Offener Brief an J. Reichel

versandt per e-Mail

Anlass: https://www.heise.de/tp/features/Die-Corona-Proteste-sind-eine-rechtsradikale-Sammlungsbewegung-6022346.html

Offener Brief

Lieber Kollege Reichel,

ich mach´s  kurz. Auslöser für diese Mail: Deine Äußerungen in diesem Interview. https://www.heise.de/tp/features/Die-Corona-Proteste-sind-eine-rechtsradikale-Sammlungsbewegung-6022346.html

Seit etwas über 50 Jahren bin ich Mitglied in DGB Gewerkschaften, die meiste Zeit davon zunächst in der GEW und anschließend bei ver.di. Zeitweise hatte ich auf unteren Ebenen ehrenamtliche Funktionen inne in den Bereichen Erwerbslosenarbeit und Frauen. Bis zur Landesebene hatte ich nur in der GEW  ehrenamtliche Funktionen, wobei mir seinerzeit das leider nicht einzigartige Privileg zuteil wurde, dass zu Zeiten der Berufsverbote manche meiner undogmatisch genannten linken Kolleg:innen öffentlich davor warnten, eine Kommunistin in eine Funktion zu wählen.

Sollte ich des öfteren als Kritikerin des deutschen Untertanengeists von Kollegen in die rechte Ecke gestellt werden, sobald ich die politischen Maßnahmen in Seuchenfragen kritisiere, werde ich wohl meinen Austritt aus ver.di erwägen müssen.

Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass Kollegen ohne Hinterfragen hinnehmen, dass seit Monaten eine demokratisch nicht legitimierte Kooperation von Länderministern, Kanzlerin, Gesundheitsminister, Bundes- und Landesbehörden meine freie persönliche Entfaltung massivst beeinträchtigt, kriegsübliche Maßnahmen anordnet und polizeilich durchsetzt.  Nur das Verdunkeln hat bei den nächtlichen Ausgangssperren noch gefehlt. Die politische Arbeit an der Basis in der Fläche hat unter den sog. Hygienemaßnahmen schwer gelitten.
Es ist zweifellos Aufgabe meiner Gewerkschaft, sich um die Arbeitssicherheit im Gesundheitsdienst und in den sozialen Diensten zu kümmern und um deren Bezahlung. Absolut nicht Aufgabe meiner Gewerkschaft ist es, politische Maßnahmen mitzutragen, die auf fatale Weise an die Rolle der Medizin anknüpft – der Ärzte, ihrer Einrichtungen und ihrer Forschungspraxis –  die während der Nürnberger Prozesse Gegenstand der Untersuchungen war. Die umfassende  Kritik an den Maßnahmen der Rassisten, Eugeniker und Fans der körperlichen Ausmerzung jeglicher sozialer Abartigkeit mündete 1947 in den Nürnberger Kodex.

[https://dg-pflegewissenschaft.de/wp-content/uploads/2017/05/NuernbergKodex.pdf].

Kollegen, die meinen, man könne, dürfe – tlw. sogar man müsse –  mir aus hygienischen Gründen die Bewegungsfreiheit nehmen und die Entscheidungsfreiheit in allen Dingen, die meinen Körper betreffen – solche Kollegen  vertreten eines mit Sicherheit nicht: konsequenten Antifaschismus. Nicht nur die Raketenspezialisten der Nazis waren nach 1945 in den USA willkommen, sondern alle deutschen Forscher zu ABC-Waffen sowie die medizinisch vorgebildeten und wegen ihrer Expertise anerkannten Sadisten und Folterer. Mengele war die Spitze eines Eisbergs. Anscheinend wird mancherorts gerne vergessen, auf welchen Wegen, zu wem, von wem und wohin Verbrecher dem Zugriff  entzogen wurden.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass bei den nächsten Wahlen rechts gewinnt. Rechts umfasst  bei mir FDP, CDU, CSU, und AfD. Ich bilde keine fiktive bürgerliche Mitte aus asozialer SPD, kriegslüsternen Grünen und gemäßigten christlichen Menschenfreunden. Es sind die mehr als ansehnlichen Probleme der politischen, der nicht medizinischen Interventionen,  die nicht nur mich, sondern einige Leute aus meinem Umfeld dazu bringen, im September entweder  nicht zu wählen oder eine der 40+x Gruppierungen, bei denen noch nicht klar ist, ob sie überhaupt Landeslisten zusammenbringen. Einige favorisieren auch leere Stimmzettel. Viele werden zuhause bleiben, gerade weil sie NICHT rechts wählen wollen. Was sich Sozialdemokraten, Linke, punktuell sogar Kommunisten, zu den derzeitigen Zuständen einfallen lassen, das kann man leider  nicht wählen. Wer nicht einmal weiß, dass es bei überschwemmten Kläranlagen, zerstörten Wasser- und Abwasserleitungen um Typhus geht, Cholera, Ruhr und vielleicht auch Noro-Infektionen und bei dem Stichwort „drohende Seuche“ Corona-Impfbusse schickt und von Wiederaufbau faselt, der sollte in Sachen Gesundheit einfach – das Maul halten. Ganz gleich wieviel Geld – fiktive Summen auf Papier –  man bereitstellt: es gibt schon jetzt weder genug Material noch Arbeiter dafür, das real in einem überschaubaren Zeitraum zu tun.

Es gibt – trotz Digitalisierung – eine Realität. Etwas, das auch da ist, wenn man nicht darüber spricht.  Gerade dann, wenn man  nachweislich wegen schwerer Mängel in der rechnerischen Grundbildung zwischen 10 hoch 8 und 10 hoch -8 nicht unterscheiden kann und sich ständig ein X für ein U vormachen lässt.

Die Zahl der maltraitierten Journalisten in den westlichen Demokratien nimmt nicht allein zu, weil Durchgeknallte mit Drohungen und Gewalt reagieren. Sie nimmt vor allem auch zu, weil sich weite Teile der schreibenden Zunft zu Propagandisten der Macht haben machen lassen: durch fortgesetztes Übersehen der stetig wachsenden materiellen Ungleichheit; durch unkritische Duldung des Aufbaus neuer, eher alter,  Feindbilder; durch ihre kritiklose Unterstützung einer degenerierten Parteiendemokratie von mittlerweile 700 Inhaber:innen von Pfründen, die das untere Drittel [Tendenz: die untere Hälfte] der Bevölkerung absolut nicht mehr im Blick haben. Da nützt es auch nichts, wenn eine gelernte Physikerin im Amt der Bundeskanzlerin von exponentiell wachsenden Gefahren schwafelt, wenn es um jahreszeitlich beeinflusste Wellen (sinus-Funktionen) geht.

Der Gebrauch dialektischer Methoden in der Analyse gesellschaftlicher Zustände schützt relativ gut vor eindimensionalen, bornierten Sichtweisen! Versuch´s mal.

Christa P. Meist

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