Faschismus gleich Rassismus?

Bildquelle: https://www.uni-bielefeld.de/ikg/Handout_Fassung_Montag_1212.pdf

Ein Versuch zu den politischen Wirkungen von Abgrenzung, Ausgrenzung und Missachtung

Herrschaft
Herrschaftsfreie Gesellschaften hat es bisher noch nicht gegeben. Ob sie real möglich sind, weiß man nicht, denn auch eine Gesellschaft, in der tatsächlich alle gleichberechtigt in allen nötigen Sachfragen gemeinsam entscheiden wird wahrscheinlich ohne Über- und Unterordnung nicht auskommen. Auch dann wird es wahrscheinlich übergeordnete Interessen und übergeordnete Machtausübung geben, die von unteren Entscheidungsebenen als Herrschaft wahrgenommen wird.
Nach wie vor leben wir in Gesellschaften, in denen die Besitzenden maßgeblich Macht ausüben, in denen ein idealtypisch herrschaftsfreier Diskurs nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Abgrenzung / Unterscheidung
Zusammenhalt ohne Abgrenzung ist nicht herstellbar. Menschengruppen, die kollektiv entscheiden und handeln wollen, müssen Kriterien für die Zugehörigkeit zum Kollektiv festlegen. Kriterium kann sein, die Anwesenheit auf einem bestimmten Territorium [Kommune, Landkreis, Verwaltungsbezirk, Bundesland, Nationalstaat o. ä.), eine gemeinsame Eigenschaft [Hautfarbe, große Füße, stimmliche Ausdrucksfähigkeit, MS-Kranke, abhängige Beschäftigung]. In allen Fällen ist die Zugehörigkeit zum konstituierten Kollektiv mit einem individuell akzentuierten und einem kollektiven Interesse verbunden, das aber weder in eins fallen muss, noch sich automatisch, quasi naturgesetzlich herstellt. Es bedarf zur Konstruktion eines solchen Kollektivs immer menschlicher Kommunikation und gesellschaftlicher Übereinkünfte. »Geborene« Kollektive gibt es nicht. Selbst familialer Zusammenhalt muss »gestiftet« werden und ist herrschaftsfrei nicht möglich, weil im Regelfall – möglicherweise biologisch bedingt – unterschiedliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bedürfnisse vorliegen.

Ausgrenzung
Abgrenzung kann in Ausgrenzung münden, wenn das Kollektiv individuelle Beiträge für nicht sachdienlich, zu ich-bezogen, nicht zielgerichtet hält. Dann wird es versuchen, sich von dem Individuum, den Individuen zu trennen, die den Anschein erwecken, gemeinsame Ziele zu gefährden. Ausgrenzung kann die individuelle Existenzfähigkeit gefährden, wenn es dem ausgeschlossenen Individuum nicht gelingt, in einem anderen Kollektiv Fuß zu fassen, das ihm soziale Sicherheit bietet. Ausgrenzung wird deshalb oft als moralisch schlechte, inhumane Handlungsweise von Kollektiven angesehen. Vereinsvorstände haben deshalb u.a. die Aufgabe den Haufen zusammenzuhalten, Konflikte zu dämpfen, die innerhalb des Kollektivs auftreten.

Missachtung
Als moralisch fragwürdig werden Abgrenzungen angesehen, die die individuelle Existenzfähigkeit ganzer Menschengruppen infrage stellen, weil eine ihren Individuen zukommende Eigenschaft als wenig wertvoll erachtet wird: äußeres Erscheinungsbild, die Intelligenz, Wohnort, geschlechtliche Orientierung, Sprache, Arbeitsbereitschaft, Einschränkungen körperlicher Handlungsmöglichkeiten. Grundsätzlich legitimieren individuelle Unterschiede in all diesen – und noch viel mehr Punkten – keine Aberkennung menschlicher Rechte wie Anspruch auf Nahrung, Wohnung, Kleidung, Bildung etc.  . Gleichbehandlung unterschiedlicher Menschen schafft jedoch keine Gleichheit, sondern verschärft Ungleichheit. Gesellschaftlich, kollektiv müssen deshalb Regelungen erarbeitet werden, die den Widerspruch zwischen individueller Ungleichheit und dem Anspruch auf gesellschaftliche Gleichheit auflösen, im Interesse aller Menschen Konflikte minimieren und Zusammenhalt stiften.

Ideologie der Ungleichwertigkeit
Der Faschismus ist eine Form der Herrschaft, die einer herrschenden Gruppe weitestgehende Handlungsfreiheit zubilligt, in ihrem eigenen materiellen Interesse verschiedene Formen der Missachtung von Menschen auf Grund ihrer individuellen Eigenschaften auszunutzen, um Herrschaft und materielle Privilegien zu legitimieren. Heitmeyer folgend spricht man in Zusammenhang mit einem rechten Weltbild von der gruppenbezogenen menschenfeindlichen Missachtung von Menschen die sich hinsichtlich bestimmter Eigenschaften von der Norm abheben. Dabei wurden im Rahmen der empirischen Erhebungen der Universität Bielefeld im Lauf der Zeit folgende Formen gruppenbezogener Abwertung von Menschen festgestellt: Sexismus, Homophobie, Etabliertenvorrechte, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung vomn Behinderten, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern, Abwertung von Langzeitarbeitslosen. Seltsamerweise werden jedoch die meisten dieser empririsch beobachteten Abwertungen nicht dem Faschismus zugeordnet, sondern im Einklang mit der Bildzeitung als Ausprägungen des gesunden Volksempfindens klassifiziert. Es scheint nicht ganz einfach zu sein, nationalsozialistisches Denken von ganz gewöhnlichen, tolerierbaren Abneigungen zu trennen, wie sonst könnte es kommen, dass man die Rede vom »gesunden Volksempfinden« bei weitem nicht für so nazistisch hält wie den Antisemitismus. Was tun?
Man kann einer Lösung näherkommen, wenn man ins Zentrum der Heitmeyerschen Taxonomie schaut: Es geht um unterschiedliche Ausformungen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die auf einer grundsätzlichen Ideologie der Ungleichwertigkeit basiert. Der zentrale Punkt faschistischer Ideologie ist die Annahme, Menschen seien nicht bloß unterschiedlich, sondern wegen persönlicher Eigenschaften auch nicht von gleichem Wert für die Gesellschaft. Jegliche bürgerliche, kapitalistische Herrschaft trägt also den Keim des Faschismus in sich, weil sie sich in weiten Teilen auf die Abwertung von Menschengruppen stützt. Welche dabei im Vordergrund stehen, ist irrelevant. Die Ausgrenzung von Muslimen ist nicht minder protofaschistisch wie die Ausgrenzung von Juden, Schwulen oder Langzeitarbeitslosen. Auch Kriminelle, psychisch Kranke, Suchtkranke laufen durchaus Gefahr im Zuge gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausgegrenzt zu werden und im Extremfall entweder interniert zu werde oder »ausgemerzt«. Man mache sich da keine Illusionen: Wer dieser bisher empirisch als zwölfköpfig beschriebenen Hydra den antisemitischen Kopf abschlägt, muss gewärtig sein, dass an dessen Stelle zwei neue Köpfe wachsen – vielleicht die Abwertung von Untermaßigen oder Adipösen. Wir sind nicht weit davon entfernt, dass die Markierung der Auszumerzenden von den Institutionen der Gesundheitsversorgung vorgenommen wird. Natürlich im Interesse der Volksgesundheit. Medizinische Versorgung wollen manche schon heute nur noch denjenigen angedeihen lassen, die sich nachweislich weder durch Nikotin, Alkohol, Zucker, tägliche Frühstückseier noch durch tierische Fette selbst schädigen.
Die herrschende Rede von einer geradezu grenzenlosen Eigenverantwortlichkeit vernachlässigt alle möglicherweise entschuldigenden Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft, wie Moden, reale Zwänge, Anpassungsdruck innerhalb von Peer Groups usw. . Diese herrschende Rede findet ihren Ausdruck in der Missachtung von Menschen, die sich moralisch verwerflich verhalten, weil sie eine Hose bei KiK einkaufen statt bei Esprit – obwohl unter den Toten der Textilfabrik in Bangladesh auch Menschen waren, die zum gleichen, niedrigen Lohn, unter den gleichen üblen Arbeitsbedingungen für Markenhersteller gearbeitet haben. Kampagnen für moralischen Konsum haben Folgen: 1. Sie erhöhen Marktanteile, Umsätze und damit die Gewinne marktmächtiger Unternehmen. 2. Sie legitimieren moralische Überheblichkeit derer, die sich diese Konsumform durchgängig leisten können. 3. Sie festigen die Vorstellung, es gehe allen Individuen unserer Gesellschaft so gut, dass sie zumindest punktuell sich moralischen Konsum leisten können. 4. Menschen, die sich nicht als moralische Konsumenten verhalten, werden abgewertet.
So wird ein umfassend abwertendes Menschenbild geprägt eines dumpfen, amoralischen Pöbels, der mit der Bierflasche in der Hand seine 150 kg auf die Couch fallen lässt und Soaps der privaten Fernsehsender ansieht. Ilka Bessin karikierte in ihrer Rolle als Cindy aus Marzahn diese Menschengruppe, bis sie dessen gewahr wurde, dass ihre Bühnenrolle dieser Abwertung einer Menschengruppe Vorschub leistete.

Die Wiederkehr des Faschismus im Gewande der Demokratie
Kaum einer der moralischen, antirassistischen Antifaschisten hat einen Blick für die Gefahr die sich aus dieser systematischen Abwertung vermeintlich niedriger Schichten ergibt. Als bürgerlicher Demokrat ist man felsenfest davon überzeugt, dass es »die anderen« sind, die zum Faschismus neigen. Dabei werden Cindys Freunde aus Marzahn nicht selten als Unterstützer eines neuen protofaschistischen Pöbels angesehen, der mangels Bildung nicht in der Lage sei, die durch Rassismus, Xenophobie und Homophobie gekennzeichnete Gefahr zu erkennen und ihr entgegenzuwirken. Das eigene bürgerlich-liberale Weltbild folgt jedoch der gleichen Ideologie, die 1933 mit Zustimmung des Bürgertums das arbeitsscheue Gesindel dazu zwang, die Baracken für die Politischen vorzubereiten. An Gleichheit orientiertes Denken musste effektiv unterdrückt werden, denn anders wäre es nicht gelungen die Ungleichwertigkeit der Rassen bis zur Massenvernichtung politisch durchzusetzen. Wegen dieses grundsätzlichen Unterschieds zwischen Ideologien der Ungleichheit und Ideologien der Gleichheit kann die gegenwärtige Propaganda zu angeblicher Zusammenarbeit zwischen rechten und linken Kritikern der Demokratie [Querfront_Vorwurf] begründet als reine Propaganda entlarvt werden.
Uns droht eine Wiederkehr des Faschismus als nach innen und außen aggressiver Form der Herrschaft des Kapitals. Diesmal könnte die muslimische Weltverschwörung zum auszumerzenden Anderen gemacht werden. »Unsere« Kultur ist nämlich christlich-jüdisch-abendländisch geworden. Wie man »das Jüdische« schützt, definiert für die amtierende deutsche Regierung die gegenwärtige fundamentalistische, rassistische Rechts-Regierung des Staates Israel.

 

 

 

 

 

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