Glaube, Hoffnung, Liebe

siehe 1. Korinther 13:13, möglicherweise geschrieben von einem gewissen Herrn Paulus aus Tarsus, einige Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung

Ich bin wieder einmal auf eine Menschin gestoßen, die auf eine Welt der Liebe hofft, und glaubt, dass diese mit dem Sozialismus kommt. Weshalb man heute einiges für den Sozialismus tun muss: Plakate kleben, Marx lesen und Lenin, Faschos klatschen, die richtige Seite bewaffnen, Flugblätter verteilen respektive FB und/oder Twitter bedienen… . Dass sie das glaubt, darf sie nicht sagen, denn sie ist Religionskritikerin. Als solche ist man überzeugt – keinesfalls gläubig. Welten trennen sie von der „Wachtturm“-Verkäuferin auf der unschönen Seite des Münchner Hauptbahnhofs.

Können Sie sich unter „Sozialismus“ etwas Konkretes vorstellen? Ich nicht. Oder  „Kommunismus“? Kommunismus scheint mehr zu sein als Sozialismus, so etwas wie eine heile Welt. Ich kann mir eine heile Welt nicht vorstellen. Ich halte sie auch nicht für herstellbar, wobei mir möglicherweise diejenigen widersprechen, für die der Messias schon gekommen ist oder die ihn noch erwarten.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen auf diesem Globus aufrecht umherlaufen, die – religionskritisch, wie sie sind – die Welt von einem erhofften Ende her denken, von dem sie individuell eine vage Vorstellung haben, die aber offensichtlich keine allgemeine ist, sondern nur Menschenmassen schwankender Zahl auf geheimnisvolle Weise eint – genauso wie Religionen. Die imaginierte heile Welt wird bewohnt von Menschen, die keine Gier daran hindert,  alles zu verschenken. Dem Hunger wurde ein Ende gesetzt. Niemand patscht mehr in sexistischem Dominanzgebaren der Bedienung auf den Hintern. Keiner disqualifiziert mehr seinen Nachbarn als dumm, faul und gefräßig.  – Kurz: Jeder ist satt und fröhlich, selbst Arbeit macht nicht mehr müde, weil alle rund um die Uhr nur tun dürfen, was ihnen Spaß macht. Das ist sie, die heile Welt, oder nicht?

Wie sie zu wissen glaubt, dass im hier und jetzt alle Übel vom Kapitalismus verursacht werden, wird sich mit dem – auch unter Mitwirkung  dieser Bekannten – herbeigeführten Sozialismus, wahlweise auch Kommunismus, alles zum Guten wenden. Die gewohnte Unterscheidung zwischen Böse und Gut, zwischen Teufeln und Engeln, Himmel und Hölle wird überflüssig. Der Mensch im Kommunismus, der kommunistische Mensch,  ist  gut. Für schon verstorbene sozialistische Heroen gilt das sogar rückwirkend: Sie waren gut! Von Historikern entdeckte kleinere persönliche Schwächen, handfeste  charakterliche Mängel, zu Lasten anderer ausgelebte bösartige Machtgelüste hatten sie nie.  Ihre Selbstlosigkeit ist legendär und wird nur vom heiligen Martin übertroffen.

Voraussetzung der Möglichkeit für den umfassenden Wandel der Welt von der Hölle zum Himmel: Man besinnt sich wieder auf Marx und Lenin und liest sie richtig – nicht falsch. Falsch lesen ist verboten. Ob Stalin oder Trotzki auch dazu gehören, Ho Chi Minh und Che Guevara konnte ich nicht herausfinden. August Bebel wahrscheinlich nicht, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schon eher. Gegenwärtig darf für manche  Paul Lafargue nicht fehlen.

Ich glaube das nicht, vielleicht weil ich nicht richtig lesen kann.

Ich neige zu konkreten Wünschen. Etwa folgende:

  1. Jeder Mensch soll täglich unabhängig vom Einkommen genug Nahrung bekommen. Eiweiß, Fett, Kohlehydrate. Sobald das jeder hat, kann man sich von mir aus auch um den Kaviar kümmern.
  2. Fröhliche Kinder sitzen in Parks zwischen lichtdurchfluteten Häusern und ziehen genüsslich Regenwürmer durch die Zähne, weil  ein zuverlässiger, öffentlich bediensteter Wächter Hunde und Katzen daran hindert in die Kisten zu scheißen.
  3. Auch mein dummer, fauler, gefräßiger Nachbar bekommt  eine auskömmliche Rente.
  4. Frau Klatten und Herr Kaeser dürfen einer anständigen Arbeit nachgehen.
  5. Wenn ich Fieber habe, kommt tatsächlich der Hausarzt, damit ich keine anderen Menschen anstecke.
  6. Die Schwerter werden in Zapfhähne umgegossen, wahlweise für Wasser, Wein oder Weizen.
  7. Die Bank, die meinen bargeldlosen Zahlungsverkehr abwickelt, erhöht nicht die Gebühren, weil sie sich unter Verwendung meines Geldes irgendwo verzockt hat.
  8. bis  unendlich:  offen.

Damit das alles machbar wird, werden alle gemeinsam erwirtschafteten Überschüsse abzüglich angemessener Investitionsrücklagen zu Gunsten der Staatskasse abgeschöpft. Diese Überschüsse werden verteilt.  Was davon bezahlt werden soll, wird  mehrheitlich von der Bevölkerung  auf unterschiedlichen Ebenen entschieden, die von der Sache her begründet sind.  Für die Wege von Gibraltar bis zum Nordkap ist eine andere Ebene zuständig, als für den Feldweg vor meinem Haus.

Für die  Umsetzung meiner Wünsche in weltweites Alltagsleben werde ich noch eine Weile schimpfen und streiten müssen. Ich halte diese Umsetzung aber für möglich. Vielleicht nicht morgen, erleben könnte ich sie zumindest teilweise schon. Wenigstens das mit der Rente.

  • Alle Menschen sollen gut leben können. Das wird nicht gehen, ohne dass man denen, die mehr als genug haben, etwas wegnimmt und denen gibt, denen es fehlt. Was „genug“ ist, wird man diskutieren müssen. Auch was „fehlt“.  Wenn die Habenden das nicht dulden wollen, muss man es gegen sie durchsetzen.
  • Wer allen gleiche Rechte zubilligt, kommt nicht umhin, sich kundig zu machen, woher die Ungleichheit kommt, die zu beseitigen ist und sich mit anderen darüber zu verständigen, wie man dabei am besten vorgeht.
  • Es schadet dabei auch nicht, sich unter Anwendung der Kulturtechnik „Lesen“ mit den Erfahrungen und Vorschlägen, Erfolgen und Niederlagen der Vergangenheit zu  beschäftigen. Das Lesen hat also seinen Platz! Wer es zeitlich schafft, liest möglichst viel.

Es gibt derzeit eine gesellschaftliche Übereinkunft, den grundlegenden Wunsch und die sich daraus ergebenden Handlungsweisen als „sozialistisch“ zu bezeichnen.

Was man zum Lesen und Diskutieren garantiert nicht braucht: Eine Stelle, die darüber befindet, wie kanonische Schriften richtig gelesen werden. Eine solche Stelle gibt es in Rom. Sie heißt Glaubenskongregation, ihr Chef wird vom Papst bestimmt. Auch die Bewertungen gewählter Kultursenatoren sind in der Sache unerheblich. Wir werden das Kind schon schaukeln. Präziser muss die Hoffnung nicht sein.

 

 

 

 

 

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