Zum Stand des linken Projekts

Die erste Aufregung über den Einzug einer relativ neuen, rechten und entschieden neoliberalen Partei in den 19. Deutschen Bundestag ist differenzierteren Analyseversuchen gewichen. Wie alle politischen Stiftungen stellt auch die der Partei DIE LINKE nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung einen solchen zur Verfügung. Das gehört sich in der politischen Landschaft Deutschlands so.  Auslöser meiner Kritik ist nicht die gesamte Analyse des Parteien-Experten Horst Kahrs, sondern eine Formulierung, die mit der unmittelbaren Nachwahlberichterstattung unverändert in die umfangreichere Ausarbeitung übernommen wurde:
„Die AfD selbst hat seit ihrer Gründung mehrfach Schritte der Selbst-Radikalisierung vollzogen. Eine Konstante der bundesdeutschen Vergangenheitsdeutung ist endgültig dementiert. Es galt immer als zentrale Lehre aus dem Untergang der Weimarer Republik, dass ökonomische Krisen und hohe Arbeitslosigkeit die Demokratie gefährden und radikale Parteien nach oben spülen würden. Die AfD gewinnt entgegen diesen Erwartungen in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums, abnehmender Arbeitslosigkeit und weit verbreiteter Zufriedenheit mit der persönlichen und allgemeinen wirtschaftlichen Lage.“(  https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Themen/wahlanalysen/WNB_BTW_2017.pdf )

 

Ich betrachte diese Formulierung als Indiz.


• Horst Kahrs drückt sich um die Frage, warum eine andere radikale Partei als die AfD in manchen Gegenden Deutschlands viele Köpfe verloren hat. Kann es sein, dass er diese Partei, die von vielen als radikal angesehen wird, die LINKE,  in der „Mitte“ ansiedelt? Gehört sie zu „unserer“ Demokratie, der nach Merkel „marktkonformen“? Ist es eine der Lehren, dass Radikale gewinnen, oder dass Rechte gewinnen? Die Lehre, dass „Radikale“ gewinnen, ist die Lehre, die seit Gründung der Bundesrepublik durch die Schulzimmer geistert und von der Bundeszentrale für politische Bildung aufgegriffen  und verbreitet wurde. Diese Lehre steht in enger Beziehung  zur Behauptung, nur die mittigen Parteien seien wahrhaft demokratisch und es müsse eine „wehrhafte Demokratie“ gegen rechte und linke Extreme geben. Kahrs  klammert damit aus, dass weite Teile der gesellschaftlichen Linken für die Rechtsentwicklung in Deutschland und Europa andere Ursachen sehen: die Austeritätspolitik, den Demokratieabbau, die Militarisierung durch die neoliberal bestimmten Parteien. Er verschleiert  mit den Begriffen Wachstum, sinkende Arbeitslosigkeit und zunehmende wirtschaftliche Zufriedenheit unterschiedliche Interessenlagen. Linke  verwahren sich  gegen jeden noch so kleinen Ansatz die politischen Extreme für gleich oder ähnlich anzusehen, denn sie sind Ausdruck gegensätzlicher ökonmischer Interessen. Warum spricht Horst Kahrs von Radikalen statt von Rechten?
• Es ist eine in meinen Augen unzulässige Verkürzung  diese Einschätzung allein mit Erfahrungen aus der Weimarer Republik zu begründen. Dass die Wahlergebnisse von NPD, Republikanern, DVU und Konsorten in zurückliegenden Krisenjahren dieser Republik prozentual geringfügig niedriger waren als die der heutigen AfD ist nicht der Tatsache geschuldet, dass es weniger Rechte gab. Deren Inhalte wurden nur in weitaus größerem Umfang in christlich-konservativen Programmen berücksichtigt: kontinuierliche Verschärfung des Asylrechts, Vorschläge zur Rettung der Familie über eine Herdprämie,  Verweigerung des Wahlrechts für Zugezogene anderer Nationalität, die Rettung der Kruzifixe in Klassenzimmern, die Erfindung des Begriffs der Leitkultur  …  . Die Liste ist erweiterbar. Das rechte Potential ist über die Geschichte der BRD anteilmäßig relativ konstant geblieben. Hat das Wahlergebnis  tatsächlich die These widerlegt, nationalistische und rassistische Ressentiments würden durch Verarmung weiter Bevölkerungsteile an politischer Kraft gewinnen?
• Gibt es  innerhalb von Rosalux keine Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen inhaltlichen Feldern? Kann es  sein, dass Horst Kahrs die allmonatlich von der Bundestagsfraktion der LINKEN veröffentlichen Daten zum Arbeitsmarkt entgehen? Verfügt er  nicht über  Kenntnisse zur Vertiefung der Kluft zwischen prosperierenden Regionen und strukturschwachen Gebieten in Ost und West? Sind ihm sämtliche Hinweise auf die zunehmende Prekarisierung jeglicher Erwerbsarbeit entgangen?
Ich beginne mich zu fragen, ob nicht mittlerweile die ganze Gesellschaft, inklusive mancher traditionell als links bezeichneten Akteure, an einem vagen Projekt arbeitet, das keine Interessengegensätze mehr kennt. Mithin auch keinen Interessengegensatz zwischen denjenigen, die ihre Existenz durch Arbeit sichern müssen und denjenigen, die ihr Brot und die Butter darauf, möglicherweise auch die Hochseeyacht, aus Kapitalerträgen bezahlen. Die unterschiedliche Interessenlage dieser beiden Gruppen wahrzunehmen schaffen sogar CSU-Mitglieder. Man braucht dazu weder Marx noch eine weltrevolutionäre Perspektive.

 

Ein Verdacht

Auch innerhalb der LINKEN gewinnen Modernisierer an Durchsetzungskraft, die den Interessenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit politisch für verzichtbar halten. Halten weite Teile des als links wahrgenommenen Spektrums der politischen Akteure die Befriedigung der Bedürfnisse aller unter der Devise „jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ tatsächlich für heute, spätestens morgen realisierbar – einfach weil nach dem Kapitalismus nichts mehr kommen kann? Für realisierbar, weil die Produktivität der entwickelten Länder groß genug geworden ist, dass man eine ausreichende Versorgung aller Menschen mit den notwendigen Gütern ermöglichen könnte? Könnte, wohlgemerkt, denn von einer Umsetzung dieser Möglichkeit für die derzeit hungernden 815 Millionen Menschen (= knapp über 10 % der Weltbevölkerung) sind wir weiter entfernt denn je seit dem Einsetzen kapitalistischer Zustände. Stimmen neuerdings Linke in das Credo der Kanzlerin ein: „Uns geht´s gut.“? Wurde hierzulande die Alimentierung materiell unzureichend versorgter Menschen ohne mein Wissen deutlich spürbar erhöht? Horst Kahrs Reduktion der Wohlstandskriterien auf die wichtigsten statistischen Kennzahlen des Brutto-Inlandsprdodukts ist nicht nur anfechtbar, sondern sie ist  – gerade von  Linken –  nicht als hinreichend zu betrachten.
Ungeachtet  der Selbstbezeichnungen wie  „links“, „sozialistisch“, „kommunistisch“, „sozialdemokratisch“: Die seit 10 Jahren real existierende Partei DIE LINKE ist dabei, die Fähigkeit zur Kritik systembedingter Nachteile zu verlieren. Diese Fähigkeit ist doch mit Bezug auf die jeweils bei Wahlen anstehende Frage der Unterscheidung von Pest und Cholera im Interesse der arbeitenden Menschen  erforderlich.

Der Verlust  dieser Kritikfähigkeit zeigt sich für mich vor allem in den folgenden Punkten:
• Notwendige mehrheitliche Entscheidungen zu aktuellen und konkreten Problemen werden vertagt, z. T. sogar unterlassen mit Bezug auf die abstrakte Denkfigur der „Pluralität“. Die Partei begibt sich damit der Möglichkeit in Zusammenhang mit Wahlen konkrete aktuelle politische Alternativen zu formulieren, die konsequent und in sich stimmig gegen die Interessen der sozial und wirtschaftlich Mächtigen gerichtet sind. Zu den Problemkreisen Flüchtlingspolitik, Frieden und Sicherheit für Europa, Arbeitszeit, Lohn werden keine konkreten  Forderungen  entwickelt. Es wird bestenfalls ein Meinungsspektrum umrissen. In den Inhaltsfeldern Sozialversicherung und Steuern gibt es solche Alternativen. Sie sind aus meiner Sicht in erster Linie dem Gewerkschaftsflügel zu verdanken. Sie werden in der breiten Öffentlichkeit aber nur sehr beschränkt wahrgenommen. Das ist  auch ungenügender Verbreitung an der eigenen Parteibasis geschuldet. Diese kämpft vorrangig gegen „rechts“, die Ungerechtigkeit im allgemeinen und im besonderen und hilft in sozialen Netzwerken Beispiele zu skandalisieren, zu denen sich John F. Kennedy einmal so geäußert haben soll: „Die Welt ist ungerecht. Bedenke! Nicht immer zu deinen Ungunsten“. Nicht einmal mehr den Frieden in Europa und anderswo stellt DIE LINKE  durchgängig und allerorten ins  Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Ein junger Direktkandidat in Bayern hat sich  sogar zu der Aussage verstiegen, er sei zwar gegen Waffenexporte, aber nicht gegen Waffenexporte an Israel. Deutlicher kann man Zustimmung zu den Notwendigkeiten imperialistischer Politik nicht zum Ausdruck bringen.
• Fehlende Aufmerksamkeit für die gegensätzlichen ökonomischen Interessenlagen lässt ethisch akzentuierte Diskurse Überhand gewinnen. So wird die Entwicklung konkreter Antworten auf die für mich zentralen Fragen von Politik verhindert: Wie und in welchen Bereichen wollen wir in der nächsten Zeit eine Verbesserung des Alltags der arbeitenden Menschen herbeiführen? Wie beschaffen wir die dafür notwendigen Mittel?
Ich möchte meine beschränkten menschlichen Kräfte nicht darauf verwenden, über die  ethische Legitimierung politischer Ziele zu streiten. Ethische Bewertungen haben ihren Ursprung in Welt- und Menschenbildern, die zwischen Individuen unterschiedlicher nicht sein können. Es steht außer Zweifel, dass diese Weltbilder aller an der  Willensbildung beteiligten Menschen  die politischen Zielsetzungen und das politische Handeln beeinflussen. Gemeinsames, abgesprochenes, koordiniertes, zielgerichtetes Handeln setzt jedoch kein umfassendes Einvernehmen über die zugrundegelegten Weltbilder voraus. Im Gegenteil: Es droht der Umschlag in quasi-religiöse Begründungen. Die Forderung nach einer gesetzlichen Deckelung der wöchentlichen Arbeitszeit bei 30 Stunden pro Woche kann und darf von Christen, Kommunisten, Muslimen, Schwarzen und Frauen getragen werden. Das gemeinsame Aus- oder Nachsprechen des Satzes „Ich träume auch vom Sozialismus“ ist dazu nicht vonnöten. Ich sage dies in vollem Bewußtsein meiner persönlichen Freude und meines  persönlichen Bedarfs an Küchengesprächen über Gott, die Welt und die Dialektik. Einer Parteizugehörigkeit bedarf es nämlich gerade für diese bedeutsamen Gespräche unter Menschen nicht. Umgekehrt ist eine weitgehende Übereinstimmung in den Fragen von Gott, der Welt und der Dialektik innerhalb einer Partei vielleicht nicht unnötig, aber sicher nicht zwingend notwendig.
Wer  ethische Grundlegungen politischer Ziele favorisiert, wird selten argumentativ überzeugen können. Begriffe bleiben inhaltsleer, wenn sie wegen grenzenlos vielfältiger Interpretationsmöglichkeiten keine fassbare Aussage haben. Den Inhalt muss man ihnen in der Politk durch Beschlussfassung zu konkreten Fragen geben. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit werden im politischen Raum nicht zum Zweck der Umsetzung von „Werten“ benutzt. Diese Worte helfen vor allem dabei, unterschiedliche Gruppen, Personenkreise, Schichten, Milieus emotional anzusprechen. Deshalb kann man sie auch in Wahlkämpfen als Referenzbegriffe fast aller Parteien entdecken. Dabei ist es durchaus möglich, dass Freiheit nur für die eigenen Vorstellungen vorgesehen ist, Gerechtigkeit allein für die Individuen gleicher Hautfarbe und dass auf  brüderlichen Umgang nur die eigene Klientel hoffen kann.

Exkurs I – Die Urdemokratie USA
Im amerikanischen Bürgerkrieg kämpften beide Seiten für „die Freiheit“: die einen für die Selbstbestimmung der die Nation konstituierenden Staaten – die anderen für die  Durchsetzung der durch die Verfassung konstituierten Nation. Real jedoch war es der Konflikt zwischen einer Fraktion von Besitzenden, die Sklavenarbeit nutzte und ausweiten wollte, und einer Fraktion, die auf die Lohnarbeit setzte. Keiner der beiden mächtigen Fraktionen war an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der von ihnen ausgebeuteten, ohnmächtigen Menschen gelegen, die ja auch nach dem Sieg der Nation zunächst nirgendwo ein freies, gleiches Wahlrecht bekamen. Deshalb kann man die damaligen Prozesse auch nicht rückwirkend umdeuten in ein Befreiungsinteresse. Das heute weithin anerkannte Narrativ von der Sklavenbefreiung erklärt nicht die Handlungsweise der damaligen Konfliktparteien. Es konstruiert einen historischen  Bedeutungszusammenhang, der heute geeignet ist, historische Fortschritte in der Frage der Menschenrechte zu belegen. Dieses Narrativ erklärt auch keine rassistischen Sichtweisen des heute amtierenden, republikanischen, amerikanischen Präsidenten und vieler Amerikaner. Es waren damals die Demokraten, die politisch und mit Waffengewalt für die Ausweitung der Sklavenwirtschaft auf die neuen Territorien kämpften. Abraham Lincoln war Republikaner. Das Narrativ kehrt auch unter den Tisch, dass auch nach diesem Krieg ausschließlich besitzende, weiße, erwachsene Männer die amerikanische staatsbürgerliche Rechte erwerben konnten. Das allgemeine Wahlrecht erhielten Non-Whites in God´s Own Country in Folge der Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts.  Erst 1965 erhielten Schwarze durch den Voting Rights Act das allgemeine Wahlrecht ohne jegliche Einschränkung auf Grund von Hautfarbe, Bestehen von Wissens-Prüfung, Bildungs- oder Lesetest oder Entrichtung einer Wahl-Steuer. Nach heutigen Maßstäben waren die Vereinigten Staaten zur Zeit der Ant-Hitler-Koalition kein demokratisches Staatwesen. Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Buch „Gottes zweite Garnitur“ von Willi Heinrich, erstmals erschienen 1962. Deshalb darf aus meiner Sicht auch unterstellt werden, dass „Antirassismus“ keineswegs die Haupttriebfeder der amerikanischen Unterstützung für die Anti-Hitler-Koalition war. Mit Rassismus konnten – nicht nur die USA –  schon immer ganz gut zurechtkommen. Aus aktuellem Anlass füge ich polemisch an: Darin liegt vielleicht auch der Grund, dass sich gegenwärtig ein anderes, direkt Gott gehöriges Land gemeinsam mit den USA legitimiert sieht, die Rechte von Teilen seiner Bevölkerung hintan zu stellen und  aus einzelnen UN-Abkommen auszusteigen.
Exkurs II – Wahlrecht und Nationalität
Wie kommen eigentlich vorgeblich informierte, aufgeklärte Demokraten in diesem unserem Lande auf die Idee, 2 Parteien in die Liste der Demokraten aufzunehmen, die seit Jahrzehnten Menschen die Bürgerrechte vorenthalten, die in der 2., selbst in der 3. und 4. Generation hier ansässig sind und Steuern zahlen? Wie ist es um die revolutionäre Devise „No taxation without representation“ (s. o. )  gegenwärtig  in „unserer“  Demokratie bestellt? Die Steuern zahlenden „Mitbürger ausländischer Herkunft“ müssen eine staatsbürgerliche Prüfung ablegen und  einen ansehnlichen Betrag für einen Verwaltungsakt bezahlen, wenn sie das Wahlrecht für sich beanspruchen wollen. Wessen Interesse wird bedient, wenn „demokratische Parteien“ in einem entwickelten Land des 21. Jahrhunderts Menschen aus anderen Ländern freudig aufnehmen, ihnen das Wahlrecht aber erst auf Antrag einräumen? Noch dazu in einem Land, dessen Melderecht Namen und Anschriften unserer ausländischen und deutschen Mitbürger akribisch erfasst? Was hindert Verwaltungen daran, jedem Adressaten eine Wahlbenachrichtigung zuzustellen, der seit x Jahren nachweislich in der Gemeinde, im Land, in Deutschland wohnt? Ist das Wahlrecht überhaupt in einen inhaltlichen Zusammenhang zu stellen mit der Nationalität, d.h. für die meisten mit dem Raum, in dem sie geboren wurden? Unsere aufgeklärten Demokraten entblöden sich nicht, den herausragenden Rassismus einer neoliberalen Partei, der AfD zu entlarven, die sich inhaltlich wenn überhaupt nur  marginal von ihren vielleicht etwas weniger nationalen, etwas weniger konservativen Brüdern im Geiste mit dem großen C unterscheidet. Hat man überhaupt hinreichend geklärt, was man als „rechts“ bezeichnen will? Ist es nicht eher so, dass rechte Parteien gerne den latent immer vorhandenen Rassismus und Ethnizismus für ihre Ziele instrumentalisieren um von der systematischen Benachteiligung, Ausbeutung der breiten Bevölkerungsmehrheit abzulenken? Nicht allein in Deutschland. Wie kann man dem Einhalt gebieten?  Doch nicht durch die Bekämpfung einer durch „alle Demokraten“ zum Beelzebub erklärten Partei.

Links und rechts

Der Inhaltskern von „links“ heißt nach Rainer Mausfeld kurz zusammengefasst: Universeller Humanismus, der die Gleichheit und Gleichberechtigung aller Individuen der Gattung Mensch beinhaltet, sich an den gesellschaftlichen Entscheidungen zu beteiligen und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit für sich in Anspruch zu nehmen. (Siehe: http://www.nachdenkseiten.de/?p=34504 Interview mit Rainer Mausfeld) Ob dieser Kern materialistisch oder idealistisch begründet wird, sei dahingestellt. Wer Parteien vor diesem Horizont analysiert und beurteilt wird nicht umhin kommen, eine ganze Reihe von Merkmalen anders zu betrachten, als es die Verfechter der Taktik „Wir Demokraten gegen die AfD“ tun. Auch wer von den Kriterien Wilhelm Heitmeyers für ein geschlossenes rechtes Weltbild ausgeht, kann nicht allein das Merkmal Rassismus berücksichtigen, sondern muss genauso die Ausgrenzung von Armen, die Abwertung von Behinderten etc. in die Betrachtung einschließen.

Bei Anwendung dieser Kriterien wird man den „Schwarzen Peter“, das Prädikat „rechts“ nicht allein der AfD zuschieben können. Alle Parteien, deren Menschenbild und Demokratiebegriff sich weitestgehend – wenn nicht sogar ausschließlich – an der wirtschaftlichen Verwertbarkeit als gesellschaftliche Existenzberechtigung orientieren, dürfen getrost als rechts bezeichnet werden. Die Unterscheidung entlang der  Linie  Besitz und Einkommen aus Besitz vs. Einkommen aus Arbeit  ist  deshalb noch nicht überflüssig geworden und wird es so schnell nicht werden.
Manche Linke (moralische Verteilungsoptimisten) und manche Rechte (freiwillige moralische „Hergeber“) scheinen neuerdings gleichermaßen an einem Projekt mitzuwirken, das ich nicht anders bezeichnen kann als „Die Überwindung des Kapitalismus durch sich selbst.“ An  den Eigentumsverhältnissen, den Verfügungsberechtigungen ist nichts zu  ändern. Der Verzicht auf ein Konzept gegensätzlicher Interessen, traut dem sich beständig selbst regulierenden und erneuernden Kapitalismus und seinen  an den Menschenrechten orientierten Regierungen und Bürgern tatsächlich zu, nicht bloß für die Freiheit gleichgeschlechtlicher Paare zu sorgen, sondern selbsttätig aus sich heraus allen Menschen genügend materielle Mittel nicht allein für Nahrung, Kleidung, Wohnen zur Verfügung zu stellen, sondern sogar für eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu sorgen (siehe BGE-Debatte). Frei von Interessenkonflikten wird „unsere demokratische Gesellschaft“ aus eigenem Antrieb für künftige Generationen ein nie geahntes Ausmaß Befreiung stiftender Bildung gewährleisten. Sie wird  dank Industrie 4.0 Transportnetze kostenlos zur Verfügung stellen, die Oma in einem „autonomen Fahrzeug“ über Tausende von Kilometern zu den Enkelchen fahren, die am anderen Ende der so glücklich grenzenlosen Welt leben. Vielleicht wird das Bedürfnis des Enkelchens geknuddelt zu werden,  zukünftig sogar in ausreichendem Maß befriedigt durch kostenlose Kommunikation über das Smartphone.  Man mag sich das ja so zurechtlegen, das sei niemandem verwehrt. Aber welchen Beitrag leisten solche Träumereien am Kamin zur Verbesserung der gegenwärtigen Zustände, zur Milderung extremer Unterschiede in den materiellen Lebenlagen zwischen Individuen, zwischen den Geschlechtern,  geographischen Räumen, Staaten, Kontinenten.

Die Welle befreiten Hoffens, die nach der Auflösung der Blöcke manche Teile der bundesrepublikanischen Gesellschaft überwältigte – wohin hat sie die Menschen, die Individuen getragen? Haben sich seit Beginn der 90er Jahre die sozialen Gegensätze verschärft, wurden sie  gemildert oder sind  sie vor lauter Wohlstand gar verschwunden, wie Horst Kahrs suggeriert? Welchen und wie vielen Menschen hierzulande, in Europa, in der Welt geht es heute auf der Grundlage immens gestiegener Produktivität besser als vor 25 Jahren? Der Zusammenbruch des keineswegs idealen aber sicherlich Alternativen eröffnenden Horizonts des sog. realen Sozialismus hat für die meisten Menschen keine Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht. Auf einigen, wenigen Konten des oberen Prozents finden sich zwar immer mehr Stellen vor dem Komma, tagtäglich aber steigt die Zahl der Menschen, die zu Opfern menschgemachter Zustände werden durch Krieg, Klimaveränderungen, Hunger, Wassermangel  und fehlende medizinische Versorgung.

Gibt es irgendwo einen konkreten Hinweis darauf, dass jenseits der Formulierung von Interessen, jenseits der Unterscheidung von links und rechts die kapitalistische Realität sich zu einer Gesellschaft wandelt, in der allen Menschen zur Verfügung steht, was sie zum Überleben brauchen? Ist irgendwo erkennbar, dass der im wohlhabenden  Deutschland allenthalben propagierte moralische Konsum derer, die ihn sich leisten können,  den Menschen in Asien, in Afrika, in Lateinamerika in größerem Maßstab hilft, sich besser und unter menschenwürdigen Bedingungen zu ernähren? Almosen bleiben Almosen, auch wenn man sie als freiwillig gezahlte angeblich faire Preise deklariert. Helfen Ehe für alle und fair gehandelter Kaffee gegen die Hungerödeme von 815 Millionen Menschen?

Man wird noch lange nicht darauf verzichten können, von denen, die genug haben, einzufordern, was den anderen fehlt. Das ist und bleibt Aufgabe der Menschen, die nicht darauf vertrauen wollen, dass von der Reichen Tisch genügend Krümel fallen. 

»Wir brauchen nicht nur den Flicken
Wir brauchen den ganzen Rock.
Wir brauchen nicht nur das Stück Brot
Wir brauchen den Brotlaib selbst.
Wir brauchen nicht nur den Arbeitsplatz
Wir brauchen die ganze Fabrik.
Und die Kohle und das Erz und
Die Macht im Staat.
So, das ist, was wir brauchen.
Aber was
Bietet ihr uns an?«

aus: Bert Brecht, Die Mutter

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