„Daniele ist bäh!“

Verteidigung eines friedensorientierten Forschungsansatzes

 

Das Wort „Verschwörungstheoretiker“ hat eine abwertende Begleitbedeutung. Wer  andere als  Verschwörungstheoretiker bezeichnet, muss sich gefallen lassen, dass man ihn nach Gründen für sein Urteil fragt.

Die Urteile vieler Beiträger (für den Benutzer bleiben sie meistens anonym) von Wikipedia im Bereich Gesellschaft/Geschichte und auch von Psiram sind hochgradig ideologisch aufgeladen. Ich folge ihnen sehr selten und wenn überhaupt, erst wenn ich zusätzlich andere Quellen zu Rate gezogen habe. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es philosophische, gesellschaftliche und historische „Wahrheit“ nur sehr eingeschränkt gibt. Die Klassifizierung eines Autors durch etablierte Medien als „Verschwörungstheoretiker“ erinnert mich an die vatikanische Unsitte,  gedruckte Gedanken auf den Index zu setzen.

Nicht einmal in den Naturwissenschaften gibt es „Wahrheit“, sondern nur einen Stand der Forschung. Da kann man experimentelle Prüfungen vornehmen, um zu entscheiden, was richtig ist. Gesellschaftliche Experimente gibt es nicht. Vor Jahrzehnten habe ich spaßeshalber im Kampf um die 35-Stunden-Woche mal eines vorgeschlagen. Um empirisch das angemessene Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital festzustellen, könne man doch morgen und die folgenden Tage einfach allen Beschäftigten Urlaub geben. So nach und nach ruft man sie zurück. Da könnte man schnell feststellen wer wichtiger sei – Bäcker oder Banker. Solche Experimente gehen nicht. Der Dümmste erkennt, dass diese experimentelle Nichtarbeit einem Generalstreik gleich käme. Das kann das Kapital nicht wollen. Deshalb gibt es solche gesellschaftlichen Experimente nicht.  Sie könnten etwas bestätigen, was man nicht bestätigt haben WILL.
Wer über Menschen und ihre Gesellschaft(en) etwas wissen will, muss ihre Äußerungen zur Kenntnis nehmen, versuchen sie zu verstehen und sie miteinander in Beziehung setzen. Wie also soll man in Bezug auf Mensch und Gesellschaft den Stand der Forschung feststellen können, wenn man einen Teil der Forschenden, damit einen Teil der menschlichen Überlegungen, aus ideologischen Gründen einfach ausschließt? Das geht nicht! Nicht in der Soziologie, nicht in der Psychologie und auch nicht in der Geschichte. Die Benennung als „Verschwörungstheoretiker“ dient dazu, einzelne Forscher und ihre Ergebnisse aus der gemeinsamen Suche nach dem Richtigen auszuschließen. Sie ist ein Machtinstrument.

Daniele Ganser ist Historiker. Gelernter Historiker – nicht irgendein Erzähler, der in einer Quizshow auftritt und behaupet alles über Marie Antoinette zu wissen. Völlig unabhängig davon ob man Gansers Argumenten und Belegen folgt oder gegen ihn argumentiert: Er ist ein Historiker und er forscht. Also sollte man ihn zur Kenntnis nehmen, wenn es um die Frage der Legitimation von Kriegen geht und nicht mit Berufung auf psiram als „Verschwörungstheoretiker“ herabsetzen, weil man selber zu wenig „auf der Pfanne hat“, um ihm zu widersprechen, falls man es für nötig hielte.

Wer das Wort „Verschwörungstheorie“ benutzt sollte wissen

1. wann und von wem es in welchem Zusammenhang aufgebracht wurde

2. wer es aktuell zu welchem Zweck benutzt  und

3. in der Lage sein, eine einfache Definition zu geben.

Zumindest den Punkt drei müsste jeder mithilfe des Standardwerks der deutschen Sprache, dem  „Duden“  bewältigen können.

Die Annahme, dass mehrere Menschen an einer gemeinsamen „Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas“ [Duden Stichwort „Verschwörung“] beteiligt waren, ist ein legitimer Ausgangspunkt für das Nachforschen  in Zusammenhang mit weltbewegenden Ereignissen und Handlungen. Übrigens auch eine Arbeitsweise, ein Anlass zum Tätigwerden einer Behörde – dem Bundeskartellamt – in Sachen Kartellverstöße.  „Illegale Kartelle finden im Verborgenen statt. Die daran beteiligten Personen und Unternehmen sind auf höchste Geheimhaltung bedacht. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Melden Sie sich bei uns, wenn Sie Hinweise auf illegale Absprachen haben!“ [Quelle: die offizielle Website dieser Behörde https://www.bundeskartellamt.de/DE/Kartellverbot/Anonyme_Hinweise/anonymehinweise_node.htm l Im  Zusammenhang mit „Mobbing“ ist immer wieder von Verschwörungen zu lesen, die sich gegen einzelne Personen richten, die von den Geschädigten nicht so einfach aufzudecken und zu bekämpfen sind.

Die Verwendung des Begriffs „Verschwörungstheoretiker“ soll suggerieren, dass es solche Absprachen, Übereinkünfte, abgestimmte Taktiken politisch handelnder Menschen nicht gebe. Die Aufgabe von Mitarbeitern der Kartellbehörde, manchen Historikern und auch von Mobbingsberatungsstellen ist es aber,   den offiziellen Stellungnahmen von Verbänden, Unternehmen, Regierungen zu Ereignissen und Sachverhalten  NICHT  zu glauben, die Verantwortlichen zu suchen und zu benennen.  „Offizielle Verlautbarungen“   entsprechen dabei nicht immer der Realität.  Es ist die Aufgabe von Historikern herauszufinden, ob im Rahmen politischer Entscheidungen jemand im Hintergrund tätig und beteiligt war, sich mit anderen abstimmte, Informationen vorenthielt, Menschen unter Druck setzte, materielle Vorteile in Aussicht stellte … . Dazu werden Dokumente gesucht und geprüft. Ob man den Belegen, Schlüssen, Argumenten eines Historikers immer folgen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber dazu müsste man die Ergebnisse des Forschens ja wenigstens erst einmal zur Kenntnis nehmen – und falls nötig ANSCHLIEßEND kritisieren.

Wer zulässt, dass wissenschaftliche Friedensforschung als  „Verschwörungstheorie“ denunziert wird, unterstützt  – gewollt oder unabsichtlich – Argumentationslinien, die gerechte Kriege für möglich halten und eine Politik unterstützen, die  bereit ist andere Länder in Schutt und Asche zu legen. Menschenrechte werden dabei instrumentalisiert.   Denn:  Das oberste Menschenrecht ist die köperliche Unversehrtheit. Die physische Existenz ist die Voraussetzung dafür, dass Mensch überhaupt Rechte reklamieren kann. Wer das in Abrede stellt, befindet sich in gedanklicher Nähe zur Bereitschaft mit dem Schwert zu missionieren. Krieg, Folter und Zensur sind Geschwister,  jedes für sich genommen nicht bloß irgendwie undemokratisch, sondern Machtmittel.

 

 

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„die alte Friedensbewegung ist eben hauptsächlich eins: Alt.“

Das muss ich gestehen: Etwa zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr habe ich ähnliche Sätze abgesondert. Aber von einem Menschen über 30 mit einer abgeschlossenen akademischen Berufsausbildung  und politischem Anspruch finde ich so etwas  ein bisschen dünn.

Richtig erschreckend finde ich diesen „Sagerer“, weil  von der gleichen Person die militärische Verteidigung der Menschenrechte für akzeptabel gehalten wird und auch der bewaffnete Schutz von Siedlungen jüdischer Menschen auf einem Gelände, das ihnen nicht gehört. Wenn mir dann auch noch bekannt wird, dass der Urheber dieses gewichtigen inhaltlichen Arguments  als Direktkandidat für den Bundestag nominiert wurde, weiß ich was ich zu tun habe.

 

Es ist an der Zeit. – Wofür?

Bildquelle: David Flam; vintage: boy dressed in uniform: über flickr [ https://www.flickr.com/photos/freeparking/494295686 ]

„… die alte Friedensbewegung ist eben hauptsächlich eins: alt“

Was  soll mir diese Formulierung aus den Reihen des linken Nachwuchses unter 35 sagen? Über den stilistischen oder polemischen Nutzen  von Tautologien will ich mich  nicht weiter auslassen.  Was aber treibt einen, einen der als Linker gesehen werden möchte,  dazu,  Alter – wovon auch immer –  für ein inhaltliches Argument zu halten?

Nach 2,6 Mio. Jahren von Gewalt begleiteter Menschheitsgeschichte, könnte es im beginnenden 21. Jahrhundert doch langsam modern werden, auf Gewalt nicht nur  im Umgang unter Individuen weitgehend zu verzichten, sondern auch zwischen menschlichen Kollektiven. Ausgerechnet einer mit „linkem Anspruch“ polemisiert angesichts eines drohenden 3. Weltkriegs gegen die sich langsam  wieder formierende Friedenbewegung mit einer Anspielung, die sowohl Bertha von Suttner als auch Rosa Luxemburg zu von der Zeit hinweggespülten altmodischen Figuren erklärt. Er polemisiert, indem er auf die Scharen grauer Häupter anspielt, die zur Zeit noch die Friedensdemos prägen. Einsatz für den Frieden als politische Aktivität einer glücklicherweise infolge biologischer Prozesse bald zur Vergangenheit gehörende Altersgruppe von Ex-Soldaten, Kriegskindern, Kriegswaisen, Kriegerwitwen, Kriegsversehrten? Tausende von Generationen haben sich wo immer möglich den „Werbern“ entzogen oder sogar  aufgelehnt gegen die Mächtigen, die in ihrem Eigeninteresse ihre Untertanen massenhaft in den Tod schickten.  

Der massenhafte Tod auf unzähligen Schlachtfeldern, an unzähligen Orten. Das ist wirklich alt! Uralt! Sowas von uncool, oder wie auch immer der aktuell unter 35-Jährige zu sagen pflegt.

Soll es jetzt „links“ wirklich modern werden, an der Seite der demokratischen Streitkräfte der freiheitlich westlichen Welt statt für Gott und Vaterland die Menschen im Interesse der Verwirklichung ihrer eigenen Rechte totzuschlagen? Lebt ein moderner Linker in der Vorstellung, dass militärische Disziplin sich in der „Nach-Postmoderne“ –  die Zeitalter lösen sich  ja schneller ab als ich denken kann  – zum Ausdruck demokratischer Diskussionskultur verwandelt? Macht dieser moderne Linke tatsächlich Politik unter der Prämisse, dass die gewählten Chefs demokratischer Staaten in vollem Bewusstsein ihrer schweren Verantwortung unter schlimmsten Seelenqualen militärische Einsätze vorbereiten, die der Sicherung des Friedens und der Freiheit der Völker dienen?  

Die abschließende Formulierung Wenn wir Militarismus kritisieren, müssen wir das überall tun.“ lässt mich annehmen, dass „moderne Linke“ keine Interessen mehr kennen,  diese deshalb auch nicht mehr analysieren müssen und sich daher auch Lösungsvorschläge  für reale Interessenkonflikte sparen können.

Es lebe der Appell! Moralisten aller Länder vereinigt euch!