Gesundheit oder System?

Es gibt Gründe, das zusammengesetzte Wort `Gesundheitssystem´ für einen Widerspruch in sich selbst zu halten. Diese seien im folgenden dargestellt.

Rückblick und Perspektive

Ein Urgroßonkel soll – folgend der Überlieferung meiner Herkunftsfamilie – mit etwas über 90 Jahren zum ersten Mal einen Arzt aufgesucht haben. Dessen Diagnose: Altersschwäche. Onkel E. verstarb einige Zeit später. In Zusammenhang mit diesem Text habe ich mich bemüht, herauszufinden, ob es solche Menschen heute noch gibt. Belastbare Zahlen habe ich dazu nicht gefunden.
Ich habe aber im Lauf meines Lebens viele Menschen getroffen, die nach dem Überstehen der üblichen Kinderkrankheiten bis ins Alter von etwa 50- 60 Jahren keinen Arzt gebraucht haben. Auch viele, die zwar hin und wieder einen Arzt aufsuchten, in den meisten Fällen aber nur, weil unser Gesundheitssystem dem Einzelnen nicht erlaubt, ohne ärztliches Attest einfach zu sagen: „Chef, ich fühl mich der Arbeit nicht gewachsen. In zwei, drei … 14 Tagen wird´s wieder gehen.“
Manche Menschen, die nicht zum Arzt gehen, sind krank. Manche Menschen, die sich krank fühlen gehen zum Arzt. Manche Menschen, die nicht krank sind, gehen zum Arzt. [Siehe: Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière; Le Malade imaginaire; Uraufführung 1673]. Obwohl es Wundärzte, Bader, Heilkundige, Zahnbrecher etc. und auch Krankenhäuser, Spitäler schon sehr lange gibt, kennt man ein Gesundheitssystem als solches erst seit es im Zug der Industrialisierung in Europa von der Arbeiterbewegung in der Form einer Pflicht-Krankenversicherung erstritten wurde. Seitdem muss man sich darüber Gedanken machen, wer aus welchen Gründen ärztliche Leistungen in Anspruch nimmt, die von der Gesamtheit der Versicherten bezahlt werden – oder auch von der Allgemeinheit, d.h. aus Steuermitteln.
Warum entschloss man sich solche Einrichtungen zu schaffen? Doch nicht weil vorher keiner jemals krank wurde. Sicher auch nicht, weil immer wieder Leute ohne Angabe von Gründen der Arbeit fernblieben. Ich habe da so eine Vermutung: Der Herr von Bismarck machte den Vorschlag eine solche Versicherung einzuführen, weil im Unterschied zu meinem Urgroßonkel in den Mietskasernen der Gründerzeit zu viele Arbeiterinnen und Arbeiter krank wurden. Sie verdienten nämlich zu wenig Geld, um für das tägliche Brot für ihre Familien zu sorgen. Sie hockten zu dicht aufeinander um ausreichend Licht und Luft zu haben. Wegen der zunehmenden Bevölkerungsdichte gab es mehr Menschen, die unter den herrschenden Bedingungen allerlei Erreger aufschnappten denen ihre geschundenen Körper nicht gewachsen waren. Am Bewegungsmangel lag es sicher nicht, denn diejenigen, die am wenigsten verdienten gingen zu Fuß zur Arbeit und die Arbeit war mit körperlichem Einsatz verbunden.
Schon immer gibt es dicke und dünne Menschen, aber so richtig adipöse mit gichtigen Füßen und Händen, denen 4 andere aufs Pferd helfen mussten gab es früher nur unter richtig Reichen. Umfassend wohlstandsverwahrloste Körper gibt es erst, seit die Nahrungsmittelindustrie und – als Gegengewicht auf der Wippe – die Pharmaindustrie gemeinsam daran arbeiten, das vorgefundene Menschenmaterial der niederen Schichten zu Erwerbszwecken zu missbrauchen. Es hat sich eingebürgert, das als Fortschritt zu bezeichnen, weil sich in diesem Zeitraum die statistische Lebenserwartung erhöhte.
Man spricht dann von besseren Lebensgrundlagen, wenn Populationen sich vermehren, bevor sie abwandern müssen, weil das Futter nicht mehr reicht. Es könnte sein, dass die Menschheit jetzt genug fortgeschritten ist, um auswandern zu müssen, weil mehr Fortschritt nicht mehr geht. Dabei sind die Verhältnisse zwischen den Exemplaren/Individuen in einem gewissen Sinn gleich geblieben: Arme sterben früher. Und wenn auf dieser Erde immer mehr Arme nicht überleben können, wird sich Elon Musk in eine der Raketen aus seinem SpaceX-Programm setzen und sich dank seiner gekauften menschlichen, entwickelten technischen und Misch-Intelligenzen in seinen neuen Lebensraum begeben. – Glauben sowohl er als auch seine persönlichen Feinde. Wenn´s dumm ausgeht, schafft´s keiner. Ausgestorben. Zuviel Panzer, zu wenig Hirn.

Das System (I)

Man muss nicht bei jedem Problem, das sich gesellschaftlich stellt, einen Abriss der Geschichte der Klassenkämpfe voranstellen – auch dann nicht wenn es die Spezies Mensch betrifft. Armen und Ohnmächtigen sind die Besonderheiten ihrer Lage in aller Regel bekannt. Sie müssen zu diesem Thema nicht belehrt werden. Sie erhoffen sich von Zusammenkünften – die notabene gegenwärtig verboten sind – Vorschläge zur Abhilfe.

(eigene Bastelei für die Gruppe Spartakus)


In Umsetzung der neoliberal genannten Vorstellungen interessierter Kreise unter der Fragestellung „Wie schaffe ich es, dass meine Konten am nächsten Ersten höhere Beträge ausweisen als am vergangenen?“ haben sich in Zusammenhang mit der Frage menschlicher Gesundheit in den letzten 40 Jahren folgenreiche Umstrukturierungen der gesellschaftlichen und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durchsetzen lassen.
Folgende Glaubensartikel werden allgemein anerkannt:

  1. Wenn es Reiche gibt, fällt ein Teil von ihrem Kleingeld entsprechend den Gesetzen der Schwerkraft immer nach unten. Deshalb achten wir darauf, die Reichen nicht zu verärgern.
  2. Es meine gesellschaftliche Pflicht, mich so zu verhalten, dass ich die Reichen nichts koste. Ich tue alles, damit ich gesund bleibe, meine körperliche Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalte und ihnen möglichst wenig zur Last falle.
  3. Mich so zu verhalten, dass ich ihnen nützlich bin, ist meine höchste Verantwortung und Ausdruck meiner Mitmenschlichkeit. Nur so kann ich für mich und alle meine Mitmenschen dafür sorgen, dass durch die 3 Siebe zwischen Mächtigen und Machtlosen (siehe oben) zwar nicht genug aber doch ein bisschen für uns alle nach unten durchfällt.

Wer diese Regeln nicht 52 mal 7 mal 24 mal 60 Minuten im Jahr beachtet, überschreitet aus eigenem Willen die Grenzen unserer globalen, solidarischen Gesellschaft und verdient ihre umfassende Missachtung.

Gesundheit in der unmittelbaren Gegenwart

Es versteht sich von selbst, dass es unwichtig ist, ob ich mich gesund oder krank fühle. Die Definitionsmacht darüber haben die Menschen in der gegenwärtigen Lage bis auf weiteres verloren. Die meisten Menschen neigen dazu, sich von anderen fernzuhalten, wenn sie sich nicht gesund fühlen und freuen sich, wenn jemand ihren Zustand erkennt oder erfühlt, sie ein bisschen unterstützt: Tee kocht; einen nassen Lappen auf die heiße Stirn legt; den Menschen wäscht, wenn die Kraft dazu nicht reicht oder die Geschicklichkeit. Das ist das, was man gemeinhin Pflege nennt. Mütter und Väter pflegen ihre Kinder in solchen, fast immer vorübergehenden Zuständen und auch Freunde einander.
Mensch fühlt sich nicht krank, wenn ihm die Zornesröte ins Gesicht steigt und der Blutdruck steigt. Wann man außer Atem kommt, ist eine Frage der Gewohnheit, Sportler würden sagen des Trainings. Dass die Tagesform davon abhängt, ob man genug geschlafen hat, nichts Schweres gegessen hat, keine Gifte abbauen muss – das lernt ein Mensch auf Grundlage der Erfahrung im Umgang mit sich selbst. Trotzdem ist es möglich, dass Menschen krank werden, denn nicht nur ihre Gesichter unterscheiden sich – auch ihre körperliche Disposition, ihre Anfälligkeiten, Schwächen. Während reiche Gesellschaften eine große Duldsamkeit gegenüber allen denkbaren individuellen Unterschieden entwickelt haben, ist die Regel für den gesellschaftlich normierten Kern eine ganz andere geworden:

Alte und junge kranke, weniger leistungsfähige Menschen werden umsorgt, während man die weitgehend gesunde breite Masse zu Höchstleistungen motiviert, angemessener wäre wohl das Wort `zwingt´. Nicht die Ursachen ihrer real vorhandenen Schmerzen werden beseitigt, sondern man verkauft ihnen Opiate. Nicht der körperliche Verschleiß durch extrem einseitige körperliche Belastung von Skelett und Muskulatur wird beseitigt, sondern man propagiert deren kostenträchtige Reparatur als Gesundheitsleistung. Kinder werden möglichst frühzeitig an die Geschmacksrichtung süß gewöhnt, damit man `süß´´ gut verkaufen kann, egal ob mit Zucker, Stevia oder künstlichen Süßstoffen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass dadurch einer Stoffwechselerkrankung Vorschub geleistet wird. Aber mit den dazu passenden Medikamenten und Hilfsmitteln ist ja auch wieder Geld zu verdienen.
Gegenwärtig werden Menschen zu Kranken erklärt und verängstigt, denen nichts fehlt und deren Körper (Immunsystem) mit einer möglichen Belastung gut fertig werden kann. Andere Infektionskrankheiten und ihre Risiken sind seit langem bekannt. Aus diesen Erfahrungen kann man für evt. neu auftretende Erreger aber nichts ableiten. Die Menschheit weiß, wie vielfältig die Gefahren sind, mit denen sie zurechtkommen muss. Manchmal sind es Tiere, die helfen die Erreger zu verbreiten. Manchmal schmutziges Wasser, ganz allgemein ungenügende Hygiene, manchmal der Hautkontakt, manchmal der Atem. Mediziner, Virologen, Mikrobiologen können sich Wissen nicht erzaubern. Es muss gewonnen werden durch manchmal langwierige Beobachtung und die daraus zu ziehenden Schlüsse. Es kann sich nicht um Wissen handeln, wenn `die Wissenschaft´ nach einigen Monaten mit einer Impfung aufwarten kann, die für alle einen guten Schutz bietet und wenige oder verkraftbare Nebenwirkungen aufweist. Ist es nicht einer der Unterschiede zwischen Wissenschaft und Hexerei, dass erstere Zeit braucht? Nur magische Kräfte reagieren auf Zuruf oder seltsame Bräuche und Rituale. Es geht also dem gegenwärtigen System nicht um die Gesundheit, sondern um eine kostengünstige, die kostengünstigste Organisation dessen, was man als Gesundheitssystem definiert. Ob es tatsächlich ein solches ist, weiß man nicht so genau.

Ich tue alles, damit ich gesund bleibe, meine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalte und anderen möglichst wenig zur Last falle [s.o. Glaubensbekenntnis]. Andere Lebenszwecke oder Lebensweisen sind nicht zulässig, weil sie dazu führen könnten meine Lebenszeit zu verkürzen und/oder andere materiell zu belasten. Kaum ist es gesellschaftlich geschafft, die statistische Lebenserwartung zu erhöhen, setzen die Mächtigen alles daran, die Dauer der ausgebeuteten Lebenszeit zu verlängern, damit die Kosten-Nutzen-Relation in ihrem Sinne wieder stimmt. Was einem dazu einfällt, ist die Fabel von Hase und Igel. Dass dieser Mechanismus so gut funktioniert ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Menschen der Verschiebung ihrer vielfältigen Interessen auf die Zeit nach der Erwerbstätigkeit zustimmen. „Wenn ich mal in Rente bin, dann… “ dürfte einer der in der Bundesrepublik am häufigsten gesprochenen Satzanfänge sein. Ist es wirklich sinnvoll, die Befriedigung manchen Bedürfnisses, die Verwirklichung manchen Traums, die Umsetzung manchen Plans ausgerechnet auf den Lebensabschnitt zu verschieben, in dem die Sinnesorgane beginnen zu schwächeln, die körperliche Belastbarkeit abnimmt, die inneren Organe den ein oder anderen Genuss nicht mehr verzeihen? Auch wer lebenslang sein möglichstes tut, gesund zu bleiben stirbt. Ein ungefülltes, ein unerfülltes Leben gewinnt durch längere Dauer nicht an Sinn.

Exkurs Indien: Gesundheit und Broterwerb

Während ich an diesem Text schreibe, wird aus Indien von zahlreichen Todesfällen in Zusammenhang mit einer neuen, besonders gefährlichen Mutation des aktuell grassierenden Atemwegsvirus Sars-CoV2 berichtet. Die Tatsachen, dass die Bevölkerung in Indien auch in den Städten sehr arm ist, sehr dicht gedrängt lebt und auch weithin sehr schlecht ernährt ist, werden dabei – wenn überhaupt – nur am Rande erwähnt. Auch die Tatsache, dass in den Städten – wie mancherorts in China – die Atemluft in der Regel gut sichtbar ist, weil lungengängige Teilchen aus der Industrie die Luft im Wortsinne verpesten. Von den 15 Städten der Welt mit der schlechtesten Luftqualität befinden sich 14 in Indien.
Auf den Seiten der Welthungerhilfe ist zu lesen:
„Infos & Facts: Fallstudie zu Indien
14 % der indischen Bevölkerung sind unterernährt, weil sie ihren Kalorienbedarf nicht decken können.
34,7 % der Kinder unter 5 Jahren sind in ihrer Entwicklung zurückgeblieben (engl. „stunted“; zu geringe Körpergröße für ihr Alter), ein Beleg für chronische Unterernährung.
17,3 % der Kinder unter 5 Jahren sind ausgezehrt (engl. „wasted“; zu geringes Gewicht für ihre Körpergröße), ein Beleg für akute Unterernährung.3,7 % der Kinder sterben, bevor sie 5 Jahre alt werden.“
Die im unten angegebenen Link erwähnten Schätze aus dem Urwald eignen sich einige wenige Menschen an. Älteren unter meinen Lesern ist vielleicht eine Industriekatastrophe des Jahres 1984 in Erinnerung. Die Hinterbliebenen der 30.000 Todesopfer der Gaswolke in Bhopal wurden von der Betreiberfirma Union Carbide India Limited (UCIL), Ableger eines US-Konzerns, so gut wie nicht entschädigt. Indien ist nämlich ein beliebter Industriestandort weltweit tätiger Konzerne. Die Umweltstandards sind extrem niedrig. Ein Großteil des Leders, das in Europa verarbeitet wird, wird an den Ufern des Ganges gegerbt und gefärbt. Es sind nicht nur die Exkremente und Gemüseabfälle der mehr als 14 Mio. Bewohner des Ballungsraumes Kalkutta, die die trägen Wasserläufe des Ganges-Deltas verschmutzen, sondern auch schädlche Substanzen aus allerlei Industrien. Auch die indischen Löhne lassen der Fabrikanten Herz höher schlagen.
In der aktuellen Berichterstattung der WHO zu Covid 19 wird der sprunghafte Anstieg der Toten nicht der gigantischen Umweltverschmutzung, dem schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung, fehlenden Krankenhäusern und dem Mangel an medizinischem Sauerstoff zugeschrieben, sondern ausschließlich einer vermuteten, besonders gefährlichen Form eines Virus. Es wird verwiesen auf die akkumulierte Zahl von bisher 211.853 Toten bei einer Gesamtbevölkerung von 1.380.004.000 [1,38 Mrd.] Menschen, also etwa dem 16 bis 17-fachen der Bevölkerung der Bundesrepublik. Erneut werden Zahlen eines fremden Landes benutzt – eines Landes in dem völlig andere Lebensbedingungen herrschen – um Angst vor einer besonderen Erkrankung zu erzeugen, deren Urgewalt sich erneut zeige und autoritäre Problemlösungen jeglicher Art erforderlich mache.
In den beängstigend hohen Anzahlen von Sterbefällen in Ländern mit extrem niedrigen Umweltstandards [Spanien, Italien, Brasilien, Indien…] wird aber auch sichtbar, dass die Vorschädigungen der Atemwege durch Feinstäube industriellen Ursprungs die hohe Zahl fataler Krankheitsverläufe wesentlich mitverursacht. Monokausale Erklärungsmuster sind nicht angebracht. Dass sie wissenschaftlich unterfüttert sind, darf bezweifelt werden.

Es geht in Fragen des Gesundheitssystems nicht um die Verhinderung, Beendigung krankmachender Zustände oder die menschenwürdige Versorgung kranker Menschen, sondern um einen Wirtschaftszweig, der mit der Korrektur gesundheitsschädlicher Folgen des Lebens und Wirtschaftens Profite generiert. Vor diesem Hintergrund sei beschrieben, was ich im Folgenden erläutere.

Das System (II)

Die rentierliche Beseitigung von Folgeschäden der Wirtschaftsform geschieht mit unterschiedlichen Akzenten: der Rettung, der Befriedigung eines vorübergehenden Hilfebedarfs, der Begleitung überwiegend alter, manchmal aber auch junger Menschen bis zum Tod.
Gelingt es, den Aspekt der Rettung vor dem Tod in den Vordergrund zu stellen, kann ein industrieller Aufwand angestoßen werden, der immense Summen von Steuer- und Spendengeldern in die Taschen großer Firmen fließen lässt, die an der Rettung von Leben beteiligt sind.
Wer vom Obstbaum fällt oder von der Küchenleiter, auf Eis ausrutscht oder auf Hundekot, kann Glück im Unglück haben. Meistens kann er wieder aufstehen, manchmal braucht er dazu die Unterstützung anderer. Der Mensch fühlt sich mehr oder weniger beschädigt. In den folgenden Tagen werden Blutergüsse sichtbar, die über die Zeit die Farbe wechseln, von dunkelblau bis lila hin zu gelb. Nach einer gewissen Zeit sind sie verschwunden. Wenn er über Rauhes rutschte, ist die Haut oberflächlich beschädigt. Mensch tupft ein bisschen Jodtinktur drauf und schützt durch ein Plaster die Wunde vor Schmutz. Es kann aber auch sein, dass sich Gliedmaßen nicht mehr wie gewohnt bewegen lassen. Mensch braucht dann einen Helfer, der sie wieder einrenkt oder einrichtet und ruhigstellt, damit der Schmerz nachlässt.
In unserer hoch empathischen Zeit hat sich eingebürgert, jemandem der hingefallen ist, nicht mehr aufzuhelfen, damit er sich entscheiden kann, ob er weitere Hilfe braucht – man könnte ja falsch helfen. Wenn es kalt ist, breitet man eine Decke auf ihm aus, damit er beim Warten auf die Sanitäter nicht auskühlt. Dann kommen Rettungskräfte, die immer öfter darüber klagen, dass Menschen ihnen aggressiv begegnen. Meine Vermutung: In vielen Fällen hätte die Hilfe beim Aufstehen gereicht. Jetzt müssen sie sich von ihren Rettern bevormunden lassen. Unter Umständen werden sie sogar gegen ihren Willen in ein Krankenhaus gefahren, denn auch die Retter wollen und dürfen nichts falsch machen. Man hat da seine Vorschriften. Wer jedoch selbstbestimmt medizinische Hilfe sucht, der muss systembedingt immer weitere Strecken zurücklegen, weil vor Ort zum Helfen keiner mehr da ist. Nicht allein die Ärzte auf dem Land fehlen – die Allrounder, die Allgemeinärzte fehlen auch in den Städten. Sie wurden zu Vorsortierern für die privatisierten Kliniken gemacht, die nach Möglichkeit nur noch ihre besondere Krankheit behandeln und keinen allgemeinen Versorgungsauftrag mehr wahrnehmen.
Es ist eine Frage persönlichen Glücks geworden, dass man körperliche Zustände vorweisen kann, die für höchst qualifizierte Ärzte und Krankenhäuser finanziell attraktiv sind. Andernfalls geht es einem so wie mir: Als nach einem kleinen Unfall beim Baden trotz Ruhigstellen, Kühlen und Hochlagern die Schmerzen nach ein paar Tagen nicht vorbei waren, suchte ich im Urlaub einen Arzt auf. Er bat mich ein paar Schritte zu laufen und sah, dass ich bei Belastung der Außenkante des verletzten Fußes laufen konnte. Fast schmerzfrei noch dazu. „Sie können doch laufen.“ sagte er und schickte mich zurück auf meinen Liegestuhl am Pool. Wieder zuhause konnte ich feststellen, dass er Recht gehabt hatte. Nach dem Urlaub konnte der Orthopäde zuhause nur feststellen und durch ein Röntgenbild untermauern, dass einer der Mittelfußknochen gebrochen und wieder gut verheilt war. Bei kleineren Malaisen entwickelt Mensch automatisch heilsame Verhaltensweisen. Man muss es ihm nur zutrauen. Und der Mensch muss es sich und seinem Körper zutrauen. Eine vernünftiges Verhalten gegenüber dem eigenen Körper ist erlernbar.
Retter, auch ehrenamtliche, arbeiten für die Überschüsse großer Organisationen, die schon lange die Basis nächstenliebender Hilfe verlassen haben. Sie sind Teil eines Systems. In Systemen gibt es Vorschriften. Da muss jemand vorschriftsmäßig transportiert werden, geröntgt, ärztlich untersucht, zum Unfallhergang befragt werden. Es muss ein Formular ausgefüllt werden, ob es sich um einen privaten oder betrieblichen Unfall handelt… . Das System nervt! Und die berufsmäßigen Retter bekommen es ab.
Die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen des Systems verlangen schon seit Jahrzehnten von allen sozialen Diensten eine betriebswirtschaftliche Abrechnung ihrer Leistungen. Dieses System hat die früher ehrenamtlich oder religiös motivierte Hilfe, die unmittelbar dem einzelnen dienliche Arbeit mit und am Menschen, in abrechenbare Tätigkeiten zerlegt. Die Abrechnung dieser Dienste liest sich heute nicht anders als die Kostenkalkulation für Industrieprodukte, die jeden Produktionsprozess in Einzelschritte zerlegt, auf die sich die Aufmerksamkeit der Controller richtet. Die Pflege genannte Unterstützung in Einrichtungen für körperlich und/oder geistig eingeschränkte Menschen, für noch nicht selbstständig lebensfähigen Kleinkinder, Kinder und Jugendliche hat mit ganzheitlicher, auf den Menschen gerichteter Aufmerksamkeit nichts mehr gemein. Das wird von vielen der in Pflege- und Erziehungsberufen tätigen Menschen bedauert und beklagt, denen es bei ihrer Berufswahl ein Anliegen war, anderen Menschen unmittelbar zu helfen.
Die meisten Menschen, die sich für einen rettenden, heilenden, pflegenden Beruf entschieden haben, leiden darunter, dass ihr Wollen und die Realität des Berufs, den sie ausüben in einem systemischen Widerspruch stehen: Nicht Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft sind die Grundlage des Systems, sondern abrechenbare Leistungen, die umso mehr Profit bringen, je schlechter man diejenigen bezahlt, die sie erbringen. Bald werden Roboter, vielleicht sogar Androiden durch Krankenhausflure fahren und mit metallisch klingender Stimme sagen: „Ich bringe ihren Tee.“ Dabei wäre der Tee für die Genesung lange nicht so wichtig, wie ein Händedruck, ein Streichen über den Arm oder ein aufmunterndes „Wird schon.“ Allem Anschein nach sind Genesende im System gar nicht mehr vorgesehen. Sobald die abrechenbare Leistung erbracht ist, schickt man jeden nämlich nach Hause – ob da jemand ist, der sich um ihn kümmern kann oder nicht. Die aktuell Long Covid genannte Phase der Genesung nach einer schweren Erkrankung der Atemwege und der Lunge könnte Ausdruck der Tatsache sein, dass manchen Genesenden erstmals auffällt, dass Heilung Zeit braucht. Zeit hat das System aber nicht, denn es verlangt nach unablässigem abrechenbarem Tun. Das „Es wird schon.“ reicht nicht, es muss schon an ihnen etwas getan werden. Abwarten, bis man wirklich gesund ist ? Die Genesung in besonderen Einrichtungen unter fachkundiger Anleitung zu beschleunigen lohnt sich nur für Erwerbstätige. Wer älter ist, wird mit den Krücken nachhause geschickt, mit dem Auftrag, tüchtig laufen zu üben. Das muss reichen. Wieviel Prozent die Steigung die Straße vor seiner Haustür hat fragt keiner und auch nicht wer den Genesenden mit seinem Auto zum Üben bringt auf dem ebenen Rundweg um einen nahen See.
Im Gesundheitssystem schwankt, das habe ich in den letzten Monaten gelernt, auch die Zahl der Intensivbetten zwischen 30.000 und 20.000. So mir nichts dir nichts geht´s um 30 % runter, wenn einem Gesundheitsminister eine Berechnungsgrundlage einfällt, die den privatisierten Krankenhäusern finanzielle Vorteile verschafft. Nur nicht dem Bedarf folgen. Maßgeblich ist die Rendite. Die Regulierung des Bedarfs wird dem verantwortungsvollen Bürger aufgehalst, der lieber auf eine notwendige Krankenhausbehandlung verzichtet, um `das System´ nicht zu überlasten.
Das System hat immer feinere und kostspieligere technische Methoden entwickelt, die leider dem Zustand nicht abhelfen können, dass man meistens nicht weiß, warum ein Mensch sich krank fühlt. Aber wer die diagnostischen Hilsmittel und Apparate von 10 Fachärzten ausprobiert hat, bekommt wenigstens das Gefühl, es werde etwas getan. Auch wenn´s nicht wirklich hilft. Es wird gutes Geld damit verdient, dass man die folgenden Sätze tunlichst vermeidet: „Ich/Wir können Ihnen nicht helfen. Sie könnten sich selbst helfen, wenn sie lernen, genauer auf sich selbst zu achten, herauszufinden, was ihnen gut tut oder schadet… – und es dann auch wirklich zu tun oder zu lassen.“
Obwohl es so ist, dass man nach wie vor Ursachen und Folgen der meisten Unbefindlichkeiten nicht kennt – Ärzte geben dem Kind meistens nur einen Namen, ohne etwas bewirken zu können – generieren die Großen der Branche satte Gewinne. Mal sehen, ob ich mit meinem seit ca. 25 Jahren behandelten, medikamentös nach unten korrigierten Blutdruck älter werde als meine Mutter, die den ihrigen, nach der damaligen Regel „systolisch 100 + Zahl der Lebensjahre ist normal“ bis zum Tod mit fast 80 Jahren einfach ertragen hat. Gestorben ist sie nicht an einer Herz-Kreislauferkrankung, sondern an den Folgen einer Krebstherapie. 40 Jahre lang wurde sie von Schmerzen gequält, die sie riskiert hatte, weil sie ihre Kinder nicht zurücklassen wollte.

Ich nehme das Risiko auf mich, des Zynismus beschuldigt zu werden, gebe aber entschuldigend zu Protokoll, dass mich die Lage der Menschen in erziehenden, pflegenden und heilenden Berufen nicht erst beschäftigt, seit eine angeblich tödliche Seuche (3) grassiert. Ich habe mich engagiert in der Unterstützung von Streiks gegen das Outsourcing an Kliniken in der Kreisstadt, gegen die Umwandlung des Kreiskrankenhauses in eine privatwirtschaftlich organisierte gemeinnützige GmbH. Heute trägt der Klinikverbund nicht einmal mehr das verschleiernde Attribut `gemeinnützig´.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewerten das Klinikum Bayreuth so (2):

(1) [https://www.welthungerhilfe.de/informieren/laender/indien/schaetze-aus-dem-urwald/ ]
(2) [https://www.kununu.com/de/klinikum-bayreuth]
(3) Fakt: Tödlicher Verlauf der Erkrankung bei ca. 2,4 % aller positiv Getesteten seit März 2020; errechnet auf Grundlage der Zahlen des Robert-Koch-Instituts, täglich veröffentlicht unter [https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html]



Das Fehlende

Bild: Screenshot, Website des Riva-Verlags

Amerkungen zu „Der betrogene Patient“ von Gerd Reuther, erschienen im Riva-Verlag unter ISBN 978-3-7423-1034-7

So gut begründet, in weiten Teilen treffend und sinnvoll die Bestandsaufnahme von Gerd Reuther ist, so unzulänglich sind die von ihm skizzierten Auswege. Wer nach Lösungen und Antworten sucht, stößt leider nur auf die Ideen der Bertelsmann-Stiftung: weniger Betten, zentrale Kliniken mit hochspezialisierten Ärzteteams und der dazu gehörigen technischen Ausstattung.
Die meisten Menschen brauchen das alles nicht, wenn sie sich krank fühlen. Nur ein paar Tage Selbstheilungsmaßnahmen mit Wärme oder Kälte, Heißgetränk und Hühnerbrühe, Entspannung an frischer Luft, genau das, was an einer einzigen Stelle des Buchs angesprochen wird: Sanatoriumsatmosphäre.
Der Autor blendet den Blick auf die reale gesellschaftliche Lage derer völlig aus, die sehr gerne auf ihre Selbstheilungskräfte setzen würden, gelegentlich auf einen vertrauenswürdigen Allgemeinarzt für unkomplizierte Unfallfolgen und eine Hebamme, die eine ganz normale Geburt bewältigt. Die vom Autor eingeforderte, verantwortliche gesundheitliche Selbstbestimmung ist für die Mehrzahl der Menschen aber nicht vorgesehen. Es steht keinem abhängig Beschäftigten zu, bei heißem Tee und Bettruhe das Abklingen eines Infekts über 10 -14 Tage abzuwarten ohne das Gesundheitssystem zu belasten. Es ist nicht dessen freie Entscheidung, auf den Besuch der Sprechstunde und eines überfüllten Wartezimmers zu verzichten. Abhängig vom Arbeitgeber ist eine Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit zwingend erforderlich, bei manchen Arbeitgebern bereits am ersten Tag.
Zum Arzt gezwungen werden Beschäftigte aufgrund der Unterstellung, dass ohne die Einschätzung eines Arztes ihre allzeitige, grundlegende Arbeitsunlust nicht bekämpft werden könne. Diese bedroht die angestrebten Profite.
Das Gesundheitsregime von Arbeitgebern, egal ob sie Clemens Tönnies heißen, Jeff Bezos oder Dieter Schwarz beruht auf der begründeten und berechtigten Annahme, kein vernünftiger, selbstbestimmter Mensch würde tagtäglich freiwillig in ihren Betrieben sein Leben zu Markte tragen.

Obwohl Gerd Reuther immer wieder auf selbstbestimmten, verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit, dem eigenen Leben Bezug nimmt, hält er offensichtlich die Kritik an den Arbeitgebern, Eigentümern und Betriebsleitungen für überflüssig. „Der betrogene Patient“ ist eines der vielen sprachlichen Produkte, die Politik nicht durch begründete Aussagen und Forderungen an Verantwortliche betreiben, sondern durch gezieltes Weglassen. Ein sehr manipulatives Buch. Sein Geld nicht wert.