Gegen Rechts – aber wie…

Ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest des vergangenen Jahres wurde ich durch diese Anmerkung in den Nachdenkseiten an eine Auseinandersetzung unter Antifaschist*innen im Jahre 2010 oder 2011 erinnert. Für einige Zeit (mehrere Stunden) hatte das nd online einen Hinweis veröffentlicht auf den Wohnort von Jürgen Elsässer, einem seit einigen Jahren der Rechten zuzuordnenden Journalisten.  [ Grobe Informationen zu Jürgen Elsässer und seiner 180°-Wende von der radikalen Linken zur  radikalen Rechten auf wikipedia ]

Es ist jetzt etwa 7-8 Jahre her, vielleicht ein bisschen länger, dass ein mehrfach verurteilter Neonazi, Martin Wiese, nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe an einem Ort in der Nähe  der niederbayerischen Stadt Landshut eine Wohnung bezog.

Auch ich wurde gebeten, mich an Aktionen zu beteiligen, die darauf abzielten dem Martin Wiese seinen neuen Wohnort zu vergällen und ihn kontinuierlich von allen Orten zu vertreiben, an denen er sich niederlassen wolle. Diese Absicht war auch auf Flugblättern des örtlichen Bündnisses gegen Rechts nachzulesen. Dummerweise habe ich diese Aktionen nicht allein nicht unterstützt, sondern darauf hingewiesen, dass ähnliche Aktionen in Widerspruch stünden zu den Menschenrechten. Martin Wiese habe seine Strafe abgesessen, es sei legal und legitim ihn im Auge zu behalten, Aktionen die darauf gerichtet seien, ihm die freie Wahl des Wohnsitzes streitig zu machen würden jedoch gegen die Grundrechte verstoßen. Derartige Aktionsformen fänden nicht meine Unterstützung. Wegen strafbarer Handlungen könnten zwar durch Gerichte bürgerliche Rechte eingeschränkt oder auf Zeit entzogen werden, nicht aber die verfassungsmäßigen Grundrechte.

Die  für die vorgeschlagenen Aktionsformen wesentlich Verantwortliche, eine Bundestagsabgeordnete der LINKEN, hielt es daraufhin für angemessen, meine antifaschistische Grundhaltung in Frage zu stellen und die VVN-BdA  per Mail zu bitten, mich auszuschließen. Leider ist der Ordner „Ärgerliches“ vor ein paar Monaten einer meiner Aufräumaktionen zum Opfer gefallen. Da diese Mail einem größeren Empfängerkreis zur Kenntnis gegeben wurde, ging eine ganze Reihe von Reaktionen auf meine Kritik auch mir selbst zu. Eine davon nahm ich zum Anlass, mich grundsätzlich  in Sachen „Antifa“ zu äußern.

Mein damaliger Text unter dem Titel „Ein Beitrag zur Geltung der Menschenrechte im verminten Feld zwischen Nazis, Antifa und den revolutionären Teilen der bundesdeutschen Linken“ ist hier nachzulesen.

Dass wir vom Ziel einer Gesellschaft der Gleichen noch weit entfernt sind, sollte uns nicht dazu verleiten, hinter den historisch erreichten Rechtsstand zurückzufallen. Gerade heute nicht,  zu einem Zeitpunkt an dem auch unter Linken die Zahl der Menschen zunimmt, die bereit sind,  unter dem Mantel „Schutz der Menschenrechte“ illegale Kriege zu führen. Kriege beinhalten immer umfassende, willkürliche Verletzungen des Rechts auf Leben und köperliche Unversehrtheit, sind also in fast allen Fällen völkerrechtswidrig und IMMER menschenrechtswidrig.

 

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Erinnerungskultur

Antifaschismus im Deutschland des Jahres 2018 zeigt sich in erster Linie als Erinnerungskultur. Gegenwärtige klare Positionen gegen Krieg ,  gegen die Beteiligung geheimdienstlicher agents provocateurs  an terroristischen Anschlägen und gegen die soziale Ausgrenzung materiell benachteiligter Gruppen werden als rechts diffamiert. Das gelingt hervorragend indem man das zoon politikon verwandelt in den verantwortungsbewussten Bürger unserer marktförmigen Demokratie.

 

 

Weltoffen

Bildquelle: commons.wikimedia Autor: fremantleboy and Marcel Krüger

Vorsicht! Der nachfolgende Text schürt Vorurteile!

Ich muss zugeben: ich habe noch nie Orte und Menschen in Afrika, Asien, Australien oder Lateinamerika besucht – nur  zweimal eine Verwandte in Kanada. Nicht einmal alle Länder Europas habe ich schon gesehen, und außer meiner Muttersprache beherrsche ich nur 2 andere leidlich, in zwei weiteren kann ich mit etwas Sprachgefühl und einem Wörterbuch ausdrücken,  dass ich ein Zimmer brauche oder etwas zu essen. Ich bemühe mich, wo immer ich hinkomme im Idiom der Ansässigen „Guten Morgen“, „Gute Nacht“, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen.

Auf dem flachen Land, außerhalb der Ballungsräume, in der Provinz, in der Pampa, im ländlichen Raum wohnen Menschen, die – genauso wie die Städter – All-Iinclusive-Hotels aller Kontinente kennen, sich aber nicht zutrauen selbständig,  ohne Fremdenführer und die Freunde der Besuchergruppe  die Landeshauptstadt ihres Bundeslandes aufzusuchen. Umgekehrt stellen an schönen Tagen, im Sommer mit Sonne und im Winter mit Schnee, Ballungsräumler in den landwirtschaftlich genutzten Teilen unserer Republik ihre Fahrzeuge ab.  Während das Lichtlein zeigt, dass der Vorgang des Verschließens beendet wurde, machen sie sich auf den Weg. Sie leitet die Annahme, was dem Auge als „grün“ erscheine, sei Natur. Darin laufen sie umher,  fahren mit Rädern, schwingen sich an Seilen von Ast zu Ast und  rutschen bei Schnee auf zwei schmalen Brettern, manchmal auch auf nur einem breiten, die Hänge hinunter. Dass im Sommer die Flora einer Piste eine andere ist, als die einer Schafhut, anders als die einer Streuobstwiese oder der Dauerwiesenmischung  B der Baywa ist den meisten nicht bekannt. Grün halt.

In der Natur gibt es nach Vorstellung dieser Besucher  Grün, unzulässigerweise verfolgte Tiere und Dienstleistungspersonal in den Erscheinungsformen höflich und unfreundlich. Es entgeht ihnen deshalb völlig, dass in dieser Grünwelt Menschen leben, die als Landwirte  ihre Existenz sichern. Dieses, genauso wie in München bei BMW unter industriellen Bedingungen, also unter Zeitdruck, mit gehörig verdichteter Arbeit. Glücklicherweise haben die Städter Angst vor verstrahlten Pilzen und Beeren mit Fuchsbandwurm. Sie nehmen sie nicht mit, sondern zertrampeln sie bloß oder reißen sie aus.  An zentralen Orten, Verkehrsknotenpunkten der Grünwelt, gibt es  Tankstellen, manche mit belegten Brötchen manche ohne. Es gibt auch Gastronomiebetriebe;  Bäckereien und  Metzgereien, die diese versorgen und auf dem Platz vor dem Rathaus einen Hotspot, denn kostenloses WLAN und Internet braucht man im Grün. Sonst besucht keiner die Natur, denn sie wäre langweilig. Mit den Menschen im Grün, die am Abend ihre Wohnstätten aufsuchen, kommen die Besucher nicht in Kontakt. Das geht gar nicht. Die meisten von ihnen fahren nämlich täglich am Morgen zur Arbeit, lange vor Ankunft der Ballungsräumler oder vor deren Hotelfrühstück.  Abends kommen sie zurück, meistens erst nach Abfahrt der Ballungsräumler oder nach deren Abendessen. Das alles spielt sich heimlich im Grünen ab, denn die Naturbesucher kennen nur die Parkplätze  ihrer eigenen Autos.  Deshalb denken sie, es gebe im Grünen nur Bauern und Traktoren.

Die weltoffenen Naturfreunde aus der Stadt wissen aus den Medien ganz genau Bescheid über die Lebensbedingungen der Näherin in Bangladesh und die Sorgen des von seinem Land vertriebenen Rosenschneiders in Kenia. Über Sachen reden die! Sie vergleichen z. B. die „Szene“ in Berlin, München, London oder New York, vielleicht auch mit der in Dresden oder Leipzig. Dörfer haben keine Szene, zumindest keine, die helfen könnte, sie von anderen Dörfern zu unterscheiden. Meint der Städter. Genau der Städter, der fest davon überzeugt ist, auch extrem stark pigmentierte Menschen von einander unterscheiden zu können – im Gegensatz zu den rassistischen Landbewohnern, die mangels Erfahrung im Umgang in erster Linie die Hautfarbe wahrnehmen.

Was allerdings das Grüne betrifft, in dem sie herumtapsen wissen sie – erraten – nichts.

Nicht

  • dass dort  der Arbeitstag inkl. Wegezeit mindestens 10 bis 12 Stunden dauert
  • die Menschen im Grünen 20 -25 % weniger verdienen, obwohl die Preise bei Aldi und Lidl überall gleich sind
  • der Einzelfahrschein zur Arbeitsagentur in der Kreisstadt im günstigsten Fall 4,76 € kostet
  • und die industrialisierten Landwirte in den von Boden und Landschaftsprofil wenig begünstigten Gegenden nur mit größter Mühe wirtschaftlich überleben können.

Was sie zu wissen glauben ist

  • dass die Leute im Grünen viel zuviel Fleisch essen.  Sie erkennen es  an den Wirtshausportionen, die man ihnen zu günstigen Preisen auf die Teller lädt, weil die Dödel auf dem Land nicht wissen, dass der moderne Städter vegan isst.
  • dass profitgierige Bauern den lieben Bibern, Reihern, Wildschweinchen und Wölfen an den Kragen wollen.
  • dass  wegen ihrer eingeschränkten Weltsicht alle Grünbewohner mindestens konservativ, eher reaktionär bis braun sind.

Was sie ganz sicher wissen:

  • dass gleich nach dem Ortsende-Schild der Landeshauptstadt mit dem roten, schrägen Balken das Barbaricum beginnt.
  • dass man auf dem Land kein Geld braucht, weil die sozialen Netze noch funktionieren. Deshalb ist ihr Zimmer auch so billig.
  • dass der Dialekt der Landeshauptstadt die Landessprache ist,  nur für die Wilden  eine Fremdsprache.

Weltoffen. Aufgeklärt. Informiert. So sind sie halt, die Städter.

 

 

WIR und DIE (III)

Nebel wabert über Berg und Tal, wenn angesichts dieses Texts das Bemühen um die Fragen „Wessen“,  „Wer“ und „Warum“ ausbleibt.  Ohne handelnde Personen gibt es keine Politik, keine Toleranz, keinen Hass, keine Grundrechte, keine brennenden Häuser und kein Wegschauen.

Zu welchem WIR, zu welchem UNS glauben Sie selbst zu gehören? Warum? Sie sollten der Beantwortung dieser Fragen nicht aus dem Weg gehen. Vor allem dann nicht, wenn Sie überzeugt sind, Sie selbst hätten sich eine Identität erarbeitet, die nicht über die anderen,  also gesellschaftlich, vermittelt ist und auf grenzenloser Ehrlichkeit gründet gegenüber sich selbst.

 

WIR und DIE (II)

Wer Menschen die Lebensgrundlage entzieht – Zuwendung, Wertschätzung, Respekt sind dabei von gleichem Gewicht wie  Nahrung, Kleidung, Obdach – riskiert, dass sie leichter gewalttätig reagieren als andere. Kein Mensch ist unverletzbar.

Dies gilt für Nazis UND Geflüchtete. Wehren muss man der Gewalt aller. Am besten über die Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse. Wer satt ist, ein Dach über dem Kopf hat und nicht nackt gehen muss, wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein friedliebender Mensch bleiben.

WIR und DIE (I)

Mit „WIR“ und „DIE“ fing es nicht an. Das Nicht- wahrnehmen- wollen, Nicht-zulassen- wollen,  Nicht-anerkennen-wollen, dass unser aller zivilisatorische Tünche sehr dünn ist,  fördert die Projektion der eigenen Bosheit auf  das Gegenüber.

Denjenigen, die sich für die besseren Menschen halten, entgeht, dass auch sie ein WIR und ein DIE konstruieren.

Größte Übel   können  diejenigen verursachen, die sich qua Klasse, qua Rasse, qua Religion, qua Geschlecht  für die besseren Menschen halten. Sie können und wollen mit dem Risiko nicht leben, dass sie  ihr eigenes Tun  mit dem Satz kommentieren müssen: „Ich bin ja auch nur ein Mensch.“

Böse und schlecht sind IMMER die anderen, oder?