Wem gehört »die Arbeit« ?

Komische Frage, denken wahrscheinlich manche. Sie muss aber jemandem gehören, sonst könnte man sie nicht geben oder nehmen. Die meisten Menschen werden gezwungen, eine zu tun, damit sie leben können. Also gehört sie dem, der sie gibt – und es ist eine Befreiung, nicht mehr gezwungen zu sein, sie herzugeben. Entweder durch eine Erbschaft, einen Lottogewinn oder – erraten! – durch das bedingungslose Grundeinkommen. Meine Arbeit gehört mir! Ich habe einen Anspruch darauf als Mensch mit allem Nötigen versorgt zu werden – auch wenn ich meine Arbeit gar nicht hergeben will. Richtig. Niemand darf gezwungen werden, seine Arbeit zu verkaufen. Er soll die Freiheit genießen, alles zu tun was er will, wann er will, wo er will. So weit so gut. In einzelnen Punkten als Menschenrecht ausgearbeitet, darf er auf keinen Fall dazu gezwungen werden, seine Arbeit herzugeben. Das wäre Zwangsarbeit.

Stellen wir zunächst »die Arbeit« auf ihre konkreten Füße
Fast jeder kennt irgendeine Version der folgenden Anekdote: »Ein Fischer liegt neben seinem Boot am Strand und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Eine Touristin möchte in einer unzugänglichen Bucht zum Schwimmen gehen. Sie fragt ihn, ob er sie gegen einen ansehnlichen Obolus dorthin bringen könne. Der Fischer verneint und legt sich auf den Bauch, damit er, den Kopf auf den Armen, besser dösen kann. Die Touristin möchte um jeden Preis in die Bucht und versucht dem Fischer die Aufgabe zu versüßen. Ich zahle Ihnen 20 €. Wenn Sie das ein paar Mal am Tag machen, können Sie am Tag locker 100 € verdienen!´ -Und was mach ich damit?´ – Naja. Zum Leben brauchen Sie 20 €, 80 bleiben übrig, die können Sie zurücklegen und nach einiger Zeit ein zweites Boot kaufen.´ -Was mach ich damit? Ich kann nur eines steuern?´ – Sie stellen jemanden an, dem Sie von den 100 € einen Anteil als Lohn zahlen. Dann haben Sie zwei Boote und können mehr verdienen.´ -Was habe ich davon?´ – Nach ein paar Jahren können sie andere ihre Boote fahren lassen und sich in die Sonne legen.´ -Und was mach ich jetzt?´ beendet der Fischer die fiktive Verhandlung über den Verkauf seiner Freizeit«.
Die Arbeit des Fischers besteht darin, mit seinem Boot auf das Meer zu fahren, Fische zu fangen und sie an diejenigen zu verkaufen, die sie essen wollen. Von seiner Arbeit kann er leben, nicht üppig, aber ihm langt es. Für andere muss er nicht sorgen.
»Die Arbeit« gibt es nicht. Arbeit hat unterschiedlichen Inhalt: Fische fangen, Touristen schippern, Motor reparieren, Fische töten und den Käufern anbieten… .
Es gibt in diesem idyllischen Urlaubsörtchen auch andere Arbeit: Tomaten säen, pflanzen, wässern, ernten und verkaufen. Urlauber aufnehmen, ihre Zimmer sauber halten, ab und zu die Wäsche wechseln, waschen. Essen kochen für alle, die nicht selber kochen wollen, den Fisch einkaufen und braten, aus den Tomaten Salat anmachen, Teller hinstellen, abräumen und spülen. Was man für seine Tätigkeit verlangen kann, hängt davon ab, wie viel die Käufer dafür hergeben wollen und können. In diesem Idyll sind Fischer, Tomatenpflanzer, Zimmervermieter und Köche die Herren ihrer Arbeit. Sie haben ein Wörtchen dabei mitzureden, was sie »wert« ist. Sie entscheiden, ob sie ein Zimmer vermieten oder zum Putzen täglich durch 10 Zimmer hetzen, ob sie gebratenen Fisch einzeln verkaufen, oder nur zusammen mit dem Tomatensalat.
Können wir uns darauf verständigen, dass »die Arbeit« dem gehört, der sie tut? Wer sie besitzt, bestimmt wie sie gemacht wird, wann und wo. Der Besitzer der Arbeit entscheidet über Inhalt der Arbeit, ihren zeitlichen Umfang und den Preis. Genau das können Lohnarbeiter oder Gehaltsempfänger nicht. Auf dem Arbeitsmarkt bestimmt nicht der Anbieter der Arbeit, sondern der Käufer. Ganz einfach: Sie gehört nicht mehr dem Arbeitenden, sondern dem, der sie gekauft hat. Der Käufer bestimmt, wann sie beginnt und aufhört. Der bestimmt, welche Arbeit ich genau zu verrichten habe, an welchem Ort, mit welchen Hilfsmitteln, welchen Stoffen. Das ist das Wesen des Besitzens: Wer besitzt, der bestimmt.

Das Arbeitsvermögen
Völlig unabhängig vom Arbeitsmarkt hat ein jeder Mensch, vorausgesetzt er hat genug zu essen, ein Arbeitsvermögen. Ob es für sein Arbeitsvermögen einen Käufer gibt und zu welchem Preis kann er aber nicht bestimmen, weil er essen MUSS. Wenn er längere Zeit nicht isst, wird das Arbeitsvermögen hinfällig und unverkäuflich. Der gleiche Prozess vollzieht sich, wenn der Mensch älter wird oder krank. Sein Arbeitsvermögen leidet und er bekommt auf dem Arbeitsmarkt evt. weniger für seine Arbeit als Junge und Gesunde. Wer selbst weder ein Boot hat noch ein Zimmer zum Vermieten, eine Küche oder ein Tomatenfeld ist darauf angewiesen, seine Arbeit zu JEDEM Preis zu verkaufen, weil er sonst nichts zu essen bekommt. Soviel zum Zwang, der mit der Arbeit verbunden ist, wenn sie reine Lohnarbeit ist.

Das Problem
Seit geraumer Zeit – mindestens seit 10, vielleicht auch schon seit 15 Jahren oder länger – wird von interessierter Seite in die Diskussion gebracht, dass bald niemand mehr arbeiten muss, weil alle Arbeit von Robotern, Arbeitsmaschinen, Automaten erledigt wird. Daraus ergibt sich aber ein Problem: Jeder, der wohnt und seine Wohnung vom Roboter saugen lassen will, das Essen vom Pizzaservice bringen lässt und ins Fitnessstudio gehen will um sein Arbeitsvermögen zu erhalten, müsste aus dem Verkauf seiner Arbeit so viel erlösen, dass er sich das alles leisten kann. Die Arbeitskäufer hingegen wollen das nicht garantieren. Sie wollen die Arbeit möglichst billig kaufen und lassen deshalb lieber Maschinen arbeiten als Menschen. Sie reden davon, dass es bald Maschinen geben wird, die selber neue bauen und diese auch warten und reparieren, Dann könnte keiner mehr arbeiten und logischerweise auch kein Essen kaufen, keinen Saugroboter und auch den Eintritt ins Fitnessstudio nicht bezahlen. Die Käufer des Arbeitsvermögens haben also ein lebhaftes Interesse daran, dass genug Geld unterwegs ist, mit dem Mensch alles kaufen kann, was sie ihm andrehen wollen. Sie führten dazu ins Feld der politischen Debatte den Vorschlag ein, jeden Menschen mit ausreichend Geld zu versorgen, damit er kaufen kann, was er braucht und will und auch die Miete bezahlen. Deshalb greift man zum Taschenrechner und »errechnet« was der Mensch zum Leben mit Robbi, Pizzadienst und Fitnesstudio braucht. Die Berechnungen gehen verständlicherweise weit auseinander. Die Menschen, die das Geld einfach brauchen, meinen, es müsse für Robbi, Wohnung, Essen und Fitnesstudio reichen. Die Arbeitskäufer, die jedoch im Gegenzug ihre Waren verkaufen wollen, stecken in einer Zwickmühle: Solange es noch ein bisschen Arbeit gibt, wollen sie dafür nichts zahlen – trotzdem aber genug Waren verkaufen, um Geld zu verdienen. So bewegen sich die »Angebote« der Aufkäufer von Arbeitsvermögen gegenwärtig in der Höhe von 600-800 € für eine Ausschüttung ohne Arbeit. Die potentiellen Anbieter von Arbeitsvermögen meinen, man brauche mindestens 1000 €, besser wäre natürlich mehr. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in Sachen Höhe der Zuwendung ein Kompromiss finden lässt. Aber befreit dieser Kompromiss, das sog. bedingungslose Grundeinkommen die Menschen dieser Welt von der Mühsal der Arbeit, lässt sie ein ins Paradies, wo jeder Mensch nur noch tun muss, wozu er Lust hat. Alles, was er zu brauchen glaubt, flöge ihm zu; er trete ein ins Reich der Freiheit; er verlasse das Reich der Notwendigkeit?

Machen wir´s wieder konkret
Nehmen wir die bisher höchste mir bekannte Forderung: 1500 €. Reichen 1500 € um alles zu bezahlen, was Mensch zum Glück braucht? Die Arbeitskäufer wollen, dass zukünftig möglichst alles was man zum Glück braucht, käuflich ist: Die Möglichkeit den eigenen Ort anders als zu Fuß zu verlassen, der Strom für den Saugroboter, das Licht und die Heizung, das nötige Essen, die Miete, der Unterricht, das Museum, das Strandbad, die Brille und das Hörgerät, der Arzt, das Krankenhausbett. ALLES hat nach Auffassung der Arbeitskäufer seinen Preis. Und da soll die genannte Ausschüttung reichen? An der Lage der Arbeitsverkäufer wird sich nicht viel ändern. Jeder, der individuell einen Bedarf oder Wunsch hat, der den ausgeschütteten Betrag, überschreitet, wird arbeiten müssen. Entweder für sich selbst oder für die anderen, die etwas können, was er selbst nicht kann. Mit denen kann man dann tauschen. Tausche Smartphone-Reparatur gegen eine Stunde Spanisch? Die Alimentationsempfänger werden doch nicht »frei«. Wenn keiner meinen Spanischunterricht will, bekomme ich auch keine Reparatur fürs Smartphone. Können die Alimentierten darüber entscheiden, was ihnen die Roboter liefern, deren Arbeitsergebnisse sie erwerben können. Die Roboter gehören ihnen doch nicht! Es gibt offene Fragen! Viele offene Fragen.

Die Effizienz der großen Zahl
Die Arbeitsleistung der Roboter ist für ihre Besitzer nur aus einem einzigen Grund billiger als der Einkauf menschlichen Arbeitsvermögens: Die Produktionsstraße, in die gehörig investiert werden muss und die erst nach einiger Zeit einsatzfähig ist, stellt immense Mengen her, die dank digitaler Produktionstechniken individualisiert werden können. Wer kann denn dann noch kaufen, was er möchte? Natürlich den Sportschuh aus dem 3-D-Drucker, angepasst an den Fußabdruck in meiner Wunschfarbe. Ist das wirklich der Gegenstand, den ICH möchte?
Schon seit Jahren muss ich mir Kleidung immer dann kaufen, wenn ich zufällig auf ein Teil stoße, das meine Lieblingsfarben hat. Sie sind im Beitragsbild wiedergegeben. Ich weiß ganz genau, dass der 3-D-Drucker nicht mit den Farben beschickt wird, die MIR gefallen, sondern mit den Farben die eine »Mode« bestimmt. Man bekommt einen Eindruck vom Ausmaß zukünftiger Freiheit, wenn man ein Auto aus Sicherheitsgründen in Warnfarbe kaufen will. Wenn der Automobilkonzern grau für 3 Millionen Fahrzeuge eingekauft hat, werde ich ein graues Auto kaufen müssen, denn um den Aufschlag für eine »Sonderlackierung« zu bezahlen, fehlt mir das nötige Geld. Sollte ich unbedingt ein signalrotes wollen, müsste ich mir wahrscheinlich die für mein Auto benötigte kleine Farbmenge zu einem hohen Preis bestellen und entweder mein Auto selber spritzen oder versuchen jemanden zu finden der Spanisch-Stunden braucht und eine Spritzpistole hat. Freiheitszuwachs?
Wenn ich mit dem an mich ausgeschütteten Geld mein Leben fristen muss, werde ich mein Brot aus dem Aldi-Backofen herauslassen müssen. Ein Brot, das neben Mehl, Wasser, Hefe und Salz alle möglichen Zusatzstoffe enthält, die eine maschinelle Verarbeitung möglich machen, von Dünge- und Pflanzenschutzmittelrückständen im Mehl gar nicht zu reden. Daneben in sehr geringen Mengen auch Rückstände der Chemikalien, mit denen der Backautomat aus hygienischen Gründen nach Ladenschluss gereinigt werden muss. Oder auch rund um die Uhr immer wieder, weil es einen Ladenschluss nicht mehr gibt. Ich darf das nicht nur billig kaufen, ich muss es ja auch essen. Freiheitszuwachs? Glücklicherweise kann ich selber mein Brot backen. Das ist Arbeit, es bleibt mir ja nichts anderes übrig, wenn ich nicht mehr Einkommen habe, als die Grundausschüttung. 3 Kilo Brot vom Biohof werden bei uns an der Kirchweih für 24 € + x verkauft.
Ich habe persönlich absolut nichts gegen die gegenwärtige »Oversized«-Mode. Gestaltmäßig kann ich von ihr nur profitieren. Sie wurde aber garantiert nicht als Spezialkleidung für Moppels erfunden, sondern weil man dann in Vierer- oder Fünfer-Größengruppen mit dem Laser viele Stoffschichten zuschneiden kann, die natürlich auch eine bestimmte technisch überlegte Beschaffenheit haben müssen. Sie neigen sonst zum Verrutschen und die Teile passen nicht ordentlich zusammen. Bei einem Zeltkleid fällt das nicht so auf! Für passende Kleidung wird jemand, der Figur zur Geltung bringen möchte, schon ein bisschen mehr hinlegen müssen. Nähen kann ich leider so gut wie gar nicht. Gottseidank kenne ich jemanden, der´s kann.und muss keinen Spanischkunden suchen. Wohnt nur 130 km weiter weg. Freiheitszuwachs?
Leser kennen sicher weitere Beispiele, die illustrieren, welche Art von Freiheit uns zukommt, wenn es den Besitzern der Maschinen gelungen sein wird, umfassend robotisch zu produzieren.
Gerne werden in Bezug auf Robotik optimal auf den einzelnen Körper abgestimmte Arm- und Beinprothesen vorgeführt. Was man tun müsste, um durch größere Serien den bisher sehr hohen Preis zu drücken – ich will es mir lieber nicht vorstellen. Manchen ärztlichen Unternehmen wäre es möglicherweise recht, bei einer Sehnenscheideentzündung gleich den Arm auszutauschen. Wer bekommt dann diese Wunderwerke der Technik? Zu welchem Preis? Es könnte auch eine neue Form der Arbeit für einige, wenige Spezialisten entstehen: Diejenigen, die real machen, was der Roboter nachäffen soll. 10 mal, 100 mal, 1000 mal – so lange bis der Blechdepp die Bewegungen drauf hat. Ein Ende der Mühsal oder doch nur eine neue Form der Monotonie für einige Begabte?

Große Freiheit ohne Zwang zur Arbeit durch das BGE?
Ich bin da doch ein bisschen skeptisch. Das BGE wird, anders als manche meinen, Lebensbedingungen NICHT angleichen, denn die individuelle Entscheidungsfreiheit in Sachen Lebensführung wird sehr teuer zu bezahlen sein, wenn überall Roboter für »uns« arbeiten, das menschliche Arbeitsvermögen so billig wie Dreck wird und an die Masse der Nutztiere eine Basissumme zum Existenzerhalt ausgeschüttet wird. Die Ausschüttung wird etwas höher sein müssen als Hartz IV, denn sonst erreicht sie den Zweck nicht, den die Maschinenbesitzer damit erfüllen wollen und müssen. Profitieren werden davon aber NICHT alle Menschen, sondern die Besitzer der produzierenden Maschinen. Es sei denn, man geht denen tatsächlich ans Eigentum, bezieht sich auf die Autonomie durch Arbeit und entscheidet gemeinsam darüber, welche Arbeit man braucht, welche Gegenstände man produzieren will, für wen und mit wie vielen Stunden pro Woche und Mensch. Das Organisationsmodell »Arbeits-Los« oder kein »Arbeits-Los«, ihre Entscheidungsgewalt in Sachen Arbeitsplätze werden sie nicht freiwillig aufgeben. So ist es sehr wahrscheinlich, dass sich das BGE nicht als Durchbruch des Reichs der Freiheit erweist, sondern als ein Reich extremer Ungleichheit, mit Milliarden von Menschen, die mit Psychopharmaka, Bildschirm in jedem Zimmer, unterstützt von „Alexa“ am Leben gehalten werden. Mehr Mensch – gebildet, gesund, sozial engagiert, politisch interessiert, einfühlsam, mitgestaltungsfähig, fantasievoll … – wird in der Menge nicht gebraucht.

Verbrauchermacht

Die Suggestion, wer ein bisschen teurer aber dafür nachhaltig, sozial und umweltbewusst einkaufe, könne auf Unternehmensstrategien einwirken, unterläuft wirksam politische Bemühungen, den unternehmerischen Spielräumen der Konzerne hinsichtlich der Qualität ihrer Produkte, der Arbeitsbedingungen, des Geschäftsgebarens oder gleichen internationalen Austauschs einen gesetzlichen Rahmen zu geben.
Nina Forberger, die unter den „Jungen Federn“ bei „Rubikon“ schreibt, hebt hervor: »Die Vorstellung, dass Demokratie und Marktwirtschaft wie ein Zwillingspaar untrennbar zusammengehören, erscheint uns nahezu selbstverständlich. Offenbar ist die Sache klar: Spätestens mit dem Untergang der Sowjetunion landete das begriffliche Gegenpaar, also Diktatur und Planwirtschaft, auf der Müllhalde der Geschichte. Demokratie und Marktwirtschaft gingen hingegen als Sieger aus dem Kampf der Systeme hervor. Indem beide Begriffe historisch überlebten, gelten sie nahezu ungefragt als zusammengehörig. Tatsächlich sind es aber Gegensätze, die einander ausschließen.«

Enorm zugenommen hat in den letzten Jahren die Zahl Vorschläge, durch Kaufverweigerung unternehmerisches Handeln zu beeinflussen. Immer öfter stoße ich auf Appelle mit meiner Kaufentscheidung Handelskonzerne, Produktionskonzerne, Chemiekonzerne in die Knie zu zwingen. Durch meinen Beitrag zu immensen Umsatzeinbußen sorge ich angeblich dafür, dass sie ihre Unternehmenspolitik wesentlich ändern. Sie bezahlen ihre Beschäftigten besser, kaufen in fremden Erdteilen fairer ein, stellen die Produktion um Richtung Nachhaltigkeit. Mein Griff ins Warenregal entscheidet über das Schicksal des Planeten und seiner Bewohner. So viel Mitsprache, wer hätte je erhofft, dass sie uns eines Tages beschieden sei!
Bei diesen Appellen an die Konsumenten wird völlig übergangen, dass die finanziellen Spielräume der unteren 40 % der Einkommenspyramide solche moralischen Konsumentenentscheidungen gar nicht zulassen. Auf diesem Weg könnte also bestenfalls die Missbilligung derer zum Ausdruck kommen, die leidlich gut verdienen. Über die Konsumgewohnheiten der oberen 10 % gibt es keinerlei Auskünfte, da sie auch von Marktforschungsinstituten etc. nicht berücksichtigt werden. Ob Frau Klattens Freunde im oberen Prozent Weihenstephaner, Landliebe oder ja!-Joghurt kaufen, kaufen lassen oder beim Bio-Bauern ihres Vertrauens nebenan, das ist für die zu ergründenden Marktstimmungen irrelevant. Viele Menschen finden in der fußläufigen Umgebung ihrer Wohnung keine großen Märkte, sondern nur Nahversorger mit einem relativ eingeschränkten Angebot. Selbst bei vorhandenem festen Willen zur Befolgung solcher Aufrufe bei allen erreichten Adressaten sind Umsatzeinbußen mit Signalwirkung nicht zu erwarten, geschweige denn Umsatzeinbußen, die eine reale Korrektur der Unternehmenspolitik erzwingen könnten. Auch interessierten Konsumenten sind die Konzerne selten bekannt, die hinter den einzelnen Markenprodukten stehen. Allgemein üblich ist es, sich in unterschiedlichen Preissegmenten selbst Konkurrenz zu machen. Deshalb kann mit der Entscheidung für ein höherpreisiges Angebot real kaum ein Konzern wirtschaftlich so getroffen werden, dass er vor der Marktmacht kritischer Konsumenten einknicken müsste. Eine reale Wirkung auf die Politik der Unternehmen kann nicht erzielt werden, weil Umsatzeinbußen im erhofften Umfang gar nicht eintreten können.
Wer ein bisschen teurer nachhaltig, sozial und umweltbewusst einkauft zwingt Hersteller zum Umlenken? Wirklich?
Der implizit behauptete Zusammenhang zwischen Preis und Qualität kann in der Wirklichkeit nur selten überprüft werden . Moralisches Einkaufen füllt deshalb in besonderem Ausmaß die Taschen der Hersteller: Durch Label, die dem Verbraucher in aller Regel fiktive Eigenschaften suggerieren, können Erlöse generiert werden, die weit über denen der Konzernprodukte im Niedrigpreis-Segment liegen.
Bei den Waren des täglichen Bedarfs und Kleidung, Schuhen, Möbeln … können sich die Hersteller dank erfolgreicher Lobbyarbeit auf das Fehlen grundlegender Kenntnisse der Warenkunde im allgemeinen verlassen. Ein begründetes Qualitätsurteil ist der Käuferschar sehr selten möglich. Das zeigt u. a. das Interesse an Verbrauchersendungen mit Preis- und Qualitätsvergleichen fast aller Fernsehsender. Dass diese nur einen sehr begrenzten Teil des Warenangebots ins Auge fassen und möglicherweise nur halb so informativ sind, wie sie vorgeben zu sein – wen stört´s? Wären sie nicht insgesamt konsumförderlich, wären sie wohl längst aus den Programmen verschwunden. Welche Summen in Zusammenhang mit dieser extremen Form des sogenannten Produktplacement im Hintergrund fließen, wissen wir nicht.
Dass manche einfach das Geld nicht haben, sich aus vernünftigen Gründen für höherpreisige Waren zu entscheiden, diese schlichte Tatsache wird von vielen Moralisten verdrängt. »Moralisch einkaufen!« dient deshalb in erster Linie der sozialen Distinktion durch an der Kasse sichtbar gemachte höhere Kaufkraft. Gleichzeitig wird ein »gutes Gewissen« erzeugt, das nicht selten seinen Ausdruck findet in offener moralischer Überheblichkeit gegenüber einem Pöbel, der seine Verantwortung als Konsument nicht wahrnimmt, natürlich in aller Regel aus Gründen mangelnder Information und/oder Bildung. Viele moralische Konsumenten gelangen zu der festen Überzeugung, zumindest die »vernünftigen« Armen würden genauso leben wie sie selbst – nur mit weniger Geld.

Die Appelle aus moralischen Gründen das höherpreisige Angebot zu wählen,sind Kinder der »marktförmigen Demokratie«. Wie anders als vermittelt über den Markt könnte der politische Wille der Bevölkerung zum Ausdruck kommen? Dass es mit Wahlen nicht geht, hat sich mittlerweile schichtübergreifend herumgesprochen. Herrschaft lässt sich problemlos sichern, billig und ohne spürbare Repression, wenn materiell gut gestellte Knechte sich in dem Bewusstsein einrichten können, die besseren Menschen zu sein. Sie sind nicht käuflich – SIE kaufen das moralisch »Richtige«. Im realen Sozialismus konnte man das nicht. Der Kaufvorgang ist gleichzeitig Ausdruck umfassender Freiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen. Weitere gesellschaftliche Aktivitäten sind nicht erforderlich.


Selten dürfte eine Progandastrategie der real Herrschenden einen so wirksamen Beitrag zur Formierung der Gesellschaft geleistet haben, wie die Suggestion von der Marktmacht des Verbrauchers.

Visionäre

Die Zahl der Befürworter eines BGE steigt. Warum?
Weil den Menschen mit Bleistift und oder Taschenrechner nicht mehr getraut wird. Die Vielzahl der  überschlägigen Finanzierungsmodelle spielt kaum noch eine Rolle. Banale rechnerisch gestützte Überlegungen sind hinfällig geworden.
Niemanden interessiert mehr, was eigentlich dabei herauskommt, wenn man allen deutschen Einkommensmillionären und Milliardären ihr ganzes jährliches Einkommen wegnimmt und es auf 83 Millionen Menschen verteilt. Es geht nur noch ums Prinzip:
»Um was es in der Sendung eigentlich ging. Abhängigkeit (HartzIV) versus Unabhängigkeit (BGE) Schuld (Arbeitslosigkeit) versus Sühne (Sanktionen) also typisch konservative Beurteilungen gemäß jüdisch-christlicher Tradition; also ureigenstes CDU-Terrain.« [Zitat aus einem FB-Eintrag Betreffend eine Talkrunde der ARD zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen. ] Die Antwort auf die Frage »Was muss einem Menschen, der 2018 in der BRD lebt an finanziellen Mitteln zur Verfügung stehen, damit gesellschaftliche Teilhabe gesichert ist« könnte phantasievoller gar nicht verweigert werden.
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Begriffen Inhalt geben

Ich bin das gedanken- und inhaltslose Gerede vom angeblich bedrohlich gewachsenen Rassismus leid.
Im Folgenden mein Versuch dem INHALT dieses Wortes näherzukommen. Glaubt mir: Es hat einen. Der ist nur verschwunden, weil das Wort zum zentralen Kampfbegriff gegen eine Rechte verkommen ist, die man nicht als bürgerliche wahrnehmen will. Man muss die etablierten rechten Parteien gegen ihre Konkurrenz von weiter rechts schützen. Dahinter steht zu meinem Leidwesen die Vorstellung von einer äußerst unvollkommenen, einer exkludierenden Demokratie, die eben NICHT alle an Entscheidungen beteiligt, sondern nur »die Richtigen«: die Gebildeten, die sich als besonders verantwortungsbewusst begreifenden, die Demokraten, die genauso solche Demokraten sind wie man selbst – auf keinen Fall solche, die materielle Verteilung einforden, gleiche Teilhabe und gleiche Entscheidungsmöglichkeiten. Wer so etwas auch nur gedanklich ins Auge fasst wird gnadenlos ausgeschlossen. Man muss sich schon genau überlegen, wem Gedankenfreiheit zukommt und wem nicht! Ich nehme dazu drei abstrakte Begriffe her, die im politischen Feld zur Zeit große Bedeutung haben. Militarismus, Sexismus, Rassismus. Diese Begriffe sind sprachlich und inhaltlich ähnlich konstruiert. Obwohl einer von ihnen in der öffentlichen Debatte verkleidet daherkommt: der Militarismus. Den will man angesichts der angeblich wieder wachsenden russischen Bedrohung partout NICHT in gleicher Weise an den Pranger stellen.

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Olle Kamellen?

Bild: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=335436

Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums und aller Kultur, und da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist, so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen.
[aus dem Gothaer Programm der SPD, 1875]

Ist dafür bedeutsam, mit welchen Werkzeugen gearbeitet wird?  NEIN!
Wird  diese Forderung erfüllt, indem man an alle eine festzulegende Geldsumme ausschüttet, die mit dem Ergebnis der Arbeit, der gesellschaftlichen Wertschöpfung, nicht in Beziehung steht?  NEIN!
Wird diese Forderung erfüllt, indem man die erzwungene Freisetzung von der gesamtgesellschaftlichen Arbeit als Zuwachs an Autonomie interpretiert?  NEIN!
Ist die Forderung nach Luxus für alle – z. B. jedem sein SUV – vernünftig? NEIN!

Erlösung durch technischen Fortschritt?

Beitragsbild: Johnny5_03.jpg -wikicommons / Roboterfigur aus dem Film „Nr. 5 lebt“

Utopismus vom Kopf auf die Füße gestellt

Seit wann sind eigentlich Art und Menge der in einer Gesellschaft verwendeten Werkzeuge Grundlage der POLITISCHEN Entscheidung, welches Ausmaß an sozialer Sicherheit und welchen Lebensstandard man welchen Menschengruppen zubilligt? Keine der technischen Entwicklungen seit der Entstehung des Ackerbaus hat die Tatsache aus der Welt geschafft, dass – mit wechselnden Anteilen – die einen sich zu Tode schuften und andere frei von Hunger „Kultur“ bilden, bestehend aus Heiligen Schriften, Grabmälern, religiöser Kunst und Palästen, deren Reste wir heute noch bewundern.
Mir fällt kein Grund ein, warum sich das unter den Bedingungen der Industrie 4.0 ändern sollte, wenn wir Menschen es nicht ändern.

Weiterlesen „Erlösung durch technischen Fortschritt?“

Was ist schon bedingungslos?

Ich weiß. Gerade in der Politik ist es weit verbreitet, Wörter ohne Bedeutung zu verwenden, einfach weil sie schön klingen, das Herz anrühren, der Persönlichkeit schmeicheln und v. a. m. .

Kaum zu überbieten ist allerdings die Gedankenlosigkeit der Befürworter eines sog. bedingungslosen Grundeinkommens. Mit diesem Text verabschiede ich mich deshalb aus einer gesellschaftlichen Debatte, deren inhaltliche Bedeutungslosigkeit infolge von Begriffsausweitung ins Grenzen-, Boden- und Uferlose  die Umsetzung meiner zwei grundlegen Kernforderungen für menschliche Gesellschaften massiv behindert.

Diese lauten:

Jeder, der Arbeit will,  muss eine Arbeit bekommen, die seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht und ein auskömmliches Leben erlaubt.

Alle, denen die gesellschaftlich notwendige Arbeit eine Last ist, haben das Recht sie ohne Begründung zu verweigern  ohne ihr Recht auf Glück zu verlieren.

Beide Rechte müssen gesellschaftlich garantiert werden. Die aktuelle Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen missachtet das Recht derer, die eine Arbeit wollen, indem sie das Recht auf Arbeit ersetzt durch ein Recht auf Alimentation.

zum Text