Gefühl und Praxis

Man weiß nicht, wie viele Menschen über 80 Jahre im Winter 2017/18 an einer durch Bakterien oder Viren verursachten Lungenentzündung auf Intensivstationen starben.
Sie wurden nicht gesondert gezählt. Auch die von multiresistenten Keimen verursachten Pneumonien der 50-jährigen nicht. Außer die Angehörigen interessierte deren Tod andere Menschen eher wenig..

Ist es ein Zeichen von Mitgefühl , Sterben und Tod nahestehender Menschen ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren, nicht vielleicht doch eher „Schaut mal, wie mitfühlend ich bin.“ ? Reihenweises Totengedenken von Politikern und Krankenhausdirektoren in der vergangenen Woche sollte sicher vor allem eines bewirken: Vergessen machen, dass die Beileidigen im vergangenen Jahr Krankenhausbetten real abgebaut haben, darunter auch Intensivbetten.

In Anlehnung an Psalm 139:23 fordere ich auf: Erforsche dich, Mensch, und erfahre dein Herz; prüfe dich und erfahre, wie du´s meinst.

Wenn Empathie eine Fähigkeit ist, die jeder Mensch kulturunabhängig gegenüber allen anderen aufzubringen in der Lage ist, wäre diese nach herrschender öffentlicher Moral aktuell gegenüber allen anderen aufzubringen. Selbstreflexion ist ein bewährtes Mittel, zu überprüfen, wie weit in dieser Sache die eigenen Fähigkeiten reichen.
Mitgefühl für 8 Mrd. Menschen von denen ich nicht weiß wo sie leben, unter welchen Umständen, in welchen sozialen Beziehungen, ein solches Mitgefühl und ein solches Einfühlungsvermögen kann es nicht geben. Der ferne Mensch ist ein Abstraktum. Ich kann kein Mitgefühl haben für buchstäblich alle. Ich bin nicht in der Lage, mich entsprechend der Forderung nach umfassender Einfühlsamkeit und Solidarität zu verhalten. Auch für mich gilt eine oft kolportierte Weisheit: Man muss wenigstens ein Stück weit in den Schuhen des anderen gelaufen sein, wenigsten ein Stück des Weges gemeinsam bewältigt haben, um Mitgefühl entwickeln zu können. Kann sich wirklich jeder vorstellen, was Hunger ist? Und dann auch noch Abhilfe schaffen? Abhilfe für alle Hungernden? Wer ist es, der meiner Einfühlsamkeit bedarf? Der Mächtige für die ihn überwältigende Last der Verantwortung? Soll ich mich als auf meine Wohnung beschränkter Mensch in Frau Merkel einfühlen, eine Frau, die nach den veröffentlichten Bildern von ihren Auftritten anscheinend gegenwärtig von der Realität schwer gebeutelt wird?

„Ich kann mir beim Teigkneten nicht annähernd vorstellen, was eine Mutter fühlt, die ihrem abgemagerten, apathischen Kind nur einen nackten, unbeteigten Finger in den Mund stecken kann. Über Tage, Wochen gibt es zum Lutschen nur Finger ohne Teig!“

cpm

Warum sind denn all die ehrenamtlichen Tätigkeiten entstanden, die in den entwickelten Ländern mit höchster gesellschaftlicher Anerkennung verbunden sind: der Besuchsdienst im Altenheim, die Begleitung straffällig gewordener Menschen, die Unterstützung Geflüchteter bei Behördengängen, das Beaufsichtigen von Schwimmbecken und Badeseen, Rettungsdienste …? Weil der Einzelne im Alltag damit überfordert ist, in allen Situationen das Menschenmögliche zu tun, hat er die Helden des Alltags erfunden.
Die Kehrseite: Professionalisierung dieser Tätigkeiten, verbunden mit dem Anspruch, die sozialen und pflegenden Berufe seien für Gotteslohn zu verrichten. Wer ein anständiger Mensch ist, verlangt doch für etwas, wozu jeder einzelne moralisch verpflichtet ist, für Mitmenschlichkeit, kein Geld! Es liegt nicht lange zurück, dass selbst manche Gewerkschafter sich dagegen verwahrten, dass die materiell Produktiven mit ihren Beiträgen zu Sozialkassen mehr Personal und höhere Löhne in Pflege- und Sozialdiensten finanzieren sollten. Die gefühlsduseligen Frauen pflegen doch aus Mitmenschlichkeit sowieso. Außerdem haben sie noch Ernährer.

Mitmenschliche Praxis verlangt nach realem Begegnen und vielfältigen Möglichkeiten gemeinsamer Erfahrung für jeden Einzelnen. Die kann kein Mensch haben mit den anderen 8 Mrd. Mitmenschen. Deshalb gibt es die angeführten Ehrenämter und global die Seenotrettung im Mittelmeer, die Versorgung Hungernder und der Opfer von Katastrophen, freiwillige Helfer zur Selbsthilfe in Sachen Existenzsicherung und Ärzte ohne Grenzen. Mitmenschliche Praxis ist ein Handeln auf Gegenseitigkeit, eine Gegenseitigkeit, die ein einzelner, ein vereinzelter Mensch real nicht aufbringen kann, viele nicht einmal gegenüber einem einzigen, dem sie versprochen haben, mit ihm durch dick und dünn zu gehen. Betrachtet man Scheidungen und Scheidungsgründe sind schon auf der persönlichen Ebene annähernd faire mitmenschliche Beziehungen eher die Ausnahme. Eine Ausnahme, die nicht allein vom Gefühl getragen wird, wie viele glauben, sondern vor allem von einem respektvollen, mitmenschlichen Umgang miteinander, Umgangsformen, die sich erst im gemeinsamen Alltag herausbilden – oft offensichtlich auch nicht.
Jede persönliche Entscheidung auf einer überpersönlichen Beziehungsebene einem besonderen Kreis von Menschen zu helfen, ist eine relative Vernachlässigung der Nöte anderer. Aus diesem Grund sind gesellschaftliche Lösungen notwendig geworden. Dass solche tatsächlich notwendigen Lösungen auf der Grundlage kapitalistischen Wirtschaftens möglich sind, ist zu bezweifeln. Dass zur Existenzsicherung aller eine reale Produktion nötig ist, die weiterlaufen muss, wenn nicht alle verderben sollen, müsste trotzdem allen erklärten Antikapitalisten klar sein. Oder essen sie nicht? Brauchen sie kein Obdach und keine Wärme? Brauchen sie nichts, um ihren Körper zu bedecken? Ist das denjenigen nicht klar, die gegenwärtig einen allgemeinen Lockdown der Produktion und der Verteilung von Gütern fordern mit der zeitlichen Vorgabe „bis auf Weiteres“ ? So lange Strom und Wasser da ist, brauchen rücksichtsvolle Menschen nicht unbedingt Klopapier. Das ist richtig. Wer aber meint, man könne einfach alles zusperren, gehört garantiert zu den 70 % Nichtarmen Deutschlands, die eine Küche mit vollen Vorratsschränken haben, deren Inhalt problemlos über mehrere Wochen mit täglich 1500 Kalorien reicht. Oder haben die alle ihren eigenen Acker, Balkon- oder Dachgarten mit Kartoffeln? Werden sie ihren Spargel selber stechen und sich nach den Erdbeeren bücken? Holen sie sich ihren Wochenbedarf an Nährstoffen wie Brot, Kartoffeln, Nudeln und Fett im Supermarkt mit dem Rucksack zu Fuß und den für den gehbehinderten Nachbarn gleich mit? Schnittlauch im Topf auf dem Fensterbrett gilt nicht als Nachweis einer funktionierenden Beziehung zu den natürlichen Grundlagen des Lebens, von dem wird man nicht satt.

Eine mögliche persönliche Antwort auf die wahrnehmbar begrenzte Fähigkeit des Einzelnen wirk-lich ein Mitmensch zu sein, ist die Religion, das Gott-Vertrauen. Den Herrgott kann man bitten, alles zu erledigen, was man selbst nicht schafft. Eine andere Möglichkeit ist die Fähigkeit mit den realen Begrenzungen und Bedingungen des eigenen Lebens und des Lebens anderer zurechtzukommen. Auf sich allein gestellte Menschen können weder glauben noch in und mit der Wirklichkeit leben. Dies zeigt sich in der gegenwärtig um sich greifenden Feindseligkeit des Umgangs zwischen den Menschen, die sich leibhaftig nicht mehr treffen sollen, wollen, dürfen.
Die einzige Möglichkeit diese besondere Art menschlicher Not zu wenden, sind reales Begegnen und die darin spürbare, erlebbare gemeinsame Lust am Leben. Möglicherweise hat die in einem Pfarrhaus aufgewachsene Kanzlerin das dort nicht gelernt. Sonst würde sie nicht immer wieder behaupten, dass um der Gesundheit willen, eine Telefon- oder Videoschalte besonders menschlich sei.



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