Velwechsern

Verschwindet wegen hoher und in Zukunft weiter zunehmender Komplexität der gegenwärtigen Gesellschaften, ihrer Güterproduktion und Verteilung die Möglichkeit der Unterscheidung politischer Richtungen unter Verwendung der etwa seit 250 Jahren dafür üblichen Wörter links und rechts?

Wir beobachten gegenwärtig zwei gegenläufige Prozesse. Es hat den Anschein, dass für den Einzelnen die ihn umgebende Welt vielschichtiger und verästelter wird, sich dem unmittelbaren Zugriff durch die individuelle Vernunft, den gesunden Menschenverstand, zunehmend entzieht. Dabei ist es eine empirisch nicht zu bestätigende Behauptung, dass die Analphabeten zu Zeiten der Aufklärung die Umstände ihres Lebens gedanklich besser und umfassender durchdringen konnten als der heutige, gewöhnliche Smartphone-Benutzer. Gleichzeitig bemühen sich Spezialisten für Kommunikation um einfache Sprache. Autoren, die zu langen Sätzen neigen, empfiehlt das Textverarbeitungsprogramm diese zu kürzen, Nebensätze zu vermeiden und nach Möglichkeit Sätze aneinanderzureihen, die möglichst frei von Wörtern sind, die Ursachen, Beziehungen, Folgen anzeigen. In dem von den bürgerlichen Demokraten des 18./19. Jahrhunderts erhofften Umfang gewirkt hat die Einführung der allgemeinen Schulpflicht um 1800 bisher nicht.

Die Unterscheidung von links und rechts beinhaltet folgende Aussagen:
1. Die von den Menschen insgesamt erarbeiteten Güter sind ungleich verteilt.
2. Dieses soll nicht sein.
3. Menschen verlangen Veränderung.
4. Sie schließen sich zusammen, um eine solche Veränderung herbeizuführen.

Wissenschaft führt im Galopp zu wahren Aussagen. Wirklich?
Dass Wörter, begründet durch historische Entwicklungen, ihre Bedeutung wechseln oder verlieren heißt nicht, dass die Realität verschwunden ist, auf die sie sich beziehen. Das muss im Einzelfall geprüft werden.
Es ist eine idealistische Konstruktion anzunehmen, dass Wörter und ihre Bedeutung quasi auf ewig Bestand haben. Hinter Wörtern stehen keine Begriffe, die sie dauerhaft, auf ewig, fassbaren Gegenständen zuordnen.
Beispiel: Dass athenische stimmberechtigte Bürger – folgend den Schätzungen von Historikern – pro Kopf 1-3 Sklaven ihr Eigentum nannten, verdeutlicht, dass das Wort Demokratie wie andere auch ein relatives ist – anders als es gegenwärtig die westliche Wertewelt behauptet. Nicht jeder war beim Scherbengericht stimmberechtigt. Nicht jeder Bewohner deutschen Territoriums ist wahlberechtigt, vor allem nicht die große Zahl der oft illegal hier lebenden Männer und Frauen, die bei mieser Bezahlung gefährliche, besonders anstrengende oder extrem eintönige Arbeit verrichten. Auch manche Straftäter haben auf Zeit nicht die gleichen bürgerlichen Rechte.
Für politisch gefährlich halte ich die gegenwärtig vorhandene Neigung, die Definitionsmacht hinsichtlich der Sprache der Ebene der Experten zuzuordnen. Der aktuelle Vorschlag des US-Bundesstaates Oregon, den Mathematikunterricht aus ideologischen Gründen auf neue Beine zu stellen um Menschen mit Rechenschwäche nicht zu diskriminieren könnte dazu führen, dass sich Benachteiligung durch das Bildungswesen verschärft statt mildert. Was lässt annehmen, dass diese Maßnahme zu einer allgemeinen Verbesserung der Rechenfähigkeit beiträgt? Nach meiner Beobachtung hat sich durch die Anerkennung der Krankheit Legasthenie die Zahl der Menschen nicht verringert, die die rechtschriftlichen Normen nicht einhalten. Auch in diesem Fall wurde die Macht der wirtschaftlich Starken zementiert, über den gesellschaftlichen Diskurs und damit auch die Richtigkeit der Wahrnehmung zu bestimmen, zu entscheiden was richtig und was falsch ist.
Nur wer das richtige Wort verwendet, befindet sich auf dem Stand der Wissenschaft. Das zeigt sich in auffälliger Weise in Zusammenhang mit der gegenwärtigen von der WHO als Pandemie bezeichneten, manchmal bedrohlich verlaufenden schweren Infektion der Atemwege.
Denn: Experte wird man vorrangig nicht durch herausragende wissenschaftliche Leistungen, die breit diskutiert und mit hoher Sicherheit als richtig anerkannt werden. Experten zeichnen sich aus durch ein hohes Maß an Willfährigkeit gegenüber den Mächtigen, den Herrschenden und Regierenden. Da muss man nicht einmal Korrumpierbarkeit unterstellen. Für viele Menschen, auch für Experten, reicht schon das wohlige Gefühl von Höherstehenden akzeptiert, umschwärmt, gebauchpinselt zu werden, um diesen nach dem Mund zu reden. Sie erwarten dafür nicht einmal finanzielle Privilegien. Auf diesem Weg wird Fachsprache zur Sprache der Herrschenden. Nicht allein das häufige Wiederholen einer Aussage führt zu der Annahme, diese sei richtig. Konforme, kritikunfähige Dumme, konstruieren im Regierungsauftrag die Rahmenbedingungen dessen, was sie anschließend als wissenschaftliche Wahrheit präsentieren.

Was kann gemeint sein, wenn gegenwärtig vorgeschlagen wird, die Unterscheidung rechts/links aufzugeben?
Bedarf es der Zusammenschlüsse (siehe Punkt 4 meines Definitionsversuchs) nicht mehr, weil niemand mehr Veränderung fordert?
Braucht man die Forderungen selbst nicht mehr, weil alles gut ist, so wie es ist?
Sind Menschen nicht bei Verstand, die einen gleichen Anteil fordern?
Ist die Welt mittlerweile so beschaffen, dass niemand mehr unter ungleicher Verteilung leidet? Hat die Menschheit gar dank der Expertise der modernen Wirtschaftswissenschaft einen Stand erreicht, der materielle Gleichheit gewährleistet?

Von einer gleichen Versorgung aller Menschen mit Wasser, Nahrung, Kleidung und Obdach sowie gleichen Rechten gesellschaftlicher Mitsprache kann real nirgendwo auf dieser Welt die Rede sein. Trotzdem wird die Behauptung in den Raum gestellt, die Unterscheidung von links und rechts sei nicht mehr nötig. Dabei stellt sich doch nach wie vor die Frage, welches Ausmaß realer gesellschaftlicher Ungleichheit aus welchen Gründen akzeptabel sein soll und welches Ausmaß der Bevormundung. Dann und nur dann könnte man auf die Unterscheidung zwischen links und rechts verzichten, die durch die Aussagen 1-4 beschrieben wird.

Spätestens an dieser Stelle muss Mensch sagen: „Hinter deinem Geschwätz versteckt sich eine Menschen verachtende Hinnahme von Durst, Hunger, Ausgeliefertsein an andere, mächtigere Menschen und die vorgefundenen, für Menschen evt. gefährlichen, industriell erzeugten Umweltbedingungen.“
Duldsamkeit gegenüber der Ungerechtigkeit und ihren manchmal verheerenden Folgen für die einzelnen Menschen setzt eine unterschiedliche Bewertung ihrer individuellen Eigenarten voraus. Das ist rechts.
Wer dieser Art von Duldsamkeit Schranken setzen will ist logischerweise links. Linkes Denken erwächst aus der Empörung über menschgemachte Ungerechtigkeit.

Angesichts des zur Zeit von den Regierenden vorgetäuschten Kampfes um jedes einzelne Leben, verweise ich in Zusammenhang mit realen gesundheitlichen Bedrohungslagen auf Beiträge von Werner Rügemer, unter anderem erschienen auf den `nachdenkseiten´. Der neueste: Das Sterben (in) der Supermacht .


„Querfront!“

eins links, eins rechts und quer

Die zitierte Sentenz von Ernst Jandl hat derzeit Hochkonjunktur im Feuilleton und auf T-Shirts. Auf letzterem begegnete sie mir am vergangenen Wochenende im Rahmen eines Parteitags der LINKEN, seltsamerweise ohne die letzte Zeile. Da bin ich gestolpert.

Während der 3 Lebensjahre, die ich in der Oberstufe eines deutschen Gymnasiums der Typklasse G9 verbrachte, hasste ich die Aufgabenstellung „Interpretation“. Bald 50 Jahre später sehe ich mich genötigt, eine zu verfassen. Anders als „Ottos mops trotzt“ geht „lichtung“ über das Sprachspiel hinaus und verweist auf die Möglichkeit und Notwendigkeit von Unterscheidungen und ihren Grundlagen in einer demokratischen Debatte. Wer die letzte Zeile einfach weglässt, läuft Gefahr der dogmatisierenden Reinkultur eines der beiden Enden oder Pole zu erliegen.

Das Bändchen

Kinder, die auf die Welt kommen, kennen keinen Unterschied zwischen links und rechts. Sie erwerben diese Unterscheidungsfähigkeit   in mehreren Stufen. Weiterlesen „„Querfront!““