L´optimisme

»Ich war jetzt ein paar Jahre nicht in Urlaub, weil ich gespart habe. Heuer geht´s 3 Wochen nach Mexiko zum Wale gucken. Wer weiß wie lange es sie noch gibt.«

Eine Nachbarin in Deutschland, etwa im Jahre 2013 n. C., ca. 160.000 Jahre nach dem erstmaligen Auftreten einer `Homo Sapiens´genannten Spezies

Völlig unabhängig davon, wie viel Geld sie zusammengespart hat: Mit Sicherheit hat sie allein mit den geschätzten 730 l Kerosin als persönlichem Anteil am Verbrauch des Düsenclippers ein höheres Quantum an CO2 freigesetzt als es 10 Urlaube an der Ostsee mit sich gebracht hätten. Weil sie und andere dies noch können – dieses und im `Tropical Island´ baden, bis Ostern auf künstlich beschneiten Pisten Skifahren und auf einem Traumschiff um die Welt fahren – sind die meisten der Mitmenschen in meiner näheren Umgebung, ähnlich wie Voltaires Candide, der festen Überzeugung, sie lebten in der besten aller möglichen Welten. Völlig ungeachtet aller wahrgenommen realen Ereignisse.

Moralischer Konsum hat gegenwärtig einen sehr hohen Stellenwert: Anständige Menschen kaufen keine billigen T-Shirts, essen vegan und wenn irgend möglich auch noch `bio´ und verschenken recycelten statt neuen Tinnefs. Dass auch die Herstellung recycelten Tinnefs Energie verbraucht – `quem juckat´ wie wir Lateiner sagen. Gleichzeitig scheren sie sich nicht im geringsten um die geplante Obsoleszenz ihrer 20-€-Technikspielerei, die in zwei Monaten von einer anderen abgelöst wird. Von der Vielzahl der Produkte will ich gar nicht reden, die ganz normal regelmäßig von angeblich besseren, neueren  – und natürlich nachhaltigeren Modellen abgelöst werden, die man angeblich unbedingt braucht, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Ferngesteuerte und motorgetriebene Fensterläden, Garagentore, Videoüberwachungen – alles O.K. . Ganz besonders O. K. wenn sie nach einer Bestellung über das Internet von der `grünen Post´ geliefert werden, verpackt in Formteile aus Recycling-Pappe statt Styropor. Auch ich gehöre zu diesem Personenkreis. Gelegentlich kaufe ich Waschnüsse und Bio-Wein und wasche meine Wollpullover mit der Hand. Ich mache meine Bio-Mehl Teigwaren und backe mein Bio-Brot. Über die tatsächliche Energiebilanz meiner individuell erzeugten Produkte kann ich nichts sagen. Sonst müsste ich mehr Zeit aufwenden für das Rechnen als für das Kneten.

Derweil machen sich 10x Menschen aus fernen Ländern auf die Socken, um in genau diese beste aller Welten zu gelangen. Die Welt in der Bio-Rosen verschenkt werden, die in ihrer Heimat auf  Plantagen angebaut werden, weil auch der moralische Handel es ihnen nicht erlaubt, weiterhin hinter der Hütte die Hirse zu säen und zu ernten, die sie brauchen, um das kommende Jahr zu überleben. Der Weg ist gefährlich. Unterwegs drohen Durst, Räuber, Menschenhändler, Sandstürme an Land und hohe Wellen. All diese Gefahren sind weniger bedrohlich als das vorhersehbare Fehlen von Hirse – in diesem Jahr, im nächsten im übernächsten… . Es gibt eine gewisse, angenommene Wahrscheinlichkeit im Zielgebiet bei bescheidener Lebensweise Geld zu verdienen, das man nachhause schicken kann. Eltern und Geschwister können dann das Wasser kaufen, das Nestlé sich angeeignet hat und den Weizen der Länder in denen es hin und wieder regnet. Es leben hoch die Freizügigkeit und der Freihandel!

In diesen Zusammenhängen ist für mich vor allem eines nicht verständlich: Das von der eigenen grenzenlosen Güte geprägte Selbstbild derer, die es für eine menschliche Lösung halten, ab und zu den einen oder anderen Wandernden aus dem Meer zu fischen. Eine wirklich menschliche Lösung ließe sich vielleicht finden, würden sie endlich denjenigen in den Arm fallen, die aus dem Verkauf von Bio-Rosen, fair gehandeltem Kaffee und überteuerten Marken-Textilien ihre Profite schöpfen. Ich bin mir ziemlich sicher: Sowohl Sklavenhalter als auch Befürworter der freien Lohnarbeit waren 1861 der festen Überzeugung allein ihre Zielsetzung sei geeignet, den Negern zu einem besseren Leben zu verhelfen. Fakt dabei war: Die Neger interessierten sie eigentlich gar nicht. Nur die wirtschaftlichen Grundlagen ihres Profits. Dass die eine Seite aus dem Konflikt als Gewinner hervorging – was will uns das sagen? Dass mit dieser Seite der menschliche Fortschritt gesiegt habe?

Aus heutiger Sicht wage ich ein Urteil: Gesiegt hat nicht der menschliche Fortschritt, sondern die unbegrenzte Ausbeutung von Mensch und Natur. Gesiegt hat ein Weltbild, das die wechselseitige Abhängigkeit von Mensch und Natur nicht anerkennt. Ein Welt- und Menschenbild, das anknüpft an »Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen nach unserm Bild uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht!« [1.Mose 1, 26]. Die sich gegenwärtig `Religionskritiker´ nennenden Menschen haben dieses Weltbild nicht überwunden. Von einer dialektischen Sicht auf die gewordene, später die gemachte Natur und auf die ihr zugehörigen Menschen sind wir möglicherweise weiter entfernt denn je.

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