Gesundheitsindustrie und medizinischer Fortschritt

Gegenwärtig wird der Kundschaft vorgegaukelt, dass Gesundheit ein handelbares Gut sei, das von wissenschaftlich ausgebildeten Personen mit höchst spezialisiertem Wissen hergestellt wird. Dadurch ist es der Gesundheitsindustrie gelungen, sich eine umfangreiche Kundschaft zu sichern, die jeden quer sitzenden Furz nach einem zu üppigen Essen als zu behandelnde Krankheit gewürdigt wissen will und bereit ist für die Vorbeugung gegen ein solches Ereignis und dessen Behandlung ansehnliche Summen aufzuwenden. Entweder in der Form persönlicher Aufwendungen oder in der Form von Krankenkassen- oder Krankenversicherungsbeiträgen, zumeist beides. Die gesetzlichen Vorschriften für damit zusammenhängende Finanztransfers zwischen Ärzteverbänden, Kassen und Versicherungen und Umverteilungsfonds sind unübersichtlich und den Patienten in aller Regel nicht bekannt. [siehe: „Pathologischer Profit“ von Roberto de Lapuente ]

Die schlichte Tatsache, dass alles Lebendige – also auch der Mensch – störanfällig ist gegenüber äußeren Einflüssen ist seit Jahrtausenden Grundlage der materiellen Existenz von Menschen, denen heilende Kräfte zugeschrieben werden. Glücklicherweise braucht mensch diese Spezialisten eher selten. So gut wie alle Lebewesen verfügen nämlich über die Fähigkeit, Störungen des Wohlbefindens innerhalb einer gewissen Zeitspanne zu überwinden und in einem ansehnlichen Umfang sich selbst zu reparieren. Neben biologischen Abwehrmechanismen hilft die Erfahrung den Menschen herauszufinden, was sie persönlich tun müssen um solchen Befindlichkeitsstörungen entgegen zu wirken. Der eine verträgt keine Milch, die andere keine Himbeeren. Dass beständiger großer Lärm das Gehör dauerhaft schädigt weiß man auch schon länger und stopft sich Watte in die Ohren. Dass schlechtes Wasser zu Durchfällen führt ist auch nicht neu. Lungenschäden durch feinen Staub kennen Bäcker und Bergleute ebenso seit langem. Schützende und heilende Substanzen gehören zum Menschheitswissen. 1 Der eine schwört bei Störfällen auf Pfefferminz- oder Kamillentee, die andere auf Wodka mit Orangensaft. Kindern, die sich beim Laufenlernen oberflächliche Schürfwunden zuziehen, hilft oft schon das tröstende Blasen der Mutter auf die kaum blutende Schürfwunde. Bei leichtem Bluten leistet ein Pflaster gute Dienste.

Dass in vielen Weltgegenden sauberes Trinkwasser fehlt und die Menschen dort deutlich früher sterben als bei uns, interessiert fast niemanden. Im Gegenteil. Nestlé darf den dort lebenden Mitmenschen sogar das Wasser abgraben und bei uns für 2 € + x den halben Liter in luxuriös gestalteten Glasflaschen verkaufen. Das Trinken genau dieser besonderen Wasser mit den ganz seltenen Spurenelementen XYZ vermarkten Nestlé und andere in den entwickelten Zonen als Beitrag zum ewigen Leben. Natürlich nur für diejenigen, die sich ein ewiges Leben leisten können. Die anderen erwartet nach wie vor ein begrenztes.
In den entwickelten Ländern haben sich rund um die rentierlichen Störungen der Befindlichkeit die Gesundheitsindustrie entwickelt und ein wachsender Markt für ganz besondere Lebensmittel, die einem angeblich zu beständiger und lebenslanger Gesundheit verhelfen. Für die meisten Menschen auf der Welt allerdings – nicht allein in Flüchtlingslagern – muss wie seit Jahrtausenden täglich ein Stück Brot mit ein paar Tropfen Öl reichen, eine Schale Reis oder Hülsenfrüchte und gesammelte Beeren, wild wachsendes Gemüse oder Obst. Ca. 7 Millionen Menschen hungern, was der Gesundheit zweifelsfrei äußerst abträglich ist. Auch in den entwickelten Ländern gibt es Menschen, die unter- oder mangelernährt sind. Man übersieht sie gern. Um zu überspielen, dass man kein Interesse daran hat, sie mit dem Nötigsten zu versorgen, unterstellt man ihnen Dummheit und Desinteresse in den Fragen einer gesunden Lebensführung. „Asoziale“ sind eben so.
So viel zur Losung „Jedes Leben zählt“. Diese Redewendung steht – anders als Pandemiepropagandisten vortäuschen – nicht dafür, dass Menschen nach ihrem Tod anderen fehlen werden. Sie benennt unter gegenwärtigen Umständen die Tatsache, dass Menschen nur Profit abwerfen können, so lange sie leben. Ideologisch unverfänglich formuliert: Nur gesunde Menschen können für die anderen nützlich sein. Deshalb musste selbst der Plantagenbesitzer für seine Sklaven hie und da einen Arzt bemühen. Rentabilität und Werterhaltung -darum geht´s der Gesundheitsindustrie. Längere zeitliche Abschnitte in guter körperlicher Verfassung sind dabei ein Nebenprodukt, das billigend in Kauf genommen wird. Man kann das gegenwärtig auch an der Debatte zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit ablesen. Wer länger leidlich gesund lebt, kann länger arbeiten. Wofür und für wen, tut nichts zur Sache. Hauptsache lohnend.

Mit großem Propagandaaufwand ist es gelungen, sehr vielen Menschen einzureden, jegliche Abweichung von einer erfundenen Norm sei eine Krankheit. 2 Auf Grundlage des vorgeblichen wissenschaftlichen Wissens, „richtige“ Frauen wiesen keine Körperbehaarung auf, verkaufen reihenweise Frauenärzt* innen in Deutschland die Igl-Leistung der labormedizinischen Feststellung des Hormonstatus. Ausnahmsweise ist mir in diesem Zusammenhang die gegenderte Version der Berufsbezeichnung wichtig. Es gibt nämlich keinen Hinweis darauf, dass Frauenärztinnen frei sind von persönlichem Streben nach Einkommenszuwachs. 3
Quasi ein Dauerbrenner sind die sinkenden Normwerte für einen behandlungswürdigen Bluthochdruck. Nahezu jährlich gibt es dazu neue, niedrigere, wissenschaftlich begründete Grenzwerte. Die Verkaufszahlen für Blutdrucksenker steigen stetig; auch die für die neuen schlauen Uhren, die auf Knopfdruck Puls und Blutdruck messen, damit sich übermäßig zügig Gehende und aufgeregte Zuschauer am Rande eines Fußballfeldes nicht in Gefahr begeben. Analoge Blutdruckmessgeräte gibt es ab ca. 15 €, digitale etwa ab 11 €. Es ist nämlich (lebens)bedrohlich den zu hohen Blutdruck gar nicht zu bemerken!
Ein ähnlicher Wachstumsmarkt sind Psychopharmaka für Kinder und Jugendliche, deren individuelle Lebhaftigkeit den Unterricht stört. Was den Lehrer stört, muss von Eltern beseitigt werden. Die Eltern suchen auf Anraten der Schulmeister den Kinderarzt auf, weil sie befürchten, anders kämen ihre Sprösslinge nicht aus der Disziplin-Falle heraus.

Ganz selten leiden Menschen unter Krankheiten, die ihre Lebensführung längere Zeit oder sogar dauerhaft spürbar beeinträchtigen, Erscheinungen die nicht wieder vergehen und nicht allein lästig sind, sondern schnell oder über längere Zeitspannen, oft mit schweren Schmerzen verbunden, zum Tod führen können. Für derartig erkrankte Menschen und für diejenigen, die durch einen Unfall Schaden genommen haben, braucht man Ärzte, Krankenhäuser, Medikamente, Hilfsmittel. Es wird aber trotzdem immer Krankheiten geben, bei denen nicht geholfen werden kann, die nicht überwunden werden können. Das sind vermutlich die meisten, denn im Organismus aller hoch entwickelten Säugetiere spielt eine unüberschaubare und undurchsichtige Verflechtung möglicherweise erblicher Dispositionen und erlernten Verhaltens eine große Rolle. Man weiß aber nur in seltenen Fällen welche.
Einen besonderen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang das Human Genom Project. Die Forschung versucht, genetisch bedingte Dispositionen zu erkennen, als krank oder gesund einzuordnen und durch geeignete Maßnahmen zu beeinflussen oder zu korrigieren. Sei es durch Zuchtwahl oder genmanipulative Maßnahmen. In Abständen gibt es politische Debatten, die sich mit rechtlichen Fragen in diesem Zusammenhang befassen: Will man Abtreibungen wegen einer durch pränatale Diagnostik entdeckten unguten Disposition erlauben, vielleicht sogar erzwingen? Sollen diesbezügliche Untersuchungen in Deutschland sogenannte Kassenleistung sein? Sollen Eltern dahin gehend beeinflusst werden, diese vornehmen zu lassen, wenn eine als „krank“ definierte genetische Disposition entdeckt wird? Die möglichen Antworten auf solche Fragen, sind ethischer Natur. Ob es in diesen Fragen eine allgemein verbindliche Ethik gibt, oder nur eine persönliche Moral ist bisher eine Glaubensfrage. Wollen wir dazu gesellschaftliche Regelungen? Wenn ja, welche? Ich spreche diese Problematik an, weil sowohl pränatale Diagnostik als auch Wunschkinder sich zu Verkaufsschlagern unter finanziell leistungsfähigen Paaren entwickeln.
Liegt es in gesellschaftlichem Interesse, wissenschaftliche Grundlagen und einen Rechtsrahmen für die Fortpflanzung gleichgeschlechtlicher Paare zu schaffen, so lange nicht weltweit gesichert ist, dass jedes Kind, jedes Neugeborene gleich welcher Disposition unter Bedingungen aufwächst, die eine ausreichende Ernährung, Obdach, Kleidung und Erziehung oder Bildung sicherstellen?

Die Gesundheitsprofiteure sind bestrebt, das menschliche Leben in all seinen Facetten der Manipulation, der Handhabung durch den Menschen zu unterwerfen. Sie bezeichnen dieses Handeln als Folge wissenschaftlichen Fortschritts. Wer ein solches Handeln nicht will, wird des esoterischen oder religiösen Geschwurbels bezichtigt. Dabei wissen wir: Ohne jeden Zweifel ist Leben, das Lebendige aufs engste verzahnt mit unendlich vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten für alle Arten. Kann, soll, muss die menschliche Art Gott spielen und entscheiden, welche Wissenschaft die 100-prozentig richtige ist? Noch dazu in diesem Falle eine Wissenschaft, die in vielen Feldern, z. B. in der Krebsforschung, bisher oft replizierbare Forschungsergebnisse schuldig geblieben ist. 4

Ob wirklich kein Kranker mehr geboren wird und keiner mehr stirbt, wenn alle diese Fragen wissenschaftlich befriedigend gelöst sind?

Stand der Dinge ist:
Dummerweise meinen immer mehr Menschen in den höchst entwickelten Ländern, es gebe nicht allein einen Rechtsanspruch auf das Erreichen der statistischen Lebenserwartung, sondern auch Ärzte und Institutionen, die das nicht nur garantieren könnten, sondern müssten. Erreicht man dieses Lebensalter nicht, müssen Schuldige gefunden werden: persönlich fahrlässig handelnde Ärzte; ein Staat, der den Verkauf von Zuckerwaren, fetten Brotaufstrichen und Fleisch nicht verbietet; zu wenig und mangelhaft ausgebildetes Personal; zu große Entfernungen zu den Gesundheitseinrichtungen; zu wenige Rettungsfahrzeuge
Die hier aufgelisteten Fragen und viele weitere müssten gesellschaftlich, d.h. politisch entschieden werden. Die Regierungen, Verwaltungen und Parlamente sind dazu aktuell weder willens noch in der Lage. Auch nicht das Weltwirtschaftsforum.
So lange die Spezies Mensch offensichtlich nicht fähig ist, im Interesse aller ihren Alltag friedlich bestmöglich zu organisieren, ist von Träumereien abzusehen, die göttliche Kompetenz erfordern. Das haben die Maßnahmen von Staaten und örtlichen Ämtern und ihre Folgen im Rahmen der ersten weltweit ausgerufenen Pandemie hinreichend gezeigt. Es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkung.

Tatsache:

Ca. 15 % der Menschen hatten in Deutschland im Jahr 2021 zum Zeitpunkt ihres Todes das Rentenalter von 65 Jahren nicht erreicht.
Ca. 41% der Verstorbenen hatten zum Zeitpunkt ihres Todes die durchschnittliche Lebenserwartung nicht erreicht. Ob und wie man ihnen im Einzelfall ein längeres Leben hätte ermöglichen können, weiß man nicht.

Quelle: Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderauswertung-

  1. https://www.wissen.de/medizinische-hausmittel-was-schon-die-oma-wusste
  2. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/warum-koerperbehaarung-bei-frauen-nicht-schlimm-ist
  3. https://www.online-zfa.de/archiv/ausgabe/artikel/zfa-9-2009/46945-103238-zfa20090371-igel-kritisch-betrachtet-hormonspiegelbestimmung-bei-beschwerdefreien-f/
  4. https://www.infosperber.ch/gesundheit/die-krebsforschung-ist-in-erklaerungsnot/

L´optimisme

»Ich war jetzt ein paar Jahre nicht in Urlaub, weil ich gespart habe. Heuer geht´s 3 Wochen nach Mexiko zum Wale gucken. Wer weiß wie lange es sie noch gibt.«

Eine Nachbarin in Deutschland, etwa im Jahre 2013 n. C., ca. 160.000 Jahre nach dem erstmaligen Auftreten einer `Homo Sapiens´genannten Spezies

Völlig unabhängig davon, wie viel Geld sie zusammengespart hat: Mit Sicherheit hat sie allein mit den geschätzten 730 l Kerosin als persönlichem Anteil am Verbrauch des Düsenclippers ein höheres Quantum an CO2 freigesetzt als es 10 Urlaube an der Ostsee mit sich gebracht hätten. Weil sie und andere dies noch können – dieses und im `Tropical Island´ baden, bis Ostern auf künstlich beschneiten Pisten Skifahren und auf einem Traumschiff um die Welt fahren – sind die meisten der Mitmenschen in meiner näheren Umgebung, ähnlich wie Voltaires Candide, der festen Überzeugung, sie lebten in der besten aller möglichen Welten. Völlig ungeachtet aller wahrgenommen realen Ereignisse.
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Kapitalismus vs. Klima

In den vergangenen Tagen habe ich das vor kurzem auf Deutsch erschienene Buch „Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima“ von Naomi Klein gelesen. Danke an diejenigen, die es mir geschenkt haben.

Vielleicht gerade weil N. K. weder Naturwissenschaftlerin noch Ökonomin ist, kann sie dem Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Produktionsweise, den gegenwärtigen Produktionsverhältnissen und der Bedrohung allen Lebens durch den Klimawandel auf die Spur kommen. Diesen Zusammenhang stellt sie mit einer großen Fülle an Detailinformationen und Beispielen her. Fast ein Fünftel der bald 700 Seiten nimmt der Apparat in Anspruch mit Quellenangaben, Personen-  und Sachregister.

Sie hat, so vermute ich, eine Absicht: Die Fronten aufzubrechen zwischen denjenigen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur in den Vordergrund stellen und denjenigen, die sich gegen die zunehmende materielle Ungleichheit wenden. Sie kennzeichnet die Ideologie vom grenzenlosen Wachstum und den Mythos von der Beherrschbarkeit der Natur als falsch. Den Bezug zur eigenen Situation herzustellen und sowohl ein verändertes individuelles als auch ein gesellschaftlich-politisches Handeln zu wagen, das durch die Einschränkung der Profitinteressen Schritte macht in Richtung auf  den Erhalt des Lebens, dazu fordert das Buch auf.

Ihr Fazit nach meiner Interpretation: Jeder, der dazu beiträgt –  sei es durch Umweltgesetze oder Bekämpfung des Hungers und der Armut – die Gewinne der Unternehmen der fossil und extraktivistisch ausgerichteten Wirtschaft zu beschneiden, leistet einen Beitrag zum Überleben, zur Regeneration des gefährdeten Lebens auf unserem Planeten. Wer glaubt, das Retten des Auerhahns sei möglich, ohne die Profitinteressen einzuschränken oder  die Ausschüttung der aus dem Extraktivismus resultierenden Gewinne an die Armen werde alles ins Lot bringen, liegt falsch.  Gemeinsam können es die Menschen schaffen, die Sand im Getriebe sind, die Auswirkungen des Klimawandels, besser: des fossilen Wirtschaftens, in den Grenzen zu halten, die den Planeten retten können, den wir bewohnen.

Ein Buch, das gleichermaßen zornig macht, aufklärt, berührt, zum Widerstand ermutigt. Lesenswert mit *****