Aus gegebenem Anlass

Manchmal gründen Menschen, die politisch etwas bewirken wollen, eine Partei. Sobald diese Erfolge vorweisen kann, wird sie attraktiv für Menschen, die gerne etwas werden wollen. Es macht sich die Meinung breit, nur wer etwas geworden sei, könne etwas bewirken. Auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung wird so manche giftige Kröte geschluckt. Die etwas bewirken wollten, ziehen sich aus der vergifteten Sphäre zurück. Die ersehnte Regierungsbeteiligung  gießt schließlich das Krötengift in Beton. Was zu Beginn Hoffnung verbreitete, droht nicht einmal mehr wählbar zu werden. Vielleicht reicht es das nächste Mal für eine rosa-rot-grüne Regierung mit einer rechnerischen Mehrheit unter  den 48 %  der Bevölkerung, die dann noch zur Wahl gegangen sein werden. In den kürzer werdenden Wellen der Geschichte konzentriere ich mich darauf, die Erinnerung wach zu halten an die alten Wörter, die mit „soz“ anfangen.

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EnDgAmE (?, d. Verf.)

Diese Buchstabenfolge fand ich heute als Textelement einer Rundsendung in meinem elektronischen Briefkasten. Handelt es sich um die Folge des Bemühens um ein sicheres Passwort?

Nach Einsatz einer Suchmaschine wusste ich: 1. Endgame ist der Titel des in Buchform erschienen Texts eines fragwürdigen Autors 2. Es ist eine Abspaltung der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ [PEgIdA] und liest sich ausgeschrieben „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas.“ [EnDgAmE]  Kann man beides nicht einfach ausgeschrieben für sich stehen und wirken lassen? Die Leitmedien wissen schon, warum sie den Inhalt auf Kunstwörter schrumpfen lassen. Jeder zurechnungsfähige Mitmensch würde sonst erkennen, selbstverständlich mit individuell unterschiedlichem Zeitbedarf fürs Nachdenken, dass es sich in beiden Fällen um Zusammenrottungen von Menschen handelt, die von zumindest partiellem Irresein befallen sind.

Es ist anzunehmen, dass es auch 1848, im Jahr des Erscheinens des kommunistischen Manifests,  Bruderschaften gab mit hie und da auflodernden verrückten Botschaften. Hat uns Karl Marx ökonomische oder psychiatrische Schriften hinterlassen? Eingesperrte und Ausgestoßene, seien es Kriminelle oder Psychiatrisierte, lassen sich jeden Tag etwas anderes einfallen, um die Wächter zu ärgern und sich einen abwechslungsreichen Tag zu machen. Teile der gesellschaftlichen Linken halten es momentan  für sehr wichtig, darauf  machtvoll zu reagieren. Die Auseinandersetzung um die aktuellen Mechanismen der Ausbeutung und die Möglichkeiten diese abzustellen ist für manche relativ bedeutungslos geworden. Sie  scheinen die Behauptung der Herrschenden bestätigen zu wollen, dass es keine Klassen- oder Interessenwidersprüche mehr gibt, nur noch unterschiedliche Ausprägungen des partiellen Irreseins. Letzteres hielt ich  bisher für eine der schlimmsten Folgen dieses inhumanen Wirtschaftssystems. Sollten wir uns nicht wieder mehr um die Krankheit kümmern als um die täglich wechselnden Symptome?

 

 

 

 

Aufruf: Zahlen Sie mit Ihrem Münzgeld!

Zahlen Sie bei Ihren täglichen Einkäufen an den Kassen des Einzelhandels nach Möglichkeit mit den Geldstücken in Ihrem Geldbeutel. Sie tun damit der ums Überleben kämpfenden „Tante Emma“ einen Gefallen.

Von der freundlichen Dame am Schalter meiner Genossenschaftsbank habe ich heute beim Leeren meines Sparschweins folgendes erfahren:

Seit dem 01.01.2015 dürfen Banken Kleingeld nicht mehr selbst rollen und gerollt an ihre Kunden ausgeben. Das Münzgeld muss zur Landeszentralbank gebracht werden, wird dort auf Echtheit geprüft, gerollt und zertifiziert. Gegen eine Gebühr kann dann Ihr Nahversorger, Bäcker, Metzger … bei der Bank zertifiziertes Kleingeld erwerben.

Die Dame muss es wissen. Sie hat nach ihrer Aussage eine berufliche Fortbildung hinter sich gebracht, um als Bankangestellte mit Zusatzqualifikation zertifiziertes Kleingeld ausgeben zu dürfen.

 

 

Warum man Bildern nicht trauen sollte

oder:

Das Bild entsteht im Auge des Betrachters

(vgl. hierzu: Ernst H. Gombrich; Bild und Auge – neue Studien zur Psychologie der bildlichen Darstellung; Stuttgart 1984)

In der Video-Aufzeichnung einer im Jahre 2013 auf einer Konferenz in Zagreb geführten Debatte zur Krise an den globalen und europäischen Finanzmärkten beantwortet der Referent Yanis Varoufakis, seinerzeit nicht griechischer Finanzminister, die Frage eines Diskussionsteilnehmers, was Griechenland 2010 hätte tun können oder sollen.

Mein Dank geht an Quizmaster Günter Jauch, der mich veranlasst hat, die aufschlussreiche, erhellende einstündige Debatte von Zagreb zu verfolgen.

Die Szene, der „Finger im Kontext“ findet sich im Video etwa ab 40:35 .

In diesem Zusammenhang erklärt Varoufakis, dass Griechenland hätte seine Zahlungsunfähigkeit erklären sollen und sich nicht hätte darauf einlassen sollen, dass Deutschland und Frankreich auf Kosten Griechenlands und seiner Bevölkerung ihre kollabierenden Banken retten. In diesem Zusammenhang unterstreicht er seine Worte mit einem kurz erhobenen „Stinkefinger“ um zu bekräftigen, dass Griechenland mit einer rechtzeitigen, strikten Ablehnung der sog. Hilfen hätte Deutschland dazu bringen müssen, seine Banken im Alleingang auf eigene Kosten selbst zu retten.

Freundlicherweise hat SPIEGEL Online den genauen Wortlaut übersetzt, den der Stinkefinger illustrierte:

„Ich verteidige also nicht die Tatsache, dass wir im Euro waren infolge der Vorschriften, die wir aus Brüssel und Frankfurt erhielten und so weiter… Mein Vorschlag war, dass Griechenland im Januar 2010 innerhalb des Euros einfach seine Zahlungsunfähigkeit hätte erklären sollen – so wie es Argentinien gemacht hat – und dann Deutschland den Stinkefinger zeigen und sagen hätte können: ‚Also jetzt könnt ihr dieses Problem alleine lösen – okay?“

An dieser Stelle streckt Varoufakis den Mittelfinger seiner linken Hand in Richtung der Kamera. Der Vergleich mit Argentinien zielt auf den Streit Argentiniens mit zwei US-Hedgefonds, an dessen Ende das Land im August zahlungsunfähig wurde .

„Warum habe ich die Idee nicht unterstützt, zur Drachme zurückzukehren? Oder in anderen Worten: Warum kaufe ich die halbe Strategie Argentiniens, aber nicht auch die andere Hälfte? ‚Ja zur Säumnis‘ – ‚Nein zur Schaffung einer eigenen Währung‘?“

Hier also sagt Varoufakis klar, dass es für ihn zum Zeitpunkt seines Auftritts 2013 gerade keine Option war, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen, so wie es Argentinien sinnbildlich gegenüber dem IWF tat. Im Folgenden erklärt er, warum:

„Nun, weil Argentinien den Peso hatte. Das Land hatte eine Währung, die sie abwerten konnte. Es gab den festen 1:1-Wechselkurs zwischen Peso und US-Dollar… die Argentinier hatten den Peso in der Tasche. Die Banken waren gefüllt mit Pesos, die Geldautomaten hätten Pesos ausgezahlt. Und es war eine simple Angelegenheit zu sagen: ‚So, von jetzt an werten wir ihn ab.‘ Aber wenn man keine eigene Währung hat, kann man sie nicht abwerten. Alles, was man tun kann, ist zu erklären, dass wir in acht Monaten eine Währung haben werden – die wir, nebenbei gesagt, dann abwerten werden.“

 

Meinung und Politik

Sie sitzen am späten Abend bei zugezogenen Vorhängen am Stammtisch. Einer sagt: „Jetzt regnet´s.“  Eine fragt nach: „Woher weißt du denn das?“ – In der Politik ist das anders. Wenn eine im August sagt: „Es schneit.“ heißt es: „Es hat halt jeder seine Meinung.“ Deshalb sind die Dinge wie sie sind.

„Gottes zweite Garnitur“ von Willi Heinrich

Der ganz alltägliche Rassismus zeigt sich nicht in der Wortwahl, sondern vor allem im Verhalten. Wer ihm auf die Spur kommen will,  ohne soziologische Studien zu lesen, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt. Der Roman erschien erstmalig auf Deutsch im Jahr 1964 und wurde 1967 für das Fernsehen verfilmt:

Ursendung: ZDF, 13.12.1967 / Fernsehfassung: Nikolaus Richter / Bearbeitung und Regie: Paul Verhoeven / Szene: Wolfgang Hundhammer; Darsteller: Jimmy Powell, Monika Mandras, Peter Paul, Paul Verhoeven, Edith  Herdegen, Joachim Mock, Wolfgang Büttner, Nobert Kappen, Harry Wolf, Günther Neutze und viele andere.

Auch wenn Willi Heinrich später als Verfasser von Trivialem sein Brot verdiente: Lesenswert, sowohl sprachlich als auch inhaltlich.

Rosenholz

Über etwa 20 Jahre haben der liebe Gott und meine persönliche Faulheit dazu beigetragen, dass ein Rosenstämmchen gewachsen ist mit einem Durchmesser von 5 – 8 Zentimeter. Im Herbst des vergangenen Jahres musste ich es fällen. An der Schnittstelle des abgesägten Stamms erkennt man schmale Jahresringe in allen Rosenfarben zwischen Rosa, Pink und Rot. Sabine aus T. wird daraus Perlen und Lochscheiben drechseln, die man sich um den Hals oder ans Ohr hängen kann. Aus dem Wurzelstumpf wird der Rosenstrauch neu treiben. Ein Morgen gibt es immer, auch wenn die Zukunft nicht rosig ist.