil es den Stoffwechsel aufrecht erhält, nicht wegen seines protestantischen Arbeitsethos. Es ist eine den materiellen Prozessen nachgeordnete , gesellschaftliche, vernünftige, moralische Einsicht, dass dazu Arbeit nötig ist – die eigene oder die fürsorgende Arbeit anderer. Wer auch immer Geschwätz darüber entfaltet, ob es ein Recht auf Faulheit gibt, eine Befreiung von der Lohnarbeit nötig ist, die Arbeit anders verteilt werden muss, „fair“ bezahlt werden muss bewegt sich in einem gedanklichen Raum, der von Menschen, ihrer Vernunft, ihren gesellschaftlichen Beziehungen, ihren individuellen Interessen geprägt ist. Die Anerkennung der Notwendigkeit von Handlungen zur Aufrechterhaltung des Stoffwechsels der Individuen und der Spezies ist jedoch unverzichtbar. Wer solche Handlungen willentlich verweigert – aktiv oder passiv – tötet sich selbst, abhängig von den gesellschaftlichen Übereinkünften möglicherweise auch andere.

Das Überleben der Spezies kann nur durch die Aufrechterhaltung des Stoffwechsels der Individuen gesichert werden. Dazu sind sowohl individuelles als auch abgestimmtes kollektives Handeln nötig. Hinsichtlich dieser Notwendigkeit bedarf es zunächst keiner elaborierten theoretischen Debatte. So funktioniert auch eine Kolonie von Pavianen. Der Kapitalismus ist entwicklungsgeschichtlich erst ziemlich spät auf den Plan getreten, und wir sollten deshalb den notwendigen Überlebensaufwand, die Arbeit, nicht von Anfang an als Ausbeutung oder entmenschlichenden Zwang begreifen.

C. „Links“ und „Rechts“

I.

Die Möglichkeit, sich auf Grundlage der Arbeit anderer persönlich zu bereichern, ist historisch gewachsen. Ich möchte hier darauf verzichten, die Ausnutzung dieser Möglichkeit moralisch zu bewerten. Ob und in welchem Umfang diese Bereicherung zugelassen wird, ist jedenfalls eine Frage der gesellschaftlichen Übereinkunft. Dass diese Übereinkunft unter Berücksichtigung aller individuellen Interessen getroffen wird, ist in einer Demokratie zwingend. Es gibt allerdings keine Garantie dafür, dass sich die vielen Schwachen gegen die wenigen Starken durchsetzen. Es ist nicht selten, dass es den Starken gelingt, Unterstützung zu finden für die Ansicht, wer zu schwach ist, sei halt selbst schuld. Die letztgenannte Ansicht halte ich für rechts – die Ansicht Schwächere hätten einen Anspruch auf Schutz für links.

II.

Solange uns nicht nicht die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, halte ich es für gerechtfertigt, allen Mitgliedern der Gesellschaft einen Beitrag in Form von Arbeit abzuverlangen, solange kein unmittelbarer Zwang ausgeübt wird. Arbeitslose Einkommen halte ich für ungerecht, unfair – vorausgesetzt der Einkommensbezieher ist tatsächlich in der Lage einen Beitrag zu leisten. [ Auch hier wird offenbar wie wichtig die Arbeit für das Selbstwertgefühl ist. Es wird allgemein anerkannt, dass – völlig unabhängig von der Produktivität – die Arbeit mental oder physisch eingeschränkter Menschen ein Element gesellschaftlicher Teilhabe darstellt und evt. sogar durch „Draufzahlen“ gefördert werden muss.]

Teilhabe durch Arbeit zu ermöglichen, ist links. Arbeitsbeiträge als überflüssig anzusehen, zu verhindern oder abzulehnen, weil sie nicht ertragreich genug sind, halte ich für rechts.

III.

Eine politische Linke, die nicht die Forderung nach existenzsichernder Arbeit ins Zentrum stellt, sondern sich mit Moos [Almosen]zufrieden gibt, für diejenigen mit denen nicht viel los ist, eine solche Linke hat de facto mit der bürgerlichen Ideologie, mit der Seite der Käufer der Ware Arbeitskraft ihren Frieden geschlossen. Hinter allem Bemühen um soziale Teilhabe, steuerliche Umverteilung, Keynesianische Vierecke lugt die Missachtung der Arbeit hervor, die Missachtung der Menschen, die ihren Beitrag erbringen wollen, auf dem aktuellen Stand der von den Besitzenden bestimmten Technologie aber nicht erbringen können und deshalb auch nicht dürfen. Auch wer Menschenrechte reklamiert, zementiert so ein Menschenbild in dem der Nützlichkeitsaspekt tragender Bestandteil ist.

Eine solche Linke verliert potentielle Unterstützer an die Sektion der Nichtwähler. Diese werden sich später bei der erstbesten Gelegenheit einer Gruppierung zuwenden, die sie für geeignet halten

a) ihren Protest gegen die herrschenden Verhältnisse zu transportieren

und die

b) zumindest in ihrer vordergründigen Argumentation – wenigstens die nationale Arbeit wertschätzt und vor fremder Konkurrenz schützt.

Die reale Notwendigkeit der Arbeit, die Wertschätzung jeden Beitrags und die Achtung vor den Menschen, die ihn erbringen, verschwindet gerade unter Linken häufig hinter den Schwaden vernebelnder Argumentationsketten aus allen beteiligten Wissenschaften. Die Repräsentanten der Linken ergehen sich nur allzu gerne in moralischen Appellen an die Herrschenden, doch den angeblich angeborenen Menschenrechten – nicht den über die Jahrtausende angefochtenen, um- und erkämpften Rechten der Menschen – Geltung zu verschaffen. Die Menschen der niederen Stände mögen als ungebildet erscheinen – aber sie leiden weder unter Wahrnehmungsstörungen noch unter schwerwiegenden Mängeln der Empfindsamkeit. Der Mensch an sich, der Mensch ohne Mittlere Reife und Abitur, ist weder dumm noch unempfindlich.. Belehrende Attitüde und Zufuhr bürgerlichen Moralins sind in der Regel überflüssig.

Folgerungen aus A, B und C:

Gemeinsam mit allen Menschen, deren Arbeit zur Zeit missachtet oder für überflüssig erklärt wird, fordern wir

Vollbeschäftigung

Wir verstehen darunter die existenzsichernde Respektierung des Arbeitswillens und des Arbeitsvermögens aller bei uns lebenden Menschen bei der vorrangigen Erfüllung folgender gesellschaftlich anstehenden und zu bewältigenden Aufgaben:

  • Betreuung und Pflege sehr junger, kranker oder alter Menschen
  • Bereitstellung von Energie, Bau und Wartung energietechnischer Anlagen auf der Grundlage regenerativer Energieträger
  • Nutzung des Bodens für eine bedarfsgerechte und giftfreie Produktion von Nahrungsmitteln
  • Bau und Erhalt neuer Wohnungen mit geringstmöglichem Energiebedarf
  • Bau und Unterhalt von Verkehrswegen und Kommunikationseinrichtungen
  • alle Formen des Sammelns, Aufarbeitens und Bereitstellens von Gütern aus wieder verwendeten Stoffen
  • Gestaltung des öffentlichen Raumes und Schaffung eines angenehmen und funktionierenden Wohnumfeldes (Spielplätze, öffentliches Grün, Straßen und Plätze )
  • Befähigung der nachwachsenden Generation(en) zu einem zielorientierten gesellschaftlichem Miteinander

Zur Finanzierung verlangen wi:

  • die Heranziehung der Gelder/Vermögenswerte, die dem Fiskus seit der Absenkung des Spitzensteuersatzes, der Abschaffung der Vermögens- und Erbschaftssteuer und der Abschaffung sämtlicher Regelungen des Kapitalverkehrs entgangen sind.

Eine Mehrbelastung von Einkommen aus Arbeit unter …. Euro durch eine Erhöhung von Verbrauchssteuern, Einkommensteuer und höhere Sozialbeiträge schließen wir aus.

 

 

Volksabstimmung zum Grundeinkommen

Auch unsere Lokalzeitung hat in Zusammenhang mit der Volksabstimmung in der Schweiz das Thema aufgegriffen. Nachdem sie dazu dann oft auch „Experten“ von  der Bayreuther Uni befragen: Prof. Dr. David Stadelmann hat ein „Grundkapital“ von 20 000 € vorgeschlagen, das an 18-jährige vom Staat ausgeschüttet wird. Der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär soll dadurch kürzer und einfacher werden und nach dem Motto „Wer hat, dem wird gegeben“ ist Reichtum unausweichlich, wenn man damit „richtig“ umgeht.

Hier mein Leserbrief.