Wem gehört »die Arbeit« ?

Komische Frage, denken wahrscheinlich manche. Sie muss aber jemandem gehören, sonst könnte man sie nicht geben oder nehmen. Die meisten Menschen werden gezwungen, eine zu tun, damit sie leben können. Also gehört sie dem, der sie gibt – und es ist eine Befreiung, nicht mehr gezwungen zu sein, sie herzugeben. Entweder durch eine Erbschaft, einen Lottogewinn oder – erraten! – durch das bedingungslose Grundeinkommen. Meine Arbeit gehört mir! Ich habe einen Anspruch darauf als Mensch mit allem Nötigen versorgt zu werden – auch wenn ich meine Arbeit gar nicht hergeben will. Richtig. Niemand darf gezwungen werden, seine Arbeit zu verkaufen. Er soll die Freiheit genießen, alles zu tun was er will, wann er will, wo er will. So weit so gut. In einzelnen Punkten als Menschenrecht ausgearbeitet, darf er auf keinen Fall dazu gezwungen werden, seine Arbeit herzugeben. Das wäre Zwangsarbeit.

Stellen wir zunächst »die Arbeit« auf ihre konkreten Füße
Fast jeder kennt irgendeine Version der folgenden Anekdote: »Ein Fischer liegt neben seinem Boot am Strand und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Eine Touristin möchte in einer unzugänglichen Bucht zum Schwimmen gehen. Sie fragt ihn, ob er sie gegen einen ansehnlichen Obolus dorthin bringen könne. Der Fischer verneint und legt sich auf den Bauch, damit er, den Kopf auf den Armen, besser dösen kann. Die Touristin möchte um jeden Preis in die Bucht und versucht dem Fischer die Aufgabe zu versüßen. Ich zahle Ihnen 20 €. Wenn Sie das ein paar Mal am Tag machen, können Sie am Tag locker 100 € verdienen!´ -Und was mach ich damit?´ – Naja. Zum Leben brauchen Sie 20 €, 80 bleiben übrig, die können Sie zurücklegen und nach einiger Zeit ein zweites Boot kaufen.´ -Was mach ich damit? Ich kann nur eines steuern?´ – Sie stellen jemanden an, dem Sie von den 100 € einen Anteil als Lohn zahlen. Dann haben Sie zwei Boote und können mehr verdienen.´ -Was habe ich davon?´ – Nach ein paar Jahren können sie andere ihre Boote fahren lassen und sich in die Sonne legen.´ -Und was mach ich jetzt?´ beendet der Fischer die fiktive Verhandlung über den Verkauf seiner Freizeit«.
Die Arbeit des Fischers besteht darin, mit seinem Boot auf das Meer zu fahren, Fische zu fangen und sie an diejenigen zu verkaufen, die sie essen wollen. Von seiner Arbeit kann er leben, nicht üppig, aber ihm langt es. Für andere muss er nicht sorgen.
»Die Arbeit« gibt es nicht. Arbeit hat unterschiedlichen Inhalt: Fische fangen, Touristen schippern, Motor reparieren, Fische töten und den Käufern anbieten… .
Es gibt in diesem idyllischen Urlaubsörtchen auch andere Arbeit: Tomaten säen, pflanzen, wässern, ernten und verkaufen. Urlauber aufnehmen, ihre Zimmer sauber halten, ab und zu die Wäsche wechseln, waschen. Essen kochen für alle, die nicht selber kochen wollen, den Fisch einkaufen und braten, aus den Tomaten Salat anmachen, Teller hinstellen, abräumen und spülen. Was man für seine Tätigkeit verlangen kann, hängt davon ab, wie viel die Käufer dafür hergeben wollen und können. In diesem Idyll sind Fischer, Tomatenpflanzer, Zimmervermieter und Köche die Herren ihrer Arbeit. Sie haben ein Wörtchen dabei mitzureden, was sie »wert« ist. Sie entscheiden, ob sie ein Zimmer vermieten oder zum Putzen täglich durch 10 Zimmer hetzen, ob sie gebratenen Fisch einzeln verkaufen, oder nur zusammen mit dem Tomatensalat.
Können wir uns darauf verständigen, dass »die Arbeit« dem gehört, der sie tut? Wer sie besitzt, bestimmt wie sie gemacht wird, wann und wo. Der Besitzer der Arbeit entscheidet über Inhalt der Arbeit, ihren zeitlichen Umfang und den Preis. Genau das können Lohnarbeiter oder Gehaltsempfänger nicht. Auf dem Arbeitsmarkt bestimmt nicht der Anbieter der Arbeit, sondern der Käufer. Ganz einfach: Sie gehört nicht mehr dem Arbeitenden, sondern dem, der sie gekauft hat. Der Käufer bestimmt, wann sie beginnt und aufhört. Der bestimmt, welche Arbeit ich genau zu verrichten habe, an welchem Ort, mit welchen Hilfsmitteln, welchen Stoffen. Das ist das Wesen des Besitzens: Wer besitzt, der bestimmt.

Das Arbeitsvermögen
Völlig unabhängig vom Arbeitsmarkt hat ein jeder Mensch, vorausgesetzt er hat genug zu essen, ein Arbeitsvermögen. Ob es für sein Arbeitsvermögen einen Käufer gibt und zu welchem Preis kann er aber nicht bestimmen, weil er essen MUSS. Wenn er längere Zeit nicht isst, wird das Arbeitsvermögen hinfällig und unverkäuflich. Der gleiche Prozess vollzieht sich, wenn der Mensch älter wird oder krank. Sein Arbeitsvermögen leidet und er bekommt auf dem Arbeitsmarkt evt. weniger für seine Arbeit als Junge und Gesunde. Wer selbst weder ein Boot hat noch ein Zimmer zum Vermieten, eine Küche oder ein Tomatenfeld ist darauf angewiesen, seine Arbeit zu JEDEM Preis zu verkaufen, weil er sonst nichts zu essen bekommt. Soviel zum Zwang, der mit der Arbeit verbunden ist, wenn sie reine Lohnarbeit ist.

Das Problem
Seit geraumer Zeit – mindestens seit 10, vielleicht auch schon seit 15 Jahren oder länger – wird von interessierter Seite in die Diskussion gebracht, dass bald niemand mehr arbeiten muss, weil alle Arbeit von Robotern, Arbeitsmaschinen, Automaten erledigt wird. Daraus ergibt sich aber ein Problem: Jeder, der wohnt und seine Wohnung vom Roboter saugen lassen will, das Essen vom Pizzaservice bringen lässt und ins Fitnessstudio gehen will um sein Arbeitsvermögen zu erhalten, müsste aus dem Verkauf seiner Arbeit so viel erlösen, dass er sich das alles leisten kann. Die Arbeitskäufer hingegen wollen das nicht garantieren. Sie wollen die Arbeit möglichst billig kaufen und lassen deshalb lieber Maschinen arbeiten als Menschen. Sie reden davon, dass es bald Maschinen geben wird, die selber neue bauen und diese auch warten und reparieren, Dann könnte keiner mehr arbeiten und logischerweise auch kein Essen kaufen, keinen Saugroboter und auch den Eintritt ins Fitnessstudio nicht bezahlen. Die Käufer des Arbeitsvermögens haben also ein lebhaftes Interesse daran, dass genug Geld unterwegs ist, mit dem Mensch alles kaufen kann, was sie ihm andrehen wollen. Sie führten dazu ins Feld der politischen Debatte den Vorschlag ein, jeden Menschen mit ausreichend Geld zu versorgen, damit er kaufen kann, was er braucht und will und auch die Miete bezahlen. Deshalb greift man zum Taschenrechner und »errechnet« was der Mensch zum Leben mit Robbi, Pizzadienst und Fitnesstudio braucht. Die Berechnungen gehen verständlicherweise weit auseinander. Die Menschen, die das Geld einfach brauchen, meinen, es müsse für Robbi, Wohnung, Essen und Fitnesstudio reichen. Die Arbeitskäufer, die jedoch im Gegenzug ihre Waren verkaufen wollen, stecken in einer Zwickmühle: Solange es noch ein bisschen Arbeit gibt, wollen sie dafür nichts zahlen – trotzdem aber genug Waren verkaufen, um Geld zu verdienen. So bewegen sich die »Angebote« der Aufkäufer von Arbeitsvermögen gegenwärtig in der Höhe von 600-800 € für eine Ausschüttung ohne Arbeit. Die potentiellen Anbieter von Arbeitsvermögen meinen, man brauche mindestens 1000 €, besser wäre natürlich mehr. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in Sachen Höhe der Zuwendung ein Kompromiss finden lässt. Aber befreit dieser Kompromiss, das sog. bedingungslose Grundeinkommen die Menschen dieser Welt von der Mühsal der Arbeit, lässt sie ein ins Paradies, wo jeder Mensch nur noch tun muss, wozu er Lust hat. Alles, was er zu brauchen glaubt, flöge ihm zu; er trete ein ins Reich der Freiheit; er verlasse das Reich der Notwendigkeit?

Machen wir´s wieder konkret
Nehmen wir die bisher höchste mir bekannte Forderung: 1500 €. Reichen 1500 € um alles zu bezahlen, was Mensch zum Glück braucht? Die Arbeitskäufer wollen, dass zukünftig möglichst alles was man zum Glück braucht, käuflich ist: Die Möglichkeit den eigenen Ort anders als zu Fuß zu verlassen, der Strom für den Saugroboter, das Licht und die Heizung, das nötige Essen, die Miete, der Unterricht, das Museum, das Strandbad, die Brille und das Hörgerät, der Arzt, das Krankenhausbett. ALLES hat nach Auffassung der Arbeitskäufer seinen Preis. Und da soll die genannte Ausschüttung reichen? An der Lage der Arbeitsverkäufer wird sich nicht viel ändern. Jeder, der individuell einen Bedarf oder Wunsch hat, der den ausgeschütteten Betrag, überschreitet, wird arbeiten müssen. Entweder für sich selbst oder für die anderen, die etwas können, was er selbst nicht kann. Mit denen kann man dann tauschen. Tausche Smartphone-Reparatur gegen eine Stunde Spanisch? Die Alimentationsempfänger werden doch nicht »frei«. Wenn keiner meinen Spanischunterricht will, bekomme ich auch keine Reparatur fürs Smartphone. Können die Alimentierten darüber entscheiden, was ihnen die Roboter liefern, deren Arbeitsergebnisse sie erwerben können. Die Roboter gehören ihnen doch nicht! Es gibt offene Fragen! Viele offene Fragen.

Die Effizienz der großen Zahl
Die Arbeitsleistung der Roboter ist für ihre Besitzer nur aus einem einzigen Grund billiger als der Einkauf menschlichen Arbeitsvermögens: Die Produktionsstraße, in die gehörig investiert werden muss und die erst nach einiger Zeit einsatzfähig ist, stellt immense Mengen her, die dank digitaler Produktionstechniken individualisiert werden können. Wer kann denn dann noch kaufen, was er möchte? Natürlich den Sportschuh aus dem 3-D-Drucker, angepasst an den Fußabdruck in meiner Wunschfarbe. Ist das wirklich der Gegenstand, den ICH möchte?
Schon seit Jahren muss ich mir Kleidung immer dann kaufen, wenn ich zufällig auf ein Teil stoße, das meine Lieblingsfarben hat. Sie sind im Beitragsbild wiedergegeben. Ich weiß ganz genau, dass der 3-D-Drucker nicht mit den Farben beschickt wird, die MIR gefallen, sondern mit den Farben die eine »Mode« bestimmt. Man bekommt einen Eindruck vom Ausmaß zukünftiger Freiheit, wenn man ein Auto aus Sicherheitsgründen in Warnfarbe kaufen will. Wenn der Automobilkonzern grau für 3 Millionen Fahrzeuge eingekauft hat, werde ich ein graues Auto kaufen müssen, denn um den Aufschlag für eine »Sonderlackierung« zu bezahlen, fehlt mir das nötige Geld. Sollte ich unbedingt ein signalrotes wollen, müsste ich mir wahrscheinlich die für mein Auto benötigte kleine Farbmenge zu einem hohen Preis bestellen und entweder mein Auto selber spritzen oder versuchen jemanden zu finden der Spanisch-Stunden braucht und eine Spritzpistole hat. Freiheitszuwachs?
Wenn ich mit dem an mich ausgeschütteten Geld mein Leben fristen muss, werde ich mein Brot aus dem Aldi-Backofen herauslassen müssen. Ein Brot, das neben Mehl, Wasser, Hefe und Salz alle möglichen Zusatzstoffe enthält, die eine maschinelle Verarbeitung möglich machen, von Dünge- und Pflanzenschutzmittelrückständen im Mehl gar nicht zu reden. Daneben in sehr geringen Mengen auch Rückstände der Chemikalien, mit denen der Backautomat aus hygienischen Gründen nach Ladenschluss gereinigt werden muss. Oder auch rund um die Uhr immer wieder, weil es einen Ladenschluss nicht mehr gibt. Ich darf das nicht nur billig kaufen, ich muss es ja auch essen. Freiheitszuwachs? Glücklicherweise kann ich selber mein Brot backen. Das ist Arbeit, es bleibt mir ja nichts anderes übrig, wenn ich nicht mehr Einkommen habe, als die Grundausschüttung. 3 Kilo Brot vom Biohof werden bei uns an der Kirchweih für 24 € + x verkauft.
Ich habe persönlich absolut nichts gegen die gegenwärtige »Oversized«-Mode. Gestaltmäßig kann ich von ihr nur profitieren. Sie wurde aber garantiert nicht als Spezialkleidung für Moppels erfunden, sondern weil man dann in Vierer- oder Fünfer-Größengruppen mit dem Laser viele Stoffschichten zuschneiden kann, die natürlich auch eine bestimmte technisch überlegte Beschaffenheit haben müssen. Sie neigen sonst zum Verrutschen und die Teile passen nicht ordentlich zusammen. Bei einem Zeltkleid fällt das nicht so auf! Für passende Kleidung wird jemand, der Figur zur Geltung bringen möchte, schon ein bisschen mehr hinlegen müssen. Nähen kann ich leider so gut wie gar nicht. Gottseidank kenne ich jemanden, der´s kann.und muss keinen Spanischkunden suchen. Wohnt nur 130 km weiter weg. Freiheitszuwachs?
Leser kennen sicher weitere Beispiele, die illustrieren, welche Art von Freiheit uns zukommt, wenn es den Besitzern der Maschinen gelungen sein wird, umfassend robotisch zu produzieren.
Gerne werden in Bezug auf Robotik optimal auf den einzelnen Körper abgestimmte Arm- und Beinprothesen vorgeführt. Was man tun müsste, um durch größere Serien den bisher sehr hohen Preis zu drücken – ich will es mir lieber nicht vorstellen. Manchen ärztlichen Unternehmen wäre es möglicherweise recht, bei einer Sehnenscheideentzündung gleich den Arm auszutauschen. Wer bekommt dann diese Wunderwerke der Technik? Zu welchem Preis? Es könnte auch eine neue Form der Arbeit für einige, wenige Spezialisten entstehen: Diejenigen, die real machen, was der Roboter nachäffen soll. 10 mal, 100 mal, 1000 mal – so lange bis der Blechdepp die Bewegungen drauf hat. Ein Ende der Mühsal oder doch nur eine neue Form der Monotonie für einige Begabte?

Große Freiheit ohne Zwang zur Arbeit durch das BGE?
Ich bin da doch ein bisschen skeptisch. Das BGE wird, anders als manche meinen, Lebensbedingungen NICHT angleichen, denn die individuelle Entscheidungsfreiheit in Sachen Lebensführung wird sehr teuer zu bezahlen sein, wenn überall Roboter für »uns« arbeiten, das menschliche Arbeitsvermögen so billig wie Dreck wird und an die Masse der Nutztiere eine Basissumme zum Existenzerhalt ausgeschüttet wird. Die Ausschüttung wird etwas höher sein müssen als Hartz IV, denn sonst erreicht sie den Zweck nicht, den die Maschinenbesitzer damit erfüllen wollen und müssen. Profitieren werden davon aber NICHT alle Menschen, sondern die Besitzer der produzierenden Maschinen. Es sei denn, man geht denen tatsächlich ans Eigentum, bezieht sich auf die Autonomie durch Arbeit und entscheidet gemeinsam darüber, welche Arbeit man braucht, welche Gegenstände man produzieren will, für wen und mit wie vielen Stunden pro Woche und Mensch. Das Organisationsmodell »Arbeits-Los« oder kein »Arbeits-Los«, ihre Entscheidungsgewalt in Sachen Arbeitsplätze werden sie nicht freiwillig aufgeben. So ist es sehr wahrscheinlich, dass sich das BGE nicht als Durchbruch des Reichs der Freiheit erweist, sondern als ein Reich extremer Ungleichheit, mit Milliarden von Menschen, die mit Psychopharmaka, Bildschirm in jedem Zimmer, unterstützt von „Alexa“ am Leben gehalten werden. Mehr Mensch – gebildet, gesund, sozial engagiert, politisch interessiert, einfühlsam, mitgestaltungsfähig, fantasievoll … – wird in der Menge nicht gebraucht.

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Was ist schon bedingungslos?

Ich weiß. Gerade in der Politik ist es weit verbreitet, Wörter ohne Bedeutung zu verwenden, einfach weil sie schön klingen, das Herz anrühren, der Persönlichkeit schmeicheln und v. a. m. .

Kaum zu überbieten ist allerdings die Gedankenlosigkeit der Befürworter eines sog. bedingungslosen Grundeinkommens. Mit diesem Text verabschiede ich mich deshalb aus einer gesellschaftlichen Debatte, deren inhaltliche Bedeutungslosigkeit infolge von Begriffsausweitung ins Grenzen-, Boden- und Uferlose  die Umsetzung meiner zwei grundlegen Kernforderungen für menschliche Gesellschaften massiv behindert.

Diese lauten:

Jeder, der Arbeit will,  muss eine Arbeit bekommen, die seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht und ein auskömmliches Leben erlaubt.

Alle, denen die gesellschaftlich notwendige Arbeit eine Last ist, haben das Recht sie ohne Begründung zu verweigern  ohne ihr Recht auf Glück zu verlieren.

Beide Rechte müssen gesellschaftlich garantiert werden. Die aktuelle Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen missachtet das Recht derer, die eine Arbeit wollen, indem sie das Recht auf Arbeit ersetzt durch ein Recht auf Alimentation.

zum Text

Uns geht die Arbeit aus? – Eine Polemik

Angesichts der Tatsache, dass Politik immer mehr zu einem Geflecht punktueller symbolischer Handlungen verkommt, verbunden durch inhaltsleere Sprechblasen, muss ich einfach ein paar reale, konkrete, materielle Pflöcke einschlagen zu einer der gegenwärtig in den technisch fortgeschrittensten Industriestaaten weit verbreiteten Sprechblasen. Allerorten begegnet uns die Behauptung, dass uns die Arbeit ausginge. Sie wird mit einem hoffnungsvollen Unterton ausgesprochen, von denjenigen, die annehmen die technische Entwicklung werde uns von der Last der Arbeit befreien. Sie treibt aber auch Menschen, die an Arbeit gewöhnt sind in die blanke Existenzangst. Allein dieser Widerspruch könnte einen veranlassen, die Rede von der verschwindenden
Arbeit als Behauptung zu erkennen – nicht als Wahrheit, nicht einmal als hinreichend begründete Aussage. Misstrauen in dieser Hinsicht könnte schon meine Beobachtung wecken, dass sich IGMetall, der Industrieverband Gesamtmetall und die Initiative neue soziale Marktwirtschaft auf geheimnisvolle Weise darauf verständigt haben, dass „Uns geht die Arbeit aus.“ als unangefochtene Grundlage aller weiteren Debatten zum
Arbeits- und Sozialrecht zu gelten hat. Da lohnt es sich vielleicht doch, der Richtigkeit dieser Behauptung nachzugehen.

 

–> zum Ganztext

Grundeinkommen – die Vierte

Bild: wikimedia commons

Bedingungslos? Systemüberwindend? Systemsprengend?

Entgegen den Annahmen ihrer Protagonisten  wirkt die  Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen entsolidarisierend. »Solidarität« ist Folge gemeinsamen Handelns in der Vertretung gemeinsamer Interessen – nicht immaterieller, moralischer  oder kultureller Wert, der Gesellschaften zu Gemeinschaften zusammenschweißt.

Weiterlesen „Grundeinkommen – die Vierte“

Das bedingungslose Grundeinkommen

Vor-Schein des Reichs der Freiheit? Ein ideologiekritischer Versuch

(geschrieben 2009)

Teile:

A: Überlegungen zum Erkenntnis leitenden Interesse

B: Reich der Notwendigkeit – Reich der Freiheit

C: Vom Kopf auf die Füße

A:

Überlegungen zum Erkenntnis leitenden Interesse

Ich stelle diesen Abschnitt voran, weil ich u.a. mit der Frage nach dem Erkenntnis leitenden Interesse (Habermas) politisch-wissenschaftlich sozialisiert wurde. Damit ist die Forderung verbunden, dieses offen zu legen, um kritischen Nachvollzug der Gedankengänge zu erleichtern und einen Zugang zum ideologischen Hintergrund zu ermöglichen,

Die Sicherung der materiellen Existenz der Individuen menschlicher Gesellschaften ist verbunden mit der Notwendigkeit durch gemeinsame Anstrengung (Arbeit) der Umwelt die notwendigen Güter für das Überleben abzuringen: Essen, Kleidung, Schutz vor Witterung durch Behausung.

Im Lauf der geschichtlichen Entwicklung ist durch fortschreitende Arbeitsteilung (Effizienzsteigerung beim Erbringen dieser Anstrengung) die gegenwärtige Gesellschafts- und Wirtschaftsform entstanden, die Kapitalismus genannt wird. Genaueres über die Funktionsweise dieser Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist u. a. nachzulesen bei Karl Marx, vorrangig im Hauptwerk „Das Kapital“.

Das Überleben menschlicher Gesellschaften als Ganzes und der ihr angehörenden Individuen ist zwar real anders als durch gemeinsame Anstrengung, gesellschaftlich organisierte Arbeit nicht möglich. Aber: Z. B. die christliche Religion bewahrt teilweise den Traum von einer von dieser Notwendigkeit losgelösten Existenz in der Vorstellung vom Jenseits auf. Im Volksmärchen findet dieser Traum Gestalt im Märchen vom Schlaraffenland. Einzelne Autoren der frühen kommunistischen Literatur entwickeln theoretisch Vorstellungen von Organisations- und Wirtschaftsformen, die geeignet sein könnten diesen Traum in der Wirklichkeit umzusetzen. U. a. Marx klassifiziert die Vorstellung von einem gesellschaftlich realisierbaren Reich der Freiheit, frei von den Zwängen des Reichs der Notwendigkeit, als „utopischen Kommunismus“. 1

B:

Vorwegnahme“ von Elementen des Reichs der Freiheit im Reich der Notwendigkeit

In der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen wird gelegentlich behauptet, diese Forderung rücke – im Unterschied zu anderen Forderungen – das Reich der Freiheit in den Bereich gesellschaftlicher Realisierung. Die Forderung entspräche der Hoffnung der Menschen auf gesellschaftliche Veränderung und damit verbundene Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und auf einen Zugewinn an persönlicher Freiheit in einem besonders hohen Maß. Dieser Forderung sei also ein besonderes Gewicht zu geben, wenn nicht sogar Vorrang einzuräumen.

Da das kapitalistische System Menschen in Formen der Erwerbsarbeit zwinge, die ihnen nicht gemäß seien, sei die Freiheit vom Zwang zur Erwerbsarbeit ein Zugewinn an Freiheit, der einen Zugewinn an Freiheit für alle Menschen darstellt. Diese Behauptung soll im Folgenden geprüft werden.

Grundlage dieser Behauptung ist ein Verzicht auf jede Form auch nur ansatzweise dialektischen Denkens.2 Auch unter kapitalistischen Bedingungen enthält die individuelle Erwerbsarbeit Elemente von Freiheit:

  1. Die mit der Erwerbsarbeit verbundene materielle Anerkennung hat für die meisten Menschen einen hohen Stellenwert. Ohne Erwerbsarbeit bleibt nämlich im alltäglichen Umgang der Menschen untereinander die Anerkennung für viele Beiträge zum Gemeinwesen weitgehend aus: die Würdigung von Pflegeleistungen in der Familie, Haushaltsführung für eine Familie, soziales Engagement, künstlerisch- kulturelle Leistungen.
  2. Auch unter kapitalistischen Bedingungen gelingt es einer großen Zahl von Menschen, eine Erwerbsarbeit zu finden, die ihren Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten entspricht, also von ihnen durchaus als Selbstverwirklichung betrachtet wird und auch objektiv als solche betrachtet werden kann.
  3. Sowohl die Gruppe der „Aussteiger“ als auch manche Angehörige freier Berufe, Selbständige und auch KünstlerInnen zeigen, dass immer wieder Menschen (glaubt man Presseberichten: immer mehr Menschen) sich ausdrücklich persönlich gegen materielle Sicherheit entscheiden und ein relativ „armes“ Leben mit einem relativ hohen Grad an persönlicher Freiheit der Einbindung in soziale und materielle Sicherheit vorziehen. Sie legen absolut keinen Wert darauf, bedingungslos abgesichert zu werden. Die Entscheidung „Das will ich machen“ fällt zeitlich vor der Zusage von materieller Sicherheit.
  4. Gerade an Künstlerpersönlichkeiten wird auch deutlich, dass kulturelles Schaffen die Freistellung vom Erwerbszwang nicht braucht, nicht zur Grundlage hat. Wer seine Gedanken in Worte fassen, in Bildern oder Musik ausdrücken will, tut das. Oftmals zwar verbunden mit der Klage, die Erwerbsarbeit raube zuviel Schaffenszeit, aber niemand wird zum Künstler, weil man ihm „bezahlte Freizeit“ gibt.3 Auch dies veranschaulicht den irrigen Denkansatz, die Freistellung vom Erwerbszwang fördere kulturelle Produktion und sei Voraussetzung für eine allseitige Persönlichkeitsentwicklung. Dass Kulturgenuss durch Einschränkung der durch den Erwerb gebundenen Zeit erleichtert wird, ist davon nicht berührt. 4
  5. Auch unter kapitalistischen Bedingungen enthält die Beteiligung an Erwerbsarbeit ein Element von Freiheit, indem sie nämlich unabhängig macht von der Notwendigkeit durch individuelle Anpassung z.B. an Familie, Lebensgefährten die Existenz zu sichern. Insbesondere für die Frauen, deren Lebensführung über lange Zeit vom „Ernährer“ wesentlich bestimmt wurde, stellt die Möglichkeit durch eigene Anstrengung den Lebensunterhalt zu sichern ein nicht zu unterschätzendes Ausmaß an Entscheidungsfreiheit her. [Als ältere Frau, der die Zeiten noch in Erinnerung sind, in denen Frauen bei der Bewerbung belegen mussten, dass ihr Mann nichts gegen eine Erwerbstätigkeit einzuwenden hat, halte ich dieses Freiheitselement keineswegs für unbedeutend.]
  6. Die grundsätzliche Freistellung von gesellschaftlich notwendiger Arbeit bringt keineswegs für alle Menschen einen Zugewinn an Freiheitsräumen, die sie zur Entfaltung aller ihrer individuellen Fähigkeiten nutzen können. Nicht wenige (s.o.) empfinden diese als Verlust an Lebensqualität. In zunehmendem Maß empfinden auch Frauen aus Lebensverhältnissen, die eine Existenz ohne Erwerbsarbeit möglich machen, dies nicht als Bereicherung, sondern als Mangel. Eine – nicht verschwindende – Minderheit von Menschen bezahlt diesen „Zugewinn an Freiheit“ mit Drogenabhängigkeit oder psychosomatischen Erkrankungen (Alkohol, „Mother´s little Helper“, Bulimie, Depressionen …) Es ist ziemlich naiv anzunehmen, diese negativen Folgen würden verschwinden, sobald ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ich verweise an dieser Stelle ausdrücklich auch auf die teilweise von den Betroffenen als (sehr) deprimierend empfundene Lebenssituation von Frauen, die in Folge ihrer Klassenzugehörigkeit und der damit verbundenen materiellen Saturiertheit keineswegs zu denjenigen gehören, die man als „Leidtragende des Systems“ bezeichnen könnte und denen auf Grund der Klassenzugehörigkeit die Teilnahme am Erwerbsleben verwehrt wird.
  7. Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum die Ideologie (und als solche sehe ich sie) von der Freiheit vom Arbeitszwang geboren wurde in einer Zeit, in der das kapitalistische System einen großen Teil von Menschen „von der Arbeit frei stellt“. 5Nicht grundlos haben sich Linke gegen diese beschönigende Redewendung der Kapitalseite aufgelehnt. Wem die Möglichkeit zur Arbeit entzogen wird, der wird nicht in die Freiheit entlassen, sondern er/sie wird der Möglichkeit beraubt, sein/ihr eigenes Leben unter Einbeziehung, Mobilisierung der eigenen Kräfte weitgehend selbst bestimmt zu entwickeln. Zweifel daran, dass die Befreiung vom Arbeitszwang einen Vor-Schein (Geist der Utopie von E. Bloch) des Reichs der Freiheit darstellt, sind durchaus berechtigt. Die Annahme, diese Ideologie habe also auch im Zusammenhang mit dem Thema „Recht auf menschenwürdige Arbeit“ durchaus ihre Vorteile für die Kapitalseite, ist nicht unbegründet.

C.

Vom Kopf auf die Füße

In diesem Abschnitt gehe ich der Frage nach, wie sich die Verfolgung des ideologischen Ansatzes des „bedingungslosen Grundeinkommens“ in der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung, im Rahmen der bestehenden Machtverteilung zwischen Kapital und Arbeit auswirkt, und ob sie zu Recht als besonders „Links“ bezeichnet werden kann im Vergleich zu anderen Lösungsvorschlägen für den Problembereich „Zunehmende Armut und wachsendes Prekariat“.

Es ist hoffentlich – manchmal befallen mich da in letzter Zeit angesichts der Art der Debatte Zweifel – unstrittig, dass das Proletariat nicht allein aus finanziell Ausgegrenzten und von Ausgrenzung bedrohten Menschen besteht, sondern auch aus Menschen, die einer abhängigen Erwerbstätigkeit nachgehen, evt. sogar noch einer leidlich bis gut bezahlten. Wie stellt sich für diese Menschen Erwerbsarbeit dar?

Unter den jetzigen, voll entfalteten kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen, ist die umfassende Durchsetzung des Prinzips maximaler Mehrwertschöpfung6 durch die Kapitalseite Ursache für eine ganze Reihe von Erscheinungen im Arbeitsleben, die vom Einzelnen als äußerst übel erlebt werden. Knapp 2 Drittel der Erwerbstätigen arbeiten (noch) in Normalarbeitsverhältnissen. Nicht alle der Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen wurden in diese gezwungen oder arbeiten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die im Folgenden aufgeführten Veränderungen der Arbeitsbedingungen der Normalarbeitsverhältnisse betreffen auch Teilzeitbeschäftigte.

Zugenommen hat:

  • die psychische und physische Belastung durch Arbeitshetze und Einbettung der menschlichen Arbeit in von automatisierten Prozessen bestimmte Abläufe.
  • die reale wöchentliche Arbeitszeit, in wachsendem Anteil nicht nur ohne besonderen Lohnausgleich der Überstundenbelastung, sondern sogar ohne jeden Lohnausgleich
  • für viele der in Zusammenhang mit der Arbeit anfallende Zeitaufwand für den Weg zur Arbeit

Die zwei Drittel der in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigten Lohnabhängigen sind also von Entwicklungen betroffen, die zu Arbeitsbedingungen geführt haben, die nicht nur von immer mehr Menschen als unmenschlich, menschenunwürdig empfunden werden (siehe diverse Studien zum Thema „gute Arbeit“ ), sondern (nachweislich durch Zunahme von Frühverrentungen) auch zu einem vorzeitigen Verschleiß der Arbeitskraft führen.

Die Kapitalseite verfolgt zur Durchsetzung ihres Interesses an maximaler Wertschöpfung eine Doppelstrategie: Während die noch Beschäftigten immer stärkerem Druck ausgesetzt werden, der dazu dient wirklich den letzten Tropfen Arbeitskraft aus ihnen herauszupressen, wird mit Hilfe der „Frei-Gesetzten“ die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust erhöht. Verstärkt wird diese Angst vor dem Arbeitsplatzverlust durch die Kürzung sozialer Leistungen, da sowohl bei Verrentung wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen als auch bei Arbeitslosigkeit das Durchrutschen unter die Armutsgrenze sehr schnell erfolgt und, zu Recht, als sehr bedrohlich wahrgenommen wird.

Eine „klassenbewusste“ und nicht allein die subjektive Betroffenheit aufgreifende Strategie der Gegenwehr muss also gegen diese Doppelstrategie wirken und darf nicht dazu beitragen, dass „Arbeitsplatzbesitzer“ gegen „Nicht-Arbeitsplatzbesitzer“ ausgespielt werden. Die oft verwendeten Gegensatzpaare „Gesunde Kranke“, „Junge Alte“ werden z. B. in vielfältigen Abwandlungen für diesen letzteren Zweck von der Kapitalseite nahezu perfekt instrumentalisiert. Mit Bezug auf Arbeitsplatzbesitzer und Nicht-Arbeitsplatzbesitzer bedeutet dies: Wer als „Frei-Gesetzter“ manchen Noch-Arbeitenden das Einkommen neidet und umgekehrt als Beschäftigter den „Frei-Gesetzten“ die menschenwürdige finanzielle Sicherheit z.B. wegen Faulheit und/oder Krankmacherei verweigert, lässt sich – bewusst oder unbewusst – in den Dienst dieser Instrumentalisierung durch die Kapitalseite stellen.7

Es ist also zwingend notwendig eine kurzfristig wirksame Strategie zu entwickeln, die diese Instrumentalisierung nicht zulässt. Dies kann m. E. nur gelingen, wenn in den Mittelpunkt nicht allein die finanzielle Unsicherheit der Arbeitslosen gerückt wird, sondern die unmittelbare Not aller, die dauerhaft oder zeitweise nicht (noch nicht oder nicht mehr) oder nur eingeschränkt erwerbstätig sein dürfen oder können. 8

Hinzu kommt, dass kulturelle Teilhabe für alle Menschen ermöglicht werden muss. Sich damit abzufinden, d.h. bewusst die Arbeit unter den Menschen im Erwerbsalter so zu verteilen, dass sich einige zu Tode arbeiten und die anderen das „Reich der Freiheit“ genießen kann nicht unser Ziel sein. Die alle Menschen verbindende Kernforderung heißt deshalb „Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“. Diese Forderung eröffnet den Erwerbstätigen Freiräume für den Genuss der Künste und ermöglicht allen Menschen heute die Teilnahme und zukünftig, dafür wirkt die politische Linke, auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess. Wer sich jedoch heute dafür stark macht, dass ein Teil der Klasse – bei ausreichender Alimentierung versteht sich – für die Spiele zuständig ist und ein anderer fürs Brot, der arbeitet für die Kapitalseite, denn die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen wirkt genau aus diesem Grunde ent-solidarisierend. 9

Nach meiner Beobachtung wird die Aufgabe der Zusammenführung der Interessen, die durch individuell unterschiedliche Lebenslagen entstehen, z. T. in den verschiedenen Sozialverbänden und Selbsthilfeorganisationen im Alltag oft besser und effizienter angegangen als von der gegenwärtigen Debatte der Linken um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Deren Mitglieder lassen sich eben gerade nicht gegeneinander ausspielen. Ihnen ist in aller Regel die gemeinsame Hilflosigkeit gegenüber den unmenschlichen Auswirkungen des Systems sehr bewusst. Praktisches – überspitztes – Beispiel: Eine Frau, ein Mann, die/der gesundheitlich eingeschränkt ist, und deshalb in die Erwerbslosigkeit gezwungen wurde, erfährt unter Umständen von einem CSU-Mitglied des VdK mehr praktische Solidarität als von einer noch so klassenkämpferischen Arbeitsloseninitiative. Sie/er kann sich im Allgemeinen darauf verlassen, dass im Interesse des „Not – wendigen“ eine optimale individuelle und finanzielle Lösung, evt. am Rande des geltenden Sozialrechts, gesucht wird.

Leistet die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, die allein das Merkmal „Erwerbslosigkeit“, d.h. die Altersgruppe zwischen 18 und 65, im Auge hat diese Zusammenführung individuell unterschiedlicher Bedarfslagen? Ich denke „Nein“. Ist diese Forderung geeignet, die unterschiedlichen Gruppen all der Menschen zusammenzuführen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben (müssen)? 10 Erst Recht „Nein“. Und wenn´s noch so „hip“, „in“ ist, oder wie auch immer das Wort aktuell heißt. „Bedingungsloses Grundeinkommen“ in das Zentrum des Forderungskataloges der Partei DIE LINKE zu stellen wäre falsch. Philosophisch-anthropologisch falsch, ideologisch falsch und politisch falsch. 11 Den Wert als Diskussionsbeitrag möchte ich dabei jedoch keineswegs gering schätzen.

Anhang:

Nutzanwendung:

In meinem Diskussionspapier zur Zusammenführung in eine gemeinsame Forderung für alle nicht im Erwerbsleben stehenden Menschen habe ich versucht, einen Ansatz zu finden, der nicht auf der Grundlage eines getrennten Leistungsrechts für Arbeitslose, RentnerInnen und Kranke arbeitet. Ein Fluggi könnte ich mir so vorstellen:

 

Mindestens 1000 € netto für alle!

 

für alle Rentnerinnen und Rentner

(von der Rentenversicherung)

für alle Arbeitslosen,

(von der Arbeitslosenversicherung)

für alle Kranken,

(von der Krankenversicherung)

für alle Beschäftigten.

(vom Arbeitgeber)

DIE LINKE

 

Wär´ doch nett, oder?

1 Das Konzept materieller Gleichheit und gleicher materieller Sicherheit für alle gibt es schon ein bisschen länger als die Kommunisten und Sozialisten. Wer sich z.B. eingehend mit den Gesellschaftskonzepten von Thomas Morus, Tommaso Campanella und Francis Bacon beschäftigt, wird sich übrigens auch sehr schnell der Gefahr bewusst, dass materielle Gleichheit durchaus mit gesellschaftlich-politischer, sozialer Ungleichheit und Unfreiheit bis hin zur Unterdrückung einher gehen kann. Gleichartige materielle Sicherheit muss Folge von Demokratie sein/werden. Der Umkehrschluss ist nicht unbedingt richtig.

2 Allerdings erheben die ErfinderInnen des „bedingungslosen Grundeinkommens“ auch nicht den Anspruch eine materialistisch, marxistisch begründete Forderung zu erheben, sondern nur eine „linke“, eine angeblich „emanzipatorische“. Wie weit es mit dem Begriff der Emanzipation dabei her ist, müsste an anderer Stelle genauer untersucht werden.

3 Die Erschaffung von Salzteigkränzen für die Dekoration von Wohnungstüren ist zweifellos eine sinnvollere Freizeitbeschäftigung als Saufen. Ich beneide diejenigen jedoch nicht, die in ihrem Bekanntenkreis mehrere in dieser Richtung schaffensfreudige Menschen haben. Ich bräuchte einen eigenen Raum um die Strohmäuse, Erntezöpfe, Besenpuppen ohne Beeinträchtigung meiner eigenen Wohnumwelt unterzubringen. Solche Schaffenskraft scheint mir gerade nicht „Volkskunst“ zu sein, sondern eher der vom Kapitalismus, dem Handel mit „kunsthandwerklichem Bedarf“ provozierter Ersatz für originäre künstlerische Produktion. Lesetipp: Walter Benjamin; Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und viele Texte von Theodor W. Adorno.

4 siehe Seite 5, zweiter Absatz

5 Es sollte schon zum Nachdenken anregen, dass sie nicht in Zeiten erfunden wurde, als fast alle Menschen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schlimmste Fronarbeit leisten mussten – ohne Rücksicht auf Alter oder Gesundheitszustand. Mythen sind etwas anderes als philosophische Ausformulierungen über den Menschen.

6 Ob es sich dabei immer um eine im Interesse des kapitalistischen Systems optimierte Mehrwertschöpfung handelt, wird sogar von manchen kapitalistischen Ideologen bezweifelt. Eher handelt es sich um die „chaotische, freie Konkurrenz.“

7 Auch wer als „Junger“ die auskömmliche Rente neidet, als Arbeitender Studierende als Schmarotzer beschimpft, den seit langem als krankheitsanfällig bekannten Kollegen als Drückeberger und Blaumacher qualifiziert, alle sie gehören in diese große Gruppe der „Instrumentalisierten“.

8 Diese Not ist weder im Sozialabbau bedingt noch in der Finanzkrise. Sie ist schlicht Bestandteil des allgemeinen Betriebsrisikos des kapitalistischen Systems. Das weiß sogar Prof. Dr. Sinn.

9 Die Forderung des Liedes „Brot und Rosen“ heißt eben nicht „Rosen für eine Hälfte, Brot für die andere“. Und nur Rosen für alle liefert zwar Rosamunde Pilcher, aber doch nicht eine linke Bewegung. Dass K.E. vor dem Hintergrund der Debatte in den Betrieben zum gleichen Schluss kommt, ist möglicherweise ein Beispiel für die Einheit von Theorie und Praxis, kein Gegenargument.

10 Wenn´s der ideologischen Correctness dient: der „Arbeiterklasse“. Wobei man sehen sollte, dass zu der so definierten Klasse auch kleine Gewerbetreibende, einzeln arbeitende Handwerker, mancher Freiberufler und Künstler gehören, denn ihr Besitz an Produktionsmitteln geht über die unmittelbar zur Verwertung der eigenen Arbeitskraft benötigen Instrumente nicht hinaus, enthält keine Aneignung des von anderen geschaffenen Mehrwerts und führt deshalb in der Regel auch nicht zu überdurchschnittlichem Einkommen.

11 Ganz ohne andere zu beschimpfen, ohne leeres Revolutionsgeschwafel, ohne Ausschlussantrag und (fast) ohne das Vokabular des vorvergangenen Jahrhunderts wird man ja noch die Wahrheit sagen dürfen. Meiner Verbrennung als revisionistische Hexe, meiner Versenkung als sozialdemokratisches U-Boot, meinem Abschuss als elitäre Sau (zur Information: weibliche Schweine heißen Sauen) sehe ich gelassen entgegen.