Gleichheit

Ein Versuch über links, rechts
und den feinen Unterschied zwischen
Ethik und Moral

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Der Anlass

Mit einer seuchenpräventiven Begründung hatte die zuständige Behörde des Berliner Senats eine Demonstration verboten [https://www.berlin.de/sen/inneres/presse/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.980587.php ] . Teil des gesellschaftlich-politischen Hintergrundes dürfte die Fortführung, Intensivierung der Einschränkungen des Debattenraumes sein.
Die durchaus umstrittenen und folgenreichen Maßnahmen auf Grundlage der Feststellung einer Pandemie am 25.03. haben die Bevölkerung gespalten. Mit einem Ausmaß an Intoleranz, das ich im Rahmen politischer Auseinandersetzung noch nicht erlebt habe, stehen verängstigte, Schutz fordernde Bürger denen gegenüber, die angesichts beträchtlicher Kollateralschäden die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen bestreiten. Dabei spielen Sachargumente kaum eine Rolle. Maßnahmekritikern wird in mehr oder weniger deutlichen Worten unterstellt, sie seien von einem grenzenlosen Egoismus getrieben, der das Schutzbedürfnis der Mitmenschen missachte und den Tod anderer Menschen billigend hinnehme. Maskenkritiker werden nicht selten sogar als potentielle Mörder hingestellt, Menschen, die aus niedrigen, egoistischen Beweggründen das Einhalten lebensrettender Regeln verweigern.
Losung ist dabei die Formel „Jeder Tote ist einer zuviel“, die einen moralischen Rigorismus respräsentiert, der in anderen Politikbereichen nach meiner Erinnerung noch nie eine Rolle gespielt hat oder spielt. Als Beispiele seien genannt: Beschränkung von Geschwindigkeiten im Straßenverkehr, Umgang mit gefährlichen Arbeitsstoffen und Qualitätskontrolle von Lebensmitteln. Selbstverständlich wird in diesen Bereichen abgewogen, in Beziehung gesetzt, relativiert. In aller Regel obsiegen die wirtschaftliche Interessen der Auto-Industrie, der Produktionsfirmen und Hersteller hoch verarbeiteter tierischer und pflanzlicher Lebensmittel.


Gleich und ungleich

Die Formel „Jeder Tote ist einer zuviel“ unterstellt eine in der Realität nicht vorhandene Gleichheit aller Menschen. Reale Ungleichheit ist nicht allein eine Folge von Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus. Sie ist auch eine Folge tatsächlicher Ungleichheit von Menschen und vor allem eine Folge ererbter materieller Privilegien.
In weiten Teilen des früher kritischen, sozial denkenden und handelnden Bürgertums ist es Brauch geworden, sich mit der umfassenden Durchsetzung der Marktideologie zu arrangieren. Zu dieser gehört die Verlagerung der Verantwortung von Staat, Produzenten und Handel zum moralischen Konsumenten. Nicht Handelsketten und Produktionsfirmen sind verantwortliche Profiteure der grenzenlosen Ausbeutung der früheren Kolonialländer, sondern die amoralischen Konsumenten, denen ein Baumwoll-T-Shirt, ein Kotelett oder ein Apfel nicht billig genug sein kann. Nicht mehr die aus dem Eigentumsrecht abgeleitete Marktmacht der Konzerne wird als missbräuchlich kritisiert, sondern die Verantwortungslosigkeit, die amoralische Lust des Einzelnen am Konsum, die zentrale Grundlage der hochentwickelten kapitalistischen Produktionsweise ist. Eine Kritik an materieller Ungerechtigkeit und der mit ihr verbundenen, immer tiefer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich kommt in dieser Welt nicht mehr vor.
Wer vom Eigentum nicht mehr spricht, kann getrost verzichten auf die seit 1789 gebräuchliche Unterscheidung zwischen links und rechts. Obwohl Eigentum und Besitzlosigkeit nicht verschwunden sind, wurden sie weitgehend der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen, verschleiert und vernebelt.

0,1 % vs. 99,9 % – Die Erste

Ein ansehnlicher, wenn nicht sogar der größte Teil der Menschen, die sich selbst als politisch und gesellschaftlich aktiv ansehen, klagt in Debatten nicht mehr das Gleichheitsprinzip ein, sondern faselt von Mitmenschlichkeit, Respekt, Einfühlungsvermögen, Gerechtigkeitsempfinden und ähnlichen Tugenden, die angeblich allen Menschen zu eigen seien – so als gäbe es unter ihnen keine Schweine und keine Adler, keine Schafe und keine Wölfe oder Menschen die das Leben dazu gemacht hat. Das Thema Vererbung oder Umwelt will ich hier beiseite lassen. Die appellative Wendung „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ wird in eine Zuschreibung für alle Menschen umgedeutet. Wer sind da, der Tradition des Calvinismus und der Puritaner folgend, natürlich in der Tat die besten Menschen? Die von Gott mit Reichtum gesegneten. Wer könnte uns besser hüten, führen, schützen als solche begnadeten Menschen, Charaktere die durchdrungen sind von allen Qualitäten, die ein guter Hirte braucht.
Weil die Digitalisierung alltägliche rechnerische Fähigkeiten nicht mehr erfordert, merkt der solcherart auf dumm getrimmte Mensch nicht mehr, dass es einen ganz kleinen Unterschied gibt, zwischen einem wohlhabenden, gut verdienendem Nachbarn mit Häuschen, Benz und 100.000 € Einkommen im Jahr und den arbeitslosen Einkommen der oberen 10 oder 100 der „Forbes“ liste der Milliardäre. Der zur Zeit reichste Deutsche, ein Winzling unter den Milliardären mit zur Zeit Platz 40, Dieter Schwarz [u. a. Kaufland und Lidl] dürfte bei rd. 100 Miliarden Dollar Umsatz und niedrig anzusetzenden Gewinnen im Einzelhandel von ca. 1 % über ein jährliches Einkommen von 1 Mrd. Dollar verfügen. Das durchschnittliche Gehalt eines Chefarztes an einer 800-Betten-Klinik Kommunal oder Privat) beträgt in Deutschland 330.000 Euro im Jahr. [ https://gehaltsreporter.de/gehaelter-von-a-bis-z/aerzte/Chefarzt/ ] Herr Schwarz hat also etwa das 2560-fache Jahreseinkommen eines deutschen Chefarztes. Das könnte schon für ein Bötchen dieser Art mit Personal reichen. Vielleicht nicht jedes Jahr ein neues, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Andere können z. B. nicht mehr `ahnen´, wieviele Kästen Bier man für 30 Gäste braucht, wenn bei letzten Fest 23 Leute 3 K. getrunken haben. Deshalb suchen sie sich einen Getränkemarkt, bei dem sie vorsichtshalber 10 Kästen holen und die übrigen, vollen zurückbringen können. Es ist völlig ausreichend, wenn der Lieferant rechnen kann.
Solchen Mitmenschen kann man auch problemlos erzählen, dass bei täglich 1500 neu Infizierten – Sprachgebrauch und Begriffe des Robert-Koch-Instituts seien hier nicht hinterfragt – unter 83.000.000 Menschen förmlich an jeder Ecke ein todbringendes Virus lauert. In der Folge natürlich auch, dass der heilbringende Impfstoffversorger ganz sicher von der von ihm selbst geführten Stiftung kein höheres Gehalt bezieht als der Bundesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt. Alles andere sind böswillige Unterstellungen von Menschen, die keine Philanthropen erkennen können, weil sie selber so amoralisch sind, dass sie beim Betreten des Supermarkts nicht einmal den Rollkragen übers Gesicht ziehen, oder zu geizig sind einen MNS zu kaufen. Moralisch minderwertiges Pack halt im Unterschied zum Stiftungsvorsitzenden. Dass es Menschen geben könnte, die eine Behinderung der Atmung sehr schwer verkraften, woher sollen das die Menschen wissen, die den im folgenden Absatz erläuterten Unterschied nicht kennen.

99,9 % vs 0,1 % – Die Zweite

In Rassismus-Debatten wird mir immer wieder eine tatsächlich wissenschaftlich nicht bezweifelbare Aussage entgegengeschleudert, als sei ich zu uninformiert, zu dumm, zu rassistisch sie zur Kenntnis zu nehmen. Dieses Verhalten hängt auch ein bisschen mit dem Abschnitt 0,1% vs 99,9 % zusammen. Mathematisch wenig versierte Menschen, das sind nicht wenige, können sich nicht vorstellen, dass 0,1 % mehr oder weniger Salz z. B. in einer Großbäckerei darüber entscheiden können, ob die Käufer das Brot als wohlschmeckend, als salzig oder sogar als versalzen empfinden. Wenn man die Sache nicht kennt, um die es geht und nicht weiß worauf sich die Angabe bezieht, weiß man nicht, was ein kleiner Unterschied bedeutet, bedeuten kann. Menschen sind als Gattungswesen alle gleich. Aber sie unterscheiden sich eben auch. Dieses lächerliche Zehntel eines Prozents kann im realen Leben zu großen Unterschieden führen.
Es entscheidet darüber ob, der Mensch wahrscheinlich (nicht sicher!) zu den zeugungsfähigen gehört oder zu den gebärfähigen.
Es entscheidet darüber ob der kleine Mensch eher 3 Jahre brauchen wird, um zu lernen sich selbstständig anzuziehen, oder möglicherweise 6 Jahre oder noch länger.
Es entscheidet mit darüber, ob Blondie über Jahre hinweg als Dooferle verlacht wird oder ständig versucht wird sie zu begrapschen, weil sie als besonders sexy gilt. Für beide Fälle wird sie sich geeignete soziale und kommunikative Strategien überlegen müssen. Ich kenne jemanden, die sich in jungen Jahren hat die Haare färben lassen, weil es für sie der einfachste Weg war, der damaligen Herrschaft der Blondinenwitze zu entkommen.
0,1 Prozent des Genmaterials entscheiden mit darüber, ob man evt. sein ganzes Leben lang glaubt, sich dafür entschuldigen zu müssen, dass man nicht singen könne, nicht zeichnen oder nicht schnell laufen. Mittlerweile lebt ein ganzer Berufsstand davon, jährlich neue Schwächen auf den Markt zu bringen, die einer besonderen Therapie bedürfen, weil man nicht damit leben will, dass Menschen selten für alle Tätigkeiten die bestmöglichen Voraussetzungen mit auf die Welt bringen. Seit der Begriff des Humankapitals erfunden und weit gestreut wurde, ist ein immenser Markt an Dienstleistungen entstanden, die jedem Individuum helfen, sich und sein Handeln zu optimieren: Coaches, die einem beibringen, wie man aufräumt; Fitness-Trainer, die ins Haus kommen und einen in die richtige Form bringen; Mediatoren, die einem helfen Streitigkeiten unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten beizulegen. Wer das alles nicht bezahlen kann muss halt ein Underdog bleiben – einer mit einer unaufgeräumten Wohnung, einer mit Bauch, einer der seine Beziehungen nicht auf die Reihe bekommt oder lernen muss sich zu fügen.
Manch einer erbt die Veranlagung zu einer Krankheit, und muss sein Leben lang besonders auf sich achten.
Alle diese kleinen und kleinsten genetischen Differenzen können mit darüber entscheiden, ob man ein langes, gesundes Leben in relativem Wohlstand führen kann, sich mit Gefährdungen, Unzulänglichkeiten plagen muss, vielleicht das ganze Leben auf Hilfe anderer angewiesen ist oder seine Existenz nicht aus eigener Kraft sichern kann. Für niemanden sind dabei die Vorurteile der Mitmenschen eine Hilfe. Ganz gleich ob sie sich auf Haut- und Haarfarbe beziehen, die körperliche, mentale oder psychische Eignung für eine bestimmte Tätigkeit oder Sportart, das ganze individuelle Wesen. Man wird die Vorurteile, die sich auf all diese Differenzen beziehen nicht abschaffen können. Sie sind das Ergebnis der menschlichen Fähigkeit, Erfahrungen im Umgang mit anderen Individuen zu verarbeiten. Jeder von uns, der einmal mit einem bestimmten Typ Mensch eine schlechte Erfahrung gemacht hat, muss gehörig Verstand aufbieten, um sich selbst daran zu hindern, alle der gleichen Sorte über einen Kamm zu scheren.
Ein ganz wichtiges Merkmal wird dabei allerdings so gut wie nie erwähnt, sondern systematisch ausgeblendet: erblicher Reichtum, eines der lebensprägenden Merkmale in denen sich real existierende Menschen seit etwa 10.000 Jahren auch unterscheiden können. Wer dieses vor relativ kurzer Zeit erworbene erbliche Merkmal zum Thema macht, wird als missgünstiger Neider von der Debatte unter Gleichen ausgeschlossen.

Gleichheit und Gleichbehandlung

Zunächst einmal ist es alles andere als leicht, sich darüber zu verständigen, was als gleich angesehen werden soll. Man braucht dazu in aller Regel ein Messwerkzeug, das die erforderliche Genauigkeit und Beschaffenheit hat, die als der Sache als angemessen erachtet wird. Die Schneiderin verwendet ein Maßband, der Bauhandwerker einen Zollstock und der Feinmechaniker eine Schieblehre. Diejenigen, die Messwerkzeuge verwenden, pflegen anzugeben, um wie viele Zentimeter, Millimeter, Zehntel- oder Hundertstel-Millimeter man vom gewünschten Maß abweichen darf, ohne dass der gemessene Gegenstand seinen Wert, seine Funktionsfähigkeit, die notwendige Passgenauigkeit einbüßt. In gewissem Umfang wird Fehlerhaftigkeit zugelassen. In den Fachsprachen nennt man das Toleranz. Geschrieben sieht das dann z. B. so aus: 60 cm +/- 0,2.
Mit welchen Instrument sollte man Menschen messen, die auf so vielerlei Arten ungleich sein können? Vor kurzem hat mir jemand verraten, dass alle Menschen gleichwertig seien. Ich fand das seltsam. `Wertig´ erinnert mich an die Expertise der Schätzer von Schmuck oder Antquitäten. Sind Menschen werthaltig? Immer? Immer gleich? Dann bedeuten abwertende und anerkennende Bezeichnungen von Menschen doch nichts. Beleidigungen wären aus der Welt und Anerkennung auch. Arbeitszeugnisse würden abgeschafft. Alle sind gleichwertig? Irgendwie riecht das für mich nach einem einheitlichen Verkaufspreis im Sklavenhandel.
Manche bestehen darauf, dass es gute und schlechte Menschen gebe. Mensch fühle das, ob ein anderer ein guter oder schlechter ist. Wahrscheinlich auch kein guter Maßstab. In kleiner Runde kamen wir vor kurzem darauf, wie unterschiedlich die Qualität eines bestimmten Menschen von anderen eingeschätzt wird. Zutreffend wäre wohl die Wendung „Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.“ Erfassen wir für jeden durch Umfragen 100 Gütewerte und das arithmetische Mittel könnte man als empirisch begründete Angabe zur Qualität eines Menschen ansehen. Wirklich? Es heißt, dank digitaler Datenverarbeitung sei es in China möglich geworden in unterschiedlichen Situationen Plus- und Minuspunkte zu verteilen. Noch hält sich die Zahl zustimmender Äußerungen für eine solche Menschenbewertung in unserem Kulturkreis in sehr engen Grenzen.
Auf mein Berufsleben zurückschauend frage ich, warum es verwerflicher ist, Menschen wegen ihrer Hautfarbe zu unterdrücken, als sie unter Ausnutzung ihrer Dummheit grenzenlos auszubeuten. Ersteres wird in Anbetracht einer Jahrhunderte langen Geschichte der Ausbeutung zu Recht, nicht mehr geduldet. Ist die Missachtung der Dummen menschlicher? Wer definiert eigentlich, was als dumm zu gelten hat? Mit welchem Maß?
Ich lasse es damit sein. Menschen sind, genau wie andere lebende Wesen einer Art, in fast allem gleich und in vielem unterschiedlich. Die Frage ist, wie wir in Kenntnis dieser Tatsache miteinander umgehen. Welchen Gewohnheiten, Gepflogenheiten, Bräuchen, Sitten wir dabei folgen, aus welchen Gründen, mit welchem Ziel. Diese sind immer historischem Wandel unterworfen.

Das gleiche Maß

Die gegenwärtige Propagandasprache hat zur Abwehr der Argumente des Pöbels, die sich an der Erfahrung von der Notwendigkeit des gleichen Maßes orientieren, die Kennzeichnung „Whataboutism“ erfunden. Die Kennzeichnung eines Beitrags als „Whataboutism“ unterstellt, man vergleiche Äpfel mit Birnen. Nur politisch Ungebildete nähmen an, dass es den Toten ziemlich egal sei, woran sie gestorben sind. Deshalb zählt bei viral verursachten Todesfällen neuerdings jedes einzelne Leben – anders als im Straßenverkehr, bei gefährlicher Arbeit, in Kriegen oder durch Mangel an Nahrungsmitteln oder an Wasser. Nicht nur, dass jedes einzelne Leben zählt. Angesichts der naturbedingten Wahllosigkeit mit der eine weltumspannende Infektionskrankheit ihre Opfer trifft, sind sie – jedes für sich genommen – natürlich auch viel bedeutsamer als Kriegstote, Hungertote und Verkehrstote. Jeglicher Vergleich wird als unmoralische Relativierung von Menschenleben diffamiert. Das in Beziehung setzen von Beobachtungen wurde nämlich als zulässige Vernunfthandlung, die mit Argumenten angefochten werden kann, in Misskredit gebracht. Wer relativiert missachtet das Recht aller auf ein ewiges, gesundes Leben.
Eine Pandemie konfrontiert angeblich alle Menschen mit der für alle gleichen Wucht einer unberechenbaren, der Natur geschuldeten Rücksichtslosigkeit, für die keiner zur Verantwortung gezogen werden kann: kein Politiker, der Ausgabenkürzungen im Gesundheitswesen zu verantworten hat; kein privater Pflegeheimbetreiber, der seine zahlenden, nicht mehr entscheidungsfähigen betagten Kunden zwischen Krankenhaus, Reha und Pflege rotieren lässt, um Essenskosten einzusparen; kein Unternehmer, in dessen Betrieb die Mitarbeiter tagaus, tagein ungeschützt die lungengängigen Stoffe aus- und einatmen, die Vorschäden an Herz und Lunge verursachen, die dann bei einer Grippewelle das Leben kosten. Wer weiß, ob die nicht alle der Infektion hätten standhalten können, hätten sie nicht geraucht! Jeder ist seines Glückes Schmied.
So – genau so – macht man aus einem Regelverletzter einen potentiellen Massenmörder und spricht diejenigen von jeglicher Verantwortung frei, die tatsächlich in ihren gesellschaftlichen Funktionen Verantwortung tragen und daür in aller Regel fürstlich entlohnt werden.
Die Verweigerung des gleichen Maßes für den Wert jedweden Lebens findet ihren Niederschlag in Phrasen wie „Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts.“ oder in den Floskeln der deutschen Kanzlerin zur Bereitschaft in Kriegen Werte zu verteidigen, die angeblich unsere sind. Tatsächlich gemeint sind aber die Börsenwerte der Unternehmen, die mit Hilfe unserer Steuergelder vor den Pandemiefolgen gerettet werden müssen, weil der Erreger doch uns alle gleich trifft: Börsenwerte und Menschenleben. Die umfassende Verweigerung gleichen Maßes findet ihren Ausdruck auch in der Tatsache, dass gegenwärtig viele Menschen auf medizinische Versorgung warten, warten müssen, die nicht die richtige Krankheit haben, für die Betten freigehalten werden. Evt. sogar so lange, bis jede Hilfe zu spät kommt, angeblich, weil jedes Leben gleich ist – gleichwertig – und Gesundheit keine Frage persönlichen Glücks mehr sein darf. Behauptet und durchgesetzt wird das von Menschen, die Millionenbeiträge für gemeinnützige, öffentliche Kassen mobilisieren, indem sie wöchentlich Lose mit einer Gewinnchance von 1: 139.838.160 verkaufen und die Hoffnung der Leute missbrauchen, die es für möglich oder für wahrscheinlich halten, so viel Geld gewinnen zu können, dass sie nicht mehr arbeiten müssen.

Autonomie vs. gesellschaftlicher Rückhalt, Zusammenhalt

Es gibt im Tierreich zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten, mehrere Exemplare einer Gattung zu organisieren, aber in aller Regel nur eine artgerechte. Manche Tierarten leben in Rudeln (Wölfe, Hyänen) manche in Staaten (viele Arten von Insekten), wieder andere in Herden (Giraffen, Rinder). Für manche ist ein Paar mit Nachwuchs über einen Sommer die übliche Form von Gemeinschaft, evt. verbunden mit einem abgesprochenen winterlichen Umzug aller Exemplare in wärmere Gefilde (Störche).
Vermutlich haben wir es der Entwicklung des Großhirns im Lauf der Evolution zu verdanken, dass Menschen lernten, über die Art ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu entscheiden, entscheiden zu wollen, sich Regeln zu geben und Führungspersonen gemeinsam zu bestimmen. Dabei spielen und spielten die gegebenen Umweltbedingungen und die Möglichkeit der Menschen eine gewichtige Rolle, diese Bedingungen maßgeblich zu beeinflussen. Je mehr Nahrungsmittel erzeugt werden konnten, desto mehr Freiheitsräume konnte es für den Einzelnen geben, auch für die Entfaltung dessen, was wir als Kultur bezeichnen. Gegenwärtig werden viele Fragen zu den Beziehungen zwischen Einzelnen, Gesellschaft und realen Existenzbedingungen neu oder erneut aufgeworfen und mit Bezug auf individuelle und gemeinsame historische Erfahrungen neu formuliert. Die Zahl der Menschen scheint zu wachsen, die diese Neuformulierung als zwingend notwendig erachtet, weil sonst das Überleben der Gattung eventuell nur unter hohen Verlusten an Menschenleben gewährleistet werden kann.
Auch die Frage nach den notwendigen persönlichen Qualitäten von Führungspersonen wird neu gestellt und wie man diese am besten bestimmt. Die moderne, bürgerliche Demokratie hat die Legitimation von Herrschaft zum Problem gemacht. Es zeigt sich, dass individuelles Streben nach Macht, materiellem Besitz und ererbter Reichtum dabei nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Gegenwärtige entwickelte Gesellschaften haben deshalb unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und staatlicher Organisation entwickelt. Manche wollen zwar grenzenloser Macht Schranken setzen, haben aber nichts gegen unbegrenztes Eigentum oder Einkommen und seine Vererbung. Manche würden unbegrenztes Anhäufen materieller Güter und Tauschmittel gerne begrenzen, nach Möglichkeit aber gewaltlos, wenn schon konfliktfrei nicht geht. Für andere sind selbst extremer Reichtum und uneingeschränkte Macht geradezu ein Nachweis überragender menschlicher, von Gott gesegneter Güte. Die angelegten Maßstäbe sind deshalb nicht gleich.
Jeder Abschnitt menschlicher Geschichte erfährt eine besondere Prägung durch die zu dieser Zeit geltenden Regeln, Übereinkünfte, gemeinsamen Ziele in Abhängigkeit von den Möglichkeiten durch menschliche Tätigkeit das Überleben aller zu sichern. Ein leicht schwankender Anteil der Individuen ist willens und in der Lage, das gemeinsame Leben mit zu gestalten. Viele wollen das gar nicht, sondern sind zufrieden und ausgeglichen, wenn es für ein auskömmliches Leben reicht und sie nicht ständig von anderen befehligt, geschurigelt werden. Andere sind herrschsüchtig und gierig. In der Folge gibt es Konflikte unter den Einzelnen, zwischen ihren Vergemeinschaftungen, Gesellschaften und zwischen den Einzelnen und den Gemeinschaften oder Gesellschaften in die sie eingebunden sind. Diese Konflikte friedlich, ohne Schaden an Leib und Leben auf dem Verhandlungsweg oder über Abstimmungen zu lösen, könnte Mensch in den Zehntausenden von Jahren seiner Gattungsexistenz gelernt haben. Könnte. Er hat es nachweislich nicht gelernt.
Ein zufälliger Fehler der Evolution hat ihn das Stammhirn behalten lassen, obwohl er doch mit dem neuen, dem besseren, dem vernünftigen, dem Großhirn hätte zurechtkommen können. Dieses bedauerliche Ergebnis menschlicher Evolution betrifft alle Menschen gleichermaßen. Auch die Gewählten, auch die Reichen, einfach wirklich alle.
Vielleicht würde die Menschheit sich heute in einer besseren Lage befinden, wäre in der Evolution das Stammhirn im gleichen Maß geschrumpft wie der Blinddarm. Die große Mehrheit der Menschen, die weder macht- noch besitzgierig sind, sondern einfach ohne größere, nicht mehr zu bewältigende Probleme leben wollen, hat keine Macht, weder der Einzelne noch – wie sich zeigt – die Organisationen, die sich die vielen Einzelnen geschaffen haben wie Gewerkschaften, Innungen, Handelskammern usw. . Mitbestimmungsplätze in Gremien per Los zu verteilen, wäre vielleicht ein ein Beitrag zur Lösung des politischen Gleichheitsproblems.

Die neue Normalität

In Zusammenhang mit der gegenwärtig beobachtbaren oder nicht beobachtbaren, realen, ideologisch und/oder wirtschaftlich hervorgebrachten weltweiten Seuche, wird seit einigen Monaten von einer neuen Normalität gesprochen. Man kann die regierungsamtlich verfügte neue Normalität als zwingend nötig erachten – vorausgesetzt man hält die allseits kolportierte angestrebte Unsterblichkeit für realisierbar. „Jeder Tote ist einer zuviel“ ist die moralische Maxime der neuen Normalität. Zu dumm, dass die Verfechter dieses Maximalismus der Menschlichkeit gegen das Verhungernlassen und das Krepieren im Krieg selten etwas einzuwenden haben. Was lebendig ist stirbt. Was nicht lebendig ist, stirbt nicht. Ausgerechnet diese abscheulichen Wesen am Rand der Legalität, zwischen belebter und und unbelebter Natur, die Viren, sollen jetzt jegliche Maßnahme rechtfertigen, die angeblich vor dem Tode bewahrt? Es wird in diesem Zusammenhang nur sehr selten darauf hingewiesen, dass es eine Lüge ist, dass das Virus alle gleich träfe. Es macht einen großen, realen Unterschied ob man auf einer Yacht im Pazifik abwarten kann, bis das Virus verschwunden ist – sterben kann es ja nicht, weil es nicht lebt – oder als Bewohner einer Favela in Rio kein sauberes Trinkwasser hat, erst recht kein Spülklo mit geordneter Entsorgung und keinen Wasserhahn um sich mehrmals täglich für die Dauer des Liedes „Happy Birthday to You“ (alle Strophen!) die Hände zu waschen. Man hört aber nicht auf, die alte Erzählung zu bemühen, Seuchen träfen alle gleich. Ist es nicht sehr verräterisch, wenn Herrschende, Regierende, Reiche und Superreiche uns vorgaukeln, jedes Leben zähle gleich?
Jedes Leben ist gleich? Sie werden in der sozialen Wirklichkeit extrem ungleich behandelt: Der eine kann sich hinter seine vier Wände mit Küche, Bad, WC zurückziehen, die andere kann sich weder regelmäßig die Hände waschen, noch Abstand halten. Ausgerechnet der amtlich verordnete Mundschutz macht alle gleich, schützt Alte und Junge, Reiche und Arme gleichermaßen? Was alle wirklich gleich machen könnte – genug zu essen und ein wärmendes, persönliches Rückzugsgebiet ohne erzwungene Nähe, man nennt es auch menschenwürdiges Wohnen, ist sicher kein Anliegen der Regierenden oder der Herrschenden. Ein MNS im Gesicht aller Zweibeiner wird die Gleichheit im Leben und im Tod nicht herstellen. Heute wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben die Aussage entgegengeschleudert: Wer nicht bereit ist, mit Hilfe eines MNS alle gleichermaßen gesichtslos zu machen, der ist ein Nazi. Kann es sein, dass ich bisher Gleichschritt, Fügsamkeit, Einordnung völlig falsch verstanden habe? Die neue individuelle Unter- oder Einordnung: Wir alle… ernähren uns gesund, achten auf unser Gewicht, tragen Lappen im Gesicht und schützen andere. Ist das wirklich die neue, die normale, die normierende Regel, die aus allen Menschen gleiche macht?

Handlungsperspektiven zwischen Resignation und Hoffnung

Es hat den Anschein, dass manche sich links nennende Menschen eine beliebte und weit verbreitete Aussage falsch verstanden haben: “ Jeder nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Gleichheit ließe sich sehr einfach herstellen, so lange man dabei nicht der Vorstellung erliegt, alle würden dabei gleichermaßen unsterblich. So manche vorgestellte, erhoffte Gleichheit ist keine Hoffnung, sondern eine Drohung. „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.“ Dies wird im gegenwärtigen Fall einer viralen Bedrohung offensichtlich.
Könnten wir nicht nach Jahrtausenden Menscheitsgeschichte endlich zu der Einsicht kommen, dass satte Menschen, die im Winter im Warmen sitzen und genug Stoffe haben, die ihnen gelegentliche Weltfluchten ermöglichen – ersatzweise Drehen bis zur Trance in der Manier der Derwische – relativ friedlich wären? Respektvoll im Umgang mit ihren Nachbarn und allen, die anderen keine Grenzen aufzeigen können wie z. B. geistig oder körperlich eingeschränkten Menschen, zuwendungsbedürftigen Kindern oder hinfälligen, dementen Hochbetagten? Das alles ohne dass die menschlichen Exemplare jedes für sich „besser“ werden müssten. Dieses nämlich ist das Ziel der Moralprediger. Nicht ein ethisches Verhalten, das sich daran orientiert, ob man sich selbst noch im Spiegel sehen kann, wie es eine weit verbreitete Redewendung formuliert. Moral ist das, was andere als Regel ins Spiel bringen. Und so wie die Dinge liegen, sind die Herrschenden, die Arbeitgeber, die Prediger. Gelegentliche Entgleisungen mancher menschlicher Exemplare wird man nicht ausschalten können. Muss man sich deshalb an ihnen rächen, oder genügt das Herstellen von Sicherheit für die anderen?