Es geht. Ohne Glaubenskriege.

Kein einziges der in der Menschenrechtscharta gefassten Rechte ist mit dem Absolutheitsanspruch geltend zu machen, der von a-politischen und a-sozialen Fanatikern mit Brettern vorm Kopf und Scheuklappen geltend gemacht wird. Jedes dieser Rechte findet seine realen Beschränkungen
1. im gleichen Recht anderer
2. in konkurrierenden Rechten
3. im Grundsatz der Gleichbehandlung vor dem Gesetz.

Das Recht auf freie Religionsausübung ist eines der Felder auf dem der entwickelte, aufgeklärte, säkulare Europäer seine Werte-Überlegenheit gegenüber islamischen Dumpfbacken austobt. Der darin zum Ausdruck kommende Eurozentrismus und auffällige Mangel an Kenntnis der eigenen Gesellschaft erfasst auch viele Menschen, die sich selbst für »informiert und fortschrittlich« halten. Deshalb habe ich als Einstieg ein Beispiel gewählt, das nicht in die Kategorie »Migrant aus dem Mittelmeerraum trifft auf Mecklenburg-Vorpommern« gehört, sondern in die Kategorie »Alternative Familie mit Kindern aus der Großstadt trifft auf mittelfränkisches Kirchdorf«.

Ein  Kirchdorf  in Mittelfranken in  dem ich zwischen   1971 und 1982 wohnte besuche ich hin und wieder. Vor kurzem erfuhr ich dort beim Nachmittagskaffee,  dass  ein Zugezogener Ärger verursacht. Er hat ein älteres Gehöft erworben, das an einem geteerten Weg liegt, vielleicht ein bisschen mehr als 50 Meter von der Kirche entfernt. Meines Wissens gibt es für protestantische Kirchen – eine solche ist es – eine »Läuteordnung«, die von kirchlichen Organen, Pfarrgemeinderat und Pfarrerin, festgelegt wird.
Zwei Probleme  bringen den Zugezogenen im ländlichen Idyll auf die Palme:
• Es stört ihn, dass der geteerte Weg vor dem Haus, ein öffentlicher Weg, von manchen Einwohnern als »Schleichweg« zur nahen Kreisstraße benutzt wird, es also dort »Verkehr« gibt.
• Der durch die Läuteordnung verursachte Lärmpegel beeinträchtigt seine körperliche Unversehrtheit.
Möglicherweise hat er bei der Besichtigung des Kaufobjekts eine Augenbinde getragen und jetzt stören ihn die angeführten Begleiteigenschaften der erworbenen Gebäude.
Deshalb hat er jetzt Rechtsmittel ergriffen gegen Gemeinde und Kirchengemeinde und sich dadurch richtig Feinde gemacht – auch unter denjenigen, die sich gefreut hatten, dass das alte Gehöft einen neuen Besitzer bekommt, der es liebevoll herrichtet. Der Zugezogene verlangt die Sperrung des Schleichwegs. Dieser soll  zu einer Sackgasse gemacht werden, damit durchfahrende Fahrzeuge den neuen Bewohner nicht mehr stören (ca. 200 Bewegungen/Tag = 8/Stunde, wenn jeder Bewohner zwischen 0 und 80 + einmal täglich diesen Weg nimmt)  Er konnte ja wirklich nicht damit rechnen, dass man sich sinnvollerweise auch auf dem Dorf an die Regel hält »Schau links, schau rechts!«  und es auch auf dem Land Menschen gibt, die auf die Arbeit fahren. Die Läuteordnung soll geändert werden, am besten soll gar nicht mehr geläutet werden, denn in der Kirche finden – so  ist dem Webauftritt der Kirchengemeinde zu entnehmen – keine regelmäßigen Gottesdienste mehr statt. Aus Sicht des Zugezogenen wird dieser einer völlig ungerechtfertigtem Lärmbelastung ausgesetzt, wenn über das zarte Klingen der Turmuhr hinaus drei mal täglich die Glocken schlagen
Für die Ansässigen, gleichgültig ob katholisch, evangelisch, freireligiös, nicht kirchlich gebunden… ist der Schlag der Kirchenuhr ein Teil ihrer dörflichen Kultur. Er markiert Tagesanfang und Feierabend und auch die Tagesmitte. Die Sperrung des Weges wäre ein Eingriff in Jahrhunderte alte Wegerechte. Die Nutzer sehen nicht ein, dass sie mit ihren Fahrzeugen, heute halt Autos statt Kutschen und Pferdefuhrwerke, auf ihrem Weg in die nahe kleine Stadt Umwege fahren sollen. Auf dem Rechtsweg sollen, bzw. müssen jetzt auf Betreiben des Zugezogenen folgende Fragen geklärt werden:
• Ist den neuen Bewohnern des Gehöfts ein morgendlicher und abendlicher Pendlerverkehr  von einigen Fahrzeugen mit Privat-PKW auf dem Weg vor ihrem Haus zuzumuten?
• Stören die Kirchenglocken in einem Ausmaß den Schlaf, dass gesundheitliche Schäden zu befürchten wären?
• Kann man die Glocken leiser stellen oder muss man sie ganz abstellen?
• Darf die dörfliche, religiös motivierte Tradition des Läutens weiterhin gepflegt werden? In welchem Umfang? Ist sie Teil der Religionsfreiheit, oder geht auch stilles Christentum?
Schwierig und gleichzeitig möglicherweise einträglich für die Anwälte beider Parteien.

Ortswechsel in den nahen Ballungsraum

in meine Geburtsstadt mit zwei Hauptkirchen und vielen anderen, von denen jede ihre eigene Läuteordnung hat. Entlang der Ausfallstraßen Gesundheitsgefährungen durch Abgase, Fahrzeuglärm, Park-Such-Verkehr in den Nebenstraßen, Glockenläuten hörbar im Umkreis aller Kirchen, in der Fußgängerzone der Innenstadt mittags gleich von mehreren Kirchen aus verschiedenen Richtungen. Auch hier habe ich über einige Jahre gewohnt.
Schwierig und gleichzeitig möglicherweise einträglich für die Anwälte vieler streitender Initiativen für und gegen Parkplätze, für und gegen Spiel- und Bolzplätze, ruhebedürftige Anwohner –  Rentner und Schichtarbeiter –   gegen Speiselokale, Nachtbars und Diskotheken mit umtriebigen Studenten und Künstlern.
Stellen Sie sich vor, sie lebten in einem dieser gewachsenen Viertel mit Häusern aus der Gründerzeit, zusammen mit gottlosen, christlichen, jüdischen und islamischen Nachbarn. Man kann dann wirklich von Glück reden, dass nicht jede Religion akustisch auf sich aufmerksam macht. Sonst müsste man ihnen allen nämlich ihre Glocken, ihre Gebetsrufer, die Umzüge ihrer Ratschen drehenden und singenden Mönche erlauben. Oder vielleicht doch nicht? Gibt es ältere und neuere Ansprüche auf religiöse Freiheit? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst? Kleine Glocke oder große Glocke? Muezzin mit Lautsprecher oder ohne, vielleicht gar keiner? Orangegelbe Umzüge, täglich oder nur auf Voranmeldung beim Ordnungsamt? Synagoge unscheinbar oder doch eher repräsentativ wie die in der Oranienburger Straße in Berlin? Moschee mit Minarett oder ohne? Höher vielleicht sogar als der Turm der benachbarten Kirche? Alle Türme weg und nur noch ebenerdige Gebetshäuser für Alewiten, Römisch-katholische, Bhagwans und Zeugen Jehovas? Alle gleich berechtigt, so lange sie nicht hoch hinaus wollen? Was gehört zu Deutschland? Der „Wachtturm“, die Heilsarmee, die Tafel?

Sind das nicht alltägliche Konflikte, die ein Gemeinwesen einigermaßen zivilisiert lösen muss und kann – ohne in Glaubenskriege und menschenrechtliche Grundsatzdebatten zu verfallen?  Wenn diese Konflikte überhaupt etwas mit Kultur zu tun haben, dann doch am ehesten mit der Rechtskultur gegenwärtiger Demokratien und den in ihnen lebenden Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen, für die man ein leidliches Miteinander organisieren muss. Für alle erträglich ist ein Miteinander, das Zugezogene  nicht  vor die Wahl stellt sich innerhalb von 4 Wochen zwischen Integration oder Assimilation zu entscheiden  und sie dann dazu zwingt, die dazugehörigen sozialen Prozesse innerhalb von 12 Monaten zu bewältigen. Es muss amtlicherseits sicher auch nicht durchgesetzt werden, dass eine städtische Normbetriebszeit zwischen 7 und 19 Uhr eingehalten wird.

Am liebsten gehen halt manche Menschen gegen andere Menschen vor. Gegen das Auto, der deutschen liebstes Kind,  den dadurch verursachten Lärm, Gestank und Dreck kann man ja nichts machen. Mit Unterstützung der Autofetischisten aller Religionen, jeglicher Herkunft, jeglichen Geschlechts, jeglicher Hautfarbe gibt es nicht den geringesten Zweifel an einer umfassenden Durchsetzung des zentralen Inhalts  deutscher Kultur. Noch Fragen?

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