Griechenland

Seit 2008 ist es mir nur gelegentlich gelungen,  wichtige ökonomische Inhalte auf Leserbrieflänge zu schrumpfen. Seit dem Amtsantritt der griechischen Regierung unter Führung der linken Partei „Syriza“, versucht Deutschland mit allen Mitteln diese Regierung zu bekämpfen und das Land Griechenland am Rand des Abgrunds zu halten. Jetzt endlich hat mir meine Lokalzeitung unter dem Titel „Athen will deutsches Eigentum pfänden“  einen Punkt zum Einhaken geschenkt. Kleiner Hinweis noch zum erwähnten Schuldenabkommen: Das deutsche „Wirtschaftswunder“ wurde nicht ermöglicht durch Fleiß und Schweiß der Trümmerfrauen und Ruhrkumpel, sondern durch einen gewaltigen Schuldenschnitt. Aber die Staatstragenden in Deutschland haben noch nie viel aus ihrer eigenen Geschichte gelernt.

„Mein Vater war im 2. Weltkrieg Berufssoldat und als Fallschirmpionier eingesetzt u. a. bei der Invasion und Besetzung Kretas. Von ihm weiß ich, dass Kreta und ganz Griechenland unter der deutschen Besatzung nicht nur schwer gelitten haben, sondern dass dort auch zahlreiche Kriegsverbrechen begangen wurden. 77 000 griechische Juden wurden deportiert, 60 000 von ihnen überlebten Mauthausen und Auschwitz nicht. Im Zug der Wiedervereinigung hat Deutschland deshalb alles getan, um in Absprache mit den Westmächten den finanziellen Forderungen zu entgehen, die bei Verwendung des Wortes „Friedensvertrag“ auf Deutschland zugekommen wären.

Bereits im Vorfeld der Verhandlungen zum Londoner Schuldenabkommen, unterzeichnet 1953, wurden Deutschland die seit 1934 aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen für Vorkriegsschulden von mehr als 14 Milliarden Deutsche Mark erlassen. Die danach noch bestehenden Forderungen in Höhe von 29,7 Milliarden DM wurden von Deutschland mit 13,73 Milliarden abgegolten, also mit weniger als der Hälfte. So viel zu einem für eine schwäbische Hausfrau und ihren Buchhalter nicht hinnehmbaren Schuldenschnitt.

Einzelne der insgesamt 70 Gläubigerstaaten, nur 21 davon saßen mit am Verhandlungstisch, haben von Deutschland Entschädigungszahlungen erhalten, darunter auch Griechenland. Man akzeptierte das Abkommen nur unter dem Vorbehalt, dass die verbleibenden Forderungen im Rahmen eines zukünftigen Friedensvertrags erneut zu verhandeln seien.

Dass der Bundeshaushalt eine „schwarze Null“ schreibt, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass griechische Zinszahlungen in den vergangenen Jahren 360 Mio. Euro in die deutsche Kasse gespült haben [ Quelle: DIE WELT vom 05.03.2015 ] . Über 90 % des angeblich nach Griechenland geflossenen Geldes dienten zur Rettung und Bedienung von Gläubigerbanken vor allem in Deutschland und Frankreich.

Deutschland, seine Regierung, die sie tragenden Parteien und fast alle Zeitungen reagieren mit einer unglaublichen Unverschämtheit, Unverfrorenheit und Überheblichkeit auf die Vorschläge und neuerdings etwas schärfer vorgetragenen Forderungen Griechenlands. Diese großdeutschen Manieren kann man doch nicht ernsthaft damit entschuldigen wollen, dass Tsipras und Varoufakis keinen Schlips tragen! Selbst innerhalb der Eurozone stößt die egomanische Politik Deutschlands auf Kritik. Die neue griechische Regierung kann sich deshalb auf einen großen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung für einen unnachgiebigen Kurs gegenüber Deutschland und der Troika verlassen.

Als Linke fühle ich mich nicht im geringsten verantwortlich für die Politik der amtierenden Bundesregierung. Als Besitzerin eines deutschen Passes jedoch muss ich mich schämen für das, was diese Bundesregierung und die ihr zugeneigte Presse sich gegenüber einem Land herausnehmen, das in einem solchen Maß unter Deutschland leiden musste.“

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