Stichwort: Nationalismus

In loser Folge widme ich mich sehr offenen Begrifflichkeiten der aktuellen ideologischen Auseinandersetzung.

Der Bezug zu Nation und Nationalstaat wird zunehmend instrumentalisiert, um die existierende Linke zu spalten und zu marginalisieren. Dabei wird unterschlagen,  dass Nation und Nationalismus keine gleichbedeutenden Begriffe sind.

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Stichwort: Internationalismus

Eine seltsame Allianz globalisierungsfreundlicher progressiver Humanisten und antirassistischer Freunde des US-amerikanischen Imperiums versucht gegenwärtig in der öffentlichen Debatte – merkwürdigerweise unterstützt von traditionell als „links“ angesehenen Medien und Organisationen – einen eindimensionalen Gegensatz zu konstruieren zwischen den Begriffen Nationalismus und Internationalismus.

Dabei beziehen sich die Begriffe auf  unterschiediche Aspekte gesellschaftlicher Wirklichkeit. Der eine versucht Beziehungen zwischen Menschen, den von ihnen bewohnten Räumen und ihrer kulturellen Praxis zur Legitimierung territorialer Ansprüche zu benutzen.  Der andere ist Bestandteil einer politischen Praxis, die sich im Interesse der  Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter wendet.  Beiden Konzepten liegen Erfahrungen weitaus längerer historischer Zeiträume  zugrunde, als es die Verengung auf  den  Faschismus und seine Vorgeschichte nahelegt.  Ihrer politischen Instrumentalisierung ist kaum Einhalt zu gebieten, wenn man zeitliche Dimension, materielle Bedingungen menschlicher Existenz  und  ökonomische Interessen nicht in die Betrachtung einbezieht.  Solche Begriffe zu verwenden ohne die historischen,  ökonomischen, gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Bedeutungswandels zu spiegeln, sie als Bedeutungsträger wie  Apfel,  Orange oder Zimt zu behandeln, zeugt von sträflicher politischer Dummheit.

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Wer oder was ist … ?

am 04. Dezember vorangestellt:

Die schärfsten Kritiker Sahra Wagenknechts, die das ND zu Wort kommen lässt, kommen aus dem Umfeld des Instituts Solidarische Moderne. Mitglied im Vorstand: Katja Kipping.  Auch  Mario Neumann habe ich dort gefunden. Er ist verantwortlich für die Pressearbeit.

nd_neumann

Keine Angst – es handelt sich wie ersichtlich um einen Kommentar. Diese Klassifizierung enthebt alle Urheber der journalistischen Verpflichtung, sich um Inhalte oder gar inhaltliche Richtigkeit zu bemühen. Den eigenen Senf dazuzugeben ist von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt. Bei Rechten und bei Linken. Mit einem kleinen Unterschied: Bei Rechten ist man´s gewohnt, bei Linken hat sich mir bisher diese Frage selten, fast nie gestellt, denn wer an Aufklärung, Erhellung interessiert ist, hütet sich vor inhaltsleerem Blabla. Allem Anschein nach sind die Linken in Deutschland 10 Jahre nach dem offiziellen Start des  Projekts DIE LINKE aber da angekommen, wo die Rechten schon immer waren: beim Begriffsgeschwurbel. Das als bürgerlich idealistisches Gewäsch abzutun, wäre noch zuviel der Ehre. Es lebe die Inhaltsleere, für uns zählt das Wort.

Linke Ideologieproduktion

Ein Musterbeispiel für dieses neue linke Denken ist der o. g. Kommentar [ https://www.neues-deutschland.de/m/artikel/1071703.die-linke-migration-und-die-klasse-es-geht-nicht-um-wagenknecht-es-geht-um-die-zukunft-linker-politik.amp.html ], erschienen im „Neuen Deutschland“, einer Zeitung, die früher einmal über Positionen innerhalb von Staat und Partei informierte und allem Anschein nach inzwischen verkommen ist zu einem marktkonformen Aufreger-Produzenten für eine bestimmte Klientel –  diejenigen, die sich selbst als Linke sehen. Kaum ist es gelungen, durch ausformulierte  Alternativen wie Vorschläge zu einer Bürgerversicherung oder zur Verbesserung der Zustände in der Pflege im alten Westen dieser neuen Republik nennenswerte Stimmenzuwächse bei Wahlen zu generieren, machen sich die Verlierer in den östlichen Bundesländern auf, das zu verteidigen, was sie seit 1990 als demokratische neue deutsche Welle kreiert und umgesetzt haben: das Verscherbeln öffentlicher Wohnungsbestände, die Reduzierung des Personals im öffentlichen Dienst, die Rettung von Arbeitsplätzen mithilfe von Unternehmenssubventionen, die Fortführung umweltschädlicher Betriebe im Interesse  der beteiligten Konzerne und vereinzelter Arbeitnehmer**en usw.

Ein Dankeschön für diese klare Haltung ist die für 2020 (??) geplante Eröffnung eines architektonischen Meisterwerks in der früheren Osthälfte Berlins. Die parteinahe politische Stiftung soll darin zukünftig ihr Wesen treiben, [ https://www.rosalux.de/stiftung/der-neubau-der-stiftung/  ], natürlich bezahlt aus öffentlichen Mitteln und mit ansehnlichen laufenden Zuschüssen für die Beschäftigung einer linken Akademikerklientel von Gesellschaftswissenschaftler**n, die ansonsten der Prekarität ausgeliefert wären –  wie alle, deren ideologisches  Anpassungsvermögen sich in klaren Grenzen hält. Wenn das kein angemessener Ausgleich dafür ist, dass man sich in diesen Kreisen zunehmend an den Vorgaben der Bundeszentrale für politische Bildung orientiert, die ganz genau weiß was rechts“extremistisch“ ist: Populismus, Rassismus, Verschwörungstheorien, Antizionismus und Antiamerikanismus! Es lebe der inhaltslose Begriff, zumindest inhaltslos hinsichtlich dessen, was früher die zentrale Frage linken Denkens war: Wer profitiert, wie und warum? Oder auch: Wie gelingt es den Herrschenden die arbeitenden angeblich dummen, ungebildeten Menschen bei der Stange zu halten? Die neuere Ideologieproduktion von ND, Rosa-Luxemburg-Stiftung, der parteiinternen Strömung „Forum Demokratischer Sozialismus“ und  von Katja Kippings Projekt „Institut Solidarische Moderne“ hilft mit, „links“ umzudeuten. Sie lenken mit aller Kraft den politischen Diskurs in Bahnen,  die Noam Chomsky in aller Kürze so beschreibt:

„The smart way to keep people passive and obedient is to strictly limit the spectrum of acceptable opinion, but allow very lively debate within that spectrum – even encourage the more critical and dissident views. That gives people the sense that there’s free thinking going on, while all the time the presuppositions of the system are being reinforced by the limits put on the range of the debate.“

deutsch:

„Der intelligente Weg, Leute passiv und fügsam zu halten, besteht darin, die Breite der akzeptablen Überzeugungen strikt zu begrenzen, jedoch innerhalb dieser Grenzen eine sehr lebhafte Debatte zu erlauben – gerade zu kritischen und anders denkenden Sichtweisen zu ermuntern. Das gibt den Leuten die Wahrnehmung, dass freies Denken möglich ist, während die ganze Zeit die Vorannahmen des Systems bestärkt werden durch die Grenzen, die der Debatte gesetzt werden.“ (Übers.: ??) [ zitiert nach http://www.vordenker.de/blog/?p=1078 ]

Die Ideologieproduktion des von mir umrissenen Umfelds der Partei DIE LINKE beteiligt sich ohne jeden Zweifel an dem Unternehmen der Herrschenden meines Geburtslandes, die Grenzen des Sagbaren zu verengen, demokratischen Konsens zu stiften und den gesellschaftlichen Diskurs in Gefilde zu lenken, in denen die materiellen Lebensbedingungen der Menschen keine Rolle mehr spielen. Eine imaginierte neue globale Freiheit findet ihren Ausdruck  in weltweiter Anerkennung fließender Übergänge zwischen Staaten, Geschlechtern,  Aussehen, Sprachen, Lebensbedingungen. Solidarität entwickelt  sich in dieser schönen neuen Welt zwischen den sich gegenseitig umfassend anerkennenden Individuen, die von einem garantiert nicht mehr geprägt sind: ihren gemeinsamen materiellen Lebensbedingungen, die allen Anlass geben, sie zu verändern.  Die neue Solidarität entfaltet sich in den sozialen Konflikten zwischen Veganer**n und Fleischesser**n, im Kampf um die Anerkennung der Bedürfnisse geschlechtsloser Menschen, die gemeinsam die gleichen Toiletten benutzen und die auf wundersame Weise weltweit aus unersichtlichen,  mythischen Quellen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen alimentiert werden.  Mario Neumann kämpft an der Seite derer, die uns die globalisierte, bis in den letzten Winkel von Kapital und Markt bestimmte Welt als freiheitliches Konzept verkaufen wollen. Eine sich selbst als „links“ definierende Partei soll sich M. N. folgend an diesem Tun beteiligen. Diese Strategie hat keinen Neuigkeitswert. Sie wird spätestens seit Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika  in allen Ländern angewendet, in denen  die Gefahr wächst, dass der Widerstand der Verarmenden und Verarmten an Einfluss gewinnt und die Möglichkeiten unbewaffneter  realer Einflussnahme auf der Grundlage von Wahlen wachsen.

Mario Neumann hat Recht: „Es geht um die Zukunft linker Politik.“ 

Ohne jeden Zweifel will Mario Neumann auf eine Modernisierung linker Politik hinaus, die keine materiellen Lebensbedingungen, keine Klassen und keine materiellen  räumlichen Unterschiede wie Ressourcen oder  Klima mehr kennen soll. Klassenlos erfreuen wir uns global an der von Klimaanlagen erzeugten Kühle bzw. Wärme. Wir verständigen uns weltumspannend mit allen Menschen, die guten Willens sind, vorausgesetzt sie sprechen Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und nicht allein eine der weltweit noch vorhandenen 6500 – 7000 Sprachen. [ http://home.uni-leipzig.de/muellerg/su/haspelmath.pdf ] Wir heißen  die Armen des globalen Südens bei uns willkommen, damit sie in unserer reichen Wirtschaft ihren Beitrag dazu leisten können, den nicht Englisch sprechenden  Kleinbauern ihrer Heimatländer die Existenz zu entziehen. Arbeitsplätze bei uns für die Mühseligen und Beladenen aus aller Welt bei gleichzeitiger Ausschüttung von monatlich 1050 € an alle Freigesetzten! Das ist die endgültige Überwindung von nationaler, kolonialer und  imperialer Herrschaft und Ausbeutung, die uns blüht – wenn wir´s richtig machen und modern. Wer´s nicht glaubt, ist – wie sagt es Mario Neumann – Anhänger der veralteten Ideologie vom „nationalen Wohlfahrtsstaat“.

Ich halte eine auf  Frieden gerichtete Politik ohne Berücksichtigung der real vorhandenen materiellen und kulturellen Interessen aller Menschen innerhalb der gegenwärtig territorial definierten Räume nicht für möglich. Die Fortsetzung der aus- und nachdrücklichen deutschen Globalisierungs-Agenda 2010 nach innen und außen unter dem Grundsatz „Wir kennen keine Nationen mehr“ soll zur Antwort gemacht werden auf die heute und damals auch von finanzstarken amerikanischen Kräften mitgetragene rhetorische  Frage eines gewissen Joseph Goebbels:  „Sollte die stärkste Militärmacht der Welt nicht in der Lage sein, die Drohung des Bolschewismus zu brechen, wer brächte dann noch die Kraft dazu auf?“  [ http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0200_goe&object=translation&st=FRIEDEN – ]

Nicht mit mir!

Ausführliche Bissigkeiten zu Mario Neumanns Text  folgen.

 

NEIN!

Von zwei Abschieden

Ich sehe sie noch vor mir, die Seiten in der Frankfurter Rundschau im Jahr 1999 mit dem vollständigen Text des sog. Schröder-Blair-Papiers . Ich las, ich las mehrmals, ich weigerte mich, diesen „Vorschlag“ der Herren Schröder und Blair, in Wirklichkeit der Herren Hombach und Mandelson, anzunehmen. Zunächst, noch im selben Monat, im Juni 1999 referierte  ich für die GenossInnen der AfA  (Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen) zum Inhalt dieses Papiers. Auf ihre Bitte hin tingelte ich in den darauf folgenden Monaten durch die Ortsvereine meines Unterbezirks, machte meine Genossinnen und Genossen mit dem Papier bekannt und diskutierte mit ihnen, manchmal bis spät in die Nacht.

Die praktische Umsetzung dieses Vorschlags ließ nicht lange auf sich warten. Frau Kramme, MdB Bayreuth, während der Legislaturperiode 2013-2017 Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, versuchte uns die Zusammenlegung von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe, in die Geschichte eingegangen unter dem Kürzel „Hartz IV“,  schmackhaft zu machen. Ich sagte laut und deutlich „Nein“ und verließ die SPD, als ich sah, dass ich in und mit der neuen deutschen Sozialdemokratie nichts mehr würde ausrichten konnen.

Die Globalisierung, die wir schon seit den frühen Siebzigern in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit diskutiert hatten, ihre möglichen Auswirkungen in Wirtschaft und Arbeitswelt: Ohne jede Gegenwehr der Sozialdemokratie in den entwickelten Industrieländern erfasste sie mit voller Wucht immer schneller die arbeitenden Menschen rund um den Globus. Mit Unterstützung der deutschen und europäischen Sozialdemokratie hat  die neoliberale Globalisierung  die Welt unter ihre Herrschaft gebracht. Im Interesse der „globalen Konkurrenzfähigkeit der nationalen Volkswirtschaften“ – so die Begrifflichkeit der Herrschenden – wurden hier Industriezweige vernichtet und andernorts mit Hilfe staatlicher Subventionen, des IWF und der Weltbank im Interesse der Aktionäre  aufgebaut. Die Fäden für meine Hemden und Hosen werden nicht mehr in Kulmbach, Bayreuth und Hof gesponnen, erst Recht nicht mehr im „befreiten“ Manchester Mecklenburgs, dem Landstädtchen Malchow.  U. a. die Handelskette KiK verhökert zu Niedrigstpreisen die in Asien gefertigten Kleidungsstücke. Gefertigt unter Arbeits- und Lebensbedingungen, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche. Auch die „Marken“ lassen dort fertigen, unter den gleichen Arbeitsbedingungen mit höheren Gewinnspannen.

In den  Industrieländern Europas wurde mit Unterstützung der „modernen“ Sozialdemokratie das gewerkschaftlich organsierte Industrieproletariat umgewandelt in ein Mosaik werktätiger Kasten, die Werkverträgler, Leiharbeiter, Stammbelegschaft heißen. Wer in diesem System ein Arbeits-Los ziehen will, muss an 7 Tagen  24 Stunden lang verfügbar sein, sich auf eigene Kosten um die Qualifizierung seiner Arbeitskraft kümmern und ebenfalls auf eigene Kosten heute hier und morgen dort arbeiten. Mit Wegen zur Arbeit von täglich bis zu 4 Stunden für Hin- und Rückfahrt, für manche auch 1000 km am Wochenende um mal nach den Kindern zu sehen oder nach dem Gefährten. Die von Schröder und Blair anvisierte globale Konkurrenzfähigkeit der nationalen Volkswirtschaften wurde durch  eine erzwungene Flexibilität und Mobilität der Arbeitskräfte erreicht, die Familien belastet, wenn nicht sogar zerreißt und die Kindern Stundenpläne aufzwingt, die kaum noch ein Stündchen „Trödeln“ enthalten. Man muss sie beizeiten gewöhnen, die Kleinen, an eine effiziente Lebensführung. Nur wer beizeiten übt, mit  Schule und Turbo-Abitur hier, dort Sport, da drüben Nachhilfe und zur Entspannung Bezahlvergnügen, bereitgestellt von der Kultur- und Freizeitindustrie, nur der wird als Erwachsener die neue Freheit richtig genießen können. Früh wird gekrümmt, was ein Haken werden soll.

Ein solches Leben wollte und will ich nicht. Nicht für mich, nicht für meine Tochter, auch nicht für meine Enkelin. Auch meine Tochter nicht für sich und nicht für ihre Tochter.  Ich kenne niemanden, dem diese Art der Lebensführung gefällt. Sie ist so üblich, sie wurde und wird erzwungen. Sie ist gerichtet gegen die inviduelle Selbstbestimmung. Die herrschende Propaganda, die Propaganda der Herrschenden, suggeriert, sie beinhalte ein nie gekanntes Ausmaß an individueller Freiheit. Gemeint ist dabei jedoch ausschließlich die Konsumfreiheit – so man der oberen Kaste angehört. Für die Familien und Kinder der beiden unteren Kasten der Werktätigen und für die hier noch nicht erwähnte unterste Kaste, die der „Überflüssigen“, gibt es nicht einmal die.

Bekannte Mitglieder – keineswegs das Fußvolk, das in Wahlkämpfen zum Verteilen des Werbematerials gebraucht wird und zum Plakatieren – der linken Partei zu deren Entstehen ich zwischen 2002 und 2017 mein Scherflein beigetragen habe, sind dem Charme  der Konsumfreiheit in der erzwungenen Globalität erlegen. Sie interpretieren den globalen Zwang der Arbeit nachzuziehen, über alle Grenzen hinweg, die Stadtgrenze, die Landkreisgrenze, die Bezirksgrenze, die Landesgrenze, die Staatsgrenze, ja sogar über das Ende des Kontinents hinaus,  als neue, große, globale Freiheit. Sie gehen, wahrscheinlich weil sie über ein hohes kulturelles Kapital verfügen und nicht selten über ein ansehnliches materielles, leichtfüßig über die Nöte derer hinweg, die diese Freiheit einfach nicht haben, mit großer Wahrscheinlichkeit auch zukünftig nicht haben werden. Die nagenden, klitzekleinen Ungeheuer des schlechten Gewissens werden auf der Grundlage eines ordentlichen Einkommens besänftigt durch die regelmäßige Beschaffung von cradle2cradle Produkten in TOP-Design, unverpackten Lebensmitteln im Bio-Supermarkt, fair gehandelten Tees, handwerklich hergestellten Brotes und  jährlich vier Arbeitseinsätze beim Biobauern. Genau diese Leute schütten ihr giftiges Moralin aus über diejenigen, die diese „Freiheit“ nicht wollen,  diejenigen,  die hinter dieser Freiheit den Zwang spüren, der ihnen an jedem Freitag und jedem Sonntag 10 -12 Stunden und mehr  ihres Familienwochenendes raubt , einmal in der einen Richtung, einmal in der anderen im Stau auf dem Weg zur Arbeit,  nicht weit von meinem Wohnort auf der A 9. Und sie schütten das Gift der Diffamierung aus, über diejenigen, die an deren Seite stehen, weil sie den Zwang erkennen und keinen Freiheitszuwachs.

Wer sich auf den gefährlichen Weg macht, durch die Wüste und übers Meer, auf die Länder der Arbeit zu, der genießt kein globales Menschenrecht auf Freizügigkeit. Der wird getrieben von der Peitsche des Hungers oder der Bestie Krieg. Die Peitsche wird geschwungen von den Profiteuren der Globalisierung, die Bestie von ihnen gefüttert. Wer versucht,  dem sich daraus ergebenden Elend auf der Grundlage falscher Einschätzungen zu begegnen, wird es nicht verringern, sondern zu seiner Ausdehnung beitragen. Wohltätigkeit verbessert die Lebenssituation der Einzelnen, sie beseitigt nicht die Ursachen ihrer schlechten Lage.

Deshalb sage ich erneut „NEIN!“ Wissend, dass es weder denen auf dem Meer hilft noch denen im Stau nützt. Ich sehe, ich werde unter und mit der LINKEN nichts mehr ausrichten können.

Urlaubsidyllen

Bild: Eigenes Bild des Ortes Nisyros aus dem Jahr 2003  – Die Insel Nisyros ist heute, mehr als 40 Jahre nach meinem ersten Besuch, immer noch nur per Fähre erreichbar. Die topographischen Gründe dafür werden sich – glücklicherweise – nicht ändern.

Nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur  machte ich 1975 zum ersten Mal Urlaub in der Ägäis. Transportmittel: Europabus und Fähren.  Das Armenhaus jenseits des Tellerrandes der damaligen EWG  lockte mit  billigen Preisen für Unterkunft und Verpflegung – auch für Ouzo und Retsina –  und mit der wichtigsten Zutat zum Urlaubsglück : einer schier grenzenlosen Gastfreundschaft. Diese Gastfreundschaft wurde auch getragen von der Hoffnung, die Überlassung des eigenen Schlafzimmers an Sommergäste –  die Familie schlief derweil unterm Moskitonetz im Garten – werde sich erweisen als erster Schritt zu einem kleinen Wohlstand. Das Frühstück in der Küche bestand aus griechischem Mokka mit Wasser, trockenem Weißbrot und kandiertem Obst aus dem eigenen Garten.

Was für ein Idyll für die ersten Touristen aus den entwickelten Teilen Europas: Familien, die rund um den öffentlichen Platz, in der Nähe der Basilika alle zusammenwirkten um gemeinsam in ein besseres Leben durch Tourismus zu starten: Der kleine Jorgos  wieselte mit „Greek Coffee“  auf einem runden Tablett, getragen an einem Henkel,  vom Elternhaus zur bunten Ansammlung wackliger Tischchen auf dem Marktplatz. Seine Großmutter saß im Schatten und putzte die Bohnen für das Abendessen, das man sich in Dimis Küche anschauen konnte, bevor man durch Deuten mit dem Finger bestellte. Nach  dem Aufenthalt am menschenleeren Strand setzte man sich zu den Alten, lernte Tavli spielen und feierte mit Ouzo oder Retsina die Völkerverständigung.

Wer sich genauer umschaute erfuhr, dass der Weinbauer nebenher Sandalen verkaufte, die sein Cousin fertigte. Der  Schneider servierte vor der Werkstatt  Kaffee und Tee und die von seiner Frau gemachten Baklava. Den jungen Mann, der abends bei Dimi bediente, sah man tagsüber auf der Ladefläche des dreirädrigen Lieferautos mit den Gasflaschen für die Energieversorgung der Küchen. Bedurfte man ärztlicher Hilfe suchte man am späten Nachmittag die Ambulanz auf und traf dort am Schreibtisch der Patientenaufnahme das Mädchen, das einem am Vormittag am Kiosk die Papastratos verkauft hatte. Der Doktor sprach Englisch, auch ein paar Ältere, die es im Bürgerkrieg gelernt hatten und gerne mal über Politik diskutierten.  Jeder half natürlich auch dem Bruder bei der Melonenernte und anderntags dem Schwager beim Auslegen der Netze unter den Olivenbäumen. Das Brot backte am frühen Morgen im mit Holzkohle  beheizten Ofen der Yannis. Er verkaufte es dann frisch bis gegen 10 Uhr vormittags.  Der gleiche Yannis, der danach dem Panagiotis beim Ausladen und Schlachten seiner frisch gefangenen Fische half. Den Kramladen für Konserven, Zucker und Kurzwaren führte nebenher Eleni. Sie kam irgendwo aus dem Haus, sobald die Ladentür quietschte. Manchmal hörte man sie auch bloß rufen. Dann konnte sie gerade für ein paar Minuten von ihrer anderen Arbeit nicht weg. Die kandiertenTomaten und die Seife, die sie im Laden verkaufte, stellte sie nämlich selbst her.

Wir hingegen kamen aus einer wirtschaftlich viel weiter entwickelten Welt, in der alles seine Ordnung hatte. Bei uns putzten Großmütter kein Gemüse für andere, sondern sie hatten eine Rente. Arbeiter hatten etwas gelernt und blieben lange in der selben Firma. Dass beinahe jeder mit irgendetwas handelte, mit Honig, mit selbst gesammelten Gewürzen, mit handgewebten Taschen… das gab es bei uns seit langem nicht mehr. Wir waren ja ein fortschrittlicher rundum industrialisierter Sozialstaat. Selbst in den Dörfern der Mittel- und Hochgebirge gab es Arbeit z. B. in der Porzellan- und Textilindustrie oder in den ausgelagerten Betriebsstätten von Siemens, Bosch und AEG . Die  Hausfrauen stiegen  im November und im Dezember früh um 5 in den Werksbus um  bei der „Quelle“ ein paar Mark Weihnachtsgeld zusätzlich zu verdienen.

Gestern habe ich beim Spaziergang Anzeichen dafür entdeckt, dass wir uns gegenwärtig  dem früheren griechischen Idyll nähern. Die Industrie ist weg. Auch der winterliche Nebenerwerb in der  „Quelle“. In der aufstrebenden Tourismusgemeinde am kleinen künstlichen „See“ betreibt der Rentner nebenher eine mobile Forellenräucherei und erledigt abends noch schnell ein paar Getränkelieferungen. Die Frau des Landwirts, den  die Ausgleichszahlungen für Brache und Gründüngung über Wasser halten,  bietet  im „Geschenkelädla“ selbstgestrickte Socken an, selbst gebastelten Deko-Nippes und selbst gekochte Marmelade.  Der Facharbeiter mit 58 Jahren bezieht wegen Werksstilllegung nach Sozialplan ein Übergangsgeld und seine Frau betreibt im gerade abgezahlten Haus eine kleine Änderungsschneiderei. Der Maurer hat sich mit zwei Kumpels, einem Exschreiner und einem Ex-Gärtner, selbstständig gemacht und erledigt für die wachsende  Zahl der, manchmal auch zugezogenen, alten Einwohner alle Arbeiten rund ums Haus. Der einzige Unterschied zum griechischen Idyll: Sie alle kennen sich nicht und wohnen nicht  rund um den Marktplatz. Ihre wirtschaftliche Situation jedoch ist sehr ähnlich. Im Deutschen  fasst man diese Lebensweise der niederen Schichten in der Redewendung: „Wir kommen so über die Runden“.

In der Ägäis kann Panagiotis vom Verkauf seines Fangs,  geschlachtet von  Helfer Yannis, nicht mehr leben. Dimis Küche und die geflochtenen Stühle auf dem Marktplatz gibt es nicht mehr, weil europäische Normen das Betreten von Küchen zur Speisenauswahl verboten haben. Der „Feta“ für den Bauernsalat kommt jetzt aus der Käserei Bayreuth e. G. .  Eleni kann ihre kandierten Tomaten zum Frühstück nicht mehr verkaufen, weil es in den Bettenburgen ein  Frühstücksbüffet mit dänischem Speck, Heinz Baked Beans und deutschen Eiern gibt. Auch die Ambulanz gibt es nicht mehr, wer ärztliche Hilfe braucht, muss vorher auf die Bank.

In den  strukturschwachen Gebieten Deutschlands  werden immer mehr Menschen von   „Tourismus-Perspektiven“ erfasst.  Deswegen haben sie alle ein bisschen Hoffnung…  . Bald wird es in dem neuen Hotel  wenigstens Saisonarbeitsplätze geben mit niedrigen Löhnen und dann – dann geht´s wieder aufwärts! Schon immer war  auf sich stolz, wer ohne Sozialleistungen  „über die Runden kam“.  Wir haben ja immerhin den Standard des damaligen griechischen Idylls, während in Griechenland die Menschen, die heute in der boomenden Tourismusbranche arbeiten, nicht wissen, wie sie über den Winter kommen sollen. Deshalb glauben sie fast alle der Frau Merkel,  wenn sie sagt „Uns geht´s gut.“

„Unsere“  freie Marktwirtschaft  hat schon längst  bewiesen, dass sie ihr Wohlstandsversprechen nirgendwo hält. Böse, kritische Ökonomen behaupten, sie könne es gar nicht halten.  Der Tourismus blüht bei uns in den mühsam mit öffentlichen Mitteln gepäppelten Naturresten  oder in den „renaturierten“ Industriebrachen. Die Finanzindustrie lebt von den Ratenkäufen des  Rentners, der 2000 € in die mobile Fischräucherei investiert hat und von den Krediten für das 100-Betten-Hotel, denen bald eines mit 200 Betten folgen soll. Der Verkäufer des Geländes für das Vier-Sterne-Hotel mit Wellnessangebot und Thermalbad legt den Erlös, aufgestockt durch ein paar Kredite,  in neuen erstklassigen Ferienwohnungen an. In allen Ländern der Welt gibt´s jetzt  mindestens 10 + x   Menschen mit  wirtschaftlicher Macht, die systematisch ihre frühere Heimat,  die Welt und alle ihre Bewohner ausnehmen. Diese Oligarchen wohnen allerdings nicht mehr wie früher auf ihren weltbekannten privaten Inseln. Sie halten sich aus steuerlichen Gründen fast das ganze Jahr über in internationalen Gewässern auf – entweder auf ihren eigenen Yachten oder in ihrer Suite auf einem der  luxuriösen „Kreuzfahrtschiffe“, die mit Lieschen Müllers „Aida“ und den Landausflügen mit dem Bus nicht das geringste gemein haben.

Uns geht´s gut. Wir haben Urlaub. Wir sehen die Flüchtlinge nicht – nicht  die Steuerflüchtlinge in ihren schwimmenden Luxussuiten  und auch nicht die ertrinkenden Armutsflüchtlinge. Wir laufen vom Zeltplatz aus entspannt um den künstlichen See, genießen die saubere Luft und auf dem Bänkchen am öffentlichen Uferweg die Spätsommersonne. Mittags  gönnen wir uns am Ständchen des Rentners  ein Brötchen, belegt mit geräucherter,  zartrosa Lachsforelle aus dem See, denn dafür reicht das Urlaubsbudget.  Den Rentner freut´s und uns auch. Ist das Leben nicht schön?

 

 

Schlaraffenland

Bild: wikipedia commons, Ars Electronica 2008

Ich liebe  Visionäre, die zukünftig Roboter die Flure der Altersheime putzen lassen und auch  ihre gut beheizte Privatwohnung mit mindestens 40 m²/Kopf. Gleichzeitig erhalten sie monatlich eine öffentliche Ausschüttung von 1500 €, dafür dass sie zuhause bleiben.

So kann man die Frage nach dem Sozialismus in einem Land auch entscheiden: Wir lassen es uns gutgehen.  Rohstoffe und Energie für die Roboter  werden nach wie vor zu kapitalistischen Bedingungen geliefert. Mit imperialistisch, nationalistisch oder rassistisch legitimierter Ausbeutung fremder Weltgegenden hat das dann gar nichts mehr  zu tun, weil die Nutznießer ja Sozialisten sind.

Grundeinkommen – die Vierte

Bild: wikimedia commons

Bedingungslos? Systemüberwindend? Systemsprengend?

Entgegen den Annahmen ihrer Protagonisten  wirkt die  Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen entsolidarisierend. »Solidarität« ist Folge gemeinsamen Handelns in der Vertretung gemeinsamer Interessen – nicht immaterieller, moralischer  oder kultureller Wert, der Gesellschaften zu Gemeinschaften zusammenschweißt.

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