Leseempfehlung: Lukrez

Es geschieht nicht oft, dass ich einem kaufbaren Gegenstand uneingeschränktes Lob zolle. Heute ist ein solcher Tag. Ich habe die für mich spannende Lektüre eines mehr als 2000 Jahre alten Buches abgeschlossen, das 1417 als vollständiger Text vermutlich in einer Benedektiner-Abtei in Fulda wieder entdeckt wurde. 2014 erschien es bei Kiepenheuer und Witsch. Die Büchergilde hat es 2017 herausgegeben. Es handelt sich um die Schrift eines römischen Autors, des Titus Lucretius Carus, entstanden etwa 60 Jahre v. u. Z. zu Fragen der Natur der Dinge. Ich werbe für dieses Buch und damit auch für die besondere Arbeit der Büchergilde. Warum, wird sich Leserinnen nach dem Lesen meiner Besprechung erschließen.

Buchgestaltung

Meine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist gebunden in einem festen Einband mit Leinenbezug. Von der ersten bis zur letzten Seite fällt es auseinander, wenn man es an der durch ein Lesebändchen rot markierten Seite wieder aufschlägt. Das Papier ist leicht und glatt und ein bisschen gelblich. Der dadurch leicht gedämpfte Kontrast zwischen Text und Hintergrund lässt meine Augen nicht so schnell ermüden. Was mir sehr entgegenkommt: Es hat keinen Schutzumschlag, ist also leicht zu handhaben für Menschen wie mich, die es auch in der Wohnküche schaffen, für eine saubere Auflage und saubere Hände beim Aufschlagen und Blättern zu sorgen. Der Satz erlaubt Unterstreichungen und Anmerkungen auf einem breiten Rand mit dem gut gespitzten Bleistift. Eine Eigenschaft, die in der Zeit der Neon-Marker und selbsthaftenden Buchzeichen nicht zu unterschätzen ist.
Der Text ist gut lesbar und im Satz klar gegliedert, unterstützt durch die Verwendung eines matten, dunklen Rot für Überschriften und Schwarz für den fortlaufenden Text. Ich werde wahrscheinlich öfter zu diesem Buch greifen. Nicht allein, weil die dort nachzulesenden Gedanken mehrfaches Lesen lohnen, sondern weil es ein Genuss ist, diesen Gegenstand in der Hand zu halten und von Seite zu Seite zu blättern.

Zum Inhalt

Lukrez, Titus Lucretius Carus, beschäftigt sich mit den Dingen, die den Menschen umgeben. Ding ist alles, was der Mensch mit seinen Sinnen erfassen kann, worauf er seine Aufmerksamkeit richten kann, sowohl die belebten als auch ihre unbelebten Teile. Natur ist für ihn etwas anderes, als die romantische Konstruktion, die Menschen erdachten, als sie anfingen Dinge in Werkstätten herzustellen, in die nur wenig Licht drang, die erfüllt waren von Lärm und Rauch. Natur sind für ihn alle Eigenschaften, die den Dingen anhaften, die wir Menschen auf der Welt vorfinden und die wir sehen, hören, riechen, schmecken, spüren können. Für mich als Menschin des 20. Jahrhunderts ist überraschend, manchmal überwältigend, was Lukrez – auch unter Berücksichtigung der Erfahrung anderer – an Besonderheiten darstellt und durchdenkt, lange vor der Normierung von Maßen, der Geburt der Naturwissenschaften und der Erfindung dessen, was manche eine wissenschaftliche Weltanschauung nennen. Alle seine Belege, Argumente fügen sich zu einer auf die Materie bezogenen Anschaung der Welt. Die Welt ist wie sie ist, weil es eine Differenz gibt zwischen materiellen Teilchen und leerem Raum. Deshalb können sich in ihr Teilchen (im Text als Partikel bezeichnet) bewegen, die sich in der Zeit zu immer wieder neuen Kombinationen fügen und deren Wandlungen kein Ende haben.

Der Autor Lukrez wird sichtbar als ein gottloser Mensch, einer der den Menschen die Angst vor den Göttern nehmen will und damit die Macht derer begrenzen, die sich auf die Götter berufen um die anderen Menschen im Interesse des Machterhalts zu verängstigen. An vielen Beispielen zeigt er auf, warum der Mensch der ihn umgebenden Welt gewachsen ist; dass Fürchten ein kindliches Verhalten ist, das durch die Kraft des Verstandes in Grenzen gehalten werden kann; dass die Angst vor dem Tod eine unberechtigte ist, weil der Mensch ihn nicht erlebt. Im Augenblick des Todes reißen sämtliche materiellen Verbindungen zwischen Sinnen, Körper und Denken. Am deutlichsten wird das in den Abschnitten des ersten Buches „Wider den Aberglauben“ und „Was dies Gedicht will (Fortsetzung)“.

Unter Anwendung der Vorstellung von bewegten Teilchen setzt Lukrez sich mit einer Vielfalt von Erscheinungen auseinander, die jeder Mensch kennt, der ihnen mit seinen eigenen Sinnen begegnet. Dieser Hinweis ist mir wichtig, weil wir gegenwärtig in einer Zeit leben, die behauptet, die medial vermittelten, das medial dargestellten, die vom Denken geschaffenen Bilder könnten Wahrheit zeigen, darstellen, veranschaulichen. Allein die Sinne und die durch sie vermittelten körperlichen Impulse kleinster Teilchen können Grundlage menschlichen Wissens und des daraus resultierenden Verhaltens sein. An mehreren Stellen verweist er im Unterschied zu so mancher gegenwärtig veröffentlichter wissenschaftlicher Expertise auf ungelöste Fragen statt auf Wahrheit.

Dieses Buch möchte ich vor allem denjenigen empfehlen, die gegenwärtig Kapitalismuskritik nicht mit Materialismus verbinden, sondern mit Moral und einem Menschenbild, das den aufrechtgehenden Exemplaren seiner Art eine nahezu göttliche Verantwortung für sich selbst und die ihn umgebende Welt zuspricht. Kann Mensch dem genügen? Was kann Mensch, was kann er nicht? In welchem Umfang kann er die ihm innewohnenden Fähigkeiten nutzen? Muss er sich ängstigen lassen, was die persönliche Zukunft, die seiner Art und die des Planeten betrifft? Angst macht Menschen in aller Regel handlungsunfähig.

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