Das Fehlende

Bild: Screenshot, Website des Riva-Verlags

Amerkungen zu „Der betrogene Patient“ von Gerd Reuther, erschienen im Riva-Verlag unter ISBN 978-3-7423-1034-7

So gut begründet, in weiten Teilen treffend und sinnvoll die Bestandsaufnahme von Gerd Reuther ist, so unzulänglich sind die von ihm skizzierten Auswege. Wer nach Lösungen und Antworten sucht, stößt leider nur auf die Ideen der Bertelsmann-Stiftung: weniger Betten, zentrale Kliniken mit hochspezialisierten Ärzteteams und der dazu gehörigen technischen Ausstattung.
Die meisten Menschen brauchen das alles nicht, wenn sie sich krank fühlen. Nur ein paar Tage Selbstheilungsmaßnahmen mit Wärme oder Kälte, Heißgetränk und Hühnerbrühe, Entspannung an frischer Luft, genau das, was an einer einzigen Stelle des Buchs angesprochen wird: Sanatoriumsatmosphäre.
Der Autor blendet den Blick auf die reale gesellschaftliche Lage derer völlig aus, die sehr gerne auf ihre Selbstheilungskräfte setzen würden, gelegentlich auf einen vertrauenswürdigen Allgemeinarzt für unkomplizierte Unfallfolgen und eine Hebamme, die eine ganz normale Geburt bewältigt. Die vom Autor eingeforderte, verantwortliche gesundheitliche Selbstbestimmung ist für die Mehrzahl der Menschen aber nicht vorgesehen. Es steht keinem abhängig Beschäftigten zu, bei heißem Tee und Bettruhe das Abklingen eines Infekts über 10 -14 Tage abzuwarten ohne das Gesundheitssystem zu belasten. Es ist nicht dessen freie Entscheidung, auf den Besuch der Sprechstunde und eines überfüllten Wartezimmers zu verzichten. Abhängig vom Arbeitgeber ist eine Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit zwingend erforderlich, bei manchen Arbeitgebern bereits am ersten Tag.
Zum Arzt gezwungen werden Beschäftigte aufgrund der Unterstellung, dass ohne die Einschätzung eines Arztes ihre allzeitige, grundlegende Arbeitsunlust nicht bekämpft werden könne. Diese bedroht die angestrebten Profite.
Das Gesundheitsregime von Arbeitgebern, egal ob sie Clemens Tönnies heißen, Jeff Bezos oder Dieter Schwarz beruht auf der begründeten und berechtigten Annahme, kein vernünftiger, selbstbestimmter Mensch würde tagtäglich freiwillig in ihren Betrieben sein Leben zu Markte tragen.

Obwohl Gerd Reuther immer wieder auf selbstbestimmten, verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit, dem eigenen Leben Bezug nimmt, hält er offensichtlich die Kritik an den Arbeitgebern, Eigentümern und Betriebsleitungen für überflüssig. „Der betrogene Patient“ ist eines der vielen sprachlichen Produkte, die Politik nicht durch begründete Aussagen und Forderungen an Verantwortliche betreiben, sondern durch gezieltes Weglassen. Ein sehr manipulatives Buch. Sein Geld nicht wert.

Wanderlust

Buchtipp

Weil ich selbst gerne gehe, am liebsten auf zwei Beinen die Welt erkunde, reizte mich der Titel eines Buches, das schon im vergangenen Jahr 2019 bei Matthes und Seitz in deutscher Übersetzung erschienen ist: Wanderlust – Eine Geschichte des Gehens von Rebecca Solnit.

Rebecca Solnit spannt einen großen historischen Bogen von den Knochenfunden, die vom Beginn des aufrechten Gangs der Menschen zeugen bis hin zum bewegten Stillstand der Körper auf den heute üblichen Laufbändern zur planmäßigen Ertüchtigung der Körper von Menschen, die fast immer sitzen. Die Lektüre ist mir nicht immer leicht gefallen. Die Fülle der Zitate berühmter Autoren, die dem Gehen einen besonderen Sinn, eine besondere persönliche Bedeutung zusprachen hat mich überrascht und manchmal überwältigt. Erst im abschließenden Teil des Buches unter der Überschrift „Hinterm Ende der Strasse“ wurde mir deutlich, dass es der Autorin um die Darstellung einer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung geht, die mit der im Gehen erworbenen Sonderstellung der menschlichen Spezies beginnt. Ihr gegenwärtig aufscheinendes Ende ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der zeitgenössische Mensch den ihn umgebenden geographischen Raum nicht mehr mit seinem eigenen Körper, seiner eigenen Tätigkeit in Beziehung setzen kann, dass ihm mit dem Verlust der körpereigenen Fortbewegung das Maß für die Welt abhanden gekommen ist.

Rebecca Solnit kommt im Kapitel „Aerobic-Sisyphos und die Vorstadtpsyche“ zu manchem vernichtenden Urteil über den gegenwärtigen Stand menschlicher Entwicklung, die einen verzweifeln ließen, würde die Darstellung der vollständigen Geschichte des Gehens nicht die Hoffnung nähren, dass auch diese Gegenwart nur eine der vielen Stationen auf einem Weg darstellt, dessen Ziel und Ende nicht absehbar ist.

Die materielle Produktion

Das Arbeitsvermögen auf der Grundlage beschränkter natürlicher Ressourcen ist die Grundlage menschlicher Produktion und Reproduktion. Wer der Überzeugung Ausdruck verleiht, die Ausschüttung bedruckten Papiers an diejenigen, die nicht produktiv sein dürfen, könne das Problem beheben geht in die Irre. Diese Lösung ist nur eine vermeintliche: Sie unterstützt nämlich die gegenwärtige Aufteilung der Welt in reiche Staaten mit vielen Armen und wenigen Reichen und arme Staaten mit noch mehr Armen und wenigen Reichen. Wer über die Herkunft des Reichtums der Reichen, die Armut der Menschen und die Armut der öffentlichen Hand nichts zu sagen hat nicht mehr bietet als sozialistische Visionen, Aktionismus gegen Rechts oder moralisch begründeten Pazifismus erleidet notwendigerweise Schiffbruch. Vor allem die deutsche Linke und die LINKE samt ihrer parteinahen Stiftung sagen zur Produktion, dem Ursprung des Reichtums nichts und haben den aktuell lebenden Produzenten nichts mehr zu sagen. Gerechtigkeitsvisionen können realitätsbezogene politische Handungsalternativen nicht ersetzen und finden deshalb auch nicht den Zuspruch der vielen, die auf materiell gerechtere Zustände hoffen.

Im „Blättchen“ ist ein Text von Bernhard Romeike zu finden, der die Situation der deutschen Linken gut beschreibt. Er schließt mit den Worten: „Aber während Marxisten früher darüber nachdachten, wie denn die „materielle Produktion“ funktioniert und anders gestaltet sein kann, glauben manche Linke heute auch hierzulande, der Strom kommt aus der Steckdose und das Geld aus dem Geldautomaten oder steckt im Smartphone.“
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