Jean Ziegler, Ändere die Welt

Untertitel:  Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen

Die Lektüre hat mich sehr nachdenklich gemacht. Eine materialistische, dialektische Weltsicht bewahrt nicht automatisch vor Eurozentrismus. Der herrschende Begriff von   „Entwicklung“  richtet sich gegen große Teile der Menschheit.

Jean Ziegler räumt gründlich auf mit der Technik- und Wachstumsgläubigkeit, dem Glauben an die Unerschöpflichkeit der Ressourcen und die Grenzenlosigkeit technischer Möglichkeiten, der nicht nur unter den Profiteuren des Kapitalismus weit verbreitet ist, sondern auch unter Marxisten.

Entdeckt habe ich, dass es in meinen Kenntnissen soziologischer Literatur eine ganz großes schwarzes Loch gibt: die anthropologische Schule. Da werde ich mich mal kundig machen müssen.

Ein Muss für alle, die es ärgert, dass immer mehr Menschen hungern. Es liegt eine Perversion darin, dass ein Teil der Welt Reichtum schöpft aus der fortgesetzten Erfindung neuer Bedarfe, statt sich um die Bedürfnisse aller Menschen zu kümmern. Ob „Entwicklung“ (s. o.) darauf die richtige Antwort ist, bleibt zu hinterfragen. Was für eine Entwicklung? Die Überwindung des Kapitalismus ist  eine notwendige, aber leider keine hinreichende Bedingung für ein dauerhaft tragfähiges Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

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Hungerwanderungen

„Ich kann meine Kinder nicht mehr ernähren“, zitiert der Autor eines dpa-Artikels in meiner Lokalzeitung einen der Menschen, die hierzulande gerne als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden. Schon die vermutlich von der örtlichen Redaktion gesetzte Überschrift „An einem Tag 800 Asylbewerber aus dem Kosovo“ verdiente es, medienkritisch gewürdigt zu werden. Die Aussage bezieht sich selbstverständlich nicht auf das örtliche Erstaufnahmelager, sondern auf die Zahl derer, die in einem ungarischen Dorf an der serbischen Grenze ankommen und ist geeignet fremdenfeindliches Ressentiment zu schüren. Mein heutiger Leserbrief dazu geht weiter wie folgt:

„Dank des emsigen Forschens von Paläoanthropologinnen, Archäologinnen und Historikerinnen wissen wir, dass der Homo Sapiens wie andere Tierarten dazu neigt, sich über lange Strecken zu bewegen, wenn es da, wo er lebt, nicht mehr genug zu essen gibt. Weder den Römern noch den Chinesen haben Zäune und Mauern gegen diese Wanderungen viel geholfen. Auch Israel und den USA werden Mauern und Zäune auf Dauer wenig nützen.

Neu ist nur, dass es der „Homo zu wenig sapiens“ seit den Anfängen kapitalistischen Wirtschaftens geschafft hat, die Ursachen des Hungers selbst zu erzeugen. Das gelingt durch Befriedungsmaßnahmen, Durchsetzung unserer Form der Demokratie mit militärischen Mitteln und durch Landraub. Mit Frieden und Demokratie wurden u. a. Kosovaren, Afghanen, Iraker, Libyer … beglückt. Landraub durch Agrarkonzerne entzieht nicht nur den Bauern in Asien, Afrika und Lateinamerika ihre Lebensgrundlage aus dem Getreide- und Gemüseanbau, sondern auch denen in Mecklenburg-Vorpommern oder der Mark Brandenburg. Man will uns glauben machen, dass wir kein Brot brauchen, sondern nachwachsende Energie und Rohstoffe, im Winter billige Rosen und Erdbeeren, Fleisch und Fleischersatz, Gummi für Autoreifen und Baumwolle für Hemden und Hosen. Keine Veganerin sollte jedoch glauben, dass sie durch den Genuss fleischloser Dosenwürstchen diesem Tun Schranken setzt! Rudolph Steiner, gest. 1925, ist definitiv mit der Vorstellung gescheitert, dass die Welt ein wohnlicherer Ort werde durch das Stricken und Tragen von Wollsocken und das Malen mit pflanzengefärbten Bienenwachskreiden auf handgeschöpftem Papier. Dabei haben seine geistigen Nachfahren überall auf der Welt Schulen ohne rechte Winkel gebaut, durch die Waldorfer Weisheit weht, von Windhoek bis Wernstein.

Ist es unverständlich, dass die hungernden Menschen dorthin gehen wollen, wo die Früchte ihrer Arbeit landen? Dass sie Europa für das Land Kanaan halten, ganz besonders Deutschland? Überall sind deutsche Schiffe unterwegs, mit geliehenem Geld gekauft von griechischen Reedern, weitestgehend von Steuern befreit, unter liberianischer Flagge mit einer philippinischen Besatzung. Wer etwas auf sich hält, leiht sich ein bisschen was, um von HochTief am Amazonas und in Athen Stadien bauen zu lassen. Weltweit verkaufen deutsche Chemiegiganten Nitrophoska und Pestizide an Bauern, die mit traditionellen Methoden von einem Fleckchen Erde ihre Familie ernähren konnten.

Ob sich die Vernunft des Homo Sapiens durchsetzt gegen den Schwachsinn derer, die vorgeblich im Besitz wirtschaftlicher Weisheit sind und als Lakaien der Herrschenden vorhandene Alternativen nicht zur Kenntnis nehmen? Derzeit hungern 805 Mio. Menschen. Sie hungern nicht, weil die Erde nicht genug hervorbringt. Sie hungern nicht, weil sie zu dumm oder zu faul sind zum Säen und zum Ernten, wie Rassisten und Nationalisten behaupten. Sie hungern, weil sich das oberste Prozent der Bevölkerung der Industriestaaten das Recht nimmt, sich an Kaviar satt zu essen statt an Brot. Flüchtlingszelte gehörten eigentlich in die Gärten von Blankenese, auf die Kö, in den Hof des Sony-Centers, den Garten des Kanzleramtes und auf den Rasen vor dem Nato Hauptquartier in Brüssel. Das sind Orte, an denen zuhauf Verantwortliche für das Elend auf ihren Designer-Sesselchen sitzen.“