Der moralische Verbraucher

– eine Polemik

„Zutaten: fair gehandelter brauner Bio-Rohrzucker, Bio-Dinkel-Vollkornmehl, Möhren vom Öko-Bauern um die Ecke, Bio-Eier … . “ Wenn man sich schon Süßes gönnt, muss es wenigstens moralisch vertretbar sein. Bio und – wenn schon aus dem globalen Süden importiert – dann zumindest „fair“ gehandelt.

Ähnliches gilt für T-Shirts  und Jeans oder umweltfreundliche Waschmittel und vor allem für mindestens vegetarisches, am besten veganes Essen. R. H., der in den vergangenen Jahren eine Produzenten/Konsumenten-Genossenschaft auf der Grundlage erneuerbarer Energien mit auf die Beine gestellt hat, bekäme bei den Klimarettern auf facebook kein Bein auf die Erde: Er holt sich für die Pause immer noch das landesübliche Leberkäs-Brötchen. Seine Verdammnis ist gewiss!

Der politisch korrekte Verbraucher ( PCC)  ist die gegenwärtige, laizistische Version des Puritaners. Allerdings nicht unter Wahrung der übrigen Grundsätze der „Amish“, wie Verzicht auf Maschinen, die Strom oder Primärenergieträger nutzen. Da inzwischen die Waren für den Bedarf des PCC zumindest in größeren zentralen Orten auch in 1000 – m² – Märkten zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, kann man auf der Grundlage moderner Logistik  die Notwendigkeit eigene Arbeit aufzuwenden in Grenzen halten.  Das hauptsächlich unterscheidet den PCC von den Generationen gläubiger Menschen, die sich konsequent der Aufforderung des AT beugten und beugen: “ Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ (Genesis, 3:19 ). So gelingt es den aktuell vorhandenen Menschen der entwickelten Länder höheren Moralansprüchen zu genügen, ohne sich deshalb körperlich verausgaben zu müssen, weder im eigenen Garten, noch beim Kneten von Brotteig. Auf lieb gewordene Gewohnheiten wie das Übergießen der Spaghetti mit einer schnell aufgewärmten  Soße aus dem Glas muss man nicht verzichten, die ist nämlich auch vegan erhältlich.

Der Aspekt der „sozialen Distinktion“ in allen Formen des Verbraucherverhaltens sei hier eingangs nur benannt. Es geht mir um eine bisher nicht oder nur sehr selten beleuchtete Seite eines neuerdings wieder in Mode gekommenen moralischen Rigorismus: Moralisch legitimiertes Konsumverhalten erspart einem die politische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtig herrschenden System der Ausbeutung von Mensch und Natur. Endlich ist es uns vergönnt – zumindest denjenigen, deren Einkommen über der Armutsgrenze liegt – gut zu sein, ohne die Mühen der Widerborstigkeit auf uns nehmen zu müssen. Alles wird gut, wenn wir täglich darauf achten, dass wir unsere veganen Würstchen gewandet in Biobaumwolle am Massivholztisch zu uns nehmen,  für die Winterkleidung den lieben Schäfchen ihre Wolle nicht wegnehmen und auch keinen toten Tieren das Leder für die Schuhe. Es ist faszinierend, wie viele vegane Ersatzstoffe der „alternative Markt“ inzwischen zur Verfügung stellt. Ich weiß nicht, was passierte, setzte sich die Erkenntnis einer verstorbenen Tante durch, dass auch die Halme schreien, wenn man sie schneidet. Wie macht man aus Fallobst Schuhe?

Erschwingliche „Bio“-Güter gibt es leider nur auf der Grundlage zumindest mechanisierter, teilweise auch industrieller Landwirtschaft. Mit Sätuch, Sichel oder Sense sind die Mengen an Dinkel nicht zu erzeugen, die Dennree zu tragbaren Preisen auf den Markt wirft.

Die Bereitschaft, für das T-Shirt einen höheren Preis zu zahlen, führt nicht zu einer besseren Entlohnung der Produzentinnen, sondern nur zu höheren Profiten der Anbieter, die auf dem Markt der Distinktion die Nase vorn haben.

Kein einziger Kleinbauer oder nomadischer Viehzüchter am Rand der sich ausbreitenden ariden Zonen Afrikas bekommt einen Brotfladen mehr, weil ich  darauf warte, dass die freigelassenen Kühe von Bauer Maier nebenan von selbst verenden, statt ihre Milch für meine Ernährung zu nutzen. Dass die afrikanischen Rosen, die ich einkaufe, fair gehandelt sind ist keine Entschuldigung: Fläche und Wasser werden vertan, die  für  Hirse gebraucht würden.

Der moralische Antrieb und die mit ihm verbundene rege Missionstätigkeit der Esserinnen und Esser veganer Leberwurst und der fair handelnden T-Shirt-Trägerinnen hat vor allem zwei unmittelbare Wirkungen:

  • PCCs können sich als die moralisch Überlegenen darstellen. Das tut ihnen gut.
  • Der moralische Verbraucher glaubt, durch seine Kaufentscheidung tatsächlich die Qualität der Warenproduktion beeinflussen zu können. Er ist es, der angeblich über seine Kaufentscheidung  Unternehmen dazu zwingt, Sweatshops in Bangladesh stillzulegen und auf Schadstoffe in der Landwirtschaft zu verzichten. Dabei bestätigt genau dies die neoliberale Ideologie. Es ist nämlich genau diese Ideologie, die   die Kaufentscheidungen der mündigen Verbraucher als quasi demokratische Einflussnahme auf die Warenproduktion bejubelt.

PCCs entbinden sich selbst – und befreien dadurch auch die Gesellschaft – von der Notwendigkeit gemeinsam,  von demokratischer Meinungs- und Willensbildung zu grundlegenden Fragen:  Wie, wofür, für wen wollen wir welche Güter bereitstellen?  Darüber wird nicht gemeinsam gesellschaftlich entschieden sondern in der individuell moralisch legitimierten Konsumtion.

Der nachhaltige Erhalt lebenswichtiger Stoffkreisläufe wird   nicht dadurch gesichert, dass ein neues Marktsegment die moralischen Bedürfnisse höherer Einkommensschichten befriedigt. Der PCC fügt sich reibungslos ein in die marktvermittelte Steuerung  der Ausbeutung von Mensch und Natur. Er ist nicht einmal Sand in diesem Getriebe.Der in einen Konsumstil verwandelte Protest ist das postmoderne Erbe einer quasireligiös motivierten Fügsamkeit, die gesellschaftliche Konflikte um die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen nicht aufgreift, austrägt und demokratisch entscheidet. Der moralische Verbraucher trachtet danach, die Welt zu verbessern durch die Hebung der Moral der Einzelnen. Die Heilsarmee lässt grüßen.Einen kleinen Unterschied gibt es: Wein,  Bier und Zigaretten sind erlaubt, solange ein BIO-Sechseck das Etikett ziert.

Im Alltag entscheide ich mich oft für Bio-Produkte.Sie schmecken besser.

 

 

 

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Aspekte unserer Leitkultur (IV)

Status und Distinktion

Bunte Anmerkungen zu Bildung, SUV und Co.

Im Statusgebaren zeigen sich Nachwirkungen z. B. ständischer Kleiderordnungen oder durch Sitten und Gebräuche dokumentierter Standesunterschiede. Erhalten blieb die Gewohnheit, den sozialen Status der Mitmenschen an ihrer Kledung, den von ihnen genutzten Dingen abzulesen. Hatte diese Gewohnheit früher einen gewissen Bezug zur Lebenswirklichkeit – wer barfuß ging hatte kein Geld für Schuhe, wer seidene Schuhe trug, konnte sich über Pfützen hinweg tragen lassen – so ist dieser Bezug in der heutigen Zeit oft verschüttet.  Fast alle können sich ausreichend mit Essen versorgen und es gibt „Spielräume“ – selbst für Bezieher von Transferleistungen: Wenn man jeden Tag Nudeln mit Soße ißt, reicht es für einen Handy-Vertrag. Wer kein Handy braucht, entscheidet sich vielleicht für ein Original-Bayern-Hoodie und Markenturnschuhe.

Irgendetwas jedenfalls muss der Mensch haben, das nach außen verdeutlicht: „Das kann ich mir leisten.“ Das ruft mit Bezug zu den persönlichen Wert-Setzungen („Das bin ich mir wert!“)  Urteile anderer hervor, die in den Satz münden: „Der muss Geld haben, der hat… „. In diesem Sinn ist natürlich ein noch nicht bezahltes SUV-Fahrzeug distinktionswirksamer als ein bezahlter Kaschmirpullover. Da muss man sich als Neuankömmling erst hineinfinden.

Wer Kleinwagen fährt, statt dessen Bücher kauft, ist ein Sonderling, denn weder die Bücher noch der beim Lesen aufgenommene Inhalt sind im öffentlichen Raum sichtbar. Bildung ist hierzulande nicht prestigeträchtig, es sei denn sie hat ein Etikett wie „Salem“, „Oxford“ oder so ähnlich. Ein Dahergelaufener mag darauf stolz sein, dass er es bei einem täglichen Fußweg von einfach 10 km zur Schule  geschafft hat, nicht nur Rechnen zu lernen, sondern auch noch eine Fremdsprache in Wort und Schrift. Ob er ohne abgeschlossenes Ingenieurstudium unsere Kultur aber wirklich bereichert? Nur verwertbare Bildung ist echte Bildung, Bildung in harter Währung sozusagen.

Der Besitz eines Smartphones wird anders bewertet, sobald es sich um  Zugezogene mit mediterranem Aussehen handelt. Schon wird vergessen, dass auch der einheimische Transferleistungsbezieher ein solches nutzt. Das Telefonieren mit dem Onkel zuhause stellt den Besitz eines Luxusguts unter Beweis.  Wirklich hilfebedürftige Menschen haben so etwas nicht. Menschen, die abgelegte Kleidung zur Kleiderkammer der Flüchtlingshilfe bringen, sollten auch darauf achten, nur Markenloses weiterzugeben. Das Tragen  gebrauchter Polo-Shirts mit Krokodil, auch wenn sie auf einem türkischen Basar erstanden wurden,  kann verständliche Tätlichkeiten verarmter Nicht-Krokodil-Träger mit Tätowierungen in Frakturschrift auslösen und Unterstützte gefährden.

Hier geborene Menschen, die weder ein unbezahltes SUV noch ein unbezahltes Fernsehgerät mit Bildschirmdiagonale über 1 m,  ein Smartphone mit Ratenvertrag oder ein unbezahltes Haus mit Erker benutzen,  statt dessen aber ein paar Euro in Reserve haben für den anstehenden baren Kauf einer neuen Waschmaschine in Energieklasse A +++ – die sind wirklich arm dran! Das sieht man doch!

Angemessene Integrationsbereitschaft auf diesem Feld der Leitkultur zu beweisen, ist sehr, sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich. Es nützt einer Deutschen mit 3 Generationen zurück liegendem Migrationshintergrund jedenfalls nichts, als politische Kabarettistin zu zeigen, dass sie die Landessprache besser beherrscht als die meisten ihrer deutschstämmigen Mitbürger. Wer trotz Kleinkunstpreis kein SUV fährt, verweigert  ganz offensichtlich die Anpassung an die Kultur unseres Landes.