Aspekte unserer Leitkultur (I)

„Wir Christen“

„Haben wir doch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind.“ So zitiert heute unsere Lokalzeitung die Bundeskanzlerin.

Dipl.-Geograph Joachim Eicken und Dr. Ansgar Schmitz-Veltin machten in ihrer Studie „Die Entwicklung der Kirchen­mitglieder in Deutschland -Statistische Anmerkungen zu Umfang und Ursachen des Mitgliederrückgangs in den beiden christlichen Volkskirchen“ (2010) deutlich, dass nur noch knapp unter  50 % der deutschen Bevölkerung christlich organisiert sind. Mittlerweile dürften es weniger sein. Ich will mir hier nicht den Kopf der Kirchen zerbrechen, denn ich gehöre zu dem Teil der Bevölkerung, der nicht christlich organisiert ist. Ob die Kirchen deshalb Gotteshäuser oder Jugendbildungsstätten verkaufen müssen oder nicht, haben ihre Mitglieder zu entscheiden.
Die stetig fallende Zahl von Gläubigen, die sich an Wahlen zu den Kirchenvorständen beteiligen, und die magere Zahl derer, die am Sonntag in die Kirche streben, stützt meine Annahme, dass es sich selbst bei der gläubigen Hälfte in den seltensten Fällen um „praktizierende Christen“ handelt. In den meisten Fällen kauft man sich durch die Beiträge Kirchensteuer und Kirchgeld lediglich die Möglichkeit zur Bestellung einer Zeremonienmeisterin für das Begrüßung-in-der-Welt-Ritual (Taufe), den üblichen Initiationsritus (Konfirmation – unschwer zu erkennen, ich wurde protestantisch enkulturiert), einen feierlichen Rahmen für das Eheversprechen und eine würdige Bestattung. Die von staatlicher Seite eher der Kirche ferngehaltenen Menschen der ehemaligen DDR nutzten nach der Wiedervereinigung ihre neu gewonnene Freiheit zur Religionsausübung nicht. Die Ost-West-Wanderung könnte umgekehrt eher dazu beigetragen haben, dass es jetzt selbst in Regensburg und Paderborn ein paar Normen sprengende Nichtchristen gibt. Schließlich hatte man im eigenen Leben die Erfahrung gemacht, dass man auch ohne Pastor „schön“ heiraten kann. Dafür einen Mitgliedsbeitrag in Form der Kirchensteuer zu entrichten, liegt dann nicht so nahe.
Seit langem traf ich auch niemanden mehr, der aus Solidarität gerne Kirchensteuer zahlt, damit soziale und karitative Einrichtungen unterhalten werden können. Mittlerweile wissen die Ignorantesten, dass christliche Kindergärten, Krankenhäuser, häusliche Pflege genau den gleichen marktwirtschaftlichen Regeln unterworfen wurden, wie öffentliche oder private Anbieter und freie Wohlfahrtsverbände. Alle sind dabei fast immer miserable Arbeitgeber.  Diese Entwicklung wurde übrigens von eingetragenen Christen, entweder in der Kirche oder in den christlichen Parteien, nicht nur unterstützt, sondern engagiert vorangetrieben. Auch deshalb haben sozial engagierte Christen, nicht allein die Parteischristen, oft ein echtes  Glaubwürdigkeitsproblem.
Frau Merkel wuchs in einem Pfarrhaushalt auf. Nach 1989 war ihr Weg in eine christliche Parteikarriere weitgehend vorgezeichnet. Ihr entging möglicherweise, dass sie sich in eine eher säkulare denn christliche Gesellschaft begeben hatte.
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