Interessen

„Abschlagsfreie Rente für alle erst mit 70? Haben die sie eigentlich noch alle? Da sind Leute unterwegs, die offenbar jeden Kontakt zur Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen verloren haben.“ (Frank Bsirske, ver.di Publik Dez. 2016)

  • Solange die Gewerkschaften von „Leuten“ sprechen, als wisse man nicht, wer da unterwegs ist …
  • Solange die Gewerkschaften so tun, als läge es an der gestörten Wahrnehmung dieser Leute …

solange sie nicht die handelnden Menschen und ihre Interessen genau benennen, wird sich nichts ändern.

Diejenigen, die „Arbeit geben“, wollen die Früchte unserer Arbeit am liebsten ganz für sich. „So viel wie möglich für uns – so wenig wie möglich für Euch.“ Wer den grundlegenden Interessengegensatz nicht benennt, bleibt in der Position des Bittstellers, des Hilfesuchenden, des Appellierenden. Es geht aber nicht ums Vergönnen, Mitmenschlichkeit oder Wahrnehmungsstörungen bis hin zur Dummheit. Es geht um Interessen.

Wer den Gegensatz nicht in die Köpfe bringt, sondern der Gegenseite nur amoralische Böswilligkeit unterstellt, genau der fördert Wahlentscheidungen, die nicht durch Interessen bestimmt werden, sondern durch Gefühle.

  • Wer sich verlassen, machtlos, missachtet, übergangen, unterdrückt, belogen, verraten, hintergangen, schlecht vertreten …  fühlt, wählt rechts.
  • Wer um Interessen weiß und für die eigenen streitet, wählt links.

So einfach wär´s, würde man  wollen.

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(Mit-)Regieren?

Die gegenwärtige Situation in Deutschland unterscheidet sich wesentlich von der Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Der sog. Zeitgeist ist nicht geprägt von Aufbruch, von linker Hegemonie, Kritik an gesellschaftlicher Lähmung und Restauration, begleitet von breiter prominenter Unterstützung für den Wechsel. Münteferings Formulierung „Opposition ist Mist“ wird gerne zitiert um Regierungsbeteiligungen der LINKEN zu begründen. Gerne wird  von „Verantwortung“ gesprochen und von den kleinen Verbesserungen, die man als (Mit-)Regierungspartei erreichen könne. Gegner der Regierungsbeteiligung einer parlamentarisch kleinen aber relativ wirkungsmächtigen Oppositionspartei halten sich gerne an die Sentenz „Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung“ eines unbekannten Autors.

Ich versuche  diese widersprüchlichen  Einschätzungen abzuhandeln, ohne revolutionäres Pathos zu bemühen oder in den Chor „Wer hat uns verraten…“ einzustimmen. Weiterlesen „(Mit-)Regieren?“

Warum wählen sie rechts?

Vor allem in Gegenden mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit wie z. B. Bitterfeld fuhr am vergangenen Wochenende die AfD  Spitzenergebnisse ein. Nicht nur das: Sie schaffte es Wähler zu mobilisieren, die trotz allen Bemühens in den vergangenen Jahren von der LINKEN nicht angesprochen werden konnten, die sich aufs Nichtwählen verlegt hatten.

Mein Aufsatz dazu knüpft an unserem Verständnis von der menschlichen Arbeit an und dem Wunsch fast aller Menschen, zu arbeiten. Die Ausschüttung von Lohnersatzleistungen ist für die meisten keine befriedigende Alternative, selbst wenn die gezahlten Beträge hoch genug wären. Warum ist das so? Warum wählen Menschen rechts, die möglicherweise gar nicht rechts sind, sondern nur eines wollen: existenzsichernde Arbeit.

Meinen Text sehe ich auch als einen Beitrag zur Strategiedebatte der LINKEN. Den von Oskar Lafontaine auf den Nachdenkseiten hergestellten Bezug zur Flüchtlingsproblematik [http://www.nachdenkseiten.de/?p=32210#more-32210] sehe ich nicht. Es ist Zeit, wieder einen Bezug zur Arbeit und den arbeitenden Menschen herzustellen, das Recht auf Arbeit ins Zentrum zu stellen – nicht das Recht auf  bessere Lohnersatzleistungen, das Recht auf Faulheit oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Welchen Inhalt müsste eine linke Alternative transportieren, die keine halbseidenen Kompromisse eingeht? Dazu mache ich einen Vorschlag.

Der Wert der Arbeit_fin

So bitte nicht, Herr Willms.

In den letzten Tagen habe ich mich eingehend mit einem langen Artikel von Thomas Willms auseinandergesetzt, der in „antifa“, dem Magazin der VVN-BdA Jan./Feb. 2016 erschienen ist. Diesen Artikel  finde ich ausgesprochen ärgerlich. Er ist vollständig nachzulesen im Webauftritt der  VVN-BdA .

„lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Der Autor ist anscheinend der festen Überzeugung, nur andere liefen Gefahr rechts und links zu verwechseln. Ganz bestimmt nicht er, ganz bestimmt nicht die VVN-BdA.

Meine persönliche Art mit ärgerlichen Texten umzugehen, ist sie Abschnitt für Abschnitt durchzugehen und mit meiner Sichtweise zu kontrastieren.

„Grundlage für das Denken der linken und rechten Vereinfacher ist die Fiktion, dass es einen unkompromittierten Satz »alternativen Wissens« geben müsse, der als reine Wahrheit der »Lügenpresse« entgegenzustellen sei. Statt kritischer Nachfrage und Quellenkritik wird unkritisches Nachbeten von Vorurteilen, Mythen, Ressentiments und Feindbildern eingeübt. Die werden jedoch nicht dadurch fortschrittlich, dass sie sich gegen die vorherrschende Meinung richten.“ schreibt Thomas Willms. An diesem, seinem Anspruch, wird er gemessen.

Weiterlesen: –>  Replik_Willms

Ergänzung: Auch anderen ist die merkwürdige neue Richtung der VVN-BdA nicht entgangen, z. B. der Neuen Rheinischen Zeitung

 

„Querfront“ und radikale Mitte

Eine selbsternannte Mitte, die von den Rechtsauslegern der CSU bis zum SPD-Mainstream reicht, sieht sich als wehrhafte demokratische Mehrheit, die von einer undurchsichtigen Allianz zwischen links und rechts angefeindet und zermahlen wird. Der radikal-autoritäre Kern des Bürgertums, der die Befriedigung des Profitinteresses des obersten Prozents für das alleinige legitime Ziel gesellschaftlichen Handelns hält, versucht all diejenigen aus dem gesellschaftlichen Diskurs zu verdrängen, die diesem Ziel gefährlich werden können.

Die herrschende Politik hat die zentrale Aufgabe politischen Handelns aus den Augen verloren: möglichst gute Lebensbedingungen für möglichst alle Menschen zu sichern.

Ich bezweifle, dass die anwachsenden gemeingefährlichen, zündelnden Horden durch Aufklärung, durch Überzeugungsarbeit in den Grenzen des demokratischen Rechtsstaats gehalten werden können.  Würde die herrschende Politik umgehend dafür sorgen, dass alle Erwerbstätigen aus ihrer Arbeit ein auskömmliches Einkommen beziehen; ihre Arbeitsplätze so sicher sind, dass die Zukunft der eigenen Familie für eine überschaubare Zeit gesichert ist; dass die Arbeitsbedingungen in den Betrieben ein  Leben neben, nach der Arbeit ermöglichen;  dass man um Sicherheit im Alter und bei Krankheit nicht fürchten muss – die rechten Parolen auf den Straßen und die Gewalt vor den Wohnstätten der Zugezogenen, der Geflüchteten wären vorbei.

Die radikale Mitte aber will kein gutes Leben für alle, sondern Profit für einige.

In der gegenwärtigen Krise ist deshalb der Rundumschlag gegen alle vorhandenen und potentiellen Gegner das notwendige und wirksame Mittel zum Machterhalt. Ob Kritik von links oder rechts kommt, war noch nie von Interesse. Wer über kein anderes Kriterium verfügt als den Profit muss alle Gegner in einen Sack stecken.

Wer weiß denn noch, was rinks und lechts ist?

Lieber Pelzmärtel,

seit ca. 50 Jahren wende ich mich gegen Ungerechtigkeit  und die Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen. Ich setze mich ein für bessere Löhne, bessere Renten, bessere Gesundheitsversorgung, bessere Schulen, bessere Nahrungsmittel, eine bessere Infrastruktur (Verkehrsmittel aller Art, bessere Versorgung mit Wasser und Abwasser, Gemeindebibliotheken, öffentliche Bäder … ).

Beständig werde ich deswegen – völlig schuldlos, allein wegen meiner freien Meinungsäußerung – in die linke Ecke gestellt.  [  😦  ] .

Bitte, lieber Pelzmärtel, hilf mir gegen die raffgierigen Eliten und ihre Meinungsdompteure. Geht das? Vielleicht helfen schon ein paar Streiche mit Deiner Reisigrute.

Christa

P. S. In meiner Kindheit kam am 11. November der Pelzmärtel („Bulzermärtel“). Er hatte ein dickes Buch bei sich, in dem meine guten und weniger guten Taten aufgezeichnet waren. Es gab dafür entweder eins mit der Rute oder Schokolade, Nüsse und Orangen aus dem Sack.

Was ist für Sie heute noch „links“?

Das hat heute die SZ folgend einem Essay unter dem Titel „Hilfe, bin ich links?“ von Sebastian Schoepp gefragt.

Weil ich nicht weiß, ob mein Beitrag von der Moderation noch freigegeben wird, sei er auch hier wiedergegeben:

Noch nie habe ich mich anders definiert als „links“. Eher autonom links in der Jugend, sozialdemokratisch links als Wahlkämpferin für Willy Brandt, kommunistisch links in einer Großstadt, deren SPD-Filz einem wirklich das Leben vermiesen konnte, sozialdemokratisch links als Anhängerin des Satzes „Es muss noch etwas anderes geben als Kohl“, zur Zeit links in der „Linken“.
Zu allererst ist links da, wo wenig Macht ist – weder Macht durch persönliche, polizeiliche oder militärische Gewalt noch durch Geld in Mengen, die man als Mensch nicht braucht. Wer wenig mächtig ist, muss seinen Verstand gebrauchen, um einen Teil dessen zu erreichen, was er für not-wendig, die Not wendend, und deshalb für richtig hält. Das Festhalten an Transparenz, Kritik, Aufklärung, demokratischer Willensbildung ist die zweite, gleichermaßen wichtige Säule. Die dritte Säule ist ebenso unerlässlich: ein an Gleichheit orientiertes Bild vom Menschen, das mit Grautönen, mit Individualität umgehen kann, ohne in bipolare Schemata zu verfallen. Eigentlich ganz einfach, „links“ – oder? Zeitweise sind die drei Säulen nicht alle gleich lang, und der Giebel drüber wackelt ein bisschen, aber so ist das Leben.
An parlamentarischen Sitzordnungen, an Unvereinbarkeitsbeschlüssen, Verlautbarungen eines ZK oder umfassender Kenntnis von 100.000 + x bedruckten Seiten aus der Feder sozialistischer Säulenheiliger habe ich den Begriff noch nie festgemacht.