Erlösung durch technischen Fortschritt?

Beitragsbild: Johnny5_03.jpg -wikicommons / Roboterfigur aus dem Film „Nr. 5 lebt“

Utopismus vom Kopf auf die Füße gestellt

Seit wann sind eigentlich Art und Menge der in einer Gesellschaft verwendeten Werkzeuge Grundlage der POLITISCHEN Entscheidung, welches Ausmaß an sozialer Sicherheit und welchen Lebensstandard man welchen Menschengruppen zubilligt? Keine der technischen Entwicklungen seit der Entstehung des Ackerbaus hat die Tatsache aus der Welt geschafft, dass – mit wechselnden Anteilen – die einen sich zu Tode schuften und andere frei von Hunger „Kultur“ bilden, bestehend aus Heiligen Schriften, Grabmälern, religiöser Kunst und Palästen, deren Reste wir heute noch bewundern.
Mir fällt kein Grund ein, warum sich das unter den Bedingungen der Industrie 4.0 ändern sollte, wenn wir Menschen es nicht ändern.

Soziale Sicherheit kann in den entwickelten Ländern problemlos aufrechterhalten werden, wenn man die Rationalisierungsvorteile nicht allein den Anteilseignern zukommen lässt, sondern in Form von Freizeitzuwächsen und Lohnsteigerungen den Beschäftigten. Welche Gründe verhindern eigentlich, dass den am gesellschaftlichen Arbeitsprozess beteiligten Menschen der gerechte Anteil am Ergebnis der durch moderne Werkzeuge effektivierten, Arbeit ausgezahlt wird? Das wäre nämlich bei uns nach meiner Einschätzung zu realisieren durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 15-20 Stunden für ALLE – nicht für einige 60 Std und für (zu) viele 0 – mit einem Lohn, der umfassend soziale Teilhabe ermöglich- ohne staatliche Einkommensergänzungen für Niedriglöhner. Das IST machbar, wenn man nicht beständig ausschließlich im neoliberalen Gebetbuch blättert und die Freiheit des Eigentums als oberste aller denkbaren Freiheiten ansieht.

Gängige Behauptungen und Schlagworte

1. Menschen sind gezwungen eine Stelle anzunehmen, die niedriger bezahlt wird, weil Arbeit wegfällt und Maschinenarbeit nicht bezahlt werden muss.
Arbeitsaufgaben fallen weg, andere entstehen. Das war noch nie anders! Sonst hätten wir nämlich noch altertümliche oder mittelalterliche Zustände. Ein Blick in die Statistik des real geleisteten Arbeitsvolumens der letzten 30 Jahre entlarvt die hinter der Behauptung vom Verschwinden der Arbeit versteckte Lüge: Das gesamtgesellschaftliche Arbeitsvolumen hat in den letzten 30 Jahren nur geringfügig geschwankt. Meistens unter dem Einfluss von Produktionskrisen, nicht weil sich »die Arbeit« verflüchtigt hätte. Wer längere Zeiträume der Geschichte betrachtet, könnte erkennen, dass nicht der durchschnittliche individuelle Arbeitsaufwand mit dem Wohlstand einer Gesellschaft in Beziehung steht, sondern die Art und Weise wie die vorhandenen Güter gesellschaftlich erzeugt werden [ Begriff der Produktionsweise; siehe in gebotener Kürze https://de.wikipedia.org/wiki/Produktionsweise%5D. Die materielle Sicherheit einzelner Mitglieder der Gesellschaft konnte schon immer auf vielfältige Art gewährleistet werden – auch ohne Arbeitspflicht und/oder Sozialsysteme – z. B. durch Fürsorge von Familie oder Clan, durch Ausgleich unter den Angehörigen bestimmter Berufe, durch ethisch oder religiös motivierte Gaben der Reichen direkt an die Armen, an einen Tempel oder Bereitstellung für öffentliche Nutzung. Die gegenwärtigen Gesellschaften haben sich für soziale Sicherheit durch öffentliche Kassen entschieden, die von jedem Beiträge oder Steuern erheben. Die gesamtwirtschaftlich erzeugten Güter müssen verkauft werden, damit ein Überschuss erzielt werden kann. Sie müssen aber auch gekauft werden, damit der Einzelne überleben kann. Der fortgesetzte Austausch der bereitgestellten und benötigten Güter sichert das Überleben des Einzelnen genauso wie das Überleben der Gesellschaft. Seit Jahrtausenden sind Menschen dabei einer stetigen Veränderung ihrer Lebensverhältnisse unterworfen und müssen sich anpassen. Diese Anpassung wird durch soziale Sicherheit erleichtert. Neue, effizientere Maschinen müssen aus den Überschüssen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses bezahlt werden.. In ihnen steckt nämlich der Arbeitsaufwand zu ihrer Herstellung und der Wert des Materials. Beides muss im Rahmen des wirtschaftlichen Austauschs ausgeglichen werden. Ob man zur Erleichterung dieses Austauschs Euro-Scheine verwendet oder Kauri-Muscheln ist irrelevant. Der Arbeitsaufwand wird bezogen auf den Faktor Zeit zwar geringer, erfordert aber ein immer höheres Investitionskapital, das nur dann »rentierlich« ist, wenn die neuen Werkzeuge ungeheure Produktmengen erzeugen, die dann auch tatsächlich abgesetzt werden können. Dieser Zwang zu immer größeren Stückzahlen ist eine der wichtigsten Ursachen – wenn nicht sogar die wichtigste – für das gegenwärtige, bedrohliche Missverhältnis zwischen Mensch und natürlicher Umwelt. [Stichwort: zunehmende Kapitalisierung der Produktion].

2. Konkurrenzlosigkeit der sog. Künstlichen Intelligenz
Der Mensch hat noch nie mit den von ihm selbst geschaffenen Werkzeugen wie Faustkeil, Hammer, Nähnadel, Spinnrad oder Webstuhl konkurriert, tut es auch heute nicht. Er erledigt seit Menschengedenken mit Hilfe der jeweils aktuell vorhandenen Werkzeuge die jeweils konkret notwendigen Arbeitsaufgaben. Das kann sich in manchen Bereichen auf Überwachung und Knöpfchendruck reduzieren. Dass viele Arbeiten automatisiert werden können führt nicht zum Verschwinden von gesamtgesellschaftlicher notwendiger Arbeit, sondern im günstigsten Fall zu einer deutlich spürbaren Verringerung des Zeitaufwandes. Es ist eine Frage der politischen Kräfteverhältnisse und der gesellschaftlichen Übereinkünfte in welcher Form diese Verringerung des Arbeitsaufwandes den gesamtgesellschaftlich produzierenden Menschen zugute kommt.
Daneben wird es wahrscheinlich immer Produktionsaufgaben geben, bei denen sich eine hochkapitalisierte Massenfertigung nicht lohnt. Nicht wenige mittelständische Betriebe arbeiten mit gut qualifiziertem Personal in den gerne »Nischen« genannten Bereichen, in denen Serien von 5 Stück eines Produkts Spitzenwerte sind.
Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich in den hoch industrialisierten und hoch kapitalisierten Ländern Menschen wieder für hochwertige, nachhaltige, handwerklich produzierte Güter aus ursprünglichen Materialien entscheiden, statt für die maschinell erzeugbaren und erzeugten Qualitäten. Sollte man sich politisch dazu durchringen können, gegen die Profitinteressen Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Wirtschaften durchzusetzen, wird die Massenproduktion von Unterhosen, die man höchstens 3 mal waschen kann, bevor sie zerfallen, vielleicht eingehen und auch die afrikanische Hühnerzüchterin kann von ihrem Hühnerhof wieder leben. Die sich in den Wirbeln tropischer Meere ballenden Kunststoffteilchen, die wir als Bestandteil von Nahrungsmitteln wieder aufnehmen, betrachten viele Menschen als ernste Warnung. Es ist ein Gerücht, dass Menschen mit billigem Müll glücklich sind. Sie können sich nichts anderes leisten und wissen ganz genau, dass sie mit nichts so über den Tisch gezogen werden, wie mit den Supersonderangeboten eines »Sets« von Dingen, die man nicht braucht. Wer sich einmal bei Aldi ein Set zur Wohnungsrenovierung gekauft hat, braucht doch nicht jedes Mal, wenn er streichen will eine neue Teleskopstange aus Aluminium, damit er mit der Rolle bis zur Decke kommt.

3. Man kann jederzeit an jedem Ort alles herstellen, weil es dazu nur eines Knopfdrucks bedarf.
Diese Annahme ist schlichtweg falsch, weil Produktion eben keineswegs gleich ist, mit »Knöpfchen drücken«. Der Knopfdruck löst eine in industriellen Ballungsräumen konzentrierte Arbeit und einen ansehnlichen Energiebedarf aus. Der Knopfdruck »produziert« nichts, sondern setzt einen Prozess materieller Umwandlung, Umformung in Gang, den Ökonomen als Wertschöpfung bezeichnen. Einer Wertschöpfung, die zwar technisch bedingt immer weniger menschliche Arbeit erfordert, aber  Ressourcen und Energie verschlingt. Ein gut ernährter Mensch hat genug Energie zum Arbeiten – Pflügen, Bohren, Stücke Schreiben, Bilder Malen, Weben und Seile flechten – ohne dass er zusätzlichen Energiebedarf verursacht.
Die realen Wertschöpfungsprozesse sind heute zentralisierter denn je und gleichzeitig verzweigt bzw. vernetzt. Daraus resultieren die zunehmenden Ungleichgewichte zwischen wirtschaftlich starken und weniger starken Orten, Regionen, Ländern, Kontinenten. Das Ungleichgewicht der realen Lebensbdingungen wird nicht dadurch ausgeglichen, dass überall „Knöpfchen“ installiert werden. Schon die Maschinerie für die digitale Übermittlung der Befehle und den Transport der zentral erzeugten Güter zu den Konsumenten verbraucht große Energiemengen. Auch die Industrie 4.0 wird kein Perpetuum Mobile erfinden. Im Gegenteil: Die Erzeugung der für die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft notwendigen elektrischen Energie droht die Existenz der Gattung zu gefährden.

4. Das BGE wird ein Höchstmaß an Zeitsouveränität beinhalten.
Welches BGE? Woraus wird es finanziert, wenn angeblich keiner mehr arbeitet? Leben wir dann von den Bitcoins, die sich in Island auf geheimnisvolle Weise unter Aufwendung großer Energiemengen in Kontostände verwandeln, die Personen zugeordnet werden können? Kontostände lassen sich noch weniger essen als Geld.Man kann sie ja nicht einmal anfassen, sondern nur lesen. Wer hätte denn Anspruch auf das BGE? Europäer und Amerikaner oder wirklich alle? Wer mit großen Zahlen rechnen kann, wird feststellen, dass die nominelle Verteilung des gegenwärtig durch Spekulation in die Höhe getriebenen Geldbestandes gerade mal für ein Freibier für alle reicht. Jeder Dorftrottel – man verzeihe meine sozialdarwinistische Ausdrucksweise – weiß, dass »Verteilen« bedeutet, dass derjenige, der eine Tafel Scholade hat, etwas hergeben muss und wer nur ein Stückchen hat, bekommt etwas dazu. Ein »Verteilen« bei dem ALLE mehr bekommen gibt es nicht – nicht wenn wir von Brotlaiben, Wasser und Wohnquadratmetern sprechen. Das von den Verfechtern des BGE vorgesehene Verteilen von spekulativ erzeugten nominellen Geldbeträgen ohne jeglichen realen Gegenwert an wirklich alle – nicht allein die ca. 1,5 Mrd Menschen der entwickelten Länder – könnte darauf hinauslaufen, dass gegenwärtig JEDEM Menschen ca. 10 m² witterungsgeschützte Fläche zustünden, täglich ca. 10000 Joule Nahrung, eine gewisse Zahl von Kleidungsstücken, die Waschvorgänge ermöglicht, ohne dass man nackt auf Robbis Arbeitsergebnis warten muss, genug Medikamente um Schmerzzustände zu mildern, die häufigsten Krankheiten zu erleichtern und einige bedrohliche zu heilen. Das wär´s dann. Diese eurozentristische »Zukunftsperspektive« geht ausschließlich zu Lasten der übrigen 6,5 Milliarden Menschen, deren Ausbeutung weiterhin auf die Spitze getrieben werden muss, um den Standard von 1,5 Mrd. zu erhöhen.

Konklusion
Ganz gleich welche Werkzeuge man verwendet und welche Prämien aus dem Ergebnis gesellschaftlicher Produktion man auswirft: Ohne Arbeit ( = Umwandlung von Bäumen in Tische oder Umwandlung von seltenen Erden und Gold in Smartphones) gibt es keine Wertschöpfung. Es mag sein, dass immer weniger Knopfdrücken nötig sein wird um diese Wertschöpfung in Gang zu setzen, das ist aber auch alles. Menschliches, jedes Leben basiert auf Stoffwechsel – nicht auf Geld. Nach meiner Überzeugung wäre die Welt um einiges wohnlicher, würden Menschen mehr über reale Bedarfe und die Möglichkeiten ihrer Befriedigung nachdenken, als über Geld und andere abgeleitete Größen.
Werkzeuge, Gegenstände deren Funktionsweise ohnehin nur der geringste Teil der Bevölkerung wirklich versteht werden seit Jahrhunderten von allen Menschen benutzt. Wieviele Menschen, lieber Leser, sind in Ihrem Bekanntenkreis  zu finden, die erklären können, wie die Kräfte an einer Schraube wirken müssen, damit sie gut hält und relativ leicht eingedreht werden kann? Welche Form man ihr geben muss, welches Material man nehmen muss, damit sie ihre Aufgabe beim Verbinden von Betonteilen erfüllt oder beim Aufhängen eines Schranks an einer Hohlbauwand? So sind die Menschen halt: ganz schön unterschiedlich in ihren Kenntnissen, Fähigkeiten und Neigungen – aber alle mit gleichem (Mindest)Bedarf an Kalorien.
Die Grundfrage ist unabhängig vom technischen Fortschritt seit Jahrtausenden die gleiche: Wie organisieren wir die verbliebene Arbeit und die Zuteilung der gemeinsamen Arbeitsergebnisse und welchen Rang geben wir der Bereitstellung öffentlicher Leistungen in den Sektoren Versorgung, Pflege, Kommunikation, Kultur, Bildung?  Das ist der Kern des »Politischen«. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht naturgesetzlich gegeben, sondern Ergebnis der gesellschaftlichen Kommunikation und der in ihr wirkenden Machtverhältnisse. Was ändern Digitalisierung, Globalisierung und Vernetzung an den möglichen Antworten auf diese zentrale Frage? Wem wollen wir die Bewertung der Antworten und die Entscheidungen überlassen? Goldman Sachs? Johnny2030? Oder wollen wir sie uns Menschen insgesamt selbst vorbehalten? Letzteres wäre wirklich etwas ganz Neues, bisher Unerhörtes. Alle Menschen entscheiden gleichberechtig. Das wäre wirklich neu. Das ist tatsächlich bisher  noch nie dagewesen.
Folgender Satz des vor kurzem verstorbenen Naturwissenschaftlers Stephen Hawking verdient in diesem Zusammenhang weitere Verbreitung. »Jeder kann ein Leben voll luxuriösen Müßiggangs führen, wenn der von den Maschinen produzierte Wohlstand geteilt wird, oder aber die meisten Menschen könnten erbärmlich arm werden, wenn die Besitzer der Maschinen erfolgreich gegen eine Verteilung des Wohlstands vorgehen“ [zitiert nach http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/smarte-arbeit/stephen-hawking-hat-angst… ]
Die Verteilung von Wohlstand besteht nicht darin, jedem Erdenbürger einen gleichen wertlosen Geldbetrag auf seinem Konto gutzuschreiben.

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