Ungenügende Trennschärfe

Die Neigung, alles was einem nicht gefällt mit ganz starken Worten zu kennzeichnen, führt selten zu einer Veränderung der kritikwürdigen Zustände. Im Gegenteil. Wer unablässig „Wolf!“ schreit, kann dessen Annäherung nicht mehr wahrnehmen. Wirte, die Zigeunerschnitzel auf die Speisekarte setzen , Menschen, denen Geflüchtete Angst machen, fremdenfeindliche Brandstifter, alles Nazis?

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Nazis sind doof.

Ist die demonstrative, systematische Abwertung von Menschen, die eine als rechts geltende Meinung zu einer Sache äußern, eine gute Strategie gegen diese Art von „Dummheit“?

Es gibt unter Menschen eine weit verbreitete Neigung, diejenigen für dumm zu halten, die die eigene Meinung nicht teilen. Das hilft einem, das Argumentieren zu verweigern, wenn es einem gerade lästig ist. Nicht allein auf facebook oder in anderen Medien, die zu kurz gefassten Positionierungen veranlassen. „Dumm“ ist eindeutig kürzer als: „Ich stimme dir nicht zu. Ich habe dafür folgende Gründe…“. Oft wird Menschen nicht widersprochen, weil man deren Meinung für unwichtig hält, gerade unterwegs ist zum Supermarkt oder, von dort kommend, eine schwere Tasche trägt, man zu weit ausholen müsste, das Gegenüber eh nicht leiden kann, egal was gesagt wird … . Ich muss zu meiner Schande gestehen – ich widerspreche rassistischen, sozialdarwinistischen oder ethnizistischen Abwertungen von Menschen durch andere Menschen nicht immer. Ich würde es auch nicht öfter tun, hätte ich schon einmal eines der „Trainings“ besucht, auf denen man Gesprächstechniken lernt, die einem das erleichtern.

Ganz besonders gefährdet sind, was die Unterstellung von Dummheit anbelangt, politische Aktivisten, die sich für links halten. Unwidersprochen kann/soll/darf man etwas nicht lassen – für eine echte Auseinandersetzung ist man in der aktuellen Situation aber doch zu faul. Das Verhalten in den social media ist nicht schlimmer, sondern ein Abbild dieser alltäglichen Faulheit und/oder Feigheit, sich in Auseinandersetzungen zu begeben. Folge: „Du bist dumm.“ Damit glauben manche widersprochen zu haben, dabei haben sie gleichzeitig unter Beweis gestellt, dass sie dazu neigen, das sog. gemeine Volk, den Pöbel und/oder andersdenkende Mitmenschen abzuwerten.

Genau dieses Verhalten könnte einer der Gründe dafür sein, dass der Eindruck entsteht, die radikale Rechte habe zur Zeit vor allem in den sog. sozialen Medien Oberwasser. Die bezeichnen ihre politischen Gegner – das ist mein Eindruck – zwar als „linksgrün versifftes Pack“, als Verräter an der nationalen Sache, Gefahr für die Volksgemeinschaft, Feinde des Staates Israel oder der Volksgesundheit, aber sehr selten als „dumm“. Wer sich in den social media Beiträge von Leuten genauer anschaut, die als sog. rechte Trolls eingeschätzt werden, merkt sehr schnell, dass da durchaus argumentiert wird. Mit Argumenten, die Menschen wie ich nicht anerkennen – aber Formulierungen, die dem anderen die Berechtigung absprechen, sich zu äußern, weil er „zu dumm“ sei, findet man eher selten. Eher ein überaus lästiges Missionieren im Stil von Jehovas Zeugen. Deshalb frage ich: Ist die demonstrative, systematische Abwertung von Menschen, die eine als rechts geltende Meinung zu einer Sache äußern, eine gute Strategie gegen diese Art von „Dummheit“?

Wer ständig von Empathiefähigkeit faselt, sollte seine persönliche Unfähigkeit nicht beschönigen, sich mit Menschen zu befassen, die einen anderen geistigen Horizont haben, deren Welt eine andere ist, nicht die angeblich globale, die gegenwärtig in Mode ist. Deshalb meine Anmerkungen zu menschlichen Horizonten, gerichtet vor allem an diejenigen, die genau dieses Empathiedefizit aufweisen – nach meiner Beobachtung vor allem Menschen mit Abitur, durchsetzungsfähige Angestellte mit höherem Einkommen, mehrsprachige Globalisierungsfreunde… .

Diese Menschen, die ganz genau wissen was „dumm“ ist, haben allem Anschein nach den Begriff des „Whataboutism“ geprägt, der wie alles Böse zu den natürlich rechten Propagandatricks gezählt wird. Ich habe lange gebraucht zu verstehen, was mit dieser Klassifizierung gemeint ist, wen und was sie meistens trifft: die Neigung niederer Schichten „gleiches Maß“ einzufordern. Wer auf die Aussage: „Die Chinesen gehen in Hongkong gewaltsam gegen Demonstranten vor.“ mit dem Satz antwortet „Macht der Macron in Frankreich auch.“ wird umgehend als Whataboutist erkannt. Wer „korrekterweise“, weil er es WEIß, also intelligent ist, ergänzt durch „Wie der Putin.“ [Assad, Maduro, ] . Diesem Ergänzungstypus wird so gut wie immer unterstellt, dass er unsere Werte begriffen und in vollem Umfang in sein Denken aufgenommen hat. Das funktioniert ähnlich für sehr viele Gegenstände, auf die sich kurzfristig die öffentliche Aufmerksamkeit richtet. Dumm sind alle, die gleiche Bewertungskriterien auf gleichartige Zustände oder Handlungsweisen einfordern. Es ist offensichtlich, dass die Vernachlässigung der feinen Unterschiede auf einen beängstigenden Mangel an Unterscheidungsvermögen hinweist, der – wie wir alle wissen – mit Dummheit in hohem Maß in Beziehung steht.

Gleichermaßen dumm sind angeblich all jene, die es wie mich nicht interessiert ob das UNO-Mitglied Bhutan einen König hat und ob seine Einwohner wählen dürfen. Falls zufällig doch: Auch ein Häkchen bei Wahlen sagt für besonders differenzierungsfähige nichts darüber aus, ob es dabei mit rechten Dingen zugeht. Wir Demokraten wissen das durchgängig faktentechnisch richtig einzuordnen. Sie wohl nicht? Bhutan ist eines der Länder, die bei UNO-Abstimmungen immer für oder gegen die USA, für oder gegen Russland, für oder gegen China, für oder gegen Großbritannien, für oder gegen Frankreich stimmen. Sie wissen schon, eines der ständigen Mitgliedsländer des Sicherheitsrates, die – bis auf China – alle eine bewundernswerte, menschenrechtlich einwandfreie Kolonialgeschichte aufweisen. Was? Sie wissen das alles nicht? Ist ein derartiges Ausmaß an Uninformiertheit in unserer Welt noch zulässig? Kann man Menschen, die in einem derartigen Umfang unwissend sind, an Wahlen in Deutschland teilnehmen lassen? Was geschieht da mit „unserer“ Demokratie?

Umfassende Empathiefähigkeit nehme ich nur denjenigen ab, die sich der zahlreichen schwarzen Löcher in ihrer eigenen Bildung bewusst sind und Überheblichkeit gegenüber anderen unterlassen. Gerade dann, wenn es ihnen schwerfällt. Den anderen gegenüber, die zwar keine Wirtschaftszahlen der wichtigsten Industrieländer ins Gespräch einfließen lassen können, aber im Unterschied zu mir wissen, in welchem der örtlichen Supermärkte es in dieser Woche preisreduziertes Toilettenpapier gibt. Um das zu wissen, muss man den wöchentlich angelieferten Packen Werbeheftchen gewissenhaft lesen UND sich merken. Machen SIE das? Wissen SIE noch wieviel letztes Jahr die markenlose H-Milch gekostet hat, um sich über den Teuro aufzuregen? Ich nicht, denn ich habe mir noch nie darüber Gedanken machen müssen, wieviel davon ich mir leisten kann.

Politisch?

1966 ff. habe ich mich nach Kräften bemüht, einen käuflichen militaristischen, autoritären Kumpan von Krauss-Maffei, Faun, Diehl und der industriellen Fleischproduktion zunächst als Landesvater, später als Bundeskanzler zu verhindern.

Ich kann mich 2018 einfach nicht dazu durchringen, mich mit dem Schlachtruf „gegen rechts“ an die Seite derer zu stellen, die sein Erbe angetreten haben und die deutschen Zustände zu „unserer“ Demokratie verklären. Das alles bloß um ihre eigene Herrschaft gegen die Konkurrenz im gleichen politischen Angebotssegment zu behaupten.

Meine Entscheidung mag sich als falsch herausstellen. Mit diesem Risiko glaube ich leben zu können. Ich bleibe dabei: „Rechts“ beginnt nicht mit Gauland, Höcke, Storch und Weidel sondern mit Draghi, Juncker, von der Leyen, Merkel, und Scholz.
Während jede an den Jargon der Nazis anknüpfende Worthülse einen Sturm der Entrüstung auslöst, bereitet Flinten-Uschi  gegenüber Russland praktisch und verbal den präventiven Erstschlag vor. – Und kaum einen scheint´s zu stören.

 

 

 

Narrative

Es geht eine Sage, wir hätten vor Auschwitz versäumt unsere moderne, demokratische Zivilisation zu schützen. Falsch! Wir haben es nicht geschafft, rechtzeitig eine zu bauen, die wir hätten die unsere nennen können. Da haben wir heute noch einiges vor uns!

Strategien

nicht allein gegen Rechts, Genoss*innen, für Links!

Natürlich kann man  diese Frage  angehen mit inhaltlichen Bezügen auf  Wladimir Iljitsch Uljanow, Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, Lew Dawidowitsch Bronstein, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht,  Ernst Thälmann, August Thalheimer,  von mir aus auch Otto Wels. Hilft  in der gegenwärtigen Situation eine Debatte weiter, die von Folgerungen lebt, die sich aus vielen zitierfähigen Aussagen von Sozialisten und Kommunisten herleiten? Diese Aussagen finden sich meistens in  journalistischen Arbeiten mit Blick auf die damaligen politischen Kräfteverhältnisse, den damaligen Stand der Produktivkräfte und den damaligen Stand dessen, was man als Klassenauseinandersetzung sah.  Geschichte wiederholt sich nicht und es ist für mich mehr als fraglich, ob man „aus Geschichte lernen“ kann. Geschichtskenntnis ermöglicht es, Traditionslinien zu entdecken und die Menschen, Organisationen, Strukturen besser zu verstehen, die ich heute als politische Akteure  wahrnehmen kann. Nach der Lektüre von Wladek Flakins Aufsatz weiß ich ein bisschen mehr über Trotzki, die Geschichte der dritten Internationale und die seinerzeitigen Einschätzungen und Fehleinschätzungen. Helfen mir diese Debatte und die Positionen aus Marx 21 und SAV  heute die aufgeworfene Frage zu klären und zu beantworten, die aktuell die Linke beschäftigt?

Eine von Lassalle stammende und auch von Rosa Luxemburg aufgegriffene Binsenweisheit wäre dabei hilfreicher: “ Alle große politische Action besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“ [zitiert folgend wikiquote: F. Lassalle, Was nun? Zweiter Vortrag über Verfassungswesen. Erstmals gehalten am 17. November 1862 im Mundtschen Saal in der Köpenickerstraße 100 in Berlin-Kreuzberg, Meyer & Zeller Zürich 1863 ]. Das „In-Beton-gießen“ der Überlegungen von Säulenheiligen der Arbeiterbewegung  zur Situation in Deutschland Ende der Zwanziger/Anfang der Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lässt mich als über Jahrzehnte dezidierte Linke stutzen. Gerade Marxisten wären doch eigentlich diejenigen,  die empirisch begründete und dialektisch entwickelte Lösungen vorschlagen können. „Was würde Trotzki tun?“  wäre damit für mich abgearbeitet. Würde ich mich nicht als Teil der im Artikel bemühten „Volksfront“ begreifen, vielleicht sogar der Einheitsfront, wäre ich nicht einmal in Versuchung gekommen, den unter http://www.neues-deutschland.de/artikel/1008551.was-wuerde-trotzki-tun.html nachzulesenden Beitrag von Wladek Flakin zu lesen.

Kommen wir zum „Rechtsruck“, der im Zentrum der Debatte steht, für viele ohne jeden Zweifel stehen muss. Falsche Wahrnehmung provoziert unklare, falsche Begriffe. Falsche Begriffe in der Fragestellung führen zu falschen Antworten. Deshalb frage ich vorsichtshalber kritisch nach.

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