Macht und ihr Gebrauch

Das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verweist auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Macht. Macht beinhaltet das Vermögen, die Fähigkeit zu einem bestimmten Handeln1 . Macht ist eine Eigenschaft, die Individuen in unterschiedlichem Maß , aus unterschiedlichen Gründen, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bezügen zukommt. Sie kann aus begründetem Vertrauen genauso entstehen wie durch die Androhung von Gewalt. Nicht allein menschliche Individuen, sondern auch höher entwickelte Tiere kennen in ihren Verbänden eine Rangordnung, die sich z. B. in einem privilegiertem Zugriff auf die zur Verfügung stehende Nahrung oder in einer privilegierten Wahl der Sexualpartnerinnen unter den weiblichen Gattungsangehörigen zeigt.
Auch der Mensch, der sich selbst gerne als eine über anderen stehende Gattung ansieht, neigt zu machtgeprägten Formen des Zusammenlebens, die auf unterschiedliche Weise etabliert, begründet und gerechtfertigt werden.
Die Art und Weise wie und in welchem Umfang Menschen Macht anerkennen und die Regeln, die für ihre Berechtigung gelten sind historischem Wandel unterworfen. Da seit Menschengedenken zeitlich nebeneinander unterschiedliche Formen der Machtausübung bestehen, halte ich es für falsch einen geschichtlichen Fortschritt anzunehmen, der als Tendenz zu wachsender individueller Freiheit bezeichnet werden könnte. Alle Mächtigen mussten und müssen dessen gewärtig sein, dass ihnen bei einer zufälligen Gelegenheit andere begegnen und möglicherweise entgegentreten, die willens und fähig sind, ihrer Macht Grenzen zu setzen. Seit Jahrtausenden gibt es Regeln, die für das unablässige Ringen zwischen Macht Ausübenden und scheinbar Machtlosen gelten. Nicht alle Machtlosen lassen sich von Mächtigen auf Dauer die jeweiligen praktischen Ausprägungen ihrer Machtausübung gefallen. Von Zeit zu Zeit rotten sie sich zusammen, äußern ihren Unmut und – wenn das nicht hilft – greifen sie nötigenfalls zur Gewalt gegenüber den Machthabern. Damit ist nicht notwendigerweise verbunden, dass die neuen Machthaber dauerhaft als besser empfunden werden als die alten.
Anlass für meine Überlegungen sind Praktiken der politisch-gesellschaftlichen Machtausübung, die im Rahmen der gegenwärtigen Bedrohung durch eine infektiöse Erkrankung fast überall auf der Erde um sich greifen. Ob sich die von einer nicht öffentlich tagenden Konferenz (Videoschalte) erlassenen Maßnahmen von Bundesregierung und Ministerpräsidenten in Sachen Pandemie wesentlich von den Erlassen Wilhelms I. unterscheiden? Was die Möglichkeiten der Kontrolle anbelangt sicher nicht wesentlich anders entstanden als Erlasse Ludwigs XIV., Kaiser Wilhelm I.. Die reale gesellschaftliche Qualität der Machtausübung ist weniger von rechtlichen Festlegungen geprägt als von Öffentlichkeit und den Einflussmöglichkeiten bestimmter Kreise. Ob sich Lobbyismus außer in historischer Perspektive von den Möglichkeiten des Antichambrierens bei unserm guten Kaiser Franz unterscheiden lässt?

Demokratie und Obrigkeit
“ Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott.“ ist ein Satz aus den Schriften des Neuen Testaments2, der vor allem von denjenigen geschätzt wird, die sich von den Mächtigen Bevorzugung erhoffen. Was dabei gerne außer Acht gelassen wird: Die heiligen Schriften der monotheistischen Religionen verbinden mit diesem Anspruch auf Folgsamkeit Regeln, an die sich alle zu halten haben, auch die Obrigkeit. Neben der geforderten Fügsamkeit stehen göttliche Aufträge an die Obrigkeit: Jegliche Obrigkeit, erst recht eine demokratisch legitimierte, hat die Aufgaben zu erfüllen, die aus ihrer Rolle im gesellschaftlichen Gefüge erwachsen. Sie hat gegenüber Hilfsbedürftigen fürsorglich zu handeln. Sie muss Bedrohungen sachkundig und beherzt entgegentreten, das tun, wozu eine höhere Macht – aus moderner Sicht ist es die Bevölkerung – sie berufen hat. Sie hat die für allgemein gehaltenen Normen durchzusetzen. Sie muss gültiges Recht setzen und Missetäter einer gerechten Strafe zuzuführen. Auch eine demokratisch gewählte Obrigkeit ist daran gebunden. Nur göttliche Fügung kann ihren Wahlerfolg herbeigeführt haben.
Idealistisches Denken konstruiert sich als Gegenpol zur Macht gerne eine demokratische Bürgerschaft, die umfassend informiert ist, ihre Arbeit verrichtet, engagiert ihre Forderungen vertritt und vernünftige Wahlentscheidungen trifft, sozusagen Bürgerinnen mit Abitur.
So sind sie aber nicht, die Menschen. Der gerne zitierte moralische Imperativ des Immanuel Kant beschreibt nicht die Möglichkeit aller Menschen, sich mit Hilfe ihrer Vernunft selbst Grenzen zu setzen, sondern eine Hoffnung. Menschen sind bedauerlicherweise nicht vollkommen. Nicht allein Männer nicht, wie der beliebte feministische Spruch sagt: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur“ sagt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Spezies Mensch nur eine der vielen Spielarten des Lebendigen ist, die unter veränderten Bedingungen weniger werden oder sogar wieder völlig verschwinden. Real gibt es keine Obrigkeit, die auch nur annähernd so perfekt wäre, wie sie sich die Untertanen erträumen oder erhoffen. Sie besteht nämlich aus Menschen, die sich von ihren Untertanen nicht wesentlich unterscheiden. Sonst würden sie nicht gewählt, oder? Auch die beratenden Experten und Wissenschaftler sind Menschen – nicht besser und nicht schlechter als die bunte Mischung der Untertanen, bestehend aus Wirtschaftsbossen, Müllmännern und Oberlehrern. Jeder von ihnen schließt aus den beschränkten Erfahrungen seines eigenen Wirkungsbereichs auf die Welt. Besseres und Klügeres können Menschen nicht. Was sie unterscheidet: das Ausmaß ihrer Macht.

Anarchie?
Nur wenige Menschen träumen von einer machtfreien zukünftigen Gesellschaft in der alle Menschen gleich mächtig sind und das Beherrschen anderer nicht mehr gebräuchlich ist.  Anarchie, ein gesellschaftlicher Zustand ohne Machtausübung, wäre möglich, hätten alle Menschen täglich rund um die Uhr   die Fähigkeit  vernunftgeleitet allein sich selbst  zu beherrschen oder die ebenfalls übermenschliche Fähigkeit,  sich in andere so einzufühlen, dass sie ihrem Gegenüber nicht einmal aus Versehen etwas überstülpen, das bei ihm Unbehagen verursachen könnte.  Ob das als Vorteil anzusehen wäre, als ganz besonders menschlich, sei hier dahingestellt. Im Unterschied zu  anarchistischen Attentätern des 19. und 20. Jahrhunderts halten die meisten Anarchisten es nicht mehr für sinnvoll die  Träger von Macht demonstrativ zu erschießen.
Menschen sind auch bisher nicht die Krone der Schöpfung für die sich manche halten und ganz sicher auch nicht die Übermenschen, die sich Transhumanisten vorstellen. Es mag sie eines Tages geben. Wahrscheinlich werden die neuen Menschen in diesem besonderen Fall den Zeitraum der äffischen Vorgeschichte bis ins dritte Jahrtausend nach Christus reichen lassen und Wesen deren Hirn mit einem Chip verbunden ist, werden zum menschlichen Normalfall. Wie deren Gellschaften aussehen könnten? Vielleicht brauchen sie gar keine mehr, weil sich jeder Einzelne dank seiner überragenden Fähigkeiten gewalt- und machtlos selbststeuernd alles verschaffen kann, was er braucht. 
Wir wissen es nicht. Genau genommen, wissen wir nicht einmal wie lange das Brot reicht,das im Kasten liegt. Nur diejenigen, die keines haben, wissen zuverlässig, dass es nicht reicht. 
Montage aus eigenen Fotos, geknipst im Neanderthal-Museum

Das politische Dilemma der Obrigkeiten zu Zeiten der Pandemie
Aus Gründen, die ich bisher nicht kenne, hat man sich entschlossen, die notwendige Zustimmung oder Fügsamkeit der Untertanen mit Hilfe zweier altbekannter, wirksamer Strategien herzustellen: 1. der Erzeugung von Angst vor einer angeblich nie dagewesenen tödlichen Bedrohung 2. der Verbreitung inhaltsleerer Propaganda, die folgsame Bürger zu Helden des Alltags stilisiert. Wer das Ausmaß der Bedrohung bezweifelt und sich zutraut, über seinen Schutzbedarf selbst zu entscheiden, der wird, leider mit Zustimmung führender Köpfe der Opposition, von der Obrigkeit und ihren Helden zum Feind unserer Demokratie erklärt.
Diese Charakterisierung könnte schneller als gedacht auf die Obrigkeit selbst zurückschlagen, sollte eine wachsende Zahl von Menschen den Eindruck gewinnen, dass die Obrigkeit und ihre Weisen nicht weniger im Nebel stochern als ihre Untertanen. Sie könnten nämlich daraus den Schluss ziehen, dass die Obrigkeit einfach ihren Job nicht richtig macht. Schließlich hat man sie gewählt in Vertrauen darauf, dass sie alles besser wissen und können als ihre Untertanen.
Die Widersprüchlichkeit der enorm detaillierten Maßnahmen der Gesundheitsbehörden könnte in nicht allzu ferner Zukunft zum Anlass werden, an den Verstandeskräften der Obrigkeit zu zweifeln. Es ist nicht plausibel, dass infektiös wirksame Kontakte seltener werden, wenn die Bewohner von A nach B fahren dürfen, aber nicht die Bewohner von B nach A. Die Wirksamkeit von Ausgangssperren wird dadurch nicht verständlicher, dass Menschen in proppevollen öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit fahren dürfen, bei der Arbeit manchmal einen MNS tragen sollen, sich aber nicht zu viert als Nachbarn aus 4 Haushalten zum Kartenspiel zusammensetzen dürfen, nicht einmal mit FFP2-Masken, die in Bayern ab dem kommenden Montag in öffentlichen Verkehrsmitteln vorgeschrieben sind. Bewohner unseres Landes fragen sich inzwischen, ob die Einnahmen aus den relativ hohen Geldstrafen für Maßnahmeverstöße nicht hauptsächlich den Zweck haben, den angehäuften Passiva der Staatsbilanz ein paar Einnahmen entgegenzustellen. Es könnte ein Zeitpunkt kommen, an dem ein großer Teil der Bevölkerung sich als belogen, verraten, verarscht und verkauft vorkommt und sich gegen die Obrigkeit wendet. Das Entstehen eines solchen Gefühls der an der kurzen Leine gehaltenen Menschen bedarf keiner besonderen Theorie betreffend die hinter den Maßnahmen stehenden Absichten der Machthaber 3.
Wer auf die Manipulation von Gefühlen als Machtinstrument setzt, riskiert immer deren Umschlag in schwer kalkulierbare andere Gefühle. Enttäuschte Hoffnung wandelt sich manchmal erstaunlich schnell in großen Ärger über den oder die Verursacher dieser Enttäuschung. Es könnte für die Obrigkeiten schwierig werden, den 5. verschärften Lockdown zur Vermeidung der 5. Welle durchzusetzen, wenn die Wellen im Herbst 2021 einfach nicht aufhören, wie das bei den alljährlichen im Winter auftretenden Infektionen der Atemwege der Fall ist. Diese sind nämlich bisher trotz Impfungen nicht verschwunden. Warum sollte sich daran etwas ändern?
Nicht einmal den Anschein der Existenz eines Plan B gibt es für einen gesichtswahrenden Ausstieg aus der Luftnummer, auf die sich weltweit die Obrigkeiten im Rahmen mehrerer Planspiele vorbereitet haben.4 Trotz aller Planspiele bleibt unkalkulierbar ob, wenn ja wann, die Stimmung der auf vielfältige Art Geschundenen umschlägt in Gewalt. Eine Gewalt die entweder mit Mitteln einer reaktionären Diktatur unterdrückt werden kann oder eine neue, möglicherweise nichtkapitalistische gesellschaftliche Alternative erzwingt. Die Lage ist offen.

  1. DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, <https://www.dwds.de/&gt;, abgerufen am 11.01.2021.
  2. Römerbrief des Paulus 13:1
  3. Gemeinhin von den Fügsamen `Verschwörungstheorie´genannt
  4. Vortrag von Paul Schreyer, https://www.youtube.com/watch?v=SSnJhHOU_28