Wir und die Sachsen

Was wären wir ohne die sächsischen Kurfürsten?
Ohne unser Meißner, die starken Auguste und die Semperoper und last but not least die Tabakwarenfabrik Yenidze.1906 hatten die Sachsen halt noch ein entspannteres Verhältnis zum Orient.
Erkannt? Geht ganz leicht vom »uns« zum »die«.

Bemühen wir mal, was für heutige Verhältnisse schon eine ganz schöne Herausforderung ist, die Geschichte seit 1989 – immerhin ein nahezu mythischer Zeitraum von 30 Jahren. 30!!! Man stelle sich das vor. Eine kleine Geschichte des Nationalismus.

Sie waren uns doch so ans Herz gewachsen, die Gestalten, die uns am Kontrollpunkt Lobenstein begrüßten: »Gudn Dooch. Gänsefleisch maan Gofferraum offmachn?« Sachsen halt. Wir wussten nicht so recht, ob sie für den Grenzdienst abgestellt worden waren, weil sie Sachsen waren und, wie man an Walter Ulbricht erkennen konnte, die Seele der DDR repräsentierten. DDR und Sachsen, das war – zumindest für Berlinfahrer aus dem Süden der BRD – eins. Was links  oder rechts der A9 lag oder gar östlich oder nördlich des Berliner Rings wussten wir nicht so recht. So richtig interessieren einen Brüder und Schwestern auch nicht, wenn sie falsch geheiratet haben. Deshalb waren wir auch so überrascht: Nur 8 Jahre nach den ersten Montagsdemos, von denen wir nichts mitbekommen hatten, klopften die Leute aus dem Land der Frühaufsteher an unsere Tür und begehrten Einlass.

Die waren doch noch nie Deutsche. Erstens sprachen sie genauso wenig Deutsch wie Oberbayern oder Ostfriesen und zweitens hatten sie sich unter Führung eines bärtigen Stammesbruders auf Abwege begeben. Drittens überfluteten sie nach Öffnung der Mauer die grenznahen Orte. Ihre Trabbis verstopften die Straßen unserer idyllischen Städtchen und binnen kürzester Zeit war im Mediamarkt die Unterhaltungselektronik ausverkauft. Da sieht man doch, was passiert, wenn man Zäune niederreißt!

Kaum hatten sie sich 1990 unter unserer Aufsicht auf den rechten Weg gemacht, entdeckten wir unser gemeinsames kulturelles Erbe. Millionen deutsche Markstücke, später EUROstücke, fanden ihren Weg in Sammelbüchsen für die Wiederherstellung unserer Kulturgüter. So schnell kann´s gehen. Binnen weniger Jahre waren die Gemäuer des zerbombten Elbflorenz wieder aufgebaut. Was die Sachsen seit 1949 nicht geschafft hatten – innerhalb weniger Jahre war das Erbe einer Reihe von Auguste wiederhergestellt, die über Jahrhunderte das Land regiert hatten. Vergessen sind alle Sachsenkriege seit Karl dem Großen – sie gehören wieder zu uns!

Schlagartig änderte sich das mit der Landtagswahl 2014 mit 9,7 % für die AfD, 2017 bei der Bundestagswahl 2017  25,4 % für die AfD in Sachsen! Das anständige Deutschland erkannte seinen nationalistischen Fehler: Die Sachsen hätten wir nicht hereinlassen dürfen. Hotelübernachtungen im Erzgebirge wurden storniert, der Absatz von Nussknackern stockte und selbst das Interesse an den Bauwerken der Auguste sank. Da war sie wieder  – die Politik, die von WIR gegen DIE sprach. Am liebsten würden WIR – das ANSTÄNDIGE Deutschland – sie aus der Nation wieder entlassen. Trotz unserer Frauenkirche und unseres Meißner Porzellans.

Nationalismus halt.

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