Schäm dich!

Immer öfter höre und lese ich die Aufforderung, Menschen sollten sich schämen. Hin und wieder werde auch ich aufgefordert mich zu schämen. In den sog. social media traut man sich das.

„Schäm dich.“ Das weckt unschöne Kindheitserinnerungen. Bei manchen Lehrern, glücklicherweise nicht bei allen, mussten böse Kinder mit dem Gesicht zur Wand bis zur Pausenklingel in der Ecke stehen und sich schämen. Manche Lehrkräfte dieser Sorte waren sogar noch im Dienst, als ich selbst 1973 anfing in einer ländlichen Grundschule zu unterrichten. Betreffend kindliche und pubertäre sexuelle Neugier mussten sich früher die meisten Mädchen und Jungs schämen.

Weil man nicht durchsetzen will oder kann, dass Fernreisen aus Gründen des Klimaschutzes einer Begründung bedürfen, sollen sich Leute schämen, die in den Urlaub fliegen.
Weil man nicht durchsetzen will oder kann, dass asiatische Arbeiter einen anständigen Lohn erhalten, sollen sich Leute schämen, die nicht mehr als 50 € für ein paar Turnschuhe ausgeben können oder wollen.
Weil man nicht durchsetzen will oder kann, dass Schweinezüchter auf Sojaschrot aus Brasilien verzichten, Maisproduzenten auf Glyphosat und ein gewisser Herr Tönnies auf versklavte Metzger, sollen sich Leute schämen, die billiges Fleisch essen.
Weil uns gegenwärtig wegen eines neuartigen Virus nach Meinung einer Bundesbehörde tausendfacher Tod droht, muss sich jeder schämen, der sich beim Spaziergang im Wald keinen Lappen vors Gesicht bindet, den man heiß waschen kann.

Die Aufforderung sich zu schämen ist Ausdruck der Macht der Herrschenden gegenüber all denjenigen, die zwar eine ähnliche Moral haben, aber nicht das Kleingeld, sich das skizzierte moralische Verhalten zu leisten. Deshalb wird gerne BEschämt, wer sich entgegen der herrschenden Moral verhält. In aller Regel unter Zuhilfenahme eines der folgenden Wörter: uneinsichtig, dumm, ungebildet, uninformiert oder rücksichtslos, selbstsüchtig, asozial, menschenverachtend, unmenschlich. Weitere Wörter, die noch besser zum Beschämen geeignet sind, zähle ich jetzt nicht auf. Ich möchte mich nicht schämen müssen, weil ich manche mir persönlich und namentlich bekannten Menschen als A… bezeichne. Das tut man nicht! [Ich verweise in diesem Zusammenhang wieder einmal auf das Buch von Robert Pfaller, „Erwachsenensprache“. ]

Seit Jahrtausenden wird immer dann an die Moral der Untertanen appelliert, wenn die Großen den Hals nicht vollkriegen und ihre Macht durch eine Krise gefährdet ist, der die Regierenden offensichtlich nicht im geringsten gewachsen sind. Eine solche gibt es zur Zeit. Allerdings hat sie mit dem Virus ursprünglich nichts zu tun, sondern mit Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft.
Warum sollten gerade die Machtlosen sich für irgendetwas schämen? Die geschichtliche Erfahrung zeigt: Schlechte Zustände in menschlichen Gesellschaften lassen sich mit Vernunft und Widerstand ändern. Nicht immer, aber der Versuch lohnt sich.

Handeln – nicht schämen!

Mäuseland

Die hier wiedergegebene  Geschichte vom Mäuseland wird unter anderem auf Tommy Douglas (1904 -1986) New Democratic Party of Canada zurückgeführt. Gefunden habe ich sie heute auf den „Nachdenkseiten“.

In Fabeln und Parabeln lässt sich unsere gesellschaftliche Realität gut abbilden, finde ich. Die Geschichte selbst lässt erkennen, warum ich die Geschichte „Mäuseland“ mit einer  Katze bebildere.

Das Mäuseland

Dies ist die Geschichte von Mäuseland. Mäuseland war ein Ort, an dem all die kleinen Mäuse lebten und spielten, geboren wurden und starben. Sie lebten eigentlich ganz so, wie du und ich.

Sie hatten sogar ein Parlament. Und alle vier Jahre gab es eine Wahl. Sie gingen an die Urnen und gaben ihre Stimmen ab. Ganz so, wie du und ich. Bei jeder Wahl gingen also all die kleinen Mäuse zahlreich an die Wahlurnen und wählten eine Regierung. Eine Regierung von großen, fetten, schwarzen Katzen.

Jetzt mögt ihr denken, daß es seltsam sei, wenn Mäuse sich Katzen als Regierung wählen, aber betrachtet nur einmal die Geschichte Kanadas der letzten 90 Jahre, und ihr werdet vielleicht erkennen, daß sie nicht viel dümmer waren als wir.

Ich will gar nichts gegen die Katzen sagen. Das waren nette Leute. Sie führten die Regierungsgeschäfte mit Würde. Sie machten gute Gesetze – das heißt, gut für Katzen. Aber waren die Gesetze auch sehr gut für Katzen, so waren sie doch eher schlecht für die Mäuse. Eines der Gesetze besagte, daß ein Mäuseloch groß genug für eine Katzenpfote sein mußte. Ein anderes legte Geschwindigkeitsbegrenzungen für den Lauf der Mäuse fest, so daß eine Katze sich für ihr Frühstück nicht allzusehr anstrengen mußte.

All die Gesetze waren gute Gesetze. Für Katzen. Aber Ach! Wie hart waren sie zu den Mäusen! Das Leben wurde schwerer und schwerer. Als die Mäuse es nicht länger ertragen konnten, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Also zogen sie in großer Zahl zu den Wahlen. Sie wählten die schwarzen Katzen ab. Stattdessen wählten sie die weißen Katzen in die Regierung.

Die weißen Katzen hatten eine großartige Kampagne geführt. Sie sagten „Was in Mäuseland fehlt, sind politische Visionen!“ Sie sagten „Das Problem in Mäuseland sind diese runden Mäuselöcher die wir hier haben. Wenn ihr uns wählt, werden wir rechteckige Mäuselöcher einführen.“
Und das taten sie. Und die rechteckigen Mäuselöcher waren doppelt so groß, wie die runden. Nun konnte eine Katze mit beiden Pfoten hineinlangen. Das Leben wurde schwerer als je zuvor. Als sie es nicht mehr ertrugen, wählten sie die weißen Katzen ab und setzten die schwarzen Katzen wieder ein. Dann wählten sie wieder die weißen Katzen, dann wieder die schwarzen. Sie versuchten es mit zur Hälfte schwarzen und weißen Katzen. Das nannten sie Große Koalition. Sie wählten sogar eine Regierung aus gepunkteten Katzen: Das waren Katzen, die versuchten wie Mäuse zu klingen, doch sie ernährten sich genauso wie die anderen Katzen.

Seht ihr, Freunde, das Problem hatte nichts mit der Farbe der Katzen zu tun. Das Problem war, daß es Katzen waren! Und weil es Katzen waren, kümmerten sie sich natürlich um die Interessen der Katzen, statt um die der Mäuse.

Schließlich jedoch, war da eine kleine Maus, die hatte eine Idee. Und sie wandte sich an ihre Artgenossen und sprach „Schaut Freunde! Warum wählen wir immer wieder eine Regierung, die nur aus Katzen besteht? Warum wählen wir nicht stattdessen eine Regierung aus Mäusen?“ „Oh!“ riefen die Mäuse erschreckt, „Er ist ein Kommunist! Sperrt ihn ein!“

Und so sperrten sie ihn ins Gefängnis.

Aber ich will euch daran erinnern: Daß man eine Maus oder einen Menschen einsperren kann, eine Idee aber nicht!