Faschismus gleich Rassismus?

Bildquelle: https://www.uni-bielefeld.de/ikg/Handout_Fassung_Montag_1212.pdf

Ein Versuch zu den politischen Wirkungen von Abgrenzung, Ausgrenzung und Missachtung

Herrschaft
Herrschaftsfreie Gesellschaften hat es bisher noch nicht gegeben. Ob sie real möglich sind, weiß man nicht, denn auch eine Gesellschaft, in der tatsächlich alle gleichberechtigt in allen nötigen Sachfragen gemeinsam entscheiden wird wahrscheinlich ohne Über- und Unterordnung nicht auskommen. Auch dann wird es wahrscheinlich übergeordnete Interessen und übergeordnete Machtausübung geben, die von unteren Entscheidungsebenen als Herrschaft wahrgenommen wird.
Nach wie vor leben wir in Gesellschaften, in denen die Besitzenden maßgeblich Macht ausüben, in denen ein idealtypisch herrschaftsfreier Diskurs nur sehr eingeschränkt möglich ist.

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Vielfalt

Rassist ist, wer „Neger“ sagt und Nationalist ist, wer einen Türkisch sprechenden Menschen für einen Türken hält. Sicher keine Rassisten oder Nationalisten sind diejenigen, die Menschen anderer Hautfarbe oder fremder Sprache ein Integrationsangebot unterbreiten, bei dem mit Bezug zum Geburtsort der Mindestlohn um 30 % unterschritten wird.
Nicht das Unterscheiden selbst ist die Ursache von Rassismus – sonst müssten wir eine Wahrnehmungsstörung für eine besondere Fähigkeit halten – sondern sein Zweck: Abwertung, Ausgrenzung und Ausbeutung.
Wie einfältig müssen Leute sein, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass wahrnehmen und unterscheiden können  Voraussetzung des Erlebens von Vielfalt ist. Bei Apfelsorten und Menschen.

Eine wichtige Frage

Forbes

Sreenshot von der heutigen Ausgabe der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt

Faschismus ist die mit autoritären Mitteln durchgesetzte, rechtlich und moralisch nicht eingehegte Durchsetzung der Interessen des Kapitals,  die auf die Spitze getriebene Ausbeutung von Menschen durch Menschen.  Gewinnt er menschliche Züge,  wenn die Herrscher Bill Gates, Amancio Ortega, Carlos Slim Helu, Liliane Bettencourt, Wang Jianlin, Karl Albrecht, Mukesh Ambani … heißen, in fast allen Ländern der Welt beheimatet sind und ihren Ausbeutungsobjekten genderfreie Toiletten, eine Welt ohne Grenzen und Gotteshäuser jeglicher Art schenken?

Schlaraffenland

Bild: wikipedia commons, Ars Electronica 2008

Ich liebe  Visionäre, die zukünftig Roboter die Flure der Altersheime putzen lassen und auch  ihre gut beheizte Privatwohnung mit mindestens 40 m²/Kopf. Gleichzeitig erhalten sie monatlich eine öffentliche Ausschüttung von 1500 €, dafür dass sie zuhause bleiben.

So kann man die Frage nach dem Sozialismus in einem Land auch entscheiden: Wir lassen es uns gutgehen.  Rohstoffe und Energie für die Roboter  werden nach wie vor zu kapitalistischen Bedingungen geliefert. Mit imperialistisch, nationalistisch oder rassistisch legitimierter Ausbeutung fremder Weltgegenden hat das dann gar nichts mehr  zu tun, weil die Nutznießer ja Sozialisten sind.

Antirassismus gleich Antifaschismus?

Ein einzelner Herr bat um eine Erläuterung meiner Anmerkung vom Studiobalkon vom 19. Januar 2017 unter der Überschrift „Narrative“.

Dieser Bitte habe ich entsprochen. Das Ergebnis möchte ich hier der  Öffentlichkeit zugänglich machen.

Explizit sei hier ergänzend darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige Ablehnung von Muslimen ebenfalls rassistische Züge trägt.

  • Menschen aus bestimmten Herkunftsländern wird grundsätzlich Zugehörigkeit zur muslimischen Religion unterstellt.
  • Deutschen  Muslimen, ihren Organisationen und Einrichtungen wird wegen „Terrorverdachts“ eine besondere Aufmerksamkeit von Polizeibehörden und Verfassungsschutz zuteil.
  • Religiöse Inhalte werden häufig unter der Perspektive kritisiert, dass alles, was in Jahrhunderte alten heiligen Büchern steht, das Handeln der Gäubigen bestimme. Dabei wird  verschwiegen,  dass nicht allein im Islam immer wieder davon die Rede ist, dass sich die Religionsgemeinschaft im Dienst an ihrem Gott fremde Länder mit Gewalt aneignet und die dort lebenden Menschen vernichtet. Die 5 Bücher Mose sind voll von Szenen gewaltsamer Durchsetzung des richtigen Glaubens und der Rechte der Israeliten. Auch die Stellung der Frau als gleichberechtigtes Wesen ist den drei abrahamitischen Religionen keineswegs eingeschrieben. Hinter angeblich aufgeklärter Religionskritik versteckt sich deshalb häufig schlichte religiöse Intoleranz.

zum Text

 

 

Rassismus – wo fängt er an?

Vorsicht: Das von pixabay heruntergeladene kostenlose Bild  zu diesem Beitrag arbeitet mit bildlichen Rassestereotypen! Ich habe lange überlegt, ob seine Verwendung moralisch vertretbar ist. Das Bild ist unter dem Namen „continents“ veröffentlicht. In welcher Beziehung die verwendeten Stereotype zu den Kontinenten und ihren Bevölkerungen stehen ist unklar. Deshalb nehme ich mal an, seine Verwendung ist gerechtfertigt.

oder

Hätte man Darwins Forschung und Theorieentwicklung vielleicht verbieten müssen?

Das Unterscheiden ist die Mutter jeglicher Wissenschaft. Manche Menschen können allerdings Differenzieren (Unterscheiden) nicht von Diskriminieren (Abwerten, Herabsetzen) unterscheiden.

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Eine gefährliche Erfindung

„Die Erfindung des jüdischen Volkes“ von Shlomo Sand, List Verlag, 2015

Ich finde Bücher sympathisch, die mit Fragen enden statt mit Antworten. Die letzten Zeilen des Buches „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ von Shlomo Sand, erstmals auf Deutsch erschienen 2011, lauten:

„Und schließlich: Wenn es möglich war, die Vorstellung von der Vergangenheit auf so radikale Art zu ändern, warum sollte man sich dann nicht mit viel Phantasie ein anderes Morgen ausdenken? Wenn der Großteil der nationalen Vergangenheit ein Traum war, warum sollten wir dann nicht damit anfangen, uns eine neue Zukunft zu erträumen, ehe sie zum Alptraum wird?“ – Wie der Alptraum im Nahen Osten aussieht zeigen uns die Bilder der Kriegsberichterstatter.

Es ist etwa ein Jahr her, da hörte ich  einen Politiker jüdischer Herkunft betreffend die mögliche, gewaltsam durchgesetzte Etablierung eines muslimischen Staates im Nahen Osten sagen: “ Israel hat die Blaupause geliefert. Es gibt jetzt nicht mehr allein Befreiungs- und Autonomiebewegungen, die sich auf ethnische Konstruktionen berufen. Es gibt jetzt Versuche von Staatsgründungen, die ihr Volk  auf der ganzen Welt einsammeln und so das bisherige Völkerrecht in Frage stellen.“  Die Rede war vom IS, dem „Islamischen Staat“. Lt. BKA (= Bundeskriminalamt) gibt es auch in Deutschland eine  steigende Tendenz für Ausreisen junger Menschen, überwiegend in den Irak und nach Syrien. Lt. BKA seien im Jahr 2015 insgesamt 677 Personen dorthin ausgereist oder hätten einen Versuch dazu unternommen. Sie hätten sich aktiv, auch mit terroristischen Mitteln, am Aufbau eines islamischen Staatswesens  beteiligen wollen. Unter ihnen Muslime aus der 2. und 3. Einwanderergeneration aber auch Konvertiten mit deutschem Hintergrund.

Das Buch

In seiner Einleitung stellt uns Shlomo Sand  verschiedene Menschen vor: „Der Dozent von Larissa an der Universität Tel Aviv war … auch der Hebräischlehrer von Gisèle in Paris. In seiner Jugend war er ein Freund von Mahmud dem Aufzugbauer, und auch von Mahmud Darwisch, der später der Nationaldichter der Palästinenser werden sollte. Er ist der Schwiegersohn des Anarchisten Bernardo aus Barcelon und der Sohn von Scholek, dem Kommunisten aus Lodz.“ Shlomo Sand selbst ist der Dozent, der Hebräischlehrer, der Schwiegersohn des Anarchisten aus Barcelona und der Sohn des Kommunisten aus Lodz. Die erlebte Vielzahl  jüdischer und palästinensischer individueller Identitäten hat ihn veranlasst, als Historiker zur Frage der Identität eines Volkes, des jüdischen Volkes, zu forschen und sich interdisziplinär auszurichten. In seine Darstellung gehen historische, philosophisch-theologische, archäologische, soziologische und juristische Befunde ein.

Ausgehend vom Begriff der Nation, wie er u. a. von Gellner und Hobsbawm erarbeitet wurde, kritisiert er die Tradition, die Bücher des alten Testaments nicht als Mythen zu sehen, sondern als historische Aufzeichnungen. Er prägt dazu den Begriff „Mythohistorie“ (Wort der deutschen Übersetzung).

Dem Bild vom ewig wandernden, weil immer wieder von neuem vertriebenen Juden, stellt er historische Befunde gegenüber, die darauf hinweisen, dass  die Verbreitung des Judentums in der Welt der Antike  hauptsächlich auf Bekehrung und Konversion zurückzuführen ist, nicht auf eine Vertreibung nach der Zerstörung des Tempels.

Er stellt dann verschiedene jüdische  Reiche  aus der Geschichte vor: im arabischen Süden, in Nordafrika und  in der Kaukasusregion  mit ihren jeweiligen Kulturen und ihren ökonomischen Grundlagen.

Zusammenfassend kritisiert er im letzten Kapitel den Rassismus, der dem Zionismus zugrunde liegt und die Staatsgründung im Namen einer nur vorgeblichen Ethnie, die weder über ein Territorium noch über eine gewachsene, einheitliche Volkskultur verfügt. Er gelangt zu dem Schluss, dass der gegenwärtige Staat Israel ein wesentliches Kriterium moderner Nationen nicht erfüllt, nämlich die Gleichheit aller vor dem Gesetz und wirft die Frage auf, ob es sich bei der Beschreibung des Staates als „jüdisch und demokratisch“ nicht um einen Widerspruch in sich selbst handelt. In Zusammenhang mit der zionistischen Metaidentität zitiert Sand die Soziologin Liah Greenfeld, die den Zusammenhang zwischen Religion und Nation bzgl. Israel so fasst: „Die Religion ist nicht länger der Ausdruck einer offenbarten Wahrheit und einer persönlichen Überzeugung, sondern ein äußeres Zeichen und ein Symbol für die kollektive Individualität. […] Noch schwerer wiegt, dass der Wert der Religion hauptsächlich an ihrer äußerlich – und irdischen – Funktion beurteilt wird, und so wird wird sie zu einem ethnischen Charkteristikum, zu einer unwandelbaren Eigenschaft des Kollektivs. In dieser Funktion spiegelt sie eine Notwendigkeit wider, keine freie Entscheidung oder persönliche Verantwortung. Das heißt, in ihr spiegelt sich letzlich eine Rasse wider.“ (Seite 416 der 7. Auflage der Taschenbuchausgabe )

Über eine Reihe höchstrichterlicher Entscheidungen, Einlassungen von Richtern und Justizministern gelangt er zu der folgenden Aussage: „Das zionistische Denken von heute scheitert, weil es verlangt, dass Juden am Schicksal anderer Juden Anteil nehmen sollen, ohne mit ihnen eine gemeinsame nationale Existenz zu teilen.“ und kommt ein paar Seiten danach zu einem, wie ich finde, vernichtenden Urteil über die Realität des Staates Israel: „Der jüdische Nationalismus, der die israelische Gesellschaft im Griff hat, bietet keine inklusive, offene Identität, die Außenstehende einlädt, ein Teil von ihr zu werden beziehungsweise unter Bewahrung des Eigenen in Gleichheit und Symbiose in und neben ihr zu leben. Stattdessen grenzt er durch seine Gesetzgebung und in seiner Kultur die meisten Mitglieder der Minderheit aus und stellt immer wieder klar, dass der Staat nur der Mehrheit gehört. Zudem verspricht er einer weiteren, noch größeren Gruppe von Menschen, die noch nicht einmal dort leben will, die ewige Herrschaft über das Land. So verhindert er eine aktive und harmonische Teilhabe der Minderheit an der Souveränität und an den demokratischen Prozessen, er macht jegliche Identifikation dieser Minderheit mit der Politik des Staates unmöglich.“ (S. 445 ebda.)

Sand bezeichnet die staatliche Verfasstheit von Israel deshalb als „Ethnokratie“, die er deutlich unterscheidet von einer tatsächlichen Demokratie, die allen Bewohnern ihres Territoriums gleiche Rechte und Gleichbehandlung vor dem Gesetz zubilligt – unabhängig von Herkunft und/ oder Glauben.

Das Buch greift eine ganze Reihe gegenwärtig vorhandener, oft nicht hinterfragter Denkfiguren kritisch auf, die nicht allein in Bezug auf den Staat Israel und dessen Gründung  von Bedeutung sind, sondern eine, z. T. gewichtige, Rolle spielen in  allen politischen Fragen von Demokratie, Nation und Volk, Inklusion und Exklusion, Xenophobie und vor allem auch Islamophobie, Rassismus und Religion.

Ich selbst teile die Kritik am Zionismus als Staatsdoktrin und an dessen Nähe zu einer rassistisch begründeten Konstruktion jüdischer Volkszugehörigkeit. Jeglicher Rassismus ist menschenverachtend, auch ein jüdischer. „Inwieweit ist die jüdisch-israelische Gesellschaft bereit, sich von der alten Vorstellung zu verabschieden, die sie zum >>auserwählten Volk<<  macht, und aufzuhören, sich selbst abzugrenzen und andere aus ihrer Mitte auszustoßen, gleichgültig ob das aus fragwürdigen historischen Gründen oder mittels einer dubiosen Biologie geschieht?“ Shlomo Sands Fragen am Ende seines Buches [S. 456] schließe ich mich an. Ich glaube bei Friedrich Torberg ist der Witz zu finden: „Warum muss ein Jude auf eine Frage immer antworten mit einer Gegenfrage?“ – „Warum soll er nicht?“ .  Vor allem in Bezug auf gesellschaftliche Phänomene sind vermeintliche Gewissheiten meistens des Teufels. Mit  offenen Fragen zu schließen, vermeidet diese.

Nicht nur lesenswert sondern fast ein Muss ist das Buch für alle, die den Nahen Osten und seine z. T. religiös bezogenen, religiös begründeten Konflikte verstehen wollen.