Jedes Leben zählt –

unabweisbare Fürsorge wirtschaftlich effizient gestalten!

„Es gab nur keine deutschlandweite Überlastung des Gesundheitssystems, also keine an allen Stellen gleichzeitig. Aber Patienten mussten von einem Bundesland ins andere Bundesland verlegt werden.“

Lauterbach laut taz

Das ist die logische Folge dessen, dass man aus Profitgründen kleinere Krankenhäuser schließt und die Vorhaltung von Intensivbetten ohne Ekmo (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Extrakorporale_Membranoxygenierung ) vor Ort nicht mehr braucht. Genau dieses war und ist doch die zentrale Aufgabe des Gesundheitsökonomen Lauterbach. Selbstverständlich werden „Wir“ es schaffen, alle Beinbrüche – auch die kaum gesplitterten und nicht offenen – in einem hochspezialisierten Beinbruchkrankenhaus zu behandeln, z. B. an einem zentralen Ort in Mitteleuropa. Da braucht man nur noch ein paar Intensivbetten zur Beobachtung nach seltenen komplizierten, mehrstündigen Operationen an weltläufiger Kundschaft, untergebracht in Hotelsuiten mit ärztlicher Betreuung und Zimmerservice. Speisen vom nächstgelegenen Sternekoch. Alle anderen Patienten schickt man blutig, mit der richtigen Schiene und einem Paar Krücken nachhause. Sie brauchen in der Klinik nicht einmal mehr ein Bett. Der Fahrer des Krankentaxis hilft ihnen in ihre menschenleere Wohnung. Der Rest nennt sich Eigenverantwortung.
Mein Vorschlag für einen solchen zentralen Ort, das habe ich auf der Karte nachgesehen, wäre Rotenburg an der Fulda. Durch den Bau eines mittelprächtigen Flugplatzes fiele ein bisschen was für die örtliche Bauwirtschaft ab. Dort ließe sich wahrscheinlich billiger behandeln: Pflegerinnen, Putzmänner, Ärzt:innen, – einfach alle unvermeidbaren menschlichen Arbeitskräfte wären dort garantiert billiger, diejenigen mit Familie im Baltikum erst recht. Die brauchen nicht einmal eine Wohnung. Zelle mit Bett, Waschgelegenheit und Toilette genügt. Die Miete dafür zieht man ihnen vom Lohn ab. Der Kantinenfraß wird von der Großküche im Münchner Umland (4,5 Mio. Essen täglich) geliefert. Das hält die Investitionskosten überschaubar.
Der Krankentransport wird bei den Krankenkassen anders kontiert als die Ausgaben für die pauschale Vergütung nach Fallkennzeichen. Deshalb kann man in Rotenburg die Kranken und Verunglückten in aller Ruhe genesen lassen, weil die lästigen Störungen durch besorgte Verwandte wegfallen. Deren Anfahrten schaden ohnehin der Umwelt. Todesfälle durch Krankenhauskeime, die Funktionsstörungen unzureichend programmierter und gewarteter Pflegeroboter und Vernachlässigung würden nicht weiter auffallen.
Und wozu das Ganze: Das Wertpapier Patient muss am Leben erhalten werden – denn, wie wir seit „zero covid“ wissen: Jedes Leben zählt.
Natürlich mit gewissen Ausnahmen: Hunger und Krieg müssen als Todesursachen erhalten bleiben. Sonst wäre der wichtigste Industriezweig zum Niedergang verurteilt. [ Weltweit 2.113 Milliarden US-Dollar (etwa 1.956 Milliarden Euro) Rüstungsinvestitionen 2021 lt. SIPRI ]

Das Fehlende

Bild: Screenshot, Website des Riva-Verlags

Amerkungen zu „Der betrogene Patient“ von Gerd Reuther, erschienen im Riva-Verlag unter ISBN 978-3-7423-1034-7

So gut begründet, in weiten Teilen treffend und sinnvoll die Bestandsaufnahme von Gerd Reuther ist, so unzulänglich sind die von ihm skizzierten Auswege. Wer nach Lösungen und Antworten sucht, stößt leider nur auf die Ideen der Bertelsmann-Stiftung: weniger Betten, zentrale Kliniken mit hochspezialisierten Ärzteteams und der dazu gehörigen technischen Ausstattung.
Die meisten Menschen brauchen das alles nicht, wenn sie sich krank fühlen. Nur ein paar Tage Selbstheilungsmaßnahmen mit Wärme oder Kälte, Heißgetränk und Hühnerbrühe, Entspannung an frischer Luft, genau das, was an einer einzigen Stelle des Buchs angesprochen wird: Sanatoriumsatmosphäre.
Der Autor blendet den Blick auf die reale gesellschaftliche Lage derer völlig aus, die sehr gerne auf ihre Selbstheilungskräfte setzen würden, gelegentlich auf einen vertrauenswürdigen Allgemeinarzt für unkomplizierte Unfallfolgen und eine Hebamme, die eine ganz normale Geburt bewältigt. Die vom Autor eingeforderte, verantwortliche gesundheitliche Selbstbestimmung ist für die Mehrzahl der Menschen aber nicht vorgesehen. Es steht keinem abhängig Beschäftigten zu, bei heißem Tee und Bettruhe das Abklingen eines Infekts über 10 -14 Tage abzuwarten ohne das Gesundheitssystem zu belasten. Es ist nicht dessen freie Entscheidung, auf den Besuch der Sprechstunde und eines überfüllten Wartezimmers zu verzichten. Abhängig vom Arbeitgeber ist eine Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit zwingend erforderlich, bei manchen Arbeitgebern bereits am ersten Tag.
Zum Arzt gezwungen werden Beschäftigte aufgrund der Unterstellung, dass ohne die Einschätzung eines Arztes ihre allzeitige, grundlegende Arbeitsunlust nicht bekämpft werden könne. Diese bedroht die angestrebten Profite.
Das Gesundheitsregime von Arbeitgebern, egal ob sie Clemens Tönnies heißen, Jeff Bezos oder Dieter Schwarz beruht auf der begründeten und berechtigten Annahme, kein vernünftiger, selbstbestimmter Mensch würde tagtäglich freiwillig in ihren Betrieben sein Leben zu Markte tragen.

Obwohl Gerd Reuther immer wieder auf selbstbestimmten, verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit, dem eigenen Leben Bezug nimmt, hält er offensichtlich die Kritik an den Arbeitgebern, Eigentümern und Betriebsleitungen für überflüssig. „Der betrogene Patient“ ist eines der vielen sprachlichen Produkte, die Politik nicht durch begründete Aussagen und Forderungen an Verantwortliche betreiben, sondern durch gezieltes Weglassen. Ein sehr manipulatives Buch. Sein Geld nicht wert.