Ein Hoch auf die Dialektik!

Erst kürzlich ist Bernd Stegemanns Buch »Das Gespenst des Populismus« im Verlag Theater der Zeit erschienen. Gestolpert bin ich vor dem Kauf über den Untertitel »Ein Essay zur politischen Dramaturgie« und den Verlagsnamen. Beides ungewöhnlich für ein Buch, das sich aktuellen politischen Fragen widmet. Die Spannung stieg, als ich herausfand, dass Bernd Stegemann von Beruf Dramaturg ist und als Professor an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin berufen wurde. Man trifft nicht mehr so oft auf eine Verbindung von Politik und Kultur wie sie der Namensgeber der Hochschule vertrat.

Meine so entstandene Neugier wurde nicht enttäuscht, sondern in einem unerwarteten Ausmaß belohnt! Mit einer Sprache weit ab vom üblichen Politsprech nähert sich der Autor dem Thema und überzeugt  Weiterlesen „Ein Hoch auf die Dialektik!“

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Mäuseland

Die hier wiedergegebene  Geschichte vom Mäuseland wird unter anderem auf Tommy Douglas (1904 -1986) New Democratic Party of Canada zurückgeführt. Gefunden habe ich sie heute auf den „Nachdenkseiten“.

In Fabeln und Parabeln lässt sich unsere gesellschaftliche Realität gut abbilden, finde ich. Die Geschichte selbst lässt erkennen, warum ich die Geschichte „Mäuseland“ mit einer  Katze bebildere.

Das Mäuseland

Dies ist die Geschichte von Mäuseland. Mäuseland war ein Ort, an dem all die kleinen Mäuse lebten und spielten, geboren wurden und starben. Sie lebten eigentlich ganz so, wie du und ich.

Sie hatten sogar ein Parlament. Und alle vier Jahre gab es eine Wahl. Sie gingen an die Urnen und gaben ihre Stimmen ab. Ganz so, wie du und ich. Bei jeder Wahl gingen also all die kleinen Mäuse zahlreich an die Wahlurnen und wählten eine Regierung. Eine Regierung von großen, fetten, schwarzen Katzen.

Jetzt mögt ihr denken, daß es seltsam sei, wenn Mäuse sich Katzen als Regierung wählen, aber betrachtet nur einmal die Geschichte Kanadas der letzten 90 Jahre, und ihr werdet vielleicht erkennen, daß sie nicht viel dümmer waren als wir.

Ich will gar nichts gegen die Katzen sagen. Das waren nette Leute. Sie führten die Regierungsgeschäfte mit Würde. Sie machten gute Gesetze – das heißt, gut für Katzen. Aber waren die Gesetze auch sehr gut für Katzen, so waren sie doch eher schlecht für die Mäuse. Eines der Gesetze besagte, daß ein Mäuseloch groß genug für eine Katzenpfote sein mußte. Ein anderes legte Geschwindigkeitsbegrenzungen für den Lauf der Mäuse fest, so daß eine Katze sich für ihr Frühstück nicht allzusehr anstrengen mußte.

All die Gesetze waren gute Gesetze. Für Katzen. Aber Ach! Wie hart waren sie zu den Mäusen! Das Leben wurde schwerer und schwerer. Als die Mäuse es nicht länger ertragen konnten, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Also zogen sie in großer Zahl zu den Wahlen. Sie wählten die schwarzen Katzen ab. Stattdessen wählten sie die weißen Katzen in die Regierung.

Die weißen Katzen hatten eine großartige Kampagne geführt. Sie sagten „Was in Mäuseland fehlt, sind politische Visionen!“ Sie sagten „Das Problem in Mäuseland sind diese runden Mäuselöcher die wir hier haben. Wenn ihr uns wählt, werden wir rechteckige Mäuselöcher einführen.“
Und das taten sie. Und die rechteckigen Mäuselöcher waren doppelt so groß, wie die runden. Nun konnte eine Katze mit beiden Pfoten hineinlangen. Das Leben wurde schwerer als je zuvor. Als sie es nicht mehr ertrugen, wählten sie die weißen Katzen ab und setzten die schwarzen Katzen wieder ein. Dann wählten sie wieder die weißen Katzen, dann wieder die schwarzen. Sie versuchten es mit zur Hälfte schwarzen und weißen Katzen. Das nannten sie Große Koalition. Sie wählten sogar eine Regierung aus gepunkteten Katzen: Das waren Katzen, die versuchten wie Mäuse zu klingen, doch sie ernährten sich genauso wie die anderen Katzen.

Seht ihr, Freunde, das Problem hatte nichts mit der Farbe der Katzen zu tun. Das Problem war, daß es Katzen waren! Und weil es Katzen waren, kümmerten sie sich natürlich um die Interessen der Katzen, statt um die der Mäuse.

Schließlich jedoch, war da eine kleine Maus, die hatte eine Idee. Und sie wandte sich an ihre Artgenossen und sprach „Schaut Freunde! Warum wählen wir immer wieder eine Regierung, die nur aus Katzen besteht? Warum wählen wir nicht stattdessen eine Regierung aus Mäusen?“ „Oh!“ riefen die Mäuse erschreckt, „Er ist ein Kommunist! Sperrt ihn ein!“

Und so sperrten sie ihn ins Gefängnis.

Aber ich will euch daran erinnern: Daß man eine Maus oder einen Menschen einsperren kann, eine Idee aber nicht!

 

Humane Pflege

Buch: Die Rückkehr der Diener – Das neue Bürgertum und sein Personal; Christoph Bartmann; München 2016

Das Buch  liest sich zu  Beginn  als sozialkritischer Blick auf entwickelte Gesellschaften. Hochqualifizierte Gutverdiener leisten sich schlecht bezahltes Personal, oft mit migrantischem Hintergrund, um sich von minderwertiger Arbeit zu befreien zu Gunsten von „wertiger Zeit“. Barthmann spannt von da den Bogen zur letztendlich philosophischen Frage nach dem Kern des Menschlichen. „Bekanntlich verschafft sich die Menschheit nicht in diesem historischen Moment, sondern seit geraumer Zeit Entlastung durch Arbeitsteilung und technische Erfindungen. “ [Seite 199/200] Wie ist die Frage zu beantworten aus der Perspektive eines Hilfsbedürftigen, für den die Hilfe eines Roboters besser ist als keine. Aus der Perspektive eines liebevollen Angehörigen, der sich trotz Zuneigung und Verantwortungsgefühl  entscheidet, entscheiden muss, für Babyphon und sensorgesteuerte Überwachungskamera, weil die Zuwendung rund um die Uhr auf Dauer Übermenschliches verlangt.

Jeder empathische Mensch wird auch in Zukunft mit Blick auf die vorhandenen Entlastungsmöglichkeiten entscheiden müssen, was im Rahmen seiner Kräfte liegt. . – Er wird sich genauso wenig vom sozialen Druck derjenigen  befreien können,  die geleitet werden von der hoch entwickelten Ethik des Unbeteiligten, Ungeforderten. Sein eigenes Gewissen wird nicht verstummen.  Ich teile trotzdem die eher zuversichtliche Perspektive des Autors. Jeder Mensch wird auch in Zukunft für Kinder, Eltern, Nachbarn das tun, was er sich zutrauen kann und Hilfe besorgen, wo er sie braucht und bekommen kann. Die Tochter des Nachbarn zum Babysitten,  den Robbi zum Staubsaugen und den Pfleger von „Menschliches Alter“  zum Baden der Schwiegermutter. Aber: Leichter sind  Aufgaben und Entscheidungen  nicht geworden – trotz des enormen Angebots an menschlichen und maschinellen Helfern.

Es ist Materialistinnen nicht verwehrt, aus alten Büchern zu zitieren.  „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ sagt  Psalm 90:10. Wie Zuwendung wahrnehmbar, erlebbar bleibt, wenn aus Gründen des Fortschritts eigenes Tun dafür nicht mehr nötig sein könnte, lässt Barthmann offen. Er sagt es dialektisch: Man muss aber aufpassen, dass man vor lauter Lebenserleichterung die Qualität des vollen Lebens nicht verfehlt.“ ( S. 200)

 

Das Sektenwesen – Buchempfehlung

Das Bild stammt von Hanno Böck und zeigt Robert Kurz auf dem attac Kapitalismus-Kongress 2008.

Robert Kurz; DIE ANTIDEUTSCHE IDEOLOGIE; Vom Antifaschismus zum Krisenimperialismus: Kritik des neuesten linksdeutschen Sektenwesens in seinen theoretischen Propheten; Unrast Verlag; 2003

Dass ich mich 2017 im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs veranlasst sehen würde, zu einem Buch zu greifen, das sich mit den »Antideutschen« auseinandersetzt, wäre mir angesichts des seltsamen, bemüht intellektuellen Jargons der Korinthenkackerinnen auf einer PDS-Landesmitgliederversammlung in Bayern (2005?) nicht  in den Sinn gekommen. Anders als von mir erwartet hat sich diese Art linker Marotten, so sah ich es damals, nicht verwachsen oder verflüchtigt, sondern der Einfluss dieser lose miteinander verbundenen Gruppe nahm zu.

Robert Kurz schrieb 2003 in seinem Vorwort : »Dieses Unternehmen geht mit einer perfiden geschichtspolitischen Strategie einher, die das Grauen von Auschwitz dafür instrumentalisiert, die proimperiale Konversion der Antideutschen abzusichern und die radikale Linke in pseudo-moralische Geiselhaft zu nehmen. Das ist allerdings nur möglich, weil diese Linke auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Dritten Reiches den Zusammenhang von Kapitalismus, Antisemitismus und deutscher Geschichtskatastrophe noch immer nicht ausreichend geklärt hat. Daß der begriffliche Apparat des traditionslinken Denkens an dieser Aufgabe scheitert, wird von den Antideutschen ausgenutzt, um den NS von der Modernisierungsgeschichte abzulösen und die bürgerliche Subjektform zu verteidigen.
Eine konsequente Kritik der antideutschen Ideologie ist also deshalb gefordert, weil in diesem Denken exemplarisch der begriffliche Verfall und die analytische Insuffizienz einer obsolet gewordenen linken Theoriegeschichte zum Vorschein kommen. Es geht darum, ob die Weichen in der radikalen Linken der BRD für eine Erneuerung emanzipatorischer Kritik über das arbeiterbewegungsmarxistische Paradigma hinaus gestellt werden – oder für einen endgültigen Rückfall in die Affirmation kapitalistischer `Vernunft´ und `Zivilisation´, die nichts anderes darstellt als den Interessenstandpunkt des männlichweißen westlichen Metropolensubjekts in der Weltkrise des modernen warenproduzierenden Systems.«

2017 gibt es Anlass zu befürchten, dass die Vor-,  Mit- und Nachläufer dieses »neuesten linksdeutschen Sektenwesens«, wie Robert Kurz es nennt, in den anstehenden Krisenjahren dazu beitragen werden, dass die Profitinteressen die Oberhand behalten. Drohende autoritäre Antworten auf die Krise des kaptalistischen Weltsystems ( → Immanuel Wallerstein) dürfen wir nicht zulassen. Die antideutsche Ideologie erschwert nicht allein wegen ihrer ideologischen Dummheit sondern auch wegen ihrer politischen Blindheit in hohem Maß das Bilden handlungsfähiger inhaltlicher Mehrheiten gegen Profit und Profiteure. Ich muss mich notgedrungen mit ihnen auseinandersetzen.
»Es hat einige Überwindung gekostet, dieses Buch zu schreiben.« So beginnt  Robert Kurz seinen Band von 276 Seiten. Heute, im Januar 2017, geht es mir ähnlich. Über diesen Link ist eine Art Zusammenfassung, erreichbar: geraffte Darstellung des Inhalts     Lesende mögen mir eine möglicherweise fehlerhafte Diktion nachsehen. Sie ist die Folge einer Übersetzungsanstrengung.

In drei Abschnitten setzt sich Robert Kurz mit dem auseinander, was er `antideutsche Ideologie´ nennt. … Weiterlesen „Das Sektenwesen – Buchempfehlung“

(Mit-)Regieren?

Die gegenwärtige Situation in Deutschland unterscheidet sich wesentlich von der Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Der sog. Zeitgeist ist nicht geprägt von Aufbruch, von linker Hegemonie, Kritik an gesellschaftlicher Lähmung und Restauration, begleitet von breiter prominenter Unterstützung für den Wechsel. Münteferings Formulierung „Opposition ist Mist“ wird gerne zitiert um Regierungsbeteiligungen der LINKEN zu begründen. Gerne wird  von „Verantwortung“ gesprochen und von den kleinen Verbesserungen, die man als (Mit-)Regierungspartei erreichen könne. Gegner der Regierungsbeteiligung einer parlamentarisch kleinen aber relativ wirkungsmächtigen Oppositionspartei halten sich gerne an die Sentenz „Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung“ eines unbekannten Autors.

Ich versuche  diese widersprüchlichen  Einschätzungen abzuhandeln, ohne revolutionäres Pathos zu bemühen oder in den Chor „Wer hat uns verraten…“ einzustimmen. Weiterlesen „(Mit-)Regieren?“

Aus der Geschichte gelernt?

Was denn?

Das ist ein grundsätzliches Dilemma gerade linker Politik, es geht fast ausschließlich um die Bekämpfung möglicher Benachteiligung auf Grund von Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung. Die grundsätzliche Frage nach den sozialen Verhältnissen, nach den Besitzverhältnissen und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums wird überhaupt nicht mehr gestellt. Dabei ist die, der kapitalistischen Gesellschaft immanente Diskriminierung auf Grund der sozialen Herkunft, die nach wie vor schlimmste Form der Diskriminierung überhaupt.“ ( Nachdenkseiten,  JK  in den Hinweisen des Tages vom 09.08.2016)

Ich teile diese Beobachtung von JK. Meine Vermutungen hinsichtlich der Ursachen habe ich versucht darzustellen. Meine Annahme: Unterstützt durch die in ihrem Besitz befindlichen Medienkonzerne ist es den Herrschenden in den entwickelten Industrieländern gelungen, Interessengegensätze zu verschleiern und die Bevölkerung einzuschwören auf ein neues „WIR“, das einen ausschließlich ethischen, nicht ökonomischen Zugang zu politischen Fragestellungen entwickelt hat. Die Einstellungen des neuen  „WIR“ unterscheiden sich nur unwesentlich vom klassischen Imperialismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie sind deshalb zutiefst reaktionär.

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Bayerische Niederungen

Beitrag_FB

Nichts illustriert die Probleme der bayerischen Linken besser als dieser FB-Beitrag.

Die Fragestellung suggeriert, dass Ursachen im wesentlichen in der LINKEN selbst liegen müssen und vermeidet jeglichen Bezug zu den äußeren Bedingungen, die man gerne die objektiven nennt. Sie zeigt, dass manchen Nabelschau wichtiger ist als Umschau.

Die Fragestellung übernimmt eine, wenn nicht sogar die wichtigste Denkfigur der in Bayern seit 60 Jahren unangefochten herrschenden Konservativen, nämlich eine landsmannschaftliche Sichtweise. Die Wendung „Mia san mia“ hat nicht der FC Bayern erfunden, sondern sie hat von Franz Strauß über die CSU, Stoiber und Hoeneß auf den Fußball übergegriffen

Diese landsmannschaftliche Sichtweise verringert die Möglichkeiten, sich eine gründliche Analyse der spezifisch bayerischen Ausprägungen des Kapitalismus zu erarbeiten. Statt über den eigenen Tellerrand zu schauen und evt. Ähnlichkeiten und Unterschiede  in den länderspezifischen Ausformungen des gegenwärtig herrschenden Neoliberalismus zum Ausgangspunkt zu nehmen, wird die bevorzugte Denkfigur der in Bayern  Regierenden gestützt. Weiterlesen „Bayerische Niederungen“