Heureka oder „Ich hab´s!“

Bewegte  bunte Bilder machen mir die Tätigkeit des Bügelns erträglicher. Heute z. B. faszinierende Zusammenschnitte von allerlei Lehrreichem zur Erdgeschichte über  Kräfte, die auf unserem Globus sinnlos walten, zu den Elementen des Periodensystems und der Entstehung des Lebens. Aus göttlicher und menschlicher Perspektive von der Schöpfung bis zur letzten Landtagswahl wohl nichts als eine zeitlich ausufernde Abfolge unglücklicher Umstände und Zufälle.

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Wiki klärt auf

Bild: über wikicommons

In weit zurückliegenden Jahren, den Jugendjahren, in denen einem fast alle Begriffe fremd gegenübertreten, pflegte ich mich ihrer Bedeutung manchmal folgendermaßen zu vergewissern:

  1. Schritt: Das einbändige Lexikon der Büchergilde.
  2. Schritt: Das drei- (oder 4?) bändige Herder-Lexikon
  3. Schritt: Meyers Konversationslexikon
  4. Schritt: Ein Blick in den großen Brockhaus, der im Studierraum meiner Schule zur Verfügung stand.

Wenn ich danach nicht zufrieden war, gab es auch noch Fachlexika für Naturwissenschaften,  Geschichte, Politik, Philosophie, Literatur  etc.

Die mir zur Verfügung stehenden Nachschlagewerke waren aus unterschiedlichen Epochen über Antiquariatskäufe an mich gekommen. So entwickelte ich ein Gespür für die Veränderung von Begriffsinhalten über längere Zeiträume. Später erfuhr ich durch den Gebrauch fremdsprachiger Nachschlagewerke, wie viele kulturelle Differenzen sich hinter Worten verbergen, die wir für „gleich“ halten.

Heute reicht Wikipedia und ein Link auf einen Artikel  in der deutschen Version, selbst dann, wenn es sich um eines der modischen, vermeintlich  englischsprachigen Fachwörter handelt. Debatten werden durch Verweis auf eine lexikalische Wahrheit beendet. Recht gewagt, wenn man sich über Gesellschaft und Politik verständigen will.

Aspekte unserer Leitkultur (IV)

Status und Distinktion

Bunte Anmerkungen zu Bildung, SUV und Co.

Im Statusgebaren zeigen sich Nachwirkungen z. B. ständischer Kleiderordnungen oder durch Sitten und Gebräuche dokumentierter Standesunterschiede. Erhalten blieb die Gewohnheit, den sozialen Status der Mitmenschen an ihrer Kledung, den von ihnen genutzten Dingen abzulesen. Hatte diese Gewohnheit früher einen gewissen Bezug zur Lebenswirklichkeit – wer barfuß ging hatte kein Geld für Schuhe, wer seidene Schuhe trug, konnte sich über Pfützen hinweg tragen lassen – so ist dieser Bezug in der heutigen Zeit oft verschüttet.  Fast alle können sich ausreichend mit Essen versorgen und es gibt „Spielräume“ – selbst für Bezieher von Transferleistungen: Wenn man jeden Tag Nudeln mit Soße ißt, reicht es für einen Handy-Vertrag. Wer kein Handy braucht, entscheidet sich vielleicht für ein Original-Bayern-Hoodie und Markenturnschuhe.

Irgendetwas jedenfalls muss der Mensch haben, das nach außen verdeutlicht: „Das kann ich mir leisten.“ Das ruft mit Bezug zu den persönlichen Wert-Setzungen („Das bin ich mir wert!“)  Urteile anderer hervor, die in den Satz münden: „Der muss Geld haben, der hat… „. In diesem Sinn ist natürlich ein noch nicht bezahltes SUV-Fahrzeug distinktionswirksamer als ein bezahlter Kaschmirpullover. Da muss man sich als Neuankömmling erst hineinfinden.

Wer Kleinwagen fährt, statt dessen Bücher kauft, ist ein Sonderling, denn weder die Bücher noch der beim Lesen aufgenommene Inhalt sind im öffentlichen Raum sichtbar. Bildung ist hierzulande nicht prestigeträchtig, es sei denn sie hat ein Etikett wie „Salem“, „Oxford“ oder so ähnlich. Ein Dahergelaufener mag darauf stolz sein, dass er es bei einem täglichen Fußweg von einfach 10 km zur Schule  geschafft hat, nicht nur Rechnen zu lernen, sondern auch noch eine Fremdsprache in Wort und Schrift. Ob er ohne abgeschlossenes Ingenieurstudium unsere Kultur aber wirklich bereichert? Nur verwertbare Bildung ist echte Bildung, Bildung in harter Währung sozusagen.

Der Besitz eines Smartphones wird anders bewertet, sobald es sich um  Zugezogene mit mediterranem Aussehen handelt. Schon wird vergessen, dass auch der einheimische Transferleistungsbezieher ein solches nutzt. Das Telefonieren mit dem Onkel zuhause stellt den Besitz eines Luxusguts unter Beweis.  Wirklich hilfebedürftige Menschen haben so etwas nicht. Menschen, die abgelegte Kleidung zur Kleiderkammer der Flüchtlingshilfe bringen, sollten auch darauf achten, nur Markenloses weiterzugeben. Das Tragen  gebrauchter Polo-Shirts mit Krokodil, auch wenn sie auf einem türkischen Basar erstanden wurden,  kann verständliche Tätlichkeiten verarmter Nicht-Krokodil-Träger mit Tätowierungen in Frakturschrift auslösen und Unterstützte gefährden.

Hier geborene Menschen, die weder ein unbezahltes SUV noch ein unbezahltes Fernsehgerät mit Bildschirmdiagonale über 1 m,  ein Smartphone mit Ratenvertrag oder ein unbezahltes Haus mit Erker benutzen,  statt dessen aber ein paar Euro in Reserve haben für den anstehenden baren Kauf einer neuen Waschmaschine in Energieklasse A +++ – die sind wirklich arm dran! Das sieht man doch!

Angemessene Integrationsbereitschaft auf diesem Feld der Leitkultur zu beweisen, ist sehr, sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich. Es nützt einer Deutschen mit 3 Generationen zurück liegendem Migrationshintergrund jedenfalls nichts, als politische Kabarettistin zu zeigen, dass sie die Landessprache besser beherrscht als die meisten ihrer deutschstämmigen Mitbürger. Wer trotz Kleinkunstpreis kein SUV fährt, verweigert  ganz offensichtlich die Anpassung an die Kultur unseres Landes.

 

Drohende Schließung der Frühförderstelle Bayreuth

Erinnert man sich, welch breite Leserbriefdebatte das Thema „ Pavillonschule“ auslöste, wird einem klar: Kinder, denen der Start ins Leben durch geistige oder körperliche Unzulänglichkeiten erschwert wird, haben keine Lobby. Fast gewinnt man den Eindruck, dass entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse die vor langer Zeit übliche Kategorie „nicht bildbar“ immer noch nicht überwunden ist. Vor allem noch nicht überwunden ist unter den Politikern, die dafür zu sorgen haben, dass wirklich allen Kindern ein optimaler Start ermöglicht wird. Wie wichtig und erfolgreich Förderung ist, wenn sie rechtzeitig einsetzt, zeigt der Artikel auf.
Wenn Entwicklungsrückstände erst bei der Einschulung wahrgenommen werden, ist es leider oft schon sehr spät, wenn nicht sogar zu spät. Das kann ich aus meiner früheren Erfahrung als Lehrkraft im ersten Schuljahr sagen. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, dass Bildung nicht erst mit der Schulpflicht beginnt. Jedes Kind hat von Geburt an einen Anspruch darauf, dass seine Fähigkeiten gefördert, entwickelt werden. In einem reichen Land wie dem unsrigen darf dabei Wirtschaftlichkeit keine Rolle spielen. Wirtschaftlichkeit wird aber zum bestimmenden Faktor, wenn der Bezirk die Kosten für die Bereitstellung von Personal nicht übernimmt, sondern nur tatsächlich geleistete Fördereinheiten.
Auf dieser Grundlage können Einrichtungen wie die Frühförderstelle nicht betrieben werden, Einrichtungen, die Eltern beraten und begleiten können und umfassende therapeutische Maßnahmen anbieten. Es ist schlimm genug, dass frühkindliche Förderung nur eingeschränkt als staatliche Aufgabe angesehen wird und dadurch Kinder ihrer Entwicklungsmöglichkeiten beraubt werden. Umso mehr ist der Bezirk gefordert, das große Engagement eines freien Trägers, seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen finanziell so abzusichern, dass einem möglichst großen Teil der benachteiligten Kinder optimale Förderung zuteil wird.
Buchhalterische Erbsenzählerei wie das Fahnden nach tatsächlich nicht erbrachten Fördereinheiten und eine nachfolgende Kürzung von Mitteln darf nicht sein. Nach der im Artikel zitierten Aussage von Christian Porsch, dem Pressesprecher des Bezirks, wurde diese Festlegung in einer Landesentgeltkommission ausgehandelt. Wenn die Fortsetzung der guten Arbeit einer Fördereinrichtung durch eine solche realitätsferne Vereinbarung in Frage gestellt wird, dann muss diese geändert werden. Mit sofortiger Wirksamkeit muss abweichend von einer solchen Regelung gehandelt werden. Im Interesse der Kinder muss das Angebot finanziert werden, nicht erst die Inanspruchnahme. Nicht alle Eltern sind in der Lage jederzeit dafür zu sorgen, dass ihre Kinder angebotene Termine tatsächlich wahrnehmen können. Dass darunter letztendlich die betroffenen Kinder leiden müssen, ist nicht akzeptabel.
Das Menschenrecht auf Bildung beginnt nicht mit der Einschulung, sondern mit dem ersten Atemzug. Der Bezirk muss im Interesse der Kinder dem Rechnung tragen und die Frühförderstelle in vollem Umfang finanziell zuverlässig dauerhaft absichern.