Weltoffen

Bildquelle: commons.wikimedia Autor: fremantleboy and Marcel Krüger

Vorsicht! Der nachfolgende Text schürt Vorurteile!

Ich muss zugeben: ich habe noch nie Orte und Menschen in Afrika, Asien, Australien oder Lateinamerika besucht – nur  zweimal eine Verwandte in Kanada. Nicht einmal alle Länder Europas habe ich schon gesehen, und außer meiner Muttersprache beherrsche ich nur 2 andere leidlich, in zwei weiteren kann ich mit etwas Sprachgefühl und einem Wörterbuch ausdrücken,  dass ich ein Zimmer brauche oder etwas zu essen. Ich bemühe mich, wo immer ich hinkomme im Idiom der Ansässigen „Guten Morgen“, „Gute Nacht“, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen.

Auf dem flachen Land, außerhalb der Ballungsräume, in der Provinz, in der Pampa, im ländlichen Raum wohnen Menschen, die – genauso wie die Städter – All-Iinclusive-Hotels aller Kontinente kennen, sich aber nicht zutrauen selbständig,  ohne Fremdenführer und die Freunde der Besuchergruppe  die Landeshauptstadt ihres Bundeslandes aufzusuchen. Umgekehrt stellen an schönen Tagen, im Sommer mit Sonne und im Winter mit Schnee, Ballungsräumler in den landwirtschaftlich genutzten Teilen unserer Republik ihre Fahrzeuge ab.  Während das Lichtlein zeigt, dass der Vorgang des Verschließens beendet wurde, machen sie sich auf den Weg. Sie leitet die Annahme, was dem Auge als „grün“ erscheine, sei Natur. Darin laufen sie umher,  fahren mit Rädern, schwingen sich an Seilen von Ast zu Ast und  rutschen bei Schnee auf zwei schmalen Brettern, manchmal auch auf nur einem breiten, die Hänge hinunter. Dass im Sommer die Flora einer Piste eine andere ist, als die einer Schafhut, anders als die einer Streuobstwiese oder der Dauerwiesenmischung  B der Baywa ist den meisten nicht bekannt. Grün halt.

In der Natur gibt es nach Vorstellung dieser Besucher  Grün, unzulässigerweise verfolgte Tiere und Dienstleistungspersonal in den Erscheinungsformen höflich und unfreundlich. Es entgeht ihnen deshalb völlig, dass in dieser Grünwelt Menschen leben, die als Landwirte  ihre Existenz sichern. Dieses, genauso wie in München bei BMW unter industriellen Bedingungen, also unter Zeitdruck, mit gehörig verdichteter Arbeit. Glücklicherweise haben die Städter Angst vor verstrahlten Pilzen und Beeren mit Fuchsbandwurm. Sie nehmen sie nicht mit, sondern zertrampeln sie bloß oder reißen sie aus.  An zentralen Orten, Verkehrsknotenpunkten der Grünwelt, gibt es  Tankstellen, manche mit belegten Brötchen manche ohne. Es gibt auch Gastronomiebetriebe;  Bäckereien und  Metzgereien, die diese versorgen und auf dem Platz vor dem Rathaus einen Hotspot, denn kostenloses WLAN und Internet braucht man im Grün. Sonst besucht keiner die Natur, denn sie wäre langweilig. Mit den Menschen im Grün, die am Abend ihre Wohnstätten aufsuchen, kommen die Besucher nicht in Kontakt. Das geht gar nicht. Die meisten von ihnen fahren nämlich täglich am Morgen zur Arbeit, lange vor Ankunft der Ballungsräumler oder vor deren Hotelfrühstück.  Abends kommen sie zurück, meistens erst nach Abfahrt der Ballungsräumler oder nach deren Abendessen. Das alles spielt sich heimlich im Grünen ab, denn die Naturbesucher kennen nur die Parkplätze  ihrer eigenen Autos.  Deshalb denken sie, es gebe im Grünen nur Bauern und Traktoren.

Die weltoffenen Naturfreunde aus der Stadt wissen aus den Medien ganz genau Bescheid über die Lebensbedingungen der Näherin in Bangladesh und die Sorgen des von seinem Land vertriebenen Rosenschneiders in Kenia. Über Sachen reden die! Sie vergleichen z. B. die „Szene“ in Berlin, München, London oder New York, vielleicht auch mit der in Dresden oder Leipzig. Dörfer haben keine Szene, zumindest keine, die helfen könnte, sie von anderen Dörfern zu unterscheiden. Meint der Städter. Genau der Städter, der fest davon überzeugt ist, auch extrem stark pigmentierte Menschen von einander unterscheiden zu können – im Gegensatz zu den rassistischen Landbewohnern, die mangels Erfahrung im Umgang in erster Linie die Hautfarbe wahrnehmen.

Was allerdings das Grüne betrifft, in dem sie herumtapsen wissen sie – erraten – nichts.

Nicht

  • dass dort  der Arbeitstag inkl. Wegezeit mindestens 10 bis 12 Stunden dauert
  • die Menschen im Grünen 20 -25 % weniger verdienen, obwohl die Preise bei Aldi und Lidl überall gleich sind
  • der Einzelfahrschein zur Arbeitsagentur in der Kreisstadt im günstigsten Fall 4,76 € kostet
  • und die industrialisierten Landwirte in den von Boden und Landschaftsprofil wenig begünstigten Gegenden nur mit größter Mühe wirtschaftlich überleben können.

Was sie zu wissen glauben ist

  • dass die Leute im Grünen viel zuviel Fleisch essen.  Sie erkennen es  an den Wirtshausportionen, die man ihnen zu günstigen Preisen auf die Teller lädt, weil die Dödel auf dem Land nicht wissen, dass der moderne Städter vegan isst.
  • dass profitgierige Bauern den lieben Bibern, Reihern, Wildschweinchen und Wölfen an den Kragen wollen.
  • dass  wegen ihrer eingeschränkten Weltsicht alle Grünbewohner mindestens konservativ, eher reaktionär bis braun sind.

Was sie ganz sicher wissen:

  • dass gleich nach dem Ortsende-Schild der Landeshauptstadt mit dem roten, schrägen Balken das Barbaricum beginnt.
  • dass man auf dem Land kein Geld braucht, weil die sozialen Netze noch funktionieren. Deshalb ist ihr Zimmer auch so billig.
  • dass der Dialekt der Landeshauptstadt die Landessprache ist,  nur für die Wilden  eine Fremdsprache.

Weltoffen. Aufgeklärt. Informiert. So sind sie halt, die Städter.

 

 

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