Schon wieder wird relativiert!

Ich sehe mich selbst als »Emanze« – nicht als Feministin. Was mich zu politischem Eingreifen treibt, ist die Notwendigkeit der Befreiung von Frauen und Männern, weil sie Gleiche sind. Weder Golda Meir noch Indira Gandhi, Margret Thatcher oder Angela Merkel haben die Menschheit in diesem Sinn weitergebracht. Wir werden Herrschaft und Ausbeutung kein Ende setzen, dadurch, dass wir an die vorhandenen Funktionsstellen herrschsüchtiger Männer herrschsüchtige Frauen setzen. Wir, Frauen und Männer, könnten aber dafür eintreten kollektive Leitungen auf Zeit zu bestimmen. Hätten Menschen daraus einen Vorteil, würde das gegenwärtige Gefüge ökonomischer und gesellschaftlicher Macht aufrechterhalten von Frauen? Meine Antwort darauf ist schon immer ein klares »Nein«.

Der Anlass

Sogar auf den Nachdenkseiten, einer Webseite mit linkem kritischen Anspruch ist es zu finden!!!! Ein Mann, frau stelle  sich vor, ein Mann(!) hat »die Empörung über Sexismus und die `metoo-Bewegung´ verglichen mit dem Umgang mit wirtschaftlich schwachen Menschen. Diese Relativierung sexueller Übergriffe ist nach Ansicht der Leserbriefschreiberin unnötig und unzulässig«. So der Vorspann zu einem Einspruch von Anette Sorg zu einem Interview , das Marcus Klöckner mit Bernd Stegemann führte; u. a. betreffend sein Buch »Das Gespenst des Populismus: Ein Essay zur politischen Dramaturgie«, das auch ich gelesen  und als sehr bereichernd empfunden habe. Ich habe es sogar hier auf »randständig« besprochen, obwohl ich das meistens unterlasse, denn Rezensionen gibt es im Überfluss.

Mal angenommen, ich würde das Wort »relativieren« im gleichen Sinn verstehen wie Anette Sorg – was ich allerdings nicht tue, doch dazu später – warum sollte Bernd Stegemann das nicht tun dürfen?  Warum sollte er die künstliche Aufregung der »metoo-Bewegung« nicht relativieren dürfen? Warum sollte das sogar »unzulässig« sein? Nicht allein unzulässig gegenüber einer Leserbriefschreiberin S.P., die sich gegen eine Blindheit  linker Männer  auf dem Auge  »Geschlechterapartheid«  wendet. Anette Sorg wirft damit verbunden auch gleich die Frage auf »Ist es politisch korrekt, zwei gleichermaßen zu kritiserende Vorgänge gegeneinander auszuspielen? Wird die verbale Entgleisung Brüderles, auf die Herr Stegemann hier Bezug nimmt, weniger harmlos, wenn diese mit einem anderen, natürlich ebenso unerträglichen Ereignis verglichen wird? Wohl kaum.«

Exkurs zu Risiko, Bedrohung und Angst

Das Leben aller Menschen ist ein ständig bedrohtes. Kleinkinder brauchen eine lange Zeit zu lernen, ruhig und angstfrei einzuschlafen, sich die Erfahrung zu eigen zu machen, dass die gewohnte Welt nach 12 Stunden Schlaf noch immer da ist, auch wenn sie ihnen für einige Stunden entzogen wurde. Die Angst etwas zu verpassen schwindet und die Rufbereitschaft der Erwachsenen lässt die Sicherheit wachsen, dass sich im Schlaf nichts ereignet, das einen gefährden könnte.

Alltägliche Risiken realistisch einzuschätzen bleibt Aufgabe übers ganze Leben. Diffuse Angstgefühle verweisen uns auf diese Notwendigkeit, wenn wir uns auf unbekanntes Terrain begeben, fremde Menschen auf uns zukommen, Herausforderungen, denen wir möglicherweise nicht gewachsen sind und die uns gefährlich werden könnten. Angstempfinden ist als Warnung unerlässlich, stellt aber gleichzeitig ein Risiko dar, wenn es darum geht, ungewohnte Situationen zu bewältigen. Angst kann unsicher machen, Fehler provozieren und so direkt in das Desaster führen, vor dem sie gewarnt hatte. Heerscharen von Verhaltenstherapeuten kümmern sich deshalb darum, überängstlichen Menschen, Menschen mit bestimmten Ängsten wie Angst vor Spinnen, Höhenangst, Angst vor Dunkelheit zu helfen eine Ratio zu entwickeln, die einen alltagstauglichen Umgang mit diesen Ängsten ermöglicht.

Politisch wirksam werden gegenwärtig vor allem zwei Ängste: die Angst der Frauen vor den Männern und die Angst der Einheimischen vor den Fremden. Seltsamerweise wird die Angst vor dem Fremden, die Xenophobie als echtes Handicap angesehen, das nicht allein Bereicherung durch die Begegnung mit Fremdem unmöglich macht, sondern geradewegs in menschenverachtenden Rassismus mündet. Dass Xenophobie durch Gewöhnung bekämpft werden muss, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit ungewohnten, kulturell begründeten Verhaltensweisen, dass die Überwindung der instinktiven Ablehnung eines andersartigen Äußeren eine Pflichtaufgabe ist, wird deshalb gesamtgesellschaftlich nicht bestritten.

Wer davon spricht, dass man xenophobe Ängste ernstnehmen müsse, wird infolgedessen der politischen Rechten zugeordnet.

Warum sollte ich das Angstempfinden von Frauen gegenüber Männern anders betrachten als die ganz gewöhnliche Xenophobie: Unsere Gesellschaften haben, genauso wie gegenüber fremden Kulturen, auch Grenzen errichtet zwischen Männern und Frauen, Zäune gezogen, Differenzen konstruiert, die eine Wahrnehmung von Bedrohung hervorrufen. Anders als bei der Xenophobie heißt die gesellschaftliche Antwort auf die Androphobie »Wir müssen die Ängste der Frauen ernstnehmen«. Fast niemand organisiert Lernsituationen die darauf abzielen, den Frauen zu vermitteln, dass Männer pfeifen, um die Angst vor dem dunklen Wald zu überspielen, dass die sexuelle Gewalt gepaart ist mit Versagensängsten, die männliche Überlegenheit in sich zusammenbricht, wenn man aus dem gesellschaftlich-kulturell aufgeblasenen Monster den Stöpsel zieht. »Fffft« macht es dann, wird handsam und man kann es einpacken. Gesellschaftskonform zur Abwehr der fremd anmutenden Männer sind zur Zeit allein Selbstverteidigungskurse. Diese stellen die grundsätzliche Annahme nicht infrage, Männer seien qua Geschlecht als bedrohlich und überlegen anzusehen. Die gesellschaftliche Konstruktion des »starken Mannes« wird durch das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken weder angegriffen noch aufgelöst oder überwunden, vielleicht sogar bestätigt.

Wer davon spricht, dass man die Ängste von Frauen ernstnehmen müsse, gilt allerdings – Sie ahnen es – als links.

Die imaginierte Front aller Frauen gegen männliche Bedrohung zieht sich durch Schichten und (Sub)Kulturen. Dabei findet die weibliche Solidarität rasch ein Ende, wenn frau „relativiert“ und darauf hinweist, dass die Bedrohung im öffentlichen Raum, auch in dunklen Seitenstraßen und Parks gering sei, frau aber sehr überlegt handeln solle, wenn es ansteht einem guten Bekannten die Tür zur eigenen Wohnung zu öffnen. Man erinnere sich: Verfasser*innen von Kommentaren zum Fall Weinstein, die auch nur andeuteten, es könne vereinzelt Frauen gegeben haben, die im Interesse der eigenen Karriere ein relativ offenes, einladendes Verhalten an den Tag gelegt haben, wurden sofort der Komplizenschaft verdächtigt.

Gut ablesbar war die für mich wenig überzeugende Zuordnung „Beachtung xenophober Ängste = rechts“ und „Beachtung androphober Ängste = links“ auch an der schnellen Marginalisierung kritischer Stimmen von Frauen zur beschleunigten Entfaltung eines polizeilichen Überwachungsstaates nach den sog. »Ereignissen von Köln«.

Geschlechter werden konstruiert – auch das männliche!

Ich wurde in den letzten Monaten mehrfach belehrt, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt, sondern mindestens drei – vielleicht aber auch gar keins, weil sich  weiblich und männlich als Kontinuum erwiesen haben, vielleicht ähnlich einer Möbiusschleife in der von »kein Geschlecht« bis  »alle gleichzeitig« jedem Individuum ein Punkt des Kontinuums der Geschlechtszugehörigkeit zugewiesen werden könnte.  Damit wäre logischerweise  einzig und allein das Individuum zuständig, festzulegen wie „a-part“ es sein möchte. Oder täusche ich mich? Ganz schwierig könnte es werden, beachtete man zusätzlich die Freiheit eines jeden Menschen, seinen Punkt auf dieser Schleife in der zeitlichen Dimension zu verändern – was ja konkret medizinisch möglich geworden ist. Wie sollte ich, wie sollte irgendjemand vor diesem Hintergrund wissen können, was unter Männern und Frauen, also unter Bezug auf eine hoffnungslos veraltete Polarisierung zweier Geschlechter, als  »politisch korrekt« gilt?

Politik hat etwas mit Interessen zu tun. Meinen eigenen, denen meiner Familie und denen meiner Arbeitskolleg*innen. Wem sollte ich das Recht zubilligen, an meiner Stelle zu bestimmen, welche Interessen » politisch korrekt« sind? Ich halte es für absolut unkorrekt und unzulässig, in Zusammenhang mit verbalen Entgleisungen anderer Menschen, insbesondere denen eines Herrn Brüderle und meinen eigenen, das Wort »unerträglich« zu verwenden. Diese Bewertungen halte ich tatsächlich für eine Relativierung! Sie relativieren unerträgliche Schmerzen, die mit Morphium bekämpft werden müssen oder durch einen Selbstmord beendet. Unerträglich ist auch der Hunger an dem täglich Tausende sterben. Wäre er erträglich, würden sie daran nicht sterben, Oxfam und die Welthungerhilfe könnten ihre Tätigkeit einstellen. Die künstlich aufgeblasene Empörung von Feministinnen und Feministen ist eine Relativierung dessen, was konkret wirklich nicht zu ertragen, zu überstehen ist. Dass das Betrachten von Leid auch nur annähernd so schmerzlich sein könnte, wie das Leid selbst, halte ich vom Grundsatz her nicht für möglich. Wenn etwas wohlbegründet nicht bloß politisch inkorrekt ist, sondern falsch, dann ist es die Klassifizierung eines lüsternen Blicks ins Dekolleté als »unerträglich«. Der Blick mag eine Backpfeife wert sein – das überlasse ich der Dame mit dem Dirndl, aber unerträglich? Was ist im Vergleich zu religiös motivierter Beschneidung von Frauen und Männern die verbale Entgleisung eines Politikers?

In diesem Bombast geht der Unterschied verloren zwischen  einer durch Gebrauch körperlicher Stärke durchgesetzten Penetration (vulgo: Vergewaltigung) und  verführerischer Überredungskunst, einem blauen Auge und dem flauen Gefühl in der Magengegend beim Gehen durch  eine 5 m breite, 2 Meter 50 hohe und 300 m lange geflieste, hallende Bahnunterführung.  Alles  Ausdruck einer umfassenden sexuell bezogenen, unerträglichen durch Bedrohung von Frauen durchgesetzten männlichen Herrschaft? Das kann ich beim besten Willen nicht ernstnehmen. Nicht allein die reale, strafbare Handlung  wäre nach diesem Verständnis ein Verbrechen, begangen von einem überlegenen Mann an einer wehrlosen Frau.  Jegliche  physische oder psychische Beeinträchtigung,  auch nur ein unangenehm flaues Gefühl, wird – so wird unterstellt – verursacht  durch eine allgemein männliche Bedrohung, der  im beginnenden 21. Jahrhundert unterschiedslos alle Frauen – und nur Frauen – permanent ausgesetzt sind. Warum? Weil seit 5000 Jahren  Männer herrschen und ein Ende dieser Herrschaft nicht abzusehen ist. Wirklich? Kann die trainierte und starke Frau aus der Packerei dem  mickrigen Männchen aus der Buchhaltung kein blaues Auge verpassen? Schauen Männer, die nachts durch den oben beschriebenen Tunnel laufen nicht regelmäßig über die Schulter und lauschen, ob die Schritte hinter ihnen näher kommen?   Wer relativiert hier eigentlich was, in wessen Interesse, zu welchem Zweck? Vergewaltigung, verbale Entgleisung und 25 % weniger Lohn für die gleiche Arbeit – alles die gleiche  frauenfeindliche allein von Männern angerührte Soße? Hat die von Männern – angeblich nicht gesellschaftlich-ökonomisch verursachte – »unerträgliche« Frauenfeindlichkeit Anfang und Ende, oder ist sie grenzenlos und unbeschreiblich? Sie kann dann logischerweise auch nicht konkret bekämpft werden.   Wenn sie schon 5000+ x Jahre dauert, vielleicht ist sie dann sogar ewig und könnte nur durch Beseitigung der Männer und des männlichen Prinzips überwunden werden?

Das Übel der Relativierung

Damit sind wir an dem Punkt angelangt, wo zu klären wäre, ob das »Relativieren« zum Schutz von Menschen mit Hilfe von Rechtsnormen nicht zwingend erforderlich ist. Welche Maßnahme der Gesetzgeber*innen und der ausführenden Organe, der Ermittlungsbehörden und der Gerichte könnte mich vor Brüderle schützen? Wer bestimmt, wann mein Rechtshilfeersuchen berechtigt ist?

Will ich, wollen Männer und Frauen, wollen allein Frauen tatsächlich in einer Gesellschaft leben, die es in das Ermessen der Opfer stellt, ein Handeln oder auch nur ein Sprachverhalten unerträglich zu finden und entsprechend dem Ausmaß dieser Empfindung staatlich, öffentlich, rechtswirksam bestrafen zu lassen? Das ist gemeint, wenn Stegemann davon spricht, dass der Angeklagte auch schon der Verurteilte sei.  Ich verweise in diesem Zusammenhang auf eine ähnliche Debatte zum sprachlichen Umgang der Menschen miteinander. Es scheint gegenwärtig nämlich auch eine wachsende Zahl von Leuten zu geben, für die  der Satz »Über ein paar Kilo weniger würden sich deine Knochen freuen« eine unerträgliche Abwertung  und Diskriminierung übergewichtiger Menschen darstellt. Dies wird von wachsenden Teilen unserer Gesellschaft als politisch nicht korrekt und unzulässig betrachtet, tlw. sogar als Verstoß gegen die Menschenrechte. Auch hier ist bereits in der  Anklage die moralische Verurteilung enthalten. [ Verhandelt wird dieses Problem, wenn ich Rezensionen glauben darf, u. a.in dem Buch von Robert Pfaller; Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. ]

Schutz und Entmündigung –  herrschaftliche Allianz

Von der Wiege bis zur Bahre: Welpen- und Frauenschutz. Eine Gesellschaft, die für mich  nur noch als Hochsicherheitstrakt  vorstellbar wäre, in dem Kinder und Frauen vor allen körperlichen, materiellen und verbalen Bedrohungen geschützt sind? ICH will eine solche Gesellschaft nicht. Trotz eurer Empörung »Schwestern«. Wir mögen das gleiche Geschlecht haben. Meine Schwestern seid ihr nicht.

Wo ich rundum geschützt bin, wo keiner mich behelligen kann, von dort kann ich auch nicht ohne weiteres hinaus ins Freie. Das gilt gleichermaßen für Haftanstalten und die Psychiatrie. Ich würde zur unmündigen Insassin,  befreit von der Möglichkeit und Notwendigkeit zu entscheiden, ob ich mich von Herrn Brüderle beleidigt oder  angegriffen fühle oder ob ich dem Stammtischnachbarn, der auf meinen Oberschenkel patscht, eins auf die Finger geben soll.

Ich bin eine Menschin mit einem relativ hohen Bedarf an räumlicher Distanz zu meinen Nächsten. Es ist mir gleich, ob mein Luftraum von übergriffigen Männern oder übergriffigen Frauen verletzt wird. Es gibt eins drauf! Verbal oder handgreiflich, auf jeden Fall verständlich. Wann, warum, gegenüber wem, evt. mit wessen Hilfe ich mich wehre, das entscheide ICH, nicht die von Frauenverbänden besetzte Korrektheitskommission der menschlichen Komödie unter Leitung der Alice Schwarzer.

 

 

 

 

 

 

 

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