Werte

Für Verbreitung und Durchsetzung von Werten sind Menschen zu jeder Sauerei bereit: Kriege, Scheiterhaufen und systematische Ausrottung ganzer Völker.  Leider  muss man dabei die sogenannten Religionskritiker einschließen.

Den Moralisten reicht es einfach nicht, sich um ausreichend Essen und schützende Behausung  für alle zu kümmern. Deshalb sind sie so gefährlich.

Advertisements

Unerklärlich?

Sobald die Argumente ausgehen, kommt die Moral. Diese Art der Urteilsbildung ist unabhängig vom politischen Ort der Anwendenden.  Es gibt keine Interessen mehr, nur noch Gute und Böse, noch besser: Liebe und Böse. Es lebe der Gemeinplatz. Endlich darf man bar jeder Begründung heute die LINKE wählen, morgen AfD und übermorgen SPD. Um Politik im Sinne von „Ich will die Zustände in denen ich lebe in meinem Sinn verändern.“ geht´s da gar nicht.

„Du Moralapostel, du!“

Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d5/Heilbronn_1945_US_Army-2.jpg

Heute hat sich wieder einmal ein Soldat darüber beklagt, dass wir Friedensfreunde seine Bereitschaft zu unserem Schutz zu töten, nicht angemessen würdigen.

Es gibt zwar einen Unterschied zwischen Moral und Vernunft, groß ist er aber nicht. Die Moral vergangener Zeiten kommt uns oft als ziemlich „böse“, unmenschlich vor. Aber doch nur deshalb, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse zunächst sehr, sehr langsam wuchsen. Menschen wurden getötet, weil man sie dafür verantwortlich machte, dass es nicht regnete.  Oder sie wurden getötet um durch das Opfer den Regengott günstig zu stimmen. Das lag doch nicht an einer längst überwundenen unmenschlichen Moral, sondern daran, dass man gemeint hat, dass es hilft!

Immer wieder werden Menschen, die sich vernünftige Gedanken um friedliche Konfliktlösungen machen als „Moralapostel“ bezeichnet. Worauf beziehen sich eigentlich diejenigen, die meinen, man schaffe Frieden durch Gewalt? Die haben doch selbst auch eine Moral. Nur eine andersartige. Sie nehmen an, dass man die Moral mit dem Gewehr verteidigen kann bzw. sogar muss. Dabei gefällt es den jeweiligen Oberbefehlshabern gar nicht, wenn man man einen Gegensatz zwischen Moral und Kriegführung konstruiert! Man braucht zum Kriegführen doch eine Legitimation. In der Öffentlichkeit versucht die NATO das Bild zu pflegen, sie kämpfe um Demokratie, Menschenrechte, für die Freiheit gegen Tyrannen und Einparteiendiktatur …, blindwütige, gewaltbereite Terroristen. Gelegentlich jedoch kommen Papiere aus Beratungsgremien  an die Öffentlichkeit, Stellungnahmen von Beratern, Think Tanks, die einen vermuten lassen, es ginge doch eher um Energievorräte und seltene Erden. Leute wie ich nehmen die NATO-Verlautbarungen zur Kenntnis und glauben sie nicht unbesehen. Es gibt dafür einen guten Grund: In und nach Kriegen geht es den Menschen kriegführender Länder nicht besser, sondern  schlechter als zuvor. Unter den Bedingungen eines Krieges nehmen  Demokratie und Menschenrechte nicht zu, sondern sie leiden darunter, wenn sie nicht sogar völlig vernichtet werden. Heimkehrende Kriegstraumatisierte mögen sich darüber freuen, wieder zuhause bei Frau und Kind zu sein. Leider geben sie ihrer Freude häufig dadurch Ausdruck, dass sie die gewohnte Gewalt gegenüber Frauen und Kindern weiterführen. Geht es dann denjenigen besser, die in der Fremde  verteidigt wurden?

Bei der Auseinandersetzung um Krieg und Frieden geht es nicht um Moral. Es geht um Vernunft. Ob ich persönlich darauf hoffe, dass es der Menschheit gelingt, Kriege zu beenden, daran glaube, dass sie dazu fähig ist, das ist für den gesellschaftlichen Konflikt um Krieg und Frieden ziemlich bedeutungslos. Dem Menschen ist  ein  am Überleben des Kollektivs orientiertes Sozialverhalten leider nicht angeboren wie den Waldameisen. Der homo sapiens sapiens muss es mit Vernunft versuchen.

Der moralische Verbraucher

– eine Polemik

„Zutaten: fair gehandelter brauner Bio-Rohrzucker, Bio-Dinkel-Vollkornmehl, Möhren vom Öko-Bauern um die Ecke, Bio-Eier … . “ Wenn man sich schon Süßes gönnt, muss es wenigstens moralisch vertretbar sein. Bio und – wenn schon aus dem globalen Süden importiert – dann zumindest „fair“ gehandelt.

Ähnliches gilt für T-Shirts  und Jeans oder umweltfreundliche Waschmittel und vor allem für mindestens vegetarisches, am besten veganes Essen. R. H., der in den vergangenen Jahren eine Produzenten/Konsumenten-Genossenschaft auf der Grundlage erneuerbarer Energien mit auf die Beine gestellt hat, bekäme bei den Klimarettern auf facebook kein Bein auf die Erde: Er holt sich für die Pause immer noch das landesübliche Leberkäs-Brötchen. Seine Verdammnis ist gewiss!

Der politisch korrekte Verbraucher ( PCC)  ist die gegenwärtige, laizistische Version des Puritaners. Allerdings nicht unter Wahrung der übrigen Grundsätze der „Amish“, wie Verzicht auf Maschinen, die Strom oder Primärenergieträger nutzen. Da inzwischen die Waren für den Bedarf des PCC zumindest in größeren zentralen Orten auch in 1000 – m² – Märkten zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, kann man auf der Grundlage moderner Logistik  die Notwendigkeit eigene Arbeit aufzuwenden in Grenzen halten.  Das hauptsächlich unterscheidet den PCC von den Generationen gläubiger Menschen, die sich konsequent der Aufforderung des AT beugten und beugen: “ Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ (Genesis, 3:19 ). So gelingt es den aktuell vorhandenen Menschen der entwickelten Länder höheren Moralansprüchen zu genügen, ohne sich deshalb körperlich verausgaben zu müssen, weder im eigenen Garten, noch beim Kneten von Brotteig. Auf lieb gewordene Gewohnheiten wie das Übergießen der Spaghetti mit einer schnell aufgewärmten  Soße aus dem Glas muss man nicht verzichten, die ist nämlich auch vegan erhältlich.

Der Aspekt der „sozialen Distinktion“ in allen Formen des Verbraucherverhaltens sei hier eingangs nur benannt. Es geht mir um eine bisher nicht oder nur sehr selten beleuchtete Seite eines neuerdings wieder in Mode gekommenen moralischen Rigorismus: Moralisch legitimiertes Konsumverhalten erspart einem die politische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtig herrschenden System der Ausbeutung von Mensch und Natur. Endlich ist es uns vergönnt – zumindest denjenigen, deren Einkommen über der Armutsgrenze liegt – gut zu sein, ohne die Mühen der Widerborstigkeit auf uns nehmen zu müssen. Alles wird gut, wenn wir täglich darauf achten, dass wir unsere veganen Würstchen gewandet in Biobaumwolle am Massivholztisch zu uns nehmen,  für die Winterkleidung den lieben Schäfchen ihre Wolle nicht wegnehmen und auch keinen toten Tieren das Leder für die Schuhe. Es ist faszinierend, wie viele vegane Ersatzstoffe der „alternative Markt“ inzwischen zur Verfügung stellt. Ich weiß nicht, was passierte, setzte sich die Erkenntnis einer verstorbenen Tante durch, dass auch die Halme schreien, wenn man sie schneidet. Wie macht man aus Fallobst Schuhe?

Erschwingliche „Bio“-Güter gibt es leider nur auf der Grundlage zumindest mechanisierter, teilweise auch industrieller Landwirtschaft. Mit Sätuch, Sichel oder Sense sind die Mengen an Dinkel nicht zu erzeugen, die Dennree zu tragbaren Preisen auf den Markt wirft.

Die Bereitschaft, für das T-Shirt einen höheren Preis zu zahlen, führt nicht zu einer besseren Entlohnung der Produzentinnen, sondern nur zu höheren Profiten der Anbieter, die auf dem Markt der Distinktion die Nase vorn haben.

Kein einziger Kleinbauer oder nomadischer Viehzüchter am Rand der sich ausbreitenden ariden Zonen Afrikas bekommt einen Brotfladen mehr, weil ich  darauf warte, dass die freigelassenen Kühe von Bauer Maier nebenan von selbst verenden, statt ihre Milch für meine Ernährung zu nutzen. Dass die afrikanischen Rosen, die ich einkaufe, fair gehandelt sind ist keine Entschuldigung: Fläche und Wasser werden vertan, die  für  Hirse gebraucht würden.

Der moralische Antrieb und die mit ihm verbundene rege Missionstätigkeit der Esserinnen und Esser veganer Leberwurst und der fair handelnden T-Shirt-Trägerinnen hat vor allem zwei unmittelbare Wirkungen:

  • PCCs können sich als die moralisch Überlegenen darstellen. Das tut ihnen gut.
  • Der moralische Verbraucher glaubt, durch seine Kaufentscheidung tatsächlich die Qualität der Warenproduktion beeinflussen zu können. Er ist es, der angeblich über seine Kaufentscheidung  Unternehmen dazu zwingt, Sweatshops in Bangladesh stillzulegen und auf Schadstoffe in der Landwirtschaft zu verzichten. Dabei bestätigt genau dies die neoliberale Ideologie. Es ist nämlich genau diese Ideologie, die   die Kaufentscheidungen der mündigen Verbraucher als quasi demokratische Einflussnahme auf die Warenproduktion bejubelt.

PCCs entbinden sich selbst – und befreien dadurch auch die Gesellschaft – von der Notwendigkeit gemeinsam,  von demokratischer Meinungs- und Willensbildung zu grundlegenden Fragen:  Wie, wofür, für wen wollen wir welche Güter bereitstellen?  Darüber wird nicht gemeinsam gesellschaftlich entschieden sondern in der individuell moralisch legitimierten Konsumtion.

Der nachhaltige Erhalt lebenswichtiger Stoffkreisläufe wird   nicht dadurch gesichert, dass ein neues Marktsegment die moralischen Bedürfnisse höherer Einkommensschichten befriedigt. Der PCC fügt sich reibungslos ein in die marktvermittelte Steuerung  der Ausbeutung von Mensch und Natur. Er ist nicht einmal Sand in diesem Getriebe.Der in einen Konsumstil verwandelte Protest ist das postmoderne Erbe einer quasireligiös motivierten Fügsamkeit, die gesellschaftliche Konflikte um die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen nicht aufgreift, austrägt und demokratisch entscheidet. Der moralische Verbraucher trachtet danach, die Welt zu verbessern durch die Hebung der Moral der Einzelnen. Die Heilsarmee lässt grüßen.Einen kleinen Unterschied gibt es: Wein,  Bier und Zigaretten sind erlaubt, solange ein BIO-Sechseck das Etikett ziert.

Im Alltag entscheide ich mich oft für Bio-Produkte.Sie schmecken besser.