Kritische Schlaglichter auf die `abendländische Wertegemeinschaft´

Mein Essay unter dem Titel „Schlaglichter“ argumentiert mit Bezug auf historische Entwicklungen gegen den aktuellen Versuch der gesellschaftlichen Rechten, durch die Konstruktion einer christlich dominierten abendländischen Wertegemeinschaft eine nach außen wie nach innen ideologisch gegen die Menschenrechte gerichtete Politik zu legitimieren.

Meine Sicht auf die `abendländische Wertegemeinschaft´, die in hohem Maß anlässlich der zahlreichen Kundgebungen gegen den islamistischen Terror beschworen wurde, ist beeinflusst von einer Betrachtung der „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ wie sie Theodor Lessing in seinem Buch gleichen Titels [erschienen 1919] ausgeführt hat. In gegenwärtigen Worten ausgedrückt: Man kann Geschichte sehen als nachträgliche Deutung, Konstruktion, Strukturierung eigentlich chaotisch ablaufender Prozesse. Diese Deutung ist nie frei von den materiellen und politischen Interessen der jeweils in ihrer Zeit handelnden Menschen, die solche Deutungsmuster benutzen, um die jeweils anstehenden Probleme zu lösen, ihr eigenes Handeln `vor der Geschichte´ zu rechtfertigen oder zukunftsgerichtete Entscheidungen zu legitimieren. Eines der aktuell besonders wirksamen Deutungsmuster will ich hier kritisch betrachten: die Konstruktion eines rückständigen, inhumanen, mit der Durchsetzung des Islam verknüpften Orients im Gegensatz zu einem humanen, christlichen Okzident, der sich selbst gegenwärtig gerne darstellt als zumindest europäisch, oft auch ´atlantisch´  genannte Wertegemeinschaft der entwickelten Industrieländer Europas und Nordamerikas. Ich klammere Elemente der marxistischen Geschichtsphilosophie und die damit beschreibbaren  Zusammenhänge in der Entwicklung von Produktivkräften, Produktionsweisen und Produktionsverhältnissen aus und wende mich allein der Deutung von Geschichte und der Konstruktion geschichtlicher Mythen in Zusammenhang mit religiösen Orientierungen zu.

Meine These ist: Die gegenwärtige gesellschaftliche Rechte in Europa konstruiert mit Hilfe von Elementen aus dem Steinbruch der Geschichte einen Gegensatz zwischen dem als islamisch bestimmten Orient und einem christlichen Okzident, einen Gegensatz der wirtschaftliche, materielle Interessen der beteiligten Nationalstaaten verschleiert, um so eine aggressive Politik gegenüber dem Orient und dem europäischen Osten zu legitimieren. Folgenden Linien will ich dabei nachgehen: der Konstruktion quasi ewig währender, unveränderlicher religiös definierter Blöcke, der Konstruktion eines christlichen Abendlandes, das die südlichen und südöstlichen Anrainer des Mittelmeerraumes und auch Russland ausschließt, die Konstruktion des westlichen Kerneuropa als eines fortschrittlichen, an der Wohlfahrt aller orientierten einheitlichen Kulturkreises, der zu Recht die anderen dominiert.

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