Wanderlust

Buchtipp

Weil ich selbst gerne gehe, am liebsten auf zwei Beinen die Welt erkunde, reizte mich der Titel eines Buches, das schon im vergangenen Jahr 2019 bei Matthes und Seitz in deutscher Übersetzung erschienen ist: Wanderlust – Eine Geschichte des Gehens von Rebecca Solnit.

Rebecca Solnit spannt einen großen historischen Bogen von den Knochenfunden, die vom Beginn des aufrechten Gangs der Menschen zeugen bis hin zum bewegten Stillstand der Körper auf den heute üblichen Laufbändern zur planmäßigen Ertüchtigung der Körper von Menschen, die fast immer sitzen. Die Lektüre ist mir nicht immer leicht gefallen. Die Fülle der Zitate berühmter Autoren, die dem Gehen einen besonderen Sinn, eine besondere persönliche Bedeutung zusprachen hat mich überrascht und manchmal überwältigt. Erst im abschließenden Teil des Buches unter der Überschrift „Hinterm Ende der Strasse“ wurde mir deutlich, dass es der Autorin um die Darstellung einer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung geht, die mit der im Gehen erworbenen Sonderstellung der menschlichen Spezies beginnt. Ihr gegenwärtig aufscheinendes Ende ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der zeitgenössische Mensch den ihn umgebenden geographischen Raum nicht mehr mit seinem eigenen Körper, seiner eigenen Tätigkeit in Beziehung setzen kann, dass ihm mit dem Verlust der körpereigenen Fortbewegung das Maß für die Welt abhanden gekommen ist.

Rebecca Solnit kommt im Kapitel „Aerobic-Sisyphos und die Vorstadtpsyche“ zu manchem vernichtenden Urteil über den gegenwärtigen Stand menschlicher Entwicklung, die einen verzweifeln ließen, würde die Darstellung der vollständigen Geschichte des Gehens nicht die Hoffnung nähren, dass auch diese Gegenwart nur eine der vielen Stationen auf einem Weg darstellt, dessen Ziel und Ende nicht absehbar ist.

Weiße Europäerin oder woman of colour?


In einem Konzert saß am gestrigen Abend ein paar Plätze von mir entfernt eine hellhäutige Frau mit dunklen, krausen Haaren, Frisur im Stil von Angela Davis. Der Unbekannten bin ich zu Dank verpflichtet. Sie hat mich in Sachen »identitätspolitische Ansätze« ein ganzes Stück weitergebracht.

zum Text


Ein Hoch auf die Dialektik!

Erst kürzlich ist Bernd Stegemanns Buch »Das Gespenst des Populismus« im Verlag Theater der Zeit erschienen. Gestolpert bin ich vor dem Kauf über den Untertitel »Ein Essay zur politischen Dramaturgie« und den Verlagsnamen. Beides ungewöhnlich für ein Buch, das sich aktuellen politischen Fragen widmet. Die Spannung stieg, als ich herausfand, dass Bernd Stegemann von Beruf Dramaturg ist und als Professor an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin berufen wurde. Man trifft nicht mehr so oft auf eine Verbindung von Politik und Kultur wie sie der Namensgeber der Hochschule vertrat.

Meine so entstandene Neugier wurde nicht enttäuscht, sondern in einem unerwarteten Ausmaß belohnt! Mit einer Sprache weit ab vom üblichen Politsprech nähert sich der Autor dem Thema und überzeugt  Weiterlesen „Ein Hoch auf die Dialektik!“

Humane Pflege

Buch: Die Rückkehr der Diener – Das neue Bürgertum und sein Personal; Christoph Bartmann; München 2016

Das Buch  liest sich zu  Beginn  als sozialkritischer Blick auf entwickelte Gesellschaften. Hochqualifizierte Gutverdiener leisten sich schlecht bezahltes Personal, oft mit migrantischem Hintergrund, um sich von minderwertiger Arbeit zu befreien zu Gunsten von „wertiger Zeit“. Barthmann spannt von da den Bogen zur letztendlich philosophischen Frage nach dem Kern des Menschlichen. „Bekanntlich verschafft sich die Menschheit nicht in diesem historischen Moment, sondern seit geraumer Zeit Entlastung durch Arbeitsteilung und technische Erfindungen. “ [Seite 199/200] Wie ist die Frage zu beantworten aus der Perspektive eines Hilfsbedürftigen, für den die Hilfe eines Roboters besser ist als keine. Aus der Perspektive eines liebevollen Angehörigen, der sich trotz Zuneigung und Verantwortungsgefühl  entscheidet, entscheiden muss, für Babyphon und sensorgesteuerte Überwachungskamera, weil die Zuwendung rund um die Uhr auf Dauer Übermenschliches verlangt.

Jeder empathische Mensch wird auch in Zukunft mit Blick auf die vorhandenen Entlastungsmöglichkeiten entscheiden müssen, was im Rahmen seiner Kräfte liegt. . – Er wird sich genauso wenig vom sozialen Druck derjenigen  befreien können,  die geleitet werden von der hoch entwickelten Ethik des Unbeteiligten, Ungeforderten. Sein eigenes Gewissen wird nicht verstummen.  Ich teile trotzdem die eher zuversichtliche Perspektive des Autors. Jeder Mensch wird auch in Zukunft für Kinder, Eltern, Nachbarn das tun, was er sich zutrauen kann und Hilfe besorgen, wo er sie braucht und bekommen kann. Die Tochter des Nachbarn zum Babysitten,  den Robbi zum Staubsaugen und den Pfleger von „Menschliches Alter“  zum Baden der Schwiegermutter. Aber: Leichter sind  Aufgaben und Entscheidungen  nicht geworden – trotz des enormen Angebots an menschlichen und maschinellen Helfern.

Es ist Materialistinnen nicht verwehrt, aus alten Büchern zu zitieren.  „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ sagt  Psalm 90:10. Wie Zuwendung wahrnehmbar, erlebbar bleibt, wenn aus Gründen des Fortschritts eigenes Tun dafür nicht mehr nötig sein könnte, lässt Barthmann offen. Er sagt es dialektisch: Man muss aber aufpassen, dass man vor lauter Lebenserleichterung die Qualität des vollen Lebens nicht verfehlt.“ ( S. 200)