Jenseits der Erwerbsarbeit?

geschrieben 2009 als Beitrag für ein Heft der „Studienreihe“ des Kurt-Eisner-Vereins, der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bayern.

tontopfe

Schon auf den Tontopf der Schnurkeramiker wurde zusätzliche Arbeit verwendet, die über das Notwendige hinausgeht: Abdrücke der Schnüre – Dekoration? Hinweis auf den Hersteller?Herkunftsnachweis?In der Verwendung des Blumentopfs als Element eines dekorativen Objekts tritt die NotWendigkeit der Herstellung eines Blumentopfs völlig in den Hintergrund. Über ein Gefäß zu verfügen ist für den Alltag Notwendig.
Ist es Notwendig, dass der Einzelne ein Gefäß besitzt, die Familie, die Sippe?
Sind Paul und Berta Notwendig?

Der Vergleich dieser beiden Ergebnisse menschlicher Tätigkeit verweist darauf, dass es möglich und im gesellschaftlichen und individuellen Leben bedeutsam ist, zwischen NotWendigkeit und Überfluss zu unterscheiden. Im Idealfall wird über die NotWendigkeit
der in einem Produkt vergegenständlichten Arbeit im interpersonalen oder im gesellschaftlichen Diskurs entschieden.

Im gegenwärtig herrschenden kapitalistischen System entscheidet über die Notwendigkeit und Bewertung eines Produkts und der darin vergegenständlichten Arbeit die „Marktgängigkeit“, der realisierbare Geldwert. Weder die Kategorie Sinn noch Bedürfnis oder Bedarf spielen dabei eine Rolle.

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Maulkorb für Prof. Dr. Rolf Verleger?

Bild: Passierpunkt in der Mauer von Bethlehem, gemeinfrei über wikipedia

Vermutlich Anhänger einer weithin bekannten, manchmal auch Torten werfenden Sekte, deren Mitglieder sich jedoch selten namentlich aus der Deckung wagen (siehe Anhang), versuchten wieder einmal einem Kritiker der israelischen Besatzungspolitik wegen seiner „antisemitischen“ Positionen den Mund zu verbieten. So geschehen in Freiburg am 10.November.

Rolf Verleger reagierte mit einem offenen Brief, der u. a. auf den Nachdenkseiten zu finden war. Dieser offene Brief sei auch hier weiterverbreitet. Seine Argumentation erklärt warum manche, darunter auch ich, die Sichtweisen dieser anonym auftretenden Sekte für eine lancierte und gesponserte Kampagne halten, die darauf abzielt, linke Kritiker  aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.

Hier der Text:

An: gegen-antisemitismus@stura.uni-freiburg.de
14.11.2016

Sehr geehrte Herren,

Am 10.11. hielt ich im Rahmen des Café Palestine Freiburg in einem Hörsaal der Universität Freiburg einen Vortrag zum Thema „Ist der Einsatz für Menschenrechte in Palästina antisemitisch?“ Vor der Veranstaltung haben Sie per Flugblatt ein Redeverbot für mich an der Universität Freiburg gefordert.
Sie taten das zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn, als es noch leer war: Sie, zwei junge Männer, höflich und zurückhaltend, fast schüchtern, verteilten einen knallharten Text, anonym, ohne Namen der Verfasser. (S. Wortlaut im Anhang). Sie warteten aber nicht die Wirkung ab, sondern schauten, dass sie lieber weder unerkannt wegkamen. 
Das hat mich sehr verblüfft. Das ist eigenartiges Verhalten. So als ob der Veranstalterin Frau Dr. Weber oder mir ein Geheimdienst zur Verfügung stünde, der Ihnen schaden könnte.

Ich habe mich gefragt, was Ihre Vorbilder für Ihre Aktivitäten sind.
Eine mögliches Vorbild könnten für Sie die Geschwister Scholl sein: Auch sie wollten ihre Flugblätter gegen Unrecht sprechen lassen, sie wollten laut und deutlich ihre Stimme für Menschlichkeit erheben. Und sie wollten anonym bleiben, weil sie wussten, dass es sonst nicht gut für sie ausgehen würde. 
Daher scheint es mir möglich, dass Sie sich an diesen Helden des Widerstands gegen Unmenschlichkeit orientieren. In diesem Fall könnten Sie auch die Befürchtung haben, dass Sie – wie die Geschwister Scholl – Opfer Ihres Engagements werden könnten: die Scholls wegen ihres Eintretens für die Opfer der Nazis wurden selbst Opfer der Nazis, und Sie könnten vielleicht wegen ihres kompromisslosen Eintretens für Israel den Palästinensern und ihren Freunden zum Opfer fallen. Denn Sie halten diese Leute für mordlustig („mordlustige Antisemiten“ schreiben Sie) und – so befürchten Sie – es droht ein neuer „eliminatorischer“, „mörderischer“, „vernichtungsorientierter Antisemitismus“. So werden Sie vielleicht zu Helden für eine gerechte Sache. Das, so male ich mir aus, ist Ihre Sichtweise: Mich sehen Sie als einen Befürworter des „eliminatorischen Antisemitismus“ und vielleicht auch persönlich als einen mordlustiger Antisemiten: eine Gefahr für Israel und für Sie als Israelfreunde. Sie dagegen warnen und mahnen: Einen solchen potentiell gefährlichen Mann sollte man nicht reden lassen, im Interesse der eigenen Selbsterhaltung.

Das sind ungefähr meine Fantasien darüber, wie Sie sich selbst sehen. Meine eigene Sichtweise von Ihrer Aktivität ist aber eine völlig andere. Das ergibt sich so aus meiner Familiengeschichte. Kennen oder kannten Sie Ihre Großväter? Ich kannte meine nicht. Der eine starb schon 1926 und liegt in Berlin-Weißensee, der andere starb in Auschwitz; wann genau, weiß man nicht. 
Kennen oder kannten Sie Ihre Großmütter? Ich kannte meine nicht. Die eine ging 1942 in Theresienstadt zugrunde, die andere wurde, 42-jährig, direkt nach der Ankunft des Deportationszuges in Estland erschossen, denn sie hatte ihren gelben Stern in Berlin abgemacht, um zur Friseuse zu gehen; daher war sie eine Kriminelle und wurde in Estland in einer Sanddüne verscharrt.
Haben Sie Onkel und Tanten? Mein Vater hatte sieben Geschwister. Das Nazi-Regime überlebten nur er und ein Bruder. 
Hat Ihr Vater eine Tätowierung? Mein Vater hatte eine, nämlich die Auschwitznummer am Arm. Seine erste Frau und ihre gemeinsamen drei Söhne hatten wahrscheinlich keine: Sie kamen in Auschwitz gleich ins Gas. Daher heiratete 1948 mein Vater meine viel jüngere Mutter: Er wollte noch einmal jüdische Kinder haben. So bin ich aufgewachsen, als Kind der Hoffnung und des Neuanfangs.

Was wissen Sie vom Judentum? Uns Kindern haben dies unsere Eltern vermittelt. In der chassidischen Tradition meines Vaters: Gottes Gebote befolgen, in der Hoffnung auf Erlösung und Befreiung. In der deutsch-jüdischen Tradition meiner Mutter: Judentum als Religion der tätigen Moral. In beiden Traditionen sind Juden deswegen Gottes auserwähltes Volk, insofern sie der Welt ein Vorbild an Moral und Gesetzestreue geben sollen und dies auch wollen. Manchmal in meinem Leben bin ich aus den engen Grenzen der Tradition ausgebrochen, aber Ich habe mich auch immer wieder für meine jüdische Gemeinschaft engagiert, habe die Gemeinde Lübeck mitgegründet, war Landesverbandsvorsitzender in Schleswig-Holstein und Delegierter im Zentralrat.

Nichts von meinen jüdischen Werten findet sich wieder im Verhalten der israelischen Regierung. Man hat den Palästinensern ihr Land geraubt, fantasiert sich als ewiges Opfer und leitet daraus die Rechtfertigung ab, Völkerrecht und Menschenrechte außer Kraft zu setzen, völlig außerhalb der jüdischen Tradition. 
Sie wissen vielleicht, dass vor der Auslöschung des europäischen Judentums durch die Nazis und ihre Helfer der Zionismus eine Minderheitenposition im Judentum war. Gegen den Zionismus waren viele Strömungen: die Religiösen, die Bürgerlichen, die sozialistischen Bundisten, die allgemeinen Sozialisten. Wussten Sie dass das einzige jüdische Mitglied im britischen Kabinett 1917, Lord Edwin Montague, strikt gegen die Balfour-Deklaration war? Sind das alles „eliminatorische Antisemiten“, weil sie die Idee eines separaten jüdischen Staates fernab der eigentlichen Heimat der europäischen Juden für eine sehr schlechte Idee hielten? Kennen Sie den Bundisten Marek Edelman, überlebender Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto? Wissen Sie, was er von den Zionisten hielt?
Sie wissen vielleicht auch, dass Ihr unfreiwilliges Vorbild Heidegger (s. unten) seine junge Studentin Hannah Arendt anbetete. Wissen Sie, was diese kluge Frau 1945 über den Schwenk der zionistischen Mehrheit hin zur Unterstützung eines „jüdischen Staates“ geschrieben hat? Sie können es in meinem Buch nachlesen.
Wissen Sie, dass Hannah Arendt, Albert Einstein und andere hellsichtige amerikanische Juden 1948 in einem gemeinsamen Leserbrief an die New York Times dagegen protestierten, dass Menachem Begin, der Kommandeur des Massakers von Deir Yassin, kurz nach diesem Verbrechen die USA besuchte? Sie nannten ihn einen „Terroristen“ und forderten eine Einreiseverbot. 
Montague, Edelman, Arendt, Einstein – nach Ihrer Logik alles Antisemiten!

Und nun können Sie vielleicht meine Sichtweise ansatzweise nachvollziehen: Dass mir junge Leute an der Universität Freiburg das Rederecht nehmen wollen, das erinnert mich fatal daran, was an der Universität Freiburg unter dem Rektorat Heidegger und seinen Nachfolgern vor 80 Jahren geschah: „Juden raus!“ Sie sind in meinen Augen nicht die Geschwister Scholl, weiß Gott nicht. Sondern eher Kinder im Geiste derjenigen, die damals die Universität judenrein machten. 

Vielleicht finden Sie eine neutrale Person außerhalb Ihres Zirkels, die Ihnen erklären kann, dass Sie sich bei mir entschuldigen sollten.
Mit freundlichen, über die Vielfältigkeit des menschlichen Geistes immer noch verwunderten Grüßen

Prof. Dr. Rolf Verleger

Vorsitzender des Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung, www.bib-jetzt.de

 

Kontaktschuld

Der Zucker in der Schublade neben dem Salz muss sich ob dieser Nähe rechtfertigen oder umgekehrt. Je nach Interesse  wird der Inhalt beider Schubladen als versüßt oder versalzen bezeichnet. Welcher Reinheitsgrad für welchen Zweck erforderlich ist, wird von den Beurteilenden nicht offen gelegt.

Es gibt immer  Leute,  die gerne zu einer uralten Argumentations-, Denunziations- und Verurteilungsstechnik greifen, die uns „Abendländer“ mindestens seit der Inquisition begleitet. Ich bezeichne sie mit dem Stichwort „Kontaktschuld“. Die Zuweisung einer Kontaktschuld ist die bevorzugte Ausgrenzungstechnik  der gesellschaftlich Handelnden, die jegliche freie Debatte unterdrücken wollen, den gedanklichen Horizont auf den Radius Null einengen, letztendlich autoritäre, diktatorische Ziele verfolgen.

Vielen ist der eigene Gebrauch dieser Technik nicht bewusst. Gerade das macht sie   gefährlich.

 

Frieden!

Die enttäuschend geringe Teilnehmerzahl bei der Friedensdemo am 08. Oktober in Berlin 8000 – 10.000 Menschen bei bundesweiter Mobilisierung –  lässt mich Schlimmes vermuten. Könnte es sein, dass nach zwei Weltkriegen  viele Menschen – auch solche, die sich für links halten – Warnzeichen nicht erkennen?  Wer sich in unserer Vorkriegszeit, wie sie Egon Bahr vor Schülern nannte, nicht für den Frieden einsetzt wird sich möglicherweise über Rente und Freihandel keine Gedanken mehr machen müssen.

Weiterlesen „Frieden!“

Aus der Geschichte gelernt?

Was denn?

Das ist ein grundsätzliches Dilemma gerade linker Politik, es geht fast ausschließlich um die Bekämpfung möglicher Benachteiligung auf Grund von Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung. Die grundsätzliche Frage nach den sozialen Verhältnissen, nach den Besitzverhältnissen und der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums wird überhaupt nicht mehr gestellt. Dabei ist die, der kapitalistischen Gesellschaft immanente Diskriminierung auf Grund der sozialen Herkunft, die nach wie vor schlimmste Form der Diskriminierung überhaupt.“ ( Nachdenkseiten,  JK  in den Hinweisen des Tages vom 09.08.2016)

Ich teile diese Beobachtung von JK. Meine Vermutungen hinsichtlich der Ursachen habe ich versucht darzustellen. Meine Annahme: Unterstützt durch die in ihrem Besitz befindlichen Medienkonzerne ist es den Herrschenden in den entwickelten Industrieländern gelungen, Interessengegensätze zu verschleiern und die Bevölkerung einzuschwören auf ein neues „WIR“, das einen ausschließlich ethischen, nicht ökonomischen Zugang zu politischen Fragestellungen entwickelt hat. Die Einstellungen des neuen  „WIR“ unterscheiden sich nur unwesentlich vom klassischen Imperialismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie sind deshalb zutiefst reaktionär.

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Open Society (?!)

Ich habe  auf die schnelle ein bisschen was zusammengestellt zum Themenkreis Soros/Open-Society-Foundation/Regime Change.

Man muss nicht allen Quellen trauen, genausowenig wie man Straßen aus Zucker, der Pension Abgrund, den Herren Broder, Grigat, Bruhn … alles glauben muss.

Eine skeptische, d.h. nicht grundsätzlich wohlwollend gutgläubige Durchsicht der  englisch- oder auch deutschsprachigen offiziellen Webauftritte der Open Society Foundation und ihrer Ableger ( siehe https://www.opensocietyfoundations.org/about/offices-foundations)  reicht aus, um zu erkennen, dass diese Stiftung eines mit Sicherheit nicht vertritt: Demokratie als Gewährleistung der politischen und materiellen Teilhabe breiter Teile der Bevölkerung eines Staates. Dieser Satz dürfte den Minimalkonsens dessen darstellen, was Linke und evt.- in Deutschland-  Mitglieder der Partei DIE LINKE unter Demokratie verstehen.

Manche wollen der Selbstdarstellung der OSF  „The Open Society Foundations work to build vibrant and tolerant democracies whose governments are accountable to their citizens.“ keinen Glauben schenken. Diese als Antisemiten zu diffamieren und zu denunzieren, ist definitiv nicht links.

Linkliste

Außerdem verweise ich an dieser Stelle auf einen Artikel im „Hintergrund“ aus dem Jahr 2010. Für alle, denen nicht bekannt ist, dass eine Sekte mit dem Attribut „antideutsch“ ihr Unwesen schon länger treibt.

Die Linke – von innen umzingelt.

 

 

 

 

 

„Querfront!“

eins links, eins rechts und quer

Die zitierte Sentenz von Ernst Jandl hat derzeit Hochkonjunktur im Feuilleton und auf T-Shirts. Auf letzterem begegnete sie mir am vergangenen Wochenende im Rahmen eines Parteitags der LINKEN, seltsamerweise ohne die letzte Zeile. Da bin ich gestolpert.

Während der 3 Lebensjahre, die ich in der Oberstufe eines deutschen Gymnasiums der Typklasse G9 verbrachte, hasste ich die Aufgabenstellung „Interpretation“. Bald 50 Jahre später sehe ich mich genötigt, eine zu verfassen. Anders als „Ottos mops trotzt“ geht „lichtung“ über das Sprachspiel hinaus und verweist auf die Möglichkeit und Notwendigkeit von Unterscheidungen und ihren Grundlagen in einer demokratischen Debatte. Wer die letzte Zeile einfach weglässt, läuft Gefahr der dogmatisierenden Reinkultur eines der beiden Enden oder Pole zu erliegen.

Das Bändchen

Kinder, die auf die Welt kommen, kennen keinen Unterschied zwischen links und rechts. Sie erwerben diese Unterscheidungsfähigkeit   in mehreren Stufen. Weiterlesen „„Querfront!““