Einsichten und Urteile

In den letzten Jahren habe ich viel Zeit mit Erinnerungsarbeit verbracht. Ältere Menschen lieben die Vorstellung,  andere, Jüngere, könnten aus ihren Erfahrungen lernen. Ich bin nicht frei von dieser Vorstellung.

Größen der Politik, die mit über 90 Jahren vom Studiobalkon quaken, glauben den Jungen ein geistiges Vermächtnis hinterlassen zu müssen, Rezepte geben zu können. Solche Rezepte gibt es nicht.  Alle aktuell lebenden Menschen sind in die Gesellschaft geworfen, die sie umgibt. Das ist nicht die gleiche wie vor 50, 100, 200 oder 2000 Jahren. Ich verweise auf Ernst Bloch: „Alles Gescheite mag schon siebenmal gedacht worden sein. Aber wenn es wieder gedacht wurde, in anderer Zeit und Lage, war es nicht mehr dasselbe. Nicht nur sein Denker, sondern vor allem das zu Bedenkende hat sich unterdes geändert. Das Gescheite hat sich daran als neu und selber als Neues zu bewähren.“ [ Ernst Bloch, Avicenna und die Aristotelische Linke; Frankfurt 1963; S. 9 ] Geschichtliche Erfahrung kann zu gegenwärtig anstehenden Entscheidungen beitragen. Geschichtlich bekannte Prozesse können jedoch nicht ausgewertet werden wie Laborversuche, deren Ergebnisse jederzeit an jedem Ort reproduzierbar sind oder zumindest sein sollen. Geschichte wiederholt sich nicht – weder als Tragödie noch als Farce.

Der Unterschied zwischen Arm und Reich begleitet die Menschheit zwar seit dem Übergang zur Sesshaftigkeit, wirft aber im Lauf der Geschichte auf einer sich stetig wandelnden materiellen Basis neue Fragen auf  an diejenigen, die ihn so nicht hinnehmen wollen und  gleiche Teilhabe/Beteiligung aller Individuen unserer Gattung einfordern. Nicht alles, was  als überraschend oder  modern daherkommt  ist wirklich neu. Nicht alles, was als zukunftsweisend vorgestellt oder propagiert wird kann mit guten Gründen als langfristig zukunftstaugliche Lösung  anerkannt werden. „Erfahrene“ haben bei dieser Unterscheidung manchmal einen Vorteil.

In dem bereits zitierten Text formuliert Ernst Bloch die Aufgabe so: „Nur jenes Erinnern ist fruchtbar, das zugleich erinnert an das, was noch zu tun ist.“  [ S. 67] Das gegenwärtig Offene, Ungeklärte, Lösungsbedürftige, das was  als nächstes zu tun ist, versuche ich zu umreißen. Jeder Lebende ist befähigt und gefordert auf die ihm eigene Weise zu dem beizutragen, „was noch zu tun ist“. Und tut es auch – ob er will oder nicht.

Einsichten und Urteile

 

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