Medizinischer Fortschritt

Es gibt keinen Zweifel, dass alle diese Ärzte, die durch irgendwelche neuartigen Kuren berühmt werden wollen, unbedenklich mit unserem Leben Geschäfte machen. Daher dieses leidige Disputieren am Krankenbett, wobei keiner das gleiche Urteil abgibt, nur damit es nicht so aussieht, als stimme er einem Kollegen zu. Daher auch jene Inschrift eines Unglücklichen auf seinem (gemeint ist Seneca, cpm) Grabmal: »Die Vielzahl der Ärzte hat mich das Leben gekostet.«

Tagtäglich wird die ärztliche Kunst umgekrempelt und zurechtgestutzt, und wir werden vom Wind des griechischen Erfindergeistes umhergetrieben. So viel ist sicher: Wer von ihnen das gewandteste Mundwerk hat, der wird bei uns alsbald Herr über Leben und Tod, als ob wahrhaftig nicht Tausende von Völkern ohne Ärzte, jedoch nicht ohne Arzneimittel lebten. So war es schließlich ja auch beim römischen Volk mehr als 600 Jahre der Fall. Die Römer, die in der Übernahme von Künsten und Kenntnissen keineswegs zurückhaltend sind, waren zu Anfang ganz begierig auf die Heilkunst. Nachdem sie diese aber ausprobiert hatten, wollten sie nichts mehr von ihr wissen.


Plinius der Ältere, gest. im Jahr 79 u. Z.; Naturalis historia; Zitiert nach Reclams Universalbibliothek Nr. 18335; Stuttgart 2005 , S. 121

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