Stoffwechsel

Postwachstum

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Pluralität und Konsens

Weil dieses Papier aus dem Jahr 2011 leider immer noch von großer Aktualität ist, stelle ich es hier wieder zur Verfügung.

In die Diskussion eingebracht habe ich es seinerzeit mit dem Untertitel: „Ist die formale Konstituierung von Strömungen und deren personelle Repräsentanz
möglicherweise ein Geburtsfehler der LINKEN?“

Zum Text: Pluralität und Konsens

Die Zerlegten

Das Recht auf Eigentum beeinträchtigt massiv  die Gleichheit der Menschen. Der Tendenz des Eigentums, sich stetig zu vermehren, kann man nämlich nur durch Spiel- oder andere Süchte entgegenwirken. Der hoch entwickelte Kapitalismus hat  nicht allein Waren aus Stoffen erzeugt, wie Marx es im Kapital beschreibt.  Über die Aufspaltung des persönlichen Arbeitsvermögens in eine Vielzahl individueller Fähigkeiten  hat  er jegliche menschliche Eigenschaft in ein handelbares Gut verwandelt.

Das gegenwärtige Ausmaß der Arbeitsteilung scheint die Individuen selbst zu zerlegen. Wer seine Existenz sichern will, verkauft seine Phantasie an die Kulturindustrie, seine Ausdauer an die Profiteure des Leistungssports und seine Fähigkeit des Hineinfühlens in sozialen Berufen. Er fertigt kleine Tonplastiken, um sie am Souvenirstand zu verhökern. Er trainiert Sehnen und Muskulatur – nicht  wegen der Freude an Bewegung, sondern um durch einen besonders waghalsigen Sprung von der Brücke  oder aus den Wolken ein Einkommen zu erzielen. Weil er so überwältigend mutig ist, kann er gegen Geld  am Abend oder am Wochenende anderen „Selbstvertrauen“ beibringen. Die modische Vorstellung von einem  bedingungslosen Grundeinkommen soll uns weismachen,  die Unsicherheit  einer solchen Existenz  und ihre Zerrissenheit  sei „Selbstverwirklichung“. Dabei steht jede dieser Tätigkeiten der zerlegten Person im Dienst des Verkaufs der Ware Arbeitskraft.  Angeblich freiwillig hat Mensch sein Arbeitsvermögen aufgespalten und verkauft es nicht mehr  in der Form des  doppelt freien Lohnarbeiters, sondern in seinen einzelnen Bestandteilen als mehrdimensionaler Knecht. Es entspricht nicht der Wahrheit, wenn behauptet wird, ein sicheres Einkommen aus Transferleistungen bedeute ein Ende des Verkaufs der Arbeitskraft, ein Ende der Lohnarbeit oder gar des Kapitalismus. Die skizzierte Person, das Individuum, ist mehr denn je Ware, Teil der fast 100%-ig vermarkteten Welt.

Menschen und Menschheit werden gezwungen darüber nachzudenken, wie  sie sich im Interesse des Überlebens Tag für Tag für den Markt neu zusammensetzen. So erübrigt sich auch die Rede von der „Identität“.  Den Zwang zu täglicher Neuerfindung des „Ich“ als Freiheit auszugeben, kann nur solange gelingen, wie Menschen alle unanständigen Fragen zu Profiteuren – Besitzverhältnissen, Abhängigkeiten, Herrschaftsverhältnissen – unterlassen.  Ich bleibe misstrauisch gegenüber  Menschen, die behaupten, die Eigentumsfrage sei historisch überholt.

Neues Reizwort: Sammlungsbewegung

Wieder einmal diskutieren Linke und Mitglieder der LINKEN, Menschen also, die der Überzeugung sind, dass sie selbst »richtig« links sind, ob ein anderer Mensch aus genau dieser Grundmenge noch links ist. Sie gehen dabei davon aus, dass es politisch sinnvoll und wichtig ist, zu entscheiden mit wem man wohin geht, bevor man einen Minimalkonsens erarbeitet hat, welches Ziel auf welchem Weg angestrebt werden soll. Die allerersten Fragen dazu lauten: Gegen welchen Zustand, welche Handlungsweisen, welche ungerechtfertigte Fremdbestimmung will ich mich wehren? Gibt es in meinem Umfeld andere Menschen, die Gleiches als ärgerlich empfinden? Welchen Beitrag kann und will ich dazu leisten, dass dieses »Sich-zur Wehr-setzen« Erfolg hat. Erkannt? Ich bin es, meine Bedürfnisse und Interessen und meine Suche nach Möglichkeiten der Unterstützung durch andere sind Ausgangspunkt alles Politischen. Mein Misstrauen gegenüber Menschen, die nicht von sich und ihren Interessen sprechen, sondern von Gemeinwohl, Werten, Tugenden hat zugenommen, nicht abgenommen, seit ich wie viele Pubertierende angefangen habe, die Welt um mich herum zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wer erwachsen wird, fängt an, das zu versuchen.

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Verschwörungen

Lt. Duden ist eine Verschwörung die gemeinsame Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas (besonders gegen die staatliche Ordnung). Als Synonyme werden genannt: Intrige, Komplott; (bildungssprachlich) Konspiration; (veraltend) Geheimbündelei; (veraltet) Konjuration

Mit diesen Begriffen verbunden ist die  Konnotation von einem Vorgehen im Geheimen, auf der Ebene persönlicher, nichtöffentlicher Kommunikation  mit einer beabsichtigten schädlichen Wirkung auf einen realen oder vorgestellten Gegner.

Als Verschwörungen in diesem Sinne  sind zu betrachten:

  • die Absprachen des Seeheimer Kreises in der SPD (Verschwörung gegen die Sozialdemokratie)
  • die Kartellabsprachen in der deutschen Betonindustrie (Verschwörung gegen private und öffentliche Bauherren)
  • die Vereinbarungen der deutschen Automobilindustrie zur Begrenzung der Größe von „Add Blue“-Tanks für Dieselfahrzeuge (Verschwörung gegen gutwillige Verbraucher)
  • die Bemühungen eines Mobbers/einer Mobberin Verbündete gegen einen missliebigen Kollegen zu mobilisieren (Verschwörung gegen einen Arbeitskollegen)
  • Verweigerung der Aufklärung zu behördlichem Vorgehen in klar definierten Zusammenhängen ( Gezielte Desinformation zur Durchsetzung bestimmter politischer Ziele)

Diese Liste ist  unvollständig.

Wie wir alle wissen, sind solche Praktiken allgemein üblich. Wer zu den Leidtragenden, den Benachteiligten solcher Vereinbarungen hinter verschlossenen Türen, auf den Fluren und Toiletten gehört, hat meistens das Nachsehen, denn das Vorgehen ist in den seltensten Fällen ungesetzlich.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese im Alltag verankerten Praktiken  im Feld der Politik aus demokratierechtlichen Gründen unterbleiben. Im Gegenteil. Die Notwendigkeit sich Mehrheiten und Vorteile bei anstehenden Entscheidungen zu verschaffen, macht diese Art des Handelns im Rahmen der parlamentarischen Demokratie  erforderlich. Die parlamentarische Demokratie verzichtet nämlich nicht nur in Deutschland auf  unmittelbare inhaltliche Entscheidungen der Bürger  [ GG, Art. 20, Abs. 2 „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.]  Nur  bei Volksentscheiden würde es nötig, alle Menschen eines definierten Territoriums im Rahmen einer offenen und öffentlichen Debatte anzusprechen und inhaltlich zu überzeugen.  Wer  Volksentscheide nicht will,  verlangt  sogar Verschwörungen, denn Parteien, Organisationsvorstände, Fraktionen sind gehalten hinter verschlossenen Türen zu tagen, damit die jeweils anderen, konkurrierenden Organisationen nicht mitbekommen, worauf man hinauswill.  Sie müssen  für die Öffentlichkeit das Bild der Geschlossenheit erzeugen, denn „Zerstrittenen“ traut man kein zielgerichtetes Handeln zu.

Parlamentarische Demokratien sind deshalb zum Ausgleich dieser Praxis auf Menschen angewiesen, die Verdacht schöpfen, Verschwörungstheorien entfalten und akribisch nachforschen, wer sich da insgeheim mit wem zusammengetan hat, um etwas Bestimmtes zu erreichen.  Whistleblower, Verräter, Maulwürfe sind strukturell notwendig zu besetzende Rollen,  damit die Verschwörungen keinen Erfolg haben.

Zusammengefasst: Die real vorhandene parlamentarische Demokratie  verneint, was die menschlichen Individuen zur Zusammenarbeit befähigt: Vertrauen und Zutrauen. Sie erzeugt konkurrierende, missgünstige Kollektive, die gegenüber den Mitgliedern anderer Kollektive zu allen Schandtaten bereit sind.