So bitte nicht, Herr Willms.

In den letzten Tagen habe ich mich eingehend mit einem langen Artikel von Thomas Willms auseinandergesetzt, der in „antifa“, dem Magazin der VVN-BdA Jan./Feb. 2016 erschienen ist. Diesen Artikel  finde ich ausgesprochen ärgerlich. Er ist vollständig nachzulesen im Webauftritt der  VVN-BdA .

„lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

(Ernst Jandl)

Der Autor ist anscheinend der festen Überzeugung, nur andere liefen Gefahr rechts und links zu verwechseln. Ganz bestimmt nicht er, ganz bestimmt nicht die VVN-BdA.

Meine persönliche Art mit ärgerlichen Texten umzugehen, ist sie Abschnitt für Abschnitt durchzugehen und mit meiner Sichtweise zu kontrastieren.

„Grundlage für das Denken der linken und rechten Vereinfacher ist die Fiktion, dass es einen unkompromittierten Satz »alternativen Wissens« geben müsse, der als reine Wahrheit der »Lügenpresse« entgegenzustellen sei. Statt kritischer Nachfrage und Quellenkritik wird unkritisches Nachbeten von Vorurteilen, Mythen, Ressentiments und Feindbildern eingeübt. Die werden jedoch nicht dadurch fortschrittlich, dass sie sich gegen die vorherrschende Meinung richten.“ schreibt Thomas Willms. An diesem, seinem Anspruch, wird er gemessen.

Weiterlesen: –>  Replik_Willms

Ergänzung: Auch anderen ist die merkwürdige neue Richtung der VVN-BdA nicht entgangen, z. B. der Neuen Rheinischen Zeitung

 

Instrumentalisierung von Antisemitismus-Vorwürfen

Siehe  http://www.nachdenkseiten.de/?p=24241  .

Ich habe den Eindruck, dass linke Kritik an gesellschaftlichen Zuständen und Politik des Staates Israel zunehmend als ´antisemistisch´ denunziert wird.

Bedauerlicherweise bestärken Argumentationlinien, die Kritik an Handlungsweisen jüdischer Menschen und Kritik an der aktuellen Politik des Staates Israel mit Antisemitismus gleichsetzen, eine rassistische Konnotation von Religion, statt sie aufzulösen. Die Denunziation solcher Kritik als antisemitisch schadet dem Dialog z. B. zwischen Christen und Juden und der Debatte um mögliche, friedliche Lösungswege im Palästina-Konflikt.

Eine rassistische, ethnizistische Konnotation betrifft aktuell auch Muslime: `Pegida´ findet sich zusammen auf der Basis des Weltbildes Türken=Flüchtlinge/Nahost=Muslime=Terroristen. Auch hier werden Differenzierungen wie z. B. areligiöse Menschen mit `Migrationshintergrund´ Türkei,  Muslime mit deutschsprachigem Hintergund, christliche Syrer, sozialer/wirtschaftlicher Hintergrund von Menschen, die terroristische Mitteln verwenden… locker vom Tisch gewischt. Leichtsinnige Gleichsetzungen bzgl. der Vielfalt individueller Merkmale, Motivationen, Orientierungen werden dazu benutzt, alle möglicherweise in Frage kommenden in einen Sack zu stecken, auf den man dann kräftig eindreschen kann. Derzeit kann man nur hoffen, dass diese rassistische Konnotation sich über die Zeit nicht in ähnlicher Weise verfestigt, wie der Antisemitismus.

Ganz gleich wer auf Differenzierungen in wessen Interesse verzichtet: Tendenziell richten sich solche Vereinfachungen gegen die Menschenrechte, die darauf abzielen, alle Menschen als Individuen mit gleichen, unveräußerlichen Rechten anzuerkennen.

Verzicht auf Differenzierung verhindert Aufklärung und trägt zur Eskalation von Konflikten in hohem Maße bei – in allen Konflikten, in denen religiöse Überzeugungen für Machtinteressen instrumentalisiert werden.

Eine solche Denunziation als Antisemit, publiziert vor 6 Jahren von der Autorin Adriana Stern, hat vor kurzem lt. Nachdenkseiten zur Ausladung von Werner Rügemer als Referent in der ver.di Bildungsstätte Sprockhövel geführt. Deshalb habe ich mich in einem offenen Brief an Adriana Stern gewandt (siehe Link unten).

Ich kritisiere darin die Ableitung eines Antisemitismus-Vorwurfs aus nur vermeintlich objektiven Merkmalen des Antisemitismus, die vor Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung aufgelistet hat. Ich stelle darin auch eine Sichtweise in Frage, die Kritik am Zionismus und an der von Anbeginn auf bewaffneter Konfrontation basierenden Gründung des Staates Israel als antisemitisch brandmarkt. In einem Gespräch am Küchentisch wurde ich vor kurzem von einem Gast an eine Anekdote zu diesen Zusammenhängen erinnert: Zwei Juden sitzen 1948 in einem Unterstand irgendwo in Palästina. Kugeln schlagen ein, Granatfeuer ist zu sehen und zu hören. Sagt der eine: „Ich finde es ja schön, dass die Engländer uns einen Staat schenken, aber hätten sie nicht die Schweiz nehmen können?“

Brief_Stern_neu