Bayerische Niederungen

Beitrag_FB

Nichts illustriert die Probleme der bayerischen Linken besser als dieser FB-Beitrag.

Die Fragestellung suggeriert, dass Ursachen im wesentlichen in der LINKEN selbst liegen müssen und vermeidet jeglichen Bezug zu den äußeren Bedingungen, die man gerne die objektiven nennt. Sie zeigt, dass manchen Nabelschau wichtiger ist als Umschau.

Die Fragestellung übernimmt eine, wenn nicht sogar die wichtigste Denkfigur der in Bayern seit 60 Jahren unangefochten herrschenden Konservativen, nämlich eine landsmannschaftliche Sichtweise. Die Wendung „Mia san mia“ hat nicht der FC Bayern erfunden, sondern sie hat von Franz Strauß über die CSU, Stoiber und Hoeneß auf den Fußball übergegriffen

Diese landsmannschaftliche Sichtweise verringert die Möglichkeiten, sich eine gründliche Analyse der spezifisch bayerischen Ausprägungen des Kapitalismus zu erarbeiten. Statt über den eigenen Tellerrand zu schauen und evt. Ähnlichkeiten und Unterschiede  in den länderspezifischen Ausformungen des gegenwärtig herrschenden Neoliberalismus zum Ausgangspunkt zu nehmen, wird die bevorzugte Denkfigur der in Bayern  Regierenden gestützt. Weiterlesen „Bayerische Niederungen“

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„Querfront!“

eins links, eins rechts und quer

Die zitierte Sentenz von Ernst Jandl hat derzeit Hochkonjunktur im Feuilleton und auf T-Shirts. Auf letzterem begegnete sie mir am vergangenen Wochenende im Rahmen eines Parteitags der LINKEN, seltsamerweise ohne die letzte Zeile. Da bin ich gestolpert.

Während der 3 Lebensjahre, die ich in der Oberstufe eines deutschen Gymnasiums der Typklasse G9 verbrachte, hasste ich die Aufgabenstellung „Interpretation“. Bald 50 Jahre später sehe ich mich genötigt, eine zu verfassen. Anders als „Ottos mops trotzt“ geht „lichtung“ über das Sprachspiel hinaus und verweist auf die Möglichkeit und Notwendigkeit von Unterscheidungen und ihren Grundlagen in einer demokratischen Debatte. Wer die letzte Zeile einfach weglässt, läuft Gefahr der dogmatisierenden Reinkultur eines der beiden Enden oder Pole zu erliegen.

Das Bändchen

Kinder, die auf die Welt kommen, kennen keinen Unterschied zwischen links und rechts. Sie erwerben diese Unterscheidungsfähigkeit   in mehreren Stufen. Weiterlesen „„Querfront!““

Rassismus – wo fängt er an?

Vorsicht: Das von pixabay heruntergeladene kostenlose Bild  zu diesem Beitrag arbeitet mit bildlichen Rassestereotypen! Ich habe lange überlegt, ob seine Verwendung moralisch vertretbar ist. Das Bild ist unter dem Namen „continents“ veröffentlicht. In welcher Beziehung die verwendeten Stereotype zu den Kontinenten und ihren Bevölkerungen stehen ist unklar. Deshalb nehme ich mal an, seine Verwendung ist gerechtfertigt.

oder

Hätte man Darwins Forschung und Theorieentwicklung vielleicht verbieten müssen?

Das Unterscheiden ist die Mutter jeglicher Wissenschaft. Manche Menschen können allerdings Differenzieren (Unterscheiden) nicht von Diskriminieren (Abwerten, Herabsetzen) unterscheiden.

Weiterlesen „Rassismus – wo fängt er an?“

Braune Torten

Sagt Ihnen das eigentlich was – „antideutsch“? Welche Inhalte verstecken sich hinter Webauftritten wie „Straßen aus Zucker“ oder „Pension Abgrund“? Welche Bedeutung, welche Folgen hat der Tortenwurf von Magdeburg? Welche Fragen stellen sich danach?

Ein Versuch, Antworten zu finden: Braune Torten

 

 

„Rinks und lechts“

Bildquelle: Levin Holtkamp (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Mit Jandl gesprochen sind „rinks und lechts“ unverwechselbar und gleichzeitig leicht zu verwechseln. Diese Begrifflichkeit scheint aktuell immer  unschärfer, diffuser, unklarer zu werden. Eine linke politische Alternative verblasst. Es gibt kaum eine Möglichkeit sich zielgerichtet als Unterstützerin eines Richtungswechsels zu engagieren. Gleichzeitig  wächst Dank Internet die Zahl der sich als „links“ verstehenden Blogs, Portale, Gruppen, Parteien, Initiativen… ins Unermessliche.  Ein Wort eint sie zur Zeit alle:  Rechtsruck. Wie weit trägt diese Einigkeit? Nützt die im öffentlichen Diskurs zunehmende Unschärfe des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit  den Benachteiligten, den Besitzlosen, den Rechtlosen?

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Die materialistische Perspektive

In Zusammenhang mit der Zuspitzung  der Auseinandersetzung zwischen liks und rechts in Folge der „Flüchtlingskrise“ werden überwiegend historische, moralische, religiöse… Argumente herbeigezogen.

Menschen, die um ihr „Überleben“ kämpfen,  in ihrer materiellen Existenz bedroht sind, scheren sich im allgemeinen wenig um die Moral. Eine dezidiert materialistische Sicht wäre nötig, um eine Strategie gegen rechts zu entwickeln, die Ängste der Bedrohten ernst nimmt.   weiterlesen

 

 

Der moralische Verbraucher

– eine Polemik

„Zutaten: fair gehandelter brauner Bio-Rohrzucker, Bio-Dinkel-Vollkornmehl, Möhren vom Öko-Bauern um die Ecke, Bio-Eier … . “ Wenn man sich schon Süßes gönnt, muss es wenigstens moralisch vertretbar sein. Bio und – wenn schon aus dem globalen Süden importiert – dann zumindest „fair“ gehandelt.

Ähnliches gilt für T-Shirts  und Jeans oder umweltfreundliche Waschmittel und vor allem für mindestens vegetarisches, am besten veganes Essen. R. H., der in den vergangenen Jahren eine Produzenten/Konsumenten-Genossenschaft auf der Grundlage erneuerbarer Energien mit auf die Beine gestellt hat, bekäme bei den Klimarettern auf facebook kein Bein auf die Erde: Er holt sich für die Pause immer noch das landesübliche Leberkäs-Brötchen. Seine Verdammnis ist gewiss!

Der politisch korrekte Verbraucher ( PCC)  ist die gegenwärtige, laizistische Version des Puritaners. Allerdings nicht unter Wahrung der übrigen Grundsätze der „Amish“, wie Verzicht auf Maschinen, die Strom oder Primärenergieträger nutzen. Da inzwischen die Waren für den Bedarf des PCC zumindest in größeren zentralen Orten auch in 1000 – m² – Märkten zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, kann man auf der Grundlage moderner Logistik  die Notwendigkeit eigene Arbeit aufzuwenden in Grenzen halten.  Das hauptsächlich unterscheidet den PCC von den Generationen gläubiger Menschen, die sich konsequent der Aufforderung des AT beugten und beugen: “ Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ (Genesis, 3:19 ). So gelingt es den aktuell vorhandenen Menschen der entwickelten Länder höheren Moralansprüchen zu genügen, ohne sich deshalb körperlich verausgaben zu müssen, weder im eigenen Garten, noch beim Kneten von Brotteig. Auf lieb gewordene Gewohnheiten wie das Übergießen der Spaghetti mit einer schnell aufgewärmten  Soße aus dem Glas muss man nicht verzichten, die ist nämlich auch vegan erhältlich.

Der Aspekt der „sozialen Distinktion“ in allen Formen des Verbraucherverhaltens sei hier eingangs nur benannt. Es geht mir um eine bisher nicht oder nur sehr selten beleuchtete Seite eines neuerdings wieder in Mode gekommenen moralischen Rigorismus: Moralisch legitimiertes Konsumverhalten erspart einem die politische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtig herrschenden System der Ausbeutung von Mensch und Natur. Endlich ist es uns vergönnt – zumindest denjenigen, deren Einkommen über der Armutsgrenze liegt – gut zu sein, ohne die Mühen der Widerborstigkeit auf uns nehmen zu müssen. Alles wird gut, wenn wir täglich darauf achten, dass wir unsere veganen Würstchen gewandet in Biobaumwolle am Massivholztisch zu uns nehmen,  für die Winterkleidung den lieben Schäfchen ihre Wolle nicht wegnehmen und auch keinen toten Tieren das Leder für die Schuhe. Es ist faszinierend, wie viele vegane Ersatzstoffe der „alternative Markt“ inzwischen zur Verfügung stellt. Ich weiß nicht, was passierte, setzte sich die Erkenntnis einer verstorbenen Tante durch, dass auch die Halme schreien, wenn man sie schneidet. Wie macht man aus Fallobst Schuhe?

Erschwingliche „Bio“-Güter gibt es leider nur auf der Grundlage zumindest mechanisierter, teilweise auch industrieller Landwirtschaft. Mit Sätuch, Sichel oder Sense sind die Mengen an Dinkel nicht zu erzeugen, die Dennree zu tragbaren Preisen auf den Markt wirft.

Die Bereitschaft, für das T-Shirt einen höheren Preis zu zahlen, führt nicht zu einer besseren Entlohnung der Produzentinnen, sondern nur zu höheren Profiten der Anbieter, die auf dem Markt der Distinktion die Nase vorn haben.

Kein einziger Kleinbauer oder nomadischer Viehzüchter am Rand der sich ausbreitenden ariden Zonen Afrikas bekommt einen Brotfladen mehr, weil ich  darauf warte, dass die freigelassenen Kühe von Bauer Maier nebenan von selbst verenden, statt ihre Milch für meine Ernährung zu nutzen. Dass die afrikanischen Rosen, die ich einkaufe, fair gehandelt sind ist keine Entschuldigung: Fläche und Wasser werden vertan, die  für  Hirse gebraucht würden.

Der moralische Antrieb und die mit ihm verbundene rege Missionstätigkeit der Esserinnen und Esser veganer Leberwurst und der fair handelnden T-Shirt-Trägerinnen hat vor allem zwei unmittelbare Wirkungen:

  • PCCs können sich als die moralisch Überlegenen darstellen. Das tut ihnen gut.
  • Der moralische Verbraucher glaubt, durch seine Kaufentscheidung tatsächlich die Qualität der Warenproduktion beeinflussen zu können. Er ist es, der angeblich über seine Kaufentscheidung  Unternehmen dazu zwingt, Sweatshops in Bangladesh stillzulegen und auf Schadstoffe in der Landwirtschaft zu verzichten. Dabei bestätigt genau dies die neoliberale Ideologie. Es ist nämlich genau diese Ideologie, die   die Kaufentscheidungen der mündigen Verbraucher als quasi demokratische Einflussnahme auf die Warenproduktion bejubelt.

PCCs entbinden sich selbst – und befreien dadurch auch die Gesellschaft – von der Notwendigkeit gemeinsam,  von demokratischer Meinungs- und Willensbildung zu grundlegenden Fragen:  Wie, wofür, für wen wollen wir welche Güter bereitstellen?  Darüber wird nicht gemeinsam gesellschaftlich entschieden sondern in der individuell moralisch legitimierten Konsumtion.

Der nachhaltige Erhalt lebenswichtiger Stoffkreisläufe wird   nicht dadurch gesichert, dass ein neues Marktsegment die moralischen Bedürfnisse höherer Einkommensschichten befriedigt. Der PCC fügt sich reibungslos ein in die marktvermittelte Steuerung  der Ausbeutung von Mensch und Natur. Er ist nicht einmal Sand in diesem Getriebe.Der in einen Konsumstil verwandelte Protest ist das postmoderne Erbe einer quasireligiös motivierten Fügsamkeit, die gesellschaftliche Konflikte um die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen nicht aufgreift, austrägt und demokratisch entscheidet. Der moralische Verbraucher trachtet danach, die Welt zu verbessern durch die Hebung der Moral der Einzelnen. Die Heilsarmee lässt grüßen.Einen kleinen Unterschied gibt es: Wein,  Bier und Zigaretten sind erlaubt, solange ein BIO-Sechseck das Etikett ziert.

Im Alltag entscheide ich mich oft für Bio-Produkte.Sie schmecken besser.